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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-01-19 · 3 (19.1.1906) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 3 Dr. Blocb s Mocbenscdrln. Seite 4.1 Ein jüdischer General-Major in Schweden. Der König von Schweden hat den Justiziar der Flotte Henrik Wolfs, Sohn des verstorbenen Rabbiners in Gothenburg Dr. M. Wolff, zum Expeditionschef (Ministerialdirektor) des Marineministeriums mit dem Range eines Generalmajors ernannt. Zu solch hoher Beamtenstellung ist bis jetzt in Schweden kein Jude gelangt. Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat weitere 800.000 Mark für die Opfer der russischen Judenverfolgungen an Rothschild and Sons in London überwiesen. Feuilleton. Eine Hochzeit im Ghetto zn Ueiv-Uork. Uebersetzt von Amelie Steinbans. Aus dem Englischen. (Fortsetzung.) Es war schon ziemlich spät am Abend; trotzdem waren erst wenige Leute in dem riesig großen Saal, in dem hunderte Platz gefunden hätten. Jeder einzelne fühlte sich unbehaglich und blickte nach der Türe, ob denn keine weiteren Gäste dazukämen. Um zehn Uhr hatte der Tanz noch nicht begonnen. Es war zu befürchten, daß die wenigen Tanzpaare, von dem Echo ihrer eigenen Schritte verscheucht werden müßten, denn im Saale war feierliche Stille. Die zwei Geigen, die Trompete und die Klarinette kreischten wie aus Schmerz und das blendende Gaslicht wirkte wie teuflischer Hohn. Da Hochzeiten und Unterhaltungen im Ghetto Seltenheiten sind, waren die Musikanten auch keine Künstler von Ruf, sie waren lauter armselige Gestalten: Es war eine verzweifelte Art, mit der die Bande ihre Instrumente bearbeitete. Endlich wurde es allen klar, daß die Gesellschaft wohl nicht mehr größer werde und daß es keinen Zweck hatte, die Zeremonie zu verschieben. Es war ein offenes Geheimnis, daß die meisten der Eingeladenen nicht erscheinen konnten, weil der allgemeine Arbeitsmangel sie gezwungen hatte, ihre besseren Kleider zu versetzen. Andere wichen der Ausgabe eines Hochzeitsgeschenkes aus oder sie waren durch Sorgen so arg in Anspruch genommen, daß sie zum Besuche einer Hochzeit nicht die geringste Lust hatten. Viele hielten es für ein Unrecht von Nathan, in einer Zeit, wo alles ohne Arbeit war, so ein Fest zu veranstalten. Es war nach zehn Uhr, als der Hochzeits-Barde, ein großer, hagerer Mann mit einem langen, grauen Bart und melancholischem Gesichtsausdruck, seine Kappe zog, und indem er sich den Tanzenden näherte, im Synagogenton rief: „Meine Damen, lasset uns die Braut bedecken." Zwölf von Israels Töchtern und die Musikanten folgten ihm in ein kleines Seitenzimmer, wo Golde zwischen ihren beiden Brautmüttern Platz nahm. Den orthodoxen Gebräuchen gemäß, hatte Golde den ganzen Tag gefastet und dieser Umstand, so wie der Aerger über das Ausbleiben der Gäste, bewirkten es, daß sie leichenblaß war. Kranz und Schleier erhöhten diesen Eindruck noch mehr. Als alle sich feierlich im Raume versammelt hatten, saß Golde mit einem Ausdruck da, als ob der Barde ein Scharsrichter sei, der sie zum Schafott führen wolle. Die Gesänge und Ansprachen an die Braut bestehen aus Gebeten und Reden, die mit einer melancholischen Betrachtung über Leben und Tod schließen. Es wird bei diesem Anlasse der Dahingeschiedenen Angehörigen der jungen Frau klagend Erwähnung getan, ihre Trauer um dieselben geschildert und dann wird sie ermahnt, ihre heiligen Pflichten als Gattin, Mutter und Dienerin Gottes getreulich zu erfüllen. In Versen komponiert und in feierlich, klagendem Rezitativ deklamiert, öfters durch den