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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-01-26 · 4 (26.1.1906) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 4 Dr. Bloch’s Jahrgang XXIII Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Zudentums. Wim, 26. Jämer 1906. n LrscbeLnt jeden Freitag. — Brief-Adresse: Mten» IX/I» ÄSerggasse 39. Tele^ramm-Adrcsse: .IBlocb’s 'CIUocbensebdEi. Mlien. S-& Ir. It. Po)H'parkaJ)fcn-Hjnt GFearlng-lDerftebr Nr. 810.976. Redaktion »nd Adininistralion: Wien lX/i» Werggasse Nr. 39. 14.847. H-tzd V-Ä BejiHjeyceia füc Svstrrreirh: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. £-» Inhalt: Leitartik el: Nochmals Hilsner. — Die Frankfurter Konferenz. — Aus Heinrich Heines Jugendzeit 1805—1839. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Ein Land ohne Antisemitismus. Tunnelbohrung im alten Palästina. — Korrespondenzen: Die Brüsseler Konferenz. Israelitische Allianz zu Wien. Kaiser Franz Josefs-Ferienheim. Offenes Schreiben. Die Flucht vor der Hochzeit. Der Verband der israelitischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen. Juden im österreichischen Staatsdienst. Rumänische Liebenswürdigkeiten. Inden in Frankreich. Anatole France über Zolas »1' accuse«. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zugunsten der Ehewra-Kadischa in Wien. Vortragszyklus aus der Geschichte der Juden in Deutschland und Oesterreich. Kommerzialrat Ludwig Zwieback. Wien. Jüdische Toynbeehalle. Schulinspektion im Jüdischen Schulverein. Friedrich Boek. St. Pölten, Bielitz, Bodenbach a. E., Budweis, M.-Trübau, Nachod, Effet, Etsdorf, Zenica, Stanislau, Berlin, Luxemburg, Rom. — Feuilleton: Odessa 1905. — Heinrich von Kleist und — die Mischna. — Neue Bücher. — Briefkasten — Inserate. Nochmals Hilsner. Was hätte jeder von uns getan, wenn er Hilsner gewesen wäre? Wenn man i h n brutal und unvermutet vom Leben weg, von der Freiheit weg in eine muffige, kalte Zelle setzen würde hinter eme wuchtige Tür, au welcher sich unsere Fauste in ohnmächtigem Zorn nur blutig schlagen? Die Wächter, die Sträflinge, jeder, der in unsere Nähe kommt, wird mit heißen Bitten, Fragen, Drohungen überschüttet und antwortet mit grausamem Hohn. Aber wir beruhigen uns schließlich, werden geistig stumpf bei den endlosen Verhören, bei denen der Untersuchungsrichter fragt und fragt und jedes Wort nach allen Seiten dreht. Es muß ja doch der Tag kommen, an welchem der Wahnwitz, den man uns zumutet, zerschmettert, vernichtet, verlacht werden muß uud wir jauchzend wieder der Freiheit entgegenstürmen werden. Aber bei der Verhandlung scheint es, als hätten sich blutdürstige Irrsinnige zu unserem Tode verschworen, kaltblütig wie bei einem Kinderspiel bringen sie Beweise einer Schuld vor, von der nicht einmal der Gedanke gelebt hat und die nach Menschenrecht mit dem Tode gesühnt wird. Gegen die ersten wehrt man sich mit dem aufrechten Mut des Gerechten, dann fallen wir in Verzweiflung, in lähmende Angst, immer schwerer lastet der trübe Dunst, die Schwüle des Gerichtssaales auf unseren zitternden Nerven, glühende Feindesaugen überallher, ein letzter Ausfall des Verteidigers, eine bange Pause — sind wir närrisch geworden, träumen wir? — einstimmig schuldig! Aus kurzen schweren Träumen in endlos langen Nächten fahren wir mit einem Angstschrei verstört empor; wir haben die rauhe Hand des Henkers an unserer Kehle gespürt. Bei jedem Schritt an unserer Kerkertür sind wir einer Ohnmacht nahe. Am Ende kommen sie schon. Wir verzweifeln schon an der Gerechtigkeit, hoffen nur mehr auf Gnade. Nur leben und hoffen! Die Mutter schreibt wie eine Heldin: Sei stark, mein Sohn, mein innig geliebter! Noch einmal gewinnt die Wahrheit die Oberhand. Nach Kuttenberg kommt Pisek, nach der großen Qual die kleine Gnade. Lebenslänglichen Kerker — ein zwanzigjähriger Junge. Wenns finster ist, schaut er durch das vergitterte Fenster der Strafanstalt hinaus ins glückliche Land, und lautlose Tränen drängen sich aus dem Herzen in die Augen, rollen die fahle, magere Wange hinab. Niemals mehr wird er als ehrlicher Mann unter freien Menschen leben, nie die schwere Frohne los werden, nie mehr Liebe fühlen, niemals, niemals . . . Sein Blick ruht auf uns und brennt auf unserem Gewissen. Niemand bringe vor, Hilsner sei ein halber Vagabund gewesen, am Anfang einer schiefen Ebene. Diese Schlacken sind in harter Zucht von ihm gefallen und er ist ein Mensch gleich uns, im Ebenbilde Gottes geschaffen. Man bleibe uns auch mit allen feigen Bedenken vom Halse. Die Antisemiten haben mit ihrem Treiben Recht, wenn wir Juden es uns gefallen lassen. Und die ganze Hilsneraffaire ist doppelt und dreifach ein Schandwerk der erklärten Judenfeinde. Sind denn wirklich Hans Arnold Schwer und Ernst Schneider unsere Herren? Schwer, der sich als privater Untersuchungsrichter in Polna die Sporen holte statt der Peitsche, und Schneider, von dem in der „Oesterreichischen Wochenschrift" (11. November 1904, 1. Seite) bewiesen wurde, daß unter seinem Druck der damalige Justizminister Ignaz von Ruber dem Hilsnerprozeß den von den Antisemiten gewünschten Lauf ließ. Ursprünglich war der Justizminister im Einverständnis mit dem Polnaer Bezirksrichter Reichenbach für Einstellung des Verfahrens. Aber nach einer Unterredung Schneiders mit Ruber kam die berühmte Anfrage des Kuttenberger Kreisgerichtes an die Bezirksärzte in Polna, ob nicht doch im Leichnam der Agnes Hruza Blut gefehlt habe ... Auf dem Amtsvapier eines österreichischen Kreisgerichtes stand damit die Anfrage, ob ein Ritualmord möglich sei. Wenn ein k. k. Gericht eine solche Frage stellt, dann nmß eben aus den Massen der Judenfeinde ein tausendstimmiges Ja! als Antwort erschallen, und der Moloch Europas, das Gespenst des Ritualmordes, dieser Riesengötze der Lüge verschlang wieder einmal in seinem ewig bereiten Rachen unter dem Jauchzen der Menge ein jüdisches Kind. Das Opfer ist auf den öffentlichen Schutz angewiesen, denn seine Familie darbt in hilfloser Armut. Sein Schicksal an sich ist genau so, wie jenes der zwei Brüder Tepfl aus dem Waldviertel, die vor mehr als zwei Dezennien wegen Mordes verurteilt wurden auf die Aussage einer Frauensperson hin, die sie bei Mondschein auf 20 Schritt bei der Tat gesehen

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