Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-01-26 · 4 (26.1.1906) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021661--15127-3039876
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Kr»-^ar.'V*aifi««a5üflai Seite 52 Dr JBiocb s Mocdenscbrttt. Nr. 4 d i e Regierenden". Jeder Versuch, Heine jetzt noch zu gewinnen, wäre vergeblich gewesen: „Mich ärgerts, wenn die Vipern Liebe girren Und Wolf und Esel Freiheitslieder flöten". *) Paris wurde sein Ziel. „Paris hat die Welt befreit; die Demagogen sind die heilige Allianz der Völker"; zur Weltstadt zog es ihn hin, (Berlin wurde erst 36 Jahre später Großstadt und war damals etwa so, wie heute eine große Provinzstadt), zur G r o ßstadt zog es ihn, wo er sich „freie Kritik" erhoffte, die Poesie zu retten; sein Herz blutete, aber er galt ja schon als politisch kompromittiert; wohl drängte auch die Familie zur Abreise, wenigstens für einige Zeit. Tatsache ist, daß Heine im April 1831 nach Frankfurt am Main fuhr. Sein Tisch (erzählt Lewald) **) im Hotel war besäet mit Visitkarten der F r e i s i n n i g e n. Via Heidelberg und Karlsruhe ging es nach Straßburg. Zwei Tage später war er in Paris; das undankbareVaterlandhatteeinen seiner größtenSöhne ziehenlassen, statt sein Talent in den Dienst der Wissenschaft und damit seiner Mitbürger zu stellen!! *** *) Schlußwort. (1831—1856.) Für den Pariser Aufenthalt könnte man den Ausspruch eines meiner Freunde') anführen: „Was sich ein deutscher Schriftsteller Alles gefallen lassen muß!" . . . Kaum war Heine dort, begannen die Spione ihr Geschäft und fielen Freunde von ihm ab. Er mußte arbeiten, um zu leben. „Hättest Du Etwas gelernt, brauchtest Du keine Bücher zu schreiben", sagte der alte Salomvn (wie Gutzkow bestätigt)^). „JnFrankreich ist meinGeist exili ert" (klagte der arme Dichter), „in eine fremde Sprache verbannt!" „Ich lebe jetzt als Prussien libdrd in Paris", aber sogar seinen Namen mußte er ändern, da die Franzosen „Haine" (Haß) aussprachen, (oder „Enri Enn" — „Enrienne" — was wie „Un rien" (ein Nichts) klang) — so schrieb er den Accent: Henry Heins Auf einer seiner ersten Promenaden notiert er in Erinnerung an Ludwig XVI. folgendes Diktum3): „Eine schmachvolle Hinrichtung". Wenn ein König den Kopf verloren, ist ihm nicht mehr zu helfen. Von Paris aus korrespondierte er mit der „Augsburger Allgemeinen Zeitung". Die Zensur tobte gegen ihn. Sie hatte, wie Heine witzelte, „eine große Scheere", die „den Vögeln, deren Lied ihr nicht gefällt, den Schnabel stutzt". Freiheitssucher, die erhofften, was den Schweizern mehr als 500 Jahre zuvor gelungen war, stützten sich auf L e s s i n g's Prophezeiung, es werde eine Zeit kommen, „wo jeder Freimaurer sein kann, ohne Freimaurer zu heißen"; solche Maurer (ohne Schurz und Kelle), die in Heine's „Nörgeln" mehr Patriotismus sahen, als bei indifferenten Byzantinern, wollten ihn als Führer, aber er zog das Schreiben dem Agitieren vor, wohl mit Rücksicht aus das gastfreundliche Paris, denn er liebte seine französischen Freunde. 1833 erschien der „Salon"; bald hernach belehrte er die Franzosen in der „Eevue des denx *) Nachlaß 156. **) August Lew alb, Aquarellen II, (p. 116). ***) Hier könnte füglich geschloffen werden, gäbe es nicht noch Fragen, deren Beantwortung jedem am Herzen liegen muß, der sich mit Heine gründlich befaßt; Fragen bezüglich der Berechtigung der Angriffe seitens Deutscher, als er in Paris weilte, und Fragen über die Gründe der eigentümlichen Erscheinung, daß die Heine-Verehrung in Deutschland bisher noch nicht in Stein und Erz zum Ausdrucke kam wie im Auslande. Meine Anschauung über diesen Punkt wird wohl nicht Jedermann paffen, aber sie soll den Schluß dieser Mitteilungen über Heine bilden. Der Verfasser. ') C. M. Sauer, Dir. der Handelsschulstiftung Revoltella, Triest Freund Hammerlings, ein zweiter „Mezzofanti" durch Sprachenkenntnis, zuletzt in Salzburg, (ff in Freiberg, Sachsen). 2) 1838 in „Götter, Helden und Don Quixote". 