Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 46 Dr. Mocv s Mlocvenscvrm. vsT+twmvmrnsjBL £ ■rsvmssa&jna Der Spcisesaal war beinahe ebenso groß wie der Tanzsaal und ebenso hell erleuchtet wie jener. Die drei Tische, die der Länge nach aufgestellt waren, waren für hundert Personen gedeckt. Es waren aber nur zwanzig Personen anwesend. Der Anblick der riesigen Tafel, dazu die kleine Gesellschaft — es war noch bedrückender als vorhin im Tanzsaal. Die leeren Sessel und die unberührten Gedecke erhöhten in höchst peinlicher Weise die Leere des Raumes, in dem eine Handvoll Menschen ganz verloren ging, Golde blickte auf die Reihen der Teller, der Gabeln, der Messer und es schien ihr, als ob der Schimmer, den diese pompösen Reihen ausstrahlten, sie bedrückten. „Ich bin nicht mehr dieselbe Golde," dachte sie sich. „Ich bin jetzt eine verheiratete Frau wie meine Mutter, meine Tante und Frau Volpianski. Dafür haben wir unser Geld bis auf den letzten Kreuzer für diese Hochzeitstafel verausgabt und nun haben wir keine Möbeln und Niemand schenkt uns welche. Die Bekannten sind unserer Einladung nicht gefolgt und die Speisen werden vernichtet werden, und alles ist verloren, und ich, ich bin an allem schuld!" Die schimmernden Teller schienen mit einander zu wispeln und über Goldes dumme Verschwendung zu grinsen. Goldes Stimmung übertrug sich auf die Gesellschaft und die wenigen Gäste blickten drein, als ob sie nur gezwungen am Speisen teilnchmcn wollten. Im Saale herrschte nervöses Stillschweigen und ein widriges Geklingel von Messern und Gabeln machte sich immer unangenehmer hörbar. Nicht einmal der Sänger hatte den Mut, die lähmende Stille durch seine lustigen Liedchen zu unterbrechen, die er für diese Gelegenheit komponiert hatte. Golde war tief niedergeschlagen. Sie glaubte sich einer zweiten Ohnmacht nahe; sie schloß die Augen, biß die Zähne fest auseinander und hätte gewünscht, tot zu sein. Nathan, der an ihrer Seite saß, bemerkte es. Er ergriff unter dem Tische ihre Hand, drückte sie sanft und zärtlich und sagte leise: „Nimm Dir die Sache nicht so zu Herzen! Es gibt einen Gott im Himmel, der uns nicht verlassen wird!" Sie hatte seine Worte nicht ganz gut gehört, aber sie fühlte, was er ihr sagte. Gerne hätte sie ihm einige freundliche Worte zugeflüstert, aber das Herz klopfte ihr zum Zerspringen und ein taubensanfter, mitleidflehender Blick war die ganze Antwort, die sie ihm geben konnte. Nach und nach, als das schäumende Bier aufgetragen wurde, lösten sich die Zungen. Der Hochzeitssänger war zwar betrübt, daß ihm keine großen Einnahmen beim Absammeln bevorstehen würden, aber von dem Wunsche beseelt, die unglückliche Stimmung des Abends zu bannen, überbot er sich in lustigen Liedchen, Witzen und Akrostichons. Unnötig ist es wohl, hinzuzufügen, daß seine Anstrengungen Anklang fanden und mit endlosem Gelächter belohnt wurden. Endlich war die traurige Stimmung gewichen Als gerade ein herzlicher Heiterkeitsausbruch erfolgte, neigte sich Golde zu Nathans Ohr und sagte still: „Mein Gatte, mein geliebter Gatte!" Und er erwiderte : „Mein Weib, mein geliebtes Weib l" Dann bat er: „Kränke Dich ja nicht wegen der ausgebliebenen Hochzeitsgeschenke." Es war nach Mitternacht und selbst im Ghetto herrschte tiefe Stille. Golde und Nathan waren im Begriffe, den Heimweg anzutreten, um in ihre drei kleinen, leeren Zimmerchen zu kommen, in ihr erstes, gemeinsames Heim. Sie hatten jedes das Hochzeitsgewand an, das sie für den Tag ausgeliehen hatten; er trug einen Frack und Zylinder und sie hatte ein weißes Seidenkleid und weiße Schuhe; ihr Kopf war unbedeckt; Kranz und Schleier, in Papier sorgsam verpackt, hatte Nathan an sich genommen. Am Hinweg hatten sie einen Wagen gehabt, der bei ihrer Abfahrt großes Aufsehen und Ansammlung hervorgerusen. Sie hätten gewünscht, auch den Rückweg von der Trauung ins eigene Heim in derselben vornehmen