Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 56 Dr. Dlocv s MocvenscvrM. Nr. 4 Besitzenden, zur Förderung dieser dem Kinderwohle gewidmeten Institution." Es sei noch bemerkt, daß die diesjährige Generalversammlung des „Ferienheim" Montag den 19. Februar d. I. um halb 5 Uhr nachmittags im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde Wien stattfindet. Offenes Schreiben. An den verehrlichen Vorstand des Vereines „Anse Emes X"! Aus dem Kreise der jüdischen B a u m e i st e r ist die Beschwerde eingelaufen und wir entnehmen gleichzeitig den dieswöchentlichen Baunachrichten, daß Ihr Verein im Hause X., Favoriten st raße 106 ein B e t h a u s errichtet und mit den baulichen Adaptierungen einen nichtjüdischen Baume i st e r betraut hat. Es ist tatsächlich tief bedauerlich, daß sich ergebende Arbeiten bei einem öffentlichen Beth auslokale, das von Beiträgen und Sammlungen seiner jüdischen Mitglieder erhalten, von der israelitischen Gemeinde zweifelsohne subventioniert wird, nicht den gewerbetreibenden Glaubensgenossen übertragen werden. Verfügen wir etwa über zu wenige äußerst tüchtige jüdische Architekten und Baumeister? Oder sollen dieselben ruhig zuwarten, bis eine katholische oder protestantische Kirche gebaut wird? Wir perhorreszieren bekanntlich jederzeit die Parole „Kaufet nur bei Juden", weil wir solche Ausnahmsverfügungen auch bei unseren Gegnern verurteilen. Allein ein öffentlicher jüdischer Bethausverein muß unter den obwaltenden traurigen Verhältniffen Arbeiten für dasselbe nur Glaubensgenossen zuführen. Die Leitung eines orthodoxen Tempels sollte überdies auch Verständnis haben für die Worte des Psalmisten: „Wenn der Herr oder die von ihm dazu Berufenen das Haus nicht bauen, bemühen sich die Erbauer vergeblich". Hochachtungsvoll Die Leitung des Vereines zur Hebung der Gewerbe. Die Flucht vor der Hochzeit. Eine vielbesprochene galizische Entführungs- und Taufaffaire beschäftigte kürzlich den Kassationshof in Wien. Im Städtchen Busowisk in Galizien leben die Eheleute Kaiser, deren ungewöhnlich schöne Tochter Sprinza Kaiser mit dem dortigen Geschäftsmann Nuchim Führer verlobt war. Am 12. März sollte die Trauung stattfinden — allein die Braut war verschwunden! Wie erhoben wurde, war ein junger Kaufmann, Karl Morgenthal, in der Nacht vom 11. zum 12. März vor ihrem Fenster erschienen, um sie abzuholen; sie stieg aus dem Fenster, das Paar setzte sich in einen Wagen und davon gings nach Przemysl zum Bahnhofe. Hier löste Morgenthal dem Mädchen eine Fahrkarte; er soll sie auch mit Geld versehen haben, und sodann setzte sie die Flucht allein fort. Die Nachforschungen der Eltern nach dem Verbleibe der Braut blieben lange vergeblich, bis sie endlich erfuhren, die Tochter sei in einem Kloster getauft worden und wolle Christin bleiben. Morgenthal wurde in der Folge vom Kreisgerichte Przemysl wegen Entführung zur Verantwortung gezogen, jedoch mit der Begründung fteigesprochen, er habe nicht gewußt, daß er das Elternrecht verletzte, da die Tochter ihn gebeten habe, ihr behilflich zu sein; er habe keine Gewalt angewendet, da sie ihn: ja fteiwillig und gerne folgte, und endlich habe er nicht gewußt, daß sie noch minderjährig sei. Heber die von der Staatsanwaltschaft gegen den Freispruch erhobene Nichtigkeitsbeschwerde wurde nun vor dem Kassationshof verhandelt. Der Generaladvokat bezeichnete das Urteil als ungesetzlich, denn er nehme Unkenntnis des Gesetzes als keinen Strafausschließungsgrund an und ignoriere ganz, daß jede Entfernung einer Tochter aus dem Machtbereiche der Ellern eine Entführung bedeute, gleichgiltig, ob die Entführte einverstanden sei oder nicht. Der Kaffationshof schloß sich dieser Ansicht an, hob den Freispruch als rechtsirrtümlich auf und ordnete bei der ersten Instanz eine neue Verhandlung an. Der Verband der israelitischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen hielt Mittwoch den 27. Dezember 1905 seinen 6. Verbandstag (Generalversammlung) unter dem Vorsitze des Obmannes Rabbiner Dr. D. F e u ch t w a n g ab. Als Ehrengäste waren erschienen: Oberrabbiner Dr. Güdemann, Rabbiner Doktor E. David, der I. Vizepräsident der Kultusgemeinde Dr. Gustav K o h n und der Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift" Herr Doktor I. S. B l o ch. — Der Vorsitzende begrüßte alle Anwesenden, dankt für den zahlreichen Besuch und erklärt die Versammlung für beschlußfähig. Hierauf erstattet der Obmann den Bericht über die Tätigkeit des Ausschusses in der abgelaufenen Vereinsperiode. Hierzu gehört vor allem die Anbahnung der Möglichkeit zur Einführung eines einheitlichen Lehrplanes an allen österreichischen Mittelschulen. Mit Aufwand aller Kräfte wurde dies angestrebt. Vom Ausschüsse des Verbandes wurde für diesen Zweck eine Vorlage ausgearbeitet, die sowohl den Lehrplan, als