2) Nachlaß. Monde s“ und der „Europe 1 i 11 6 r a i r e“ über deutsche Literatur. Deutsche bekamen immer nur den halben Heine zu lesen, dafür sorgte schon die Zensur?) Dieses Deutschland wollte einmal trotzdem auf ihn stolz sein, aber die „Bundesregierung" verbot es. Gentz schrieb an Cotta, man solle „Heine's Korrespondenzen nicht mehr bringen"; hinter Gentz stand natürlich Metternich; das wußte Heine und so publizierte er seine frühere Korrespondenz in Buchform. Eine Vorrede wurde zu dem Manuskript: „Französische Zustände" geschrieben; sie fiel in die rauhen Hände der Polizei (1832). Umso erfreulicher ist es, daß gerade dieses Manuskript stark „zusammengesäbelt" im Polizeiarchiv zu Hamburg durch Professor Dr. Geiger (Berlin) entdeckt und von K. E. Franzos in der „Deutschen Dichtung" (1. Juni 1903) publiziert wurde.2) Der dem „Bund e" ergebene „Senat" ließ Campe verhören. Ein Beitrag zum Kampfe gegen „I u n g - D e u t s ch l a n d" ist dieser Bund, der uns zeigt, wie viel das „pur nobile fratrum“ (Gentz-Metternich) an der deutschen Literatur verbrochen hat. Nicht genug, König Friedrich W i l h e l m III. hatte persönlich die Anzeige gemacht. In diesem Manuskripte donnert Heine über die „B i l e a m e von Berlin, die Verblendeten, die nichts „s e h e n", ü b er d i e „ li t e r a ris ch e n Loh n l a k a i e n", die behaupten, der König von Preußen habe jene Konstitution nur der eigenen Laune halber versprochen, er sei keineswegs durch Zeitumstände genötigt gewesen. Ich kann aber" — fährt Heine fort — „jene Vertreter des Wortbruches durch ein gutes Dokument widerlegen, es ist das Bulletin der Schlacht bei Jena. Ist das Wort des Königs nicht so heilig wie ein Eid?" — Er klagt darin auch über Hegels „Knechtschaft", Schleiermachers Polemik gegen die Freiheit und Arndts Wandlung, über Stä ge m anns „Russenlieder" und sagt von Ranke, er sei „gemütlich wie Hammelfleisch mit Teltower Rübchen" :i) donnert über J o hn in Berlin, der allein als Richter Heinescher Schriften aufgestellt war. Wir wissen, daß in Wien ein Zensor des Vormärzes sich aus Ekel an seinem Schergenamt erhenkte. John aber waltete erbarmungslos und lebendig, stets gewissenlos, gleich den Demagogen-„Spitzeln", von deren Einem er sagt: „Dieser Löwe, dieses furchtbare Tier der Berliner Regierungsmenagerie, dieser königlich preußische Revolutionär. 4) Wahrlich das Preußen versteht es, seine Leute zu gebrauchen; zu seiner Staatskomödie braucht es Komparsen von jeder Gattung! Es weiß sogar trikolor gestreifte Zebras zu benützen." „Armes Volk der Deutschen!" fährt er fort: „Während ihr euere Wunden verbindet, schmiedete man dort unten in W i e n, in der alten Werkstätte der Aristokratie, die „B u n d e s a k t e". Statt der Magna Charta der Freiheit nur eine verbriefte Knechtschaft!" Er wirft Friedrich Wilhelm III. vor, er habe „auch andere Fürsten zu Wortbruch und Treulosigkeit verführt. („E i np r e u ß u n g" nennt er den Vorgang.) Die herrlichste rhetorische, ') Ueber einen Zensor sagt Heine, daß er „die Rolle eines Brutus nur zur Hälfte" spiele, nämlich nur .bis zum Tode der „Lucretia" . . . ferner: „Der zitternde alte Schuft von Leipzig (Jarke) mit seiner Richtscheere hat nur den Mut, einem Gedanken den Kopf abzuschneiden." 2) Siehe auch „N. W. Tagblatt" vom 27. Mai 1903. 3) „Hegel mußte die Knechtschaft, das Bestehende, als vernünftig demonstrieren. Schleiermacher mußte gegen die Freiheit polemisieren. Wie schön war der Name Arndt, ehe er auf höheres Geheiß jenes schäbige Büchlein geschrieben, Stägemann ist gesunken, seitdem er seine Ruhmeslieder gedichtet. Möge es ihm die Muse verzeihen! Armer Ranke, gemütlich wie Hammelfleisch mit Teltower Rübchen, der gewiß auch liberal ist, dieser mußte jüngst eine. Apologie der Bundesbeschlüffe drucken lassen". 0 „wird jetzt dazu benützt, die Apologie des Verfahrens gegen Polen zu schreiben, über dem Berliner Kabinet die liberale Fahne zu schwenken und es gleichsam in der öffentlichen Meinung wieder ehrlich zu machen."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.