Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 38 Dr. Dlocb's Mlocbenscvrm. $Jtr. 3 alle Völler und Stämme dieses Reiches zur gegenseitigen Achtung und Duldung und zur gemeinschaftlichen friedlichen Kulturarbeit auszurufen. Demnach müssen die Juden alle Bestrebungen unterstützen, welche die nationalen, kulturellen Interessen aus dem politischen Kampfe ausscheiden wollen. Das ist das Streben zur Erlangung der nationalen Autonomie in Oesterreich. Die kulturellen und nationalen Postulate dürfen nicht mehr ein Politikum sein, sondern müssen den einzelnen Völkern zur Selbstbestimmung überlassen bleiben, damit den großen Problemen der Zeit, den wirtschaftlichen und politischen Fragen Raum geschaffen werde. Die nationale Autonomie setzt aber das allgemeine und gleiche Wahlrecht voraus, denn sonst würde sie nur die Vorherrschaft einer Klasse stabilisieren, derselben Klaffe, die an den nationalen Kämpfen ein so lebhaftes Interesse hat. Das Selbstbestimmungsrecht muß von den Völkern in ihrer Gesamtheit und nicht durch eine Klasse ausgeübt werden. Zum Schutze der Minoritäten in den Völkern selbst muß aber dazu das Proportionalwahlverfahren angestrebt werden. Dieses sei für die Juden von besonderer Wichtigkeit. Die Juden sind 4'8 Perzent der Bevölkerung gegen 2 9 Perzent der Italiener und 5 Perzent der Slovenen. Während nun den ersteren angeblich 18 Mandate, den letzteren 14 Mandate zugestanden worden sind, werden die Juden auch nicht die Möglichkeit erhalten, auch nur einen einzigen Vertreter ins Parlament zu entsenden. Wenn es ferner richtig ist, daß zur Sicherung des nationalen Besitzstandes nationale Wahlkurien eingeführt werden, dann müssen die Juden ebenfalls die Forderung nach einer eigenen Kurie erheben. Unter allen Umständen muß aber die Schaffung von jüdischen Wahlkörpern in Galizien und der Bukowina gefordert werden, denn es kann nicht geduldet werden, daß man über 11 8 Perzent, resp. 12 9 Perzent einfach zur Tagesordnung übergehe, nur weil sie Juden sind. Redner schloß mit einem begeisterten Appell an die Anwesenden, in diese Bewegung, die bereits Hunderttausende ergriffen hat, einzutreten. Die Mission, daß wir das auserwählte Volk sind, auserwählt, um in Schmach und Knechtschaft, Bedrückung und Elend anderen zu dienen, auserlesen, um ein Drei- und Vielfaches leisten zu müssen, um nur ein Einfaches der Lebensführung zu gewinnen, auserlesen, um von jedem Buben besudelt zu werden, nur weil ihn eine arische Mutter geboren hat, wollen wir endgiltig begraben. Nur wenn wieder der eine Gedanke uns erfüllen wird, der Gedanke von der Einheit aller versprengten Teile des Judentums zu einem unteilbaren Ganzen, dann dürfen wir sagen: Wir haben unsere Miffion, wie jedes andere Volk: „Glücklich leben zu wollen, wie alle anderen Völker". Advokat Dr. Zins erklärt, er habe in einer Vertrauensmännerversammlung, die vom Vorstande der Oesterreichisch- Jsraelitischen Union einberufen wurde und in der sich sämtliche Anwesenden gegen die jüdisch-nationale Kurie aussprachen, sich für eine solche erklärt, für den Fall, als nationale Kurien eingeführt werden. Man bestreitet, daß die Juden eine Nation seien, weil sie keine eigene Sprache haben. Aber die Sprache sei kein notwendiges Kriterium der Nationalität. Es gibt auch jetzt Völker, die keine eigene Sprache haben. Die nationale Individualität der Juden gründet sich auf ihre gemeinsame 2000jährige Leidensgeschichte, auf ihren heldenmütigen Kampf für ihren Glauben und ihre gemeinsame Kultur. Man behauptet, durch die jüdisch-nationale Kurie werde eine Absonderung, eine Separation, ein Ghetto geschaffen. Ja! soll denn dies erst durch die Kurie geschaffen werden?! Wir haben uns 30 Jahre zu affimilieren versucht, waren Stützen der nationalen Parteien, wir waren die deutschesten Deutschen, die polnischesten Polen und gewiß die liberalsten Liberalen; wo sind die politischen und wirtschaftlichen Erfolge, blieben wir nicht faktisch im Ghetto? Man klagt, daß wir unter dem antisemitischen Regime nicht ernannt