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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-01-26 · 4 (26.1.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 50 Dr. Blocb s MocvenscbrM. Str. 4 haben will. Hilsuer hat man auf 200 Schritte in der Dämmerung gesehen, eine durch IO dividierte Wahrscheinkeit! Wegen der Ehrlichsprechung der Brüder Tcpfl sind derzeit weite Kreise in Aufregung. Warum sollte sich nicht ein anderer Haufe von ängstlichen Verteidigern der Gerechtigkeit im Falle Hilsner finden? Daß diese Verteidiger- Juden sind, ist selbstverständlich. Denn man hat sie alle als Privatbeteiligte in den Prozeß hiueingehetzt und sie daran interessiert, indem man mit einer Mischung von Blödsinn und Gemeinheit den Christenmord als jüdische Religionsforderuug hinstellte. Die anderthalb Millionen österreichischer Juden haben das., klare Recht und die verdammte Pflicht gegen sich selbst, eine Berufungsverhandlung gegen diese infame Beschuldigung herbeizuführen. Sie machen sich nicht solidarisch mit einem Verbrecher, wie gewisse Angstmeier kläglich wieder sagen werden. Sondern die Juden kämpfen auf Grundlage eines Krimiualfalles für große Ideale: Für- Menschlichkeit, Gerechtigkeit und die jüdische Ehre. Sehr willkommen, daß uns jetzt wertvolles Tatsachenmaterial dazu geboten wird. Bei A. W. Hayns Erben in Berlin wird demnächst eine mit preußischer Genauigkeit und Gründlichkeit dargestellte Untersuchung auf aktenmäßiger Grundlage „Der Polnaer Ritualmordprozeß" vom Berliner Rechtsanwalt Dr. Nußbaum erscheinen. Sie ist ohne jede Tendenz abgesaßt, und das ist das Schönste daran. Die reine Wahrheit und nur die Wahrheit ist die sicherste Waffe der Unschuld. Ihre Wirkung kann man beim ersten Leser des Buches glänzend beobachten. Dieser Leser war Professor Dr. Franz von Liszt, ordentlicher, öffentlicher Professor der Rechte an der Universität Berlin. Ein Christ — also kein Parteimann. Ein Lehrer des Rechtes — also mit der feinsten Empfindung, der tiefsten Verpflichtung für ein unparteiisches Urteil. Er hat die Korrekturbogen des Werkes gelesen, um ein Vorwort dazu zu schreiben, und hat diese Einleitung mit vollem Namen gedeckt. Dieses Vorwort ist nicht lang, aber in jedem Satz eine Verurteilung des Prozesses und des Urteils vom Standpunkte der Kultur und des Rechtes. Ueber die Verhandlung und das Zeugenverhör heißt es in diesem Vorwort unter Anderem: „Allerdings hat die Staatsanwaltschaft in der erneuten Schwurgerichtsverhandlung zu Pisek (1900) die Annahme eines Ritualwordes mit Entschiedenheit abgelehnt, aber die ursprüngliche Beweisaufnahme und die erste Verhandlung vor dem Schwurgerichte in Kuttenberg (1899) stand unter dem herrschenden Zeichen der Blutbeschuldigung; dieses dem Strafprozesse gegen Hilsner von allem Anfänge an gegebene Gepräge hat die Staatsanwaltschaft ihm nicht wieder zu nehmen vermocht. Als Ritualmordprozeß wird der Fall Hilsner in der Kulturgeschichte fortleben. Die Ueberzeugung des Volkes, daß Christenblut zu jüdisch-rituellen Zwecken verschafft werden sollte, hat den Verdacht auf Hilsner gelenkt; von dieser Ueberzeugung ist die private Untersuchungskommission ausgegangen, als sie neben dem behördlichen Verfahren das Belastungsmaterial gegen den Beschuldigten zu gewinnen suchte; von dieser Ueberzeugung sind die Aussagen der Zeugen getragen, in ihr liegt auch die Erklärung für den sonst kaum begreiflichen Wahrspruch der Geschworenen. Der Verfasser zeigt uns an der Hand der Akten die Macht der Suggestion: wie aus dem Volksaberglauben heraus die Phantasiebilder in den Zeugenaussagen entstehen, wie sie immer festere Gestalt gewinnen, anschaulicher werden und zahlreichere, kennzeichnende Einzelheiten aufnehmen; wie nach langen Monaten neue Zeugen sich melden und unter ihrem Eide über entscheidende Tatsachen berichten, die sie bis dahin unbegreiflicherweise bei sich hehalten haben; wie die Maschen des Netzes immer enger werden, das sich über den Verdächtigen zusammenzieht." Die erfreuliche Wut der Antisemiten über diese Worte zeigt uns erst recht deren Wucht und Bedeutung. Natürlich sind dem „Deutschen Volksblatt" sofort einige kleine Verleumdungen zur Hand, wie die Frage, wer eigentlich dem Verfasser die Akten