Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 4 Vr. Llocb's MocdenscvrM. Sette 51 diesem Falle könnte von einer Lösung der Judenfrage durch Auswanderung gesprochen werden. Ist erst der Fluch des Ansiedlungsrayons in Rußland überwunden, so daß sich die Juden im ganzen Reiche frei bewegen können, dann beginnt die wahre Hilfsaktion zum Heile unserer russischen Glaubensgenossen, zur Ehre des Gesamtjudentums, aber auch zum Segen des russischen Staates. Die wahren Propheten verkündeten seit jeher den Sieg des Lichtes und der Freiheit nach langen Kämpfen. Auch heute sind es nur falsche Propheten, die Glaubenshaß und antisemitische Niedertracht für endlose Zeiten voraussetzen, wohl auch selbst — erhoffen. — — Hierzu bemerken wir kurz, ohne uns auf eine persönliche Polemik einzulassen: Das verehrliche Mitglied der Konferenz hat einige unserer Argumente offenbar mißverstanden und Tatsachen verkannt, deren Herbeiziehung unseren Behauptungen jeden Zweifel benimmt. Von uns wurde nicht behauptet, daß in Rußland nichts geschehen solle, Witwen, Waisen und Hilflose einfach hilflos gelassen werden mögen. Unsere Ansicht darüber ist, daß die fünf Millionen russischer Juden noch so viel materielle Kraft besitzen, um die Not in den Gemeinden bis zur Erträglichkeit zu stillen. Das wird wohl um Vieles leichter sein, wenn man aus jeder der 300 betroffenen Gemeinden durchschnittlich 333 Arbeitslose wegnimmt. Diese sind doch wohl auch Opfer der Katastrophe Denn sie haben in den demolierten Fabriken und Geschäften Brot gehabt. Ihnen in Rußland helfen zu können, ist mehr als fragwürdig, ihnen aber freie Arbeitsgelegenheit zu schaffen, wirkliche und ausgiebige Hilfe, worüber man das nächste Handbuch der Nationalökonomie Nachlesen kann. Notorisch unterstützen die russischen Juden im Auslande freigebig ihre Anverwandten zuhause, was doch vom größten Vorteil für die Zukunft und für jede Hilfstätigkeit von großem Wert ist. Kanada (wo die Behörden erst kürzlich die Einwanderer willkommen hießen) und Australien (wo man aus Mangel an weißen Arbeitern die jüdischen Kriegsgefangenen in Japan einlud) wurden von uns nur als Beispiele geführt. Wie wir versichern können, wären unter gewissen Garantien auch andere überseeische Länder offen gestanden. Die angebliche Naivität, das Zuströmen Hunderttausender zu züchten, liegt unsererseits nicht vor. Die Juden sind konservativ, und Niemand, der sein Auskommen hat, macht Experimente mit Auswandern. Uebrigens sind die Hunderttausende schon da, nach Amerika allein wandern jährlich 120.000 Mann aus und man hört noch nichts von Schüssen der Grenzsoldaten. Die angeführten Religionsgruppen waren für ihre Zeit an Wert Volksstämmen gleich, sind meist auf einmal ausgewandert, sie kamen langsam, weil es keine Eisenbahnen gab und ihr Zielbewußtsein war auf Arbeit gerichtet, wie bei den Juden. Erprobte Pioniere haben wir in aller Welt. Was die Verteilung in Rußland anbetrifft, so ist wohl die Sache so, daß entweder zu wenige genug oder genug Leute zu wenig bekommen. Die schönen Gemeinden in Deutschland gäbe es keineswegs, wenn bei den Verfolgungen im Mittelalter die meisten nicht. ausgewandert wären. Wären sie dageblieben und hätten sich entsprechend vermehrt, so wären dort dieselben Zustände wie in Posen oder Galizien. Uebrigens hat Niemand von einer Auswanderung Aller gesprochen, sondern nur von einer Entlastung. Wenn auf die schönen Hoffnungen immerfort Pogrome folgen, so sind wohl die Hoffnungen die Utopie. Die Auswanderung der Millionen ist aber ein nüchternes Rechenexempel. Da jetzt eine 'Million in sechs Jahren