Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Bloch's Wochenschrift, Seite 53 fast dramatische Wirkung aber hat (mehr noch als die Warnung vor dem „M oniteur vom Jahre 1793") die Stelle, in der er erzählt: „Es gibt einen großen, großen Narren. Seine buntscheckige Jacke ist aus 36 Lappen zusammengeflickt. An seiner Kappe hängen statt Schellen lauter große, schwere Kirchenglocken und in derHand trägt er eine ungeheuerePeitsche vonEisen. Seine Brust ist voll Schmerzen. Er will aber an Schmerzen nicht denken. Deßhalb macht er zuweilen die lustigsten Sprünge und er lacht manchmal, um nicht zu weinen. Schüttelter betrübt den Kopf, betäubt er sich mit dem christlich-f rommenGlockengeläutes ein er Kappe." (Er meint das deutsche Volk mit demNarren.) Weiter: „Mitleid weist der Narr zurück. Ich beging selbst die Torheit und sprang ich nicht schnell genu.g über den Rhein, derNarr hätte mirmitseinerPeitschedastzauptzerschlagen. Dennoch bin ich dem armen Narren nicht gram, ich liebe ihn und beneide ihn aus der Ferne!" Er beneidet ihn! Er sehnt sich nach der Heimat! Man behalte und bewahre solche Aussprüche und auch andere, die längst vergessen sind. Wehmütig fährt Heine vom Narren zu erzählen fort: „Er ist der schlimmste Feind seiner Freunde und der beste Freund seiner Feinde. Dieser Narr wird immer in Treue und Gehorsam und Unterwürfigkeit verharren; er wird immer mit seinen Riesenspäßen euere Junkerlein ergötzen. Aber habt Ihr gar keine Furcht, daß er vor lauter Spaß wohl den Verstand verliert und euere 100.000 Soldaten von sich abwirft und in Wahnsinn sie mit der Peitsche zerschmettert? Daß er selber plötzlich entzaubert in seiner urschönen, blonden Heldengestalt, mit seinen großen blauen Augen vor euch steht, statt der bunten Jacke, den Purpur um die Schultern, in der Hand, statt der Peitsche das Szepter, das souveräne Volk!" Ist das nicht wie ein Heldengesang in Prosa? Ist das nicht ein Seherwort eines wahren Vaterlandsfreundes? Was die Gegner für Mittel anwendeten, um den abwesenden Heine feig zu verdächtigen, wissen wir. Sein Einkommen schwand, Salomon starb, dessen Sohn erklärte, die Rente einzustellen. Heine kränkelte, seine Existenz war bedroht und die Existenz der Frau.') Wichtig jedoch ist das Urteil jener, die mit Heine in Paris in Berührung traten, ihr Zeugnis gilt uns mehr, als das der Agents pro vocateurs und Demagogenriecher aus jener Zeit (vor 70 Jahren). — Wäre er „im Sold gestanden", edle Männer hätten ihn gemieden und nicht ausgesucht (wie ein Anastasius Grün, ein L a u b e, ein Hebbel und Andere, die später genannt werden). — Jahrgelder" für die Asylsuchenden wurden von 1836—1848 (bis zum Sturze Guizots) ausbezahlt; sie waren eher Ehrensold für verkannte, im Vaterlande mißhandelte Geister, Ritter der Wahrheit; Die Sage vom „Sold" blieb das Steckenpferd aller kindischen Heine-Hasser, die mitschreien, weil es „eben jetzt Mode" ist, ihn als „Vaterlands-Verräter" hinzustellen. — Hat Heine sein Vaterland „verraten", dann haben es viele Flüchtige getan, die später zu Ehren kamen; weiß man nicht mehr, wie Preußen die Hugenotten und die protestantischen Salzburger aufnahm? Eine ganze französische Kolonie lebte in Berlin; konnten diese ohne Geld leben? . . . Das „Asyl-Recht" ist so schön, daß man sich verhöhnt, wenn man es selbst erst übte und dann bei Anderen verspottet! Heine nahm die „Ehrengabe", aber er schrieb trotzdem gegen französische Zustände; also war es sicher kein i) Gutzkow sagte (1838): „Die Deutschen find zu ungeschickt, um Heine die Schulden zu zahlen oder ein Gut zu kaufen, wie die Engländer dem Walter Scott. Schweigaeld. Mit G u i z o t hat er nur einmal i m Leben gesprochen; „im Solde" stehende Fremde würden öfter von Ministern gebraucht worden sein. Heine war geachtet; Anastasius Grün, Laube, Hebbel, Lassalle, Auerbach, Müller v. Königswinter, Paganini, Jenny