geliefert habe? Ein antisemitischer Abgeordneter möge darüber interpellieren. Und dann könnten weder Dr. Nußbaum noch Dr. v. Liszt die Akten studiert haben, well diese tschechisch seien. Wir können die Herren vom Jntelligenzblatt dahin belehren, daß dem Verteidiger wohl die Akten zur Verfügung gestellt werden müssen, daß es außerdem eine sogenannte Stenographie und notarielle Uebersetzungen gibt. Schließlich verhöhnt das „Volksblatt" diese „wissenschaftliche Tendenzschrift", da die Polnaer Ritualmorde gerichtsordnungsmäßig bewiesen seien. Stammt nicht von Lueger das schöne Wort von den „zwölf Männern, die zufällig Geschworene sind?" Einen Beweis von Ritualmorden aber wird es nie geben; höchstens, wie aus Professor Liszts Worten deutlich hervorgeht, einen Beweis für Ritual-Justizmorde. j — y. Die Frankfurter Konferenz. Von einem geschätzten Mitgliede der Frankfurter Konferenz erhalten wir folgende Zuschrift: In der jüngsten Nummer dieses Blattes werden die Frankfurter Konferenz und die für die Oeffentlichkeit bestimmten Beschlüsse derselben in einer Weise besprochen, welche dringend einer Richtigstellung — soweit man auf ganz falscher Grundlage Stehendes richtigstellen kann — bedarf. Die Tendenz des Artikels ging dahin, das ganze Hilfswerk der vereinigten Organisationen als falsch angepackt zu bezeichnen, indem der sonderbare Wunsch ausgesprochen wird, daß in Rußland selbst nichts geschehe und die Sammelgelder zur Förderung der Emigration verwendet werden. Nun muß vor allem konstatiert werden, daß die Spender der Millionen das Geld ausgesprochener Weise „für die Opfer der Massakres", nicht aber für Auswanderer, die in den seltensten Fällen derartige Opfer sind, hergeben. Es wäre also tatsächlich gegen den Willen edler und vernünftiger Wohltäter, Witwen und Waisen, sowie die kolossale Zahl Hilfloser in Rußland selbst einfach hilflos zu lassen. Aber ganz abgesehen von dem selbstverständlichen Prinzipe, den beabsichtigten Zweck der Spender als maßgebend zu betrachten, wäre die Durchführung des so einfach scheinenden Planes, „mehr als hunderttausend Menschen nach Kanada zu schicken", völlig ausgeschlossen. Ohne uns mit der Frage, warum gerade nach Kanada, zu befassen, muß es bestenfalls als Naivität bezeichnet werden, anzunehmen, daß man hunderttausend Juden aus Rußland befördern könne, ohne ein zielloses Nomadentum zuströmender anderer Hunderttausende zu züchten. Der Erfolg eines solchen Beginnens wäre eine nicht auszudenkende Katastrophe, der erst nach bitterem Elende und furchtbaren Opfern an Menschen Grenzsoldaten Einhalt tun könnten. Wenn an „Salzburger Protestanten, Quäker, Buren und Mormonen" erinnert wird, so muß doch in Betracht gezogen werden, daß es sich' bei diesen Auswanderern um kleine Gruppen handelte, die mit eigenen Mitteln emigrierten. Langsam und zielbewußt folgten den ersten erprobten Pionieren andere Glaubens- und Stammesgenossen. „Sechzehn Millionen" - wir zitieren wörtlich — „in Rußland verteilt sind ein Pappenstiel. Man wird in einem armen Lande vielen Leuten ein paar Rubel geben können, die rasch aufgegessen sind." Glücklicherweise ist Sorge dafür getroffen, daß das Hilfswerk in. Rußland im vollsten Gegensätze zu dieser Darstellung stehe. Nicht Bettelgroschen, sondern Beträge zur Wiederherstellung von Existenzen, zur Erziehung von Waisen werden bewilligt, von Männern bewilligt, deren vernünftiges Tun alles, leere Phrasen nichts sind. Gewiß waren die Judenmassakres einfach vandalisch. Aber gab es im Mittelalter nicht ähnliche Katastrophen? Wären die Juden Deutschlands in solchen Epochen alle ausgewandert, wo wären heute Deutschlands blühende Gemeinden mit ihren herrlichen Institutionen, ihrer werktätigen Bruderliebe, ihrem religiösen und staatlichen Bewußtsein? Für Rußland beginnt jetzt erst die Neuzeit und trotz aller wohl unvermeidlichen Rückfälle ist eben ein gewaltiger Schritt auf der Bahn der Befreiung und Kultivierung dieses Riesenreiches geschehen. Trotz solcher Rückfälle ist es viel weniger utopistisch, auch für unsere Glaubensgenossen bessere und gerechtere Zeiten zu erhoffen, als der Möglichkeit Raum zu geben, Millionen Menschen zu exportieren, denn nur in

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