Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Dlocb's Mlocvenscvrin. Seite 61 sonstigen Korporationen der Stadt und eine unabsehbare Menschenmenge. An der Pforte des Tempels angelangt, überreichte Herr Gemeindepräses Steiner den Schlüssel des Gotteshauses dem Bezirksvorsteher Grafen Brandts mit der Bitte, die Pforte zu öffnen. Der Bezirksvorsteher willfahrte der Bitte und hielt dabei an die Versammelten eine schwungvolle Ansprache. Im Innern des Tempels nahm Herr Dr. Weszel die Tempelweihe vor und bestieg nach vollendeter Zeremonie die Kanzel, um die Weihepredigt zu halten. Diese machte mächtigen Eindruck. Damit war der feierliche Akt beendet. Am Abend fand im Hotel Zentral eine Festvorstellung statt. Die Zenicaer israelitische Kultusgemeinde hatte am Tage der Einweihung eine Huldigungsdepesche an den Kaiser, ferner an den Herrn k. u. k. gemeinsamen Minister Baron Buriün und an den Herrn kommandierenden General und Landeschef FZM. Baron Albori Begrüßungsdepeschen gerichtet, für welche telegraphisch gedankt wurde. Stanislau. Vorige Woche -starb hier im Alter von 87 Jahren Herr Lipa Horowitz, ein Mann, der an die vornehmsten und herrlichsten Traditionen des Judentums erinnerte. Seine äußere Erscheinung, wie seine innere Natur, seine Gesinnung und sein Charakter zeigten eine jüdische Patriarchen gestalt, der alle Parteien, Orthodoxe wie Fortschrittler, Juden und Christen, Ehrerbietung zollten. Trotz seines hohen Alters widmete er allen öffentlichen und Wohltätigkeitsinteressen äußerste Sorgfalt. Sein Heimgang erregte allgemeine Trauer und an seinem Leichenbegängnisse beteiligte sich die ganze Stadt, ohne Unterschied der Konfession. Lipa Horowitz war kein Gelehrter, sondern ein Kaufmann, aber einer der besten Söhne unseres Volkes. Ehre seinem Andenken. Berlin. Die antisemitische „Staatsbürger-Zeitung" wird vom 1. April an mit der „Post" vereinigt werden. Luxemburg. In der hiesigen Synagoge fand dieser Tage für den verstorbenen Großherzog Adolf ein Trauergottesdieust statt, an welchem auch der Hof vertreten war. Die Gedenkrede hielt Landesrabbiner Dr. Samuel Fuchs, der Sohn des in Drietoma (Kom. Trencsen) wirkenden Rabbinatsverwesers Jakob Fuchs. Auf das Beileidstelegramm der Gemeinde langte seitens des Fürstenhauses ein überaus warmes Antwortschreiben ein. Rom. Der Papst erklärte in einer Unterredung, er billige die Absicht Italiens, auf der Marokko-Konferenz für die Religionsfreiheit der Juden in Marokko einzutreten. Er erinnerte dabei an seinen Protest gegendie Judenmetzeleien in Rußland und sagte, die Menschheit sei eine Bruderschaft; er achte die Juden hoch wegen ihres Festhaltens an ihrem alten Glauben! Feuilleton. Odessa 1905.*) „Sie kommen!" — „Verbergt euch!" — „Hilf Gott!" — „Sie sind da!" Herein dringt die mordende Masse. Robuste Gestalten mit wehendem Haar Und Blicken voll glühendem Hasse. „Was wollt ihr, Leute? Was taten wir euch?" »Ihr, Judengesindel, müßt sterben!" Die schwarzen Banden schreiten zur Tat. Verbreitend Tod und Verderben. Sie eilen in jedes bezeichnete Haus, Verschonen nicht Kinder, nicht Greise, Vollbringen das Mordwerk mit höllischer Lust In wahrhaft teuflischer Weise. Heut' schützt in den Fenstern das Kruzifix Vortrefflich die Christengemeinde Und, wo es fehlt, da fallen bei Tag Die Juden als Opfer der Feinde. *) Vorgetragen von Frau Baronin Berta von Suttner in der vom „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" veranstalteten Wohltätigkeits-Akademie zugunsten der Opfer der russischen Jndenmaffakres am 17. Jänner 1906. Nun scheidet die Sonne mit blutigem Strahl, Die Winde wispern und klagen: „Sie haben heute zum tausendstenmal Den Heiland ans Kreuz geschlagen!" Paula Eisner. Heinrich von Kleist «nd — die Misch««. Die heutige Zeitströmung, die so gerne einen gewaltigen, ja unüberbrückbaren Gegensatz zwischen arischer und semitischer Weltanschauung annimmt, schranken errichtet nicht nur zwischen Völkern, sondern auch dem Denken, wie es uns in verschiedenen Zeiten und bei den verschiedenen Völkern entgegenlritt, kurz Rassenunterschiede sich konstruiert, eröffnet oft dem vorurtellslosen Beobachter der Dinge einen ganz anderen Ausblick. Er sieht, wie sich die Denkungsart und Ausdrucksweise oft entgegengesetzter Welten und Zeiten berührt, wie, um mit Koheleth zu sprechen, nichts gedacht, also auch nichts gesprochen wird, was nicht schon gedacht und in Worten