auch die Jnstruktioneu umfaßte. Die Beratung dieser Vorlage im Ausschüsse war eine sehr sorgfältige und nahm viel Mühe und Zeit in Anspruch. Eine zu diesem Zwecke abgehaltene Enqußte verlief in befriedigender Weise. Das Resultat derselben ist der Versammlung aus der vor einigen Tagen an alle Mitglieder ergangenen Zuschrift bekannt." Auf ^mancher Seite zeigten sich große Bedenken. So z. B wurde geltend gemacht, daß der Durchführung die Autonomie der Gemeinden und Kronländer im Wege stehe. Die Enquete schloß damit, daß ein Komitee zur neuerlichen Ueberprüfung eingesetzt wurde, welches jedoch bis jetzt noch nicht zusammengetreten ist. Der Ausschuß hatte nämlich vorher ernste und große Arbeiten zu vollbringen, und zwar: die Ueberreichung einer Petition an die hohe Unterrichtsbehörde. Dieselbe war von 85 Kollegen unterzeichnet und enthielt die wichtigsten pstita und ässiäsria betreffs des Religionsunterrichtes und der Rechtsstellung der Lehrer. Dieselbe wurde im April Sr. Exzellenz dem früheren Unterrichtsminister Dr. W. von Härtel, Sr. Exzellenz dem Herrn Sektionschef Dr. von Berndt und Herrn Hofrat Huemer und dem Herrn f. k. Sektionsrat Krappl überreicht. Alle Herren versprachen eingehendes Studium der Bittschrift und tunlichste Berücksichtigung der vorgebrachten Wünsche, soweit dieselben im Wirkungskreise der Unterrichtsverwaltung liegen und nicht einen legislatorischen Akt erfordern. Vor Kurzem wurde dieselbe Petition auch dem gegenwärtigen Leiter des Unterrichtsministeriums Baron Bienerth, sowie dem Präsidenten des niederösterreichlschen Landesschulrates Herrn k. k. Sektionschef Dr. von Marenzeller überreicht, worüber in diesem Blatte auch berichtet wurde. Was die Schaffung neuer Lehrbücher betrifft, so war diese bisher leider nicht möglich, da es auch an den nötigen Mitteln hierzu mangelte. Doch wird sich bald Gelegenheit bieten, auch dieser Aufgabe näher zu treten. Wünschenswert — führt der Vorsitzende aus — ist der enge Zusammenschluß aller Kollegen für die ernste Sache. Die Ideale, nach welchen der Lehrer, zumal in der sturmbewegten Gegenwart, streben soll und muß, können eben nur mit vereinten Kräften erreicht werden. Schließlich dankt derselbe den Kollegen im Ausschuß für die wertvolle Mitarbeiterschaft, sowie den Kultnsvorständen der verschiedenen Gemeinden, insbesondere dem löblichen Wiener Vorstande, ferner der jüdischen Presse, als deren Vertreter er Herrn Dr. I. S. Bloch begrüßt. Zum Schluffe dankt er der hohen Unterrichtsbehörde und gedenkt der väterlichen Fürsorge unseres erhabenen Monarchen und schließt mit der Aufforderung, in den Ruf einzustimmen: Se. Majestät, unser geliebter Kaiser lebe hoch! Die Versammlung stimmte begeistert in diesen Ruf ein. Der Obmann-Stellvertreter Prof. Dr. Weiß fügt zur Ergänzung des vom Obmanne vorgelegten Berichtes noch einige sehr wichtige Mitteilungen bei. Er berichtet über eine vorgenommene Statutenänderung bezüglich der Beschlußfähigkeit der Generalversammlung. Betreffs der Schaffung eines einheitlichen Lehrplanes hoffe er, daß schon der nächsten Generalversammlung ein günstiger Bericht vorliegen werde. Was den vom Herrn Obmanne geschwünschten innigen Zusammenschluß aller Kollegen betrifft, so sei in dieser Hinsicht noch manches zu wünschen. Er wünscht, daß die Berufsgenossen von einem Bande der Freundschaft und Kollegialität umschlossen seien. Redner dankt hierauf dem Obmanne, der sich mit einer Hingebung der guten Sache gewidmet, die nicht mehr überbotcn werden kann. Auch der Schriftführer Dr. H Pollak habe mit opferwilliger Hingebung die vielen ihm obliegenden Arbeiten geleistet. Beiden Herren sei der herzlichste Dank ausrusorechen. Dieser Dank wird auf Beschluß der Versammlung protokollarisch ausgesprochen. Dr. Bloch legt der Leitung des Verbandes die Bitte nahe, die Arbeit betreffs Schaffung eines einheitlichen Lehrplanes ernstlich in Angriff zu nehmen, wofür gewiß das Judentum zu Dank verpflichtet wäre. Der Obmann erwidert, daß er in seiner Eröffnungsrede darüber gesprochen und daß für eine weitere Aktion in dieser Sache dem Ausschüsse bisher effektiv die Zeit gefehlt habe. Von der Wichtigkeit dieser Aufgabe fei auch der Ausschuß durchdrungen und er verspricht, in dieser Hinsicht alles Mögliche zu tun. Professor Dr. Weiß fügt noch hinzu, daß im Monate Mai auch nicht mehr die geeignete Zeit für derartige Beratungen war. Oberrabbiner Dr. Rosenfeld in Czernowitz bittet gleichfalls, in allernächster Zeit dieser Frage näher zu treten und die auswärtigen Mitglieder um ihre Meinung zu befragen. Er beantragt, dem gesamten Ausschüsse für seine ersprießliche Tätigkeit den Dank auszusprechen. (Einstimmig angenommen.) Professor Dr. H. Pollak dankt dem Obmann-Stellvertreter für die seinem bescheidenen Wirken gezollten Worte der Anerkennung und betont, daß