werden und nicht avancieren. Wo sind die jüdischen Hofräte in den höchsten Justiz- und politischen Behörden, die zur Zeit der Affimilations-Aera ernannt wurden und avanciert sind? Wenn nationale Kurien gebildet werden, muß auch eine jüdische gebildet werden. Nur als solche können wir ein Faktor im Wahlkampfe sein. Dr. Zins befürwortet noch die Teilung der Wahlbezirke in städtische und ländliche und das Proportionalwahlverfahren und empfiehlt eine Organisation der Wahlaktion im ganzen Reiche, besonders in Galizien. Lucian Brunner erklärt, die Proportionalwahl würde es nicht zulassen, daß in der Inneren Stadt Wien 5000 Wähler 6 Abgeordnete und 4000 — keinen hätten. Das System werde den Juden ermöglicken, sich nach Belieben einer Partei anzuschließen. Hieraus wurde eine Resolution angenommen, in der das gleiche Wahlrecht mit Proportionalverfahren zum Schutze der Minoritäten und für den Fall der Schaffung nationaler Kurien auch jüdische Wahlkörper verlangt werden. Die Sozialdemokraten stimmten bloß für den ersten Teil der Resolution. Im „Hotel Union" im neunten Bezirk referierte Schriftsteller Dr. Paul Weisengrün. Die Juden seien derzeit einfach politische Schnorrer. Wenn man aber das Bekenntnis zur jüdischen Nation „reaktionär" heißt, so möge man nur einen Blick auf die jüdischen Revolutionäre Rußlands werfen, denen es gar nicht einfällt, ihre Nationalität zu verleugnen. In Galizien wohnen die meisten Juden in ruthenischen Gegenden und sie werden von den Ruthenen auf's Aeußerste verfolgt werden, wenn sie sich nicht von den Schlachzizen des Polenklub emanzipieren. In den Sudetenländern wieder sind die Juden von den Tschechen wirtschaftlich boykottiert — aber werden sie deßhalb von den Deutschen geschützt? Nathan Groß namens der „Poalei Zion" erklärt, für die Sozialdemokratie werde die jüdische Kurie nur ein Vorteil sein, weil sie vom Vorwurf der „Verjudung" dann frei sei. Dr. Birnbaum (Mathias Ach er) warnt die Sozialdemokratie vor einer einseitigen Behandlung der Frage. In der Versammlung in Mariahils, die im „Hotel Savoy" stattfand, referierte Richard Rapaport. In Oesterreich leben 1,200.000 Juden und eine gerechte Verteilung müßte ihnen 20 Mandate schaffen. Die Autonomie müsse in der Gemeinde beginnen und sich bis zum Reich fortsetzen. An national organisierten Verwaltungsbehörden würden auch die Juden Vertretungen erhalten. Der zweite Referent, Advokat Dr. Ernst Franz W e i s l, nahm u. a. Stellung gegen die Behandlung der Frage durch die sozialdemokratischen Führer, die wohl den anderen Nationalitäten eine Sonderorganisation zugestehen, nur den Juden nicht, die sie mit ihren nationalen Forderungen stets zurückweisen. Lemberg. „Slowo Polskie" veröffentlicht mit Bezug auf die Wiener Konferenzen, die vom 4. bis 8. d. M. währten, ein Gespräch mit dem Abgeordneten Dr. B y k über die Chancen der jüdischen Mandate in Galizien. Dr. Byk erklärte, der Hinwegfall der Handelskammerkurie in Verbindung mit der Möglichkeit, daß Stadt und Land nicht gesondert und daß die Städte Krakau und Lemberg nicht in Wahlbezirke geteilt werden, bedeutet tatsächlich eine große Gefahr für die jüdischen Mandate. Nach den Wiener Konferenzen könne von dieser Gefahr keine Rede mehr sein. Ich kann, sagte Dr. Byk, wegen des vertraulichen Charakters der Konferenzen keine näheren Mitteilungen machen, doch soviel darf ich wohl sagen, daß ich alle meine Mühe und Sorgfalt daran gesetzt habe, um eine Anzahl jüdischer Mandate nach dem Besitzstände zu Beginn der vorletzten und der gegenwärtigen Session aufrecht zu halten. Ich habe viel Entgegenkommen gefunden und kann meine feste Ueberzeugung dahin aussprechen, daß mit der neuen Wahlreform wenigstens fünf bis sechs Wahlbezirke mit jüdischer Mehrheit geschaffen werden. In einer weiteren Mitteilung heißt es: Es sollen dem Universitätsprofessor Dr. Rosenblatt in Krakau, Dr. Byk in Lemberg, Dr. Löwenstein in Brody, Dr. Kolischer in Przemysl und dem Advokaten Dr. Goldhammer in Tarnow Reichsratsmandate gesichert werden. Der Reichsrats-