ausgedrückt worden wäre. Platon und sein Lehrer Sokrates waren sicherlich, und wir sprechen hier gewiß auch im Sinne unserer Rassentheoretiker, Arier, Vollblutarier. Liest man aber Platons „Dialoge", etwa den „Kriton" oder „Phaedon", so möchte man den alten Athener, das Haupt der Akademiker, fast znm Seniiten stempeln, so innige Zusammenhänge find anfzufinden zwischen seiner und der jüdischen Anschauungsweise. Man hat daher schon in jüdisch-alexandrinischen Kreisen Platon als einen Schüler jüdischer, oder sagen wir Vesser, mosaischer Anschauungsweise huigestellt, und es ist gewiß bezeichnend genug, daß sein gelehrigster Schüler der Jude Philo war, auf den zuerst Asana de Rosst im XVI. Jahrhundert jüdische Kreise aufmerksam machte. Nun kommt Nietzsche und bezeichnet, Sokrates und Platon als zwei aus Jerusalem nach Athen verschlagene Juden. So ist es zu lesen in den nachgelassenen Aphorismen des modernsten unter allen Denkern der Gegenwart. Nie hätte, um weiter zu gehen, die aristotelische Philosophie einen solchen Einfluß auf die jüdischen Denker des Mittelalters, allen voran Maimonides, üben können, wenn sie nicht in den Schriften des großen Stageiriten, vieles, dem Judentum Verwandtes gefunden hätten. Von solchen Betrachtungen ist der „More Nebuchun" förmlich gesättigt. Aber nicht allein in den Philosophen und ihren Werken, auch in den Dichtern und ihren Schriften spiegelt sich die Zeit und ihre Weltanschauung. Es würde hier zu weit führen, den Einfluß semitischer Literatur und ihrer Alischauungen, insbesondere der Bibel und ihres Geistes, auf die deutschen Klassiker nachzuweisen. Klopstock, Lessing, Wieland, Herder, Schiller, und der Gewaltigste der Gewaltigen, Goethe sind von diesem Geiste beeinflußt, und man könnte den Spuren biblischen Geistes bis in die neueste Literatur der Engländer, Franzosen und Deutschen nachgehen. Ich möchte bei dieser Gelegenhett auf den großen irischen Romanzier, Hall Cayne, aufmerksam machen, der seinen Romanen, wie z. B. dem „Manksman", geradezu biblische Stoffe zugrundelegt. Doch kehren wir zu dem Ausgangspunkte dieser Zeilen zurück, die weitere Ausführung der bis nun ausgesprochenen Gedanken vielleicht einem späteren Zeiträume vorbehaltend. Wie, fragt man, hat vielleicht Heinrich von Klei st, einer der deutschesten unter den deutschen Dichtern, die Mischna gelesen oder wurde er von ihr beeinflußt? Das würde ja ähnlich klingen, wie jene sagenhafte Annahme, daß der alte Musaios mit Moses zusammengestellt werden müsse, das würde uns auf die alten Sibyllnren führen, die der griechischen Well zurufen, vor der jüdischen, als ihrer Meisterin und Lehrerin, im Staube anbelend zu liegen. „Elendes Hellas, so höre doch auf, dich stolz zu erheben. Zu dem Unsterblichen fleh' dem Hochherzigen, und nimm in Acht dich. Sende zur selbigen Stadt das Volk, unkundig des Rates, Das aus dem heiligen Land des großen Gottes abstammt".— Das Streben der jüdischen Alexandriner ist klar. Sie wollten gegenüber den Angriffen judenfeindlicher griechischer Schriftsteller wie Manetho, Apion, Apollonius Molo, Poseidonius u. A. die Erhabenheit ihres Glaubens erweisen, den eigenen Glaubensgenossen aber Selbstbewußtsein und Achtung vor ihrem Schrifttum einflößen. Gewiß werden auch wir von Selbstachtung erfüllt, wenn wir sehen, wie moderne Schriftsteller und Dichter Gedanken äußern, denen wir schon in unserem Schrifttum begegnen, und daß dies auch bei Heinrich von Kleist geschieht, soll hier gezeigt werden. Kleist gehört zu jenen Dichtern, denen man sich in unserer Zeit wieder mit großer Vorliebe zuwendet. Wir besitzen eine vortreffliche Biographie des Dichters von A. Wilbrandt, und auch die sehr gute Einleitung zu seinen Werken von Dr. Karl Siegen (Leipzig, Hefses Verlag) ist lesenswert. Ich will nicht behaupten, daß es ein rein literarisches Interesse ist, das sich jetzt dem unglücklichen Dichter, seinem Wirken und Ringen zuwendet. Vielmehr möchte ich dieses Interesse als ein psychopathisches bezeichnen, man geht den Ursachen seines furchtbaren Selbstmordes nach, der sich am 2l. November 1811, am Ufer des Wannsee unweit Potsdam vollzog; nicht ohne tiefe Erschütterung steht man an jener Stelle, wo das Grausige geschah, an jener Stelle, die jetzt ein umgitterter Grabstein ziert. — Drei Jahre zuvor, 1808, binnen weniger Monate, hatte der Dichter sein Tendenzdrama „Die Hermannsschlacht" vollendet. Es ist für