Weise zurücklegen zu können, doch nach dem Nachtmahl stellte es sich heraus, daß sie gar kein Geld mehr hatten. Nr. 3 Die letzten Töne der Musik waren verklungen. Die Gäste kamen in Mänteln und Hüten Abschied zu nehmen. Jeder Einzelne schien es plötzlich sehr eilig zu haben, nach Hause zu kommen, um das junge Paar seinem Schicksal.zu überlassen. Nathan wollte sich ein oder zwei Dollars von einem Bekannten ausleihen. „Damit wir nach Hause fahren können, wie es sich für ein Brautpaar schickt," raunte er seiner jungen Frau zu. Aber Golde wollte nichts davon wissen, daß ihren Bekannten das volle Maß ihrer Armut verraten werde. „Nein, nein," rief sie, „ich gebe es nicht zu, daß Du für eine kurze Fahrt einen Dollar ausgibst, wie irgend ein Adeliger. Wir können zu Fuß gehen," sagte sie entschlossen, und als ob sie sich selbst strafen wollte: „Eine arme Frau, die es wagt, ihr ganzes Geld bis auf den letzten Kreuzer für eine Hochzeit auszugeben, muß bereit sein, nach der Hochzeit zu Fuß zu gehen." Als sie Beide allein auf der verlassenen Straße weilten, überkam das Gefühl der Einsamkeit sie so heftig, daß sie nicht zu sprechen wagten. So trotteten sie in bedrückendem Stillschweigen nebeneinander her; sie war auf seinen Arm gestützt und er preßte sie zärtlich an sich. Ihr Weg führte durch die ärmlichste und ödeste Gegend der Stadt. Die ganze Umgebung wirkte unheimlich und Golde schmiegte sich enger an ihren Gefährten. An einer Ecke, vor einem Branntweinladen standen mehrere Männer. „Schaut die einmal an, schaut nur! Ein fescher Bursche mit seiner Braut! Ich werde ihnen gratulieren. Ja, die kommen sicher von ihrer Hochzeit!" rief eine heisere Stimme. „Sie ist aber nicht größer wie eine Erbse." Diese Reden und besonders der letzte Vergleich wurden mit lautem Gelächter begrüßt. „Sag einmal, junger Mann, kannst Du Deine Braut in die Westentasche stecken?" Als Nathan und Golde sich schon etwas weiter entfenrt hatten, wurden sie mit irgend etwas beworfen; es schien eine Kartoffel oder eine Rübe zu sein. Dann hörte man wieder das wilde, laute Gelächter. Nathan wollte ihnen entgegentreten, aber Golde hielt ihn zurück. „Tue es nicht, sie könnten Dich töten," flüsterte sie und verfiel wieder in ängstliches Schweigen. Er machte nochmals den Versuch, sich zu befreien, um es seinen Angreifern heimzuzahlen; aber sie hielt ihn fest; jeder Nerv an ihr zuckte in dem Gefühl, daß sie an ihm ihren einzigen Schutz besaß. „Mach Dir doch nicht daraus, Nathan," sagte sie. Als sie auf ihrem einsamen Wege durch eine andere dunkle, verarmte Straße kamen, in der hie und da ein raschelnder Baum stand — ein melancholischer Zeuge besserer Tage — da fühlten sie mit einemmale, daß ein Strom von Glück sie vereine, der ihnen durch die Adern floß, und sie waren von dem Gefühl der Zusammengehörigkeit beseeligt, wie nie zuvor. Sie waren so glücklich, daß ihnen alles, was ihnen früher kränkend und schmerzlich war, die unangenehme Rotte hinter ihnen, die leeren Zimmer, in die sie heimkehrten, die kläglich mißlungene Hochzeit, plötzlich wie Nebensächlichkeiten erschienen — nichtssagende Zwischenfälle, die mit dem schönen Leben, in das sie nun einzogen, nichts zu tun hatten. Das ftühere Gefühl der Einsamkeit hatte sich in das beglückende Bewußtsein verwandelt, daß sie einer für den anderen geschaffen waren, um miteinander zu leben, um sich miteinander des Lebens zu freuen. „Mach Dir nichts daraus, geliebter Nathan," stammelte sie selig, nur ihr großes Glück empfindend. „Ich würde sie lehren!" antwortete er und zog sie an sich. „Ich würde ihnen zeigen, wenn sie es wagen möchten, meine Golde, meine Perle, mein Täubchen zu berühren!" Sie waren nun in eine finstere Seitengasse eingebogen. Ein leiser Wind strich über ihre Köpfe hinweg und verkündete lautlos die Ankunft eines Bräutigams, einer Braut. Und ein alter Baum flüsterte ihnen herzliche Wünsche zu. Schluß.