Lind, George Sand Müsset u. v. A. besuchten ihn. — Campe, der Tausende an Heine's Werken verdient hatte, gab ihm eine kärgliche Jahresrente, während Heine selbst zahlreiche Flüchtige ohne Unterschied der Partei unterstützte (Meißner, Erinnerungen an Heine 1856). Auch war es interessant, dem Einflüsse nachzugehen, welchen die Freunde aus Deutschland aus Heine's Pariser Gedanken hatten; aber das würde zu weit führen, es genüge, daß wir Namen anführen und einige Details über Begegnungen in Paris nachholen. L a s s a l l e und Richard Wagner gehören, der e r st e r e nur k u r z e Z e i t, zu den Heine-Gegnern; Richard Wagner lernte 1839 Heine in Paris kennen. — Nach Karpeles (105—20Ö) hatte der Dichter großen Einfluß auf die Operntexte Wagne r's. Die Sage vom „Fliegenden Holländer" aus den Nordsee - Sagen (in He i n e's Skizze von Norderney 1826), ..Der T a n n h ä u s e r". ,.L o h e n g r i n - A n k l ä n g e" (in den E l e m e n t a r g e i st e r n), Heine's schon in Bonn erwachte Begeisterung für „Die Nibelungen", durch das Alles förderte Heine die Text e. Als Wagner seine Vorbilder Mendelssohn und M e y e r b e e r im „I u d e n t u m in der Musik" angriff, zeigte er sich gegen Heine undankbar. Er hatte es gar nicht nötig. Er komponierte in Paris „Die beiden Grenadiere", widmete sie erst Heine, dann Schumann, an welchen er schrieb (Karpeles 139): „S i e lvurden hie und da gesungen und haben mir den Orden der Ehrenlegion und 20.0Ö& Francs jährliche Pension (aus der Privatschatulle) von Louis Philippe eingebracht. — Ein Gedicht Hein e's, also seines Gegners"! Verstummt da nicht der teutonische Haß gegen den „von Frankreich besoldeten Heine" bei jenen, die die „Wacht am Rhein" schon zum „Geßlerhute" erhoben, bei den Musensöhnen, den Wiener Hochschülern, welche die Toleranz der deutschen Bildung erst jüngst mit Stock und Faust gegen Kollegen anderer Nationen demonstrierten? Der 40 jährige Heine hatte nur mehr eine Antwort für alle Angriffe: „Das sind keine Flecken, nur Wunden. Ach, sind nur Wunden, welche die Hand der Freunde') nicht der Feinde geschlagen hat?) Hebbel war entzückt von Heine.'') Er sagte (1843): „Mit Heine kann man das Tiefste besprechen; ich erlebte wieder einmal die Freude einer Unterhaltung, wo man bei dem Anderen nur anzuticken braucht, wenn man den eigensten Gedanken hören will." Diesen „günstigen Eindruck" nannte Hebbel „unerwartet". Man sieht, daß man Deutschland über Heine vorlog: das war ein Werk der falschen Freunde: W. Menzel war der Erste, der von Heine abfiel und ihn (1836) denunzierte. Ein Jahr hernach zogen sich die m n t i g e u P v e t e n der „Schwäbischen ') Er blieb dennoch ge chtet. Sogar ein Metternich'scher Hofrat besuchte Heine in Paris, ließ ihm später seine Loreley Vorsingen, trotzdem 1835 der Bund alle seine Schriften verbot. Er hatte noch wahre Freunde, zu diesen gehörte vor allen Alfred Meißner, welcher mir 1880 selbst sagte, daß er Heines Briefe wie ein Heiligtum bewahre; Musikdirektor S ch a ch n e r, Prof. H o e g e l bestätigten durch eigene Anschauung, daß Heine viel umworben war, daß er voll Geist und eine intereffante Erscheinung gewesen. (Mündliche Mitteilungen des Hofrates Vesqne v Püttlingen aus den Jahren 1864—186t«, der viele Lieder Heines in Musik gesetzt hatte; Münchener Musikdirektor Schachner aus den Jahren 18vs und 1«9l (Salzburgs und des Profesiors der englischen Sprache an der Wiener Universität Hoegel.) *) Rüge und Börne gehörten zu den Feinden der späteren Zeit; auf Börne und Heine paßt das Goethe'sche Wort (in „Taffo"): „Zwei Männer sind's. Die darum Feinde sind, weil die Natur Nicht Einen Mann aus ihnen beiden formte." Tie Emissäre schlichen sich auch als „Freunde" bei Heine ein, so daß Mathilde lange Zeit die „Mouche" für eine Spionin hielt. 3) Dr. Biachs Brochure über Hebbel (Brüx 1897).