traurigen Gesang der Barden unterbrochen, trägt die Zeremonie reichlich dazu bei, Tränen zu entlocken, wenn die Herzen auch freudig gestimmt find. Goldes Trauung rief denselben Eindruck hervor wie ein Leichenbegängnis. Der Barde, der selbst halb verhungert war, besang wohl auch die Qual seines eigenen Herzens: die Violinen weinten, das Klarinette wehklagte, die Trompete und die Baßgeige ächzten, jedes erzählte die traurige Geschichte von der Armut seines Meisters. Er sang: Horchet, gute Frauen, auf mein Lied! Braut, Du stellst heute vor dem Allerhöchsten Bete, daß er Deinen Bund segne, Auf daß Du und Dein Gefährte hundert und zwanzig friedliche Jahre verleben, Möge er Euch das tägliche Brot geben Und den Hunger von Eurer Tür fernhalten. Mehrere Frauen, Golde mitinbegriffen, brachen in Tränen aus, die Anderen fuhren sich über die Augen. Der Sänger stimmte einen Trauerchoral an und die ganze Gesellschaft weinte. Der Sänger fuhr fort: Weine, Braut, weine Es ist die Zeit der Tränen. Gedenke Deiner vergangenen Tage, Leider, leider sind sie für immer vorüber Und kehren nicht mehr wieder. Unbekümmert um das konvulsivische Schluchzen, das im Saale widerhallte, fuhr er fort, zu deklamieren und sang mit vor Bewegung zitternder Stimme: Und Deine gute Mutter jenseits des Ozeans, Und Dein Vater im Grabe ruhend. In jenem Orte, wo Deine Wiege stand. Weine, Braut, weine! Wenn seine Seele auch glücklicher ist, Als wir auf Erden sind, In 9tot und Sorge und unendlicher Qual. Weine, Braut, weine! Plötzlich, gerade als die Versammlung sich anschickte, diese extemporierten Verse zu wiederholen, hörte man einen Schrei — die Braut ist ohnmächtig! Wasser, schnell! Mörder, die Ihr seid! flammte eine ältliche Matrone auf, obgleich sie das Talent des Barden eben noch sehr bewundert hatte, nun aber über dessen unglückliche Folgen sehr erzürnt war. Golde wurde gelabt und erholte sich bald. Der übrige Teil der Zeremonie ging ohne Zwischenfall vorüber. Sie ließ Alles über sich ergehen. Als der Bräutigam von zwei Männern geleitet, die jeder einen Kandelaber trugen, zur Braut kam, um ihr den Schleier über das Gesicht zu ziehen, schaute sie ihn an, als ob sie Mühe hätte, die Situation und Nathan zu erkennen. Als sie dann mit verbundenen Augen in die Halle geführt wurde und an der Seite des Bräutigams unter dem Baldachin stand, mußte sie siebenmal um ihn herumgehen; sie gehorchte allen Geboten mit der Passivität einer Hypnotisierten. Nach den sieben Segenssprüchen, als der Kantor ihren Schleier leicht in die Höhe hob, um ihr das Weinglas an die Lippeu zu reichen, kostete sie von dem Weine wie eine Kranke von der Medizin. Dann fühlte sie einen Ring auf ihren Finger gleiten und hörte, wie Nathan sagte: „Sei mein, durch diesen Ring, gemäß den Gesetzen Moses und Israels." Golde sagte nun zu sich selbst: „Jetzt bin ich eine verheiratete Frau!" Aber in diesem Augenblicke schienen ihr die Worte bedeutungslos. Sie wußte, daß sie verheiratet sei, aber sie konnte nicht recht begreifen, was das bedeute. Als Nathan das Weinglas zertrümmerte und die Musik eine fröhliche Melodie spielte und Alles ihnen zurief: „Viel Glück, viel Glück!" und alles ihnen die Hand reichte, und die älteren Frauen sie umarmten, da fühlte Golde, daß sie die große Feuerprobe bestanden habe. Sie konnte sich aber noch immer nicht zurechtfinden. Erst eine Viertelstunde später, als sie an der Spitze eines der drei großen Tische saß, wurde sie sich der Veränderung ihrer Stellung vollkommen bewußt. ■TOB3S3T-1“ --'"■rTiBiiii

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