auswandert, dann brauchte man nur herzhaft die Mittel zu vervielfachen und die russische Judenfrage wäre früher gelöst, wie das verehrliche Mitglied sehr richtig bemerkt hat. Man müßte nur unsere großen Reichen in Bewegung setzen, dann könnte man dem Hündchen die Ohren auf einmal stutzen. Mit den wahren und falschen Propheten ist das so: Die wahren Propheten find die Propheten aus lange Sicht. Sie sehen den Sieg, die falschen Propheten die Kämpfe. Uebrigens möge das verehrliche Mitglied gefälligst die Abgesandten des Hilfskomitees in Rußland angreifen, welche genau solche Propheten find, wie wir. —y. Ans Heinrich Heines Jugendzeit 1803—1839. Vortrag, gehalten am 6. November 1905 im Verein zur „Abwehr des Antisemitismus". Von Josef Baron Doblhoff. (Fortsetzung.) Am 21. September dankte sie brieflich nach Helgoland, wohin er anfangs August für zwei Monate gegangen war, um Seebäder zu nehmen. — Am 30. September bei der Mutter, wieder in Hamburg angekommen, häufte er Stoff auf Stoff für seinen heiligen Zorn über die gewisse nlose Bundes-Politik, über die „Justiz-Kommission" (welche Männer, wie Karl Vogt, aus dem Lande trieb): er schrieb an Moser: „Das deutsche Volk wird wegen seiner Vielseitigkeit nie zum Handeln kommen'), 1830 an Dr. K o l b von der „Emanzipation der ganzen Welt, absonderlich Europas, das mündig geworden ist und sich jetzt losreißt von dem eisernen Gängelbande der Bevorrechteten, der Aristokratie . . . ." Im „Englischen Fragment" (Eindrücke aus England) beschäftigte er sich auch schon eingehender mitFrankreich. Sein Entschluß war reif, aber nur drei Freunde wußten davon: Moser, Merkt und Immerm a n n. Das „Deutschtum", das kein Deutschland zu Stande brachte, war ihm ein Greuel, denn es fiel dem Antagonismus der zwei größten Bundesstaaten (Preußen und Oesterreich) zum Opfer. — 1830 schrieb er an Kolb: „Täglich verschwinden mehr und mehr die törichten National-Vorurteile: sie gehen unter in der Allgemeinheit der europäischen Zivilisation, es gibt keine Nationen mehr, sondern Parteien". Der letzte entscheidende Grund jedoch für den Domizilswech'el war die Juli-Revolution in Paris (1830). In 7 Briefen aus Helgoland (11. Juli—10. August) besprach Heine dieses Ereignis mit I m m e r m a n n: „Ich weiß jetzt" (heißt es darin) „was ich will; ich greife zu den gefeiten Waffen, worüber meine Mutter ihren Zaubersegen ausgesprochen. Blumen! Blumen! Ich will mein Haupt bekränzen!!" . . . Zum Ueberflusse kam er nach Hamburg (Ende August) gerade zurecht, um den Judenkrawall mitzumachen, von dem er sagte: „Die Revolutionäre vollendeten erst ihr Tagesgeschäft und machten eine A b e n d-Revolution, (nur ein Miniaturbild der schrecklichen Verfolgungen im heutigen Rußland, der Blutopfer, welche das Krebsgeschwür des Rassenhasses im 20. Jahrhunderte fordert). Die „Schlußphantasie" zu den „Englischen Fragmenten" hieß „D i e B e f r e i u n g!" Heine begehrte „religiöse und politische Freiheit", die Hoffnung lebte auf in der Bewegung jenseits des Rheines und Julian Schmidt charakterisiert Heines Empfindungen zu Ende 1830 mit den Worten: „Nahe daran, ein Skeptiker zu werden, verlieh ihm die Juli-Revolution einen neuen Schwung". Heine rief aus: „Die Nacht ist vorüber, draußen glüht die Morgenröte!" . . . . Anstatt die Strömung zu studieren, setzte die Reaktion nur schärfer ein. Jmmermann fand das „Unglück" jener Zeit darin, daß „dieRegierten mehr Geist haben, als 0 Es wäbrte auch n o ch 10 I a h r e, bis die ersehnte Einigkeit erschien und Napoleon III. ist der Begründer derselben, denn nur in der Gefahr erwachte der Gemeinsinn.