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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-01-19 · 3 (19.1.1906) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Seite 37 Korrespondenzen. Wien. Der Vorstand der „O e st e r r e i ch i s ch- Jsraelitischen Union" hat in einer am 10. d. M. unter Zuziehung einer Reihe von notablen Vertrauensmännern abgehaltenen Vollversammlung die in einigen Kreisen der jüdischen Bevölkerung aufgetauchte Bewegung für die Schaffung einer „jüdischen Autonomie" und einer jüdischen Wahlkurie in Beratung gezogen und mit Stimmeneinhelligkeit sich in bestimmtester Weise gegen diese Bestrebungen um eine nicht zu rechtfertigende politische Sonderstellung der Juden in Oesterreich erklärt und beschlossen, diese ihre Stellungnahme in geeigneter Weise zur Kenntnis der jüdischen Wählerschaft zu bringen. Baronin Suttner gegen die russischen Judenmassakres. Der Verein zur Abwehr des Antisemitismus veranstaltete zugunsten der Opfer der russischen Judenmassakres im Sophiensaal eine Akademie mit glänzendem künstlerischen Programm, der ein elegantes Publikum beiwohnte. Ganz außerordentliches Interesse gewann der Abend dadurch, daß Frau Baronin Berta Suttner im Saal erschien und, von minutenlangem Beifall begrüßt, an die Gäste eine Ansprache hielt, in der sie an den russischen Judenmassakres in heftigen Worten Kritik übte. Die interessanten Ausführungen der Baronin seien im nachstehenden wiedergegeben: „Meine geehrten mitfühlenden, mitleidenden und mithelfenden Mitmenschen! Ein gar trauriger Anlaß ist es, der uns heute hier zusammenführt. Der Verein, von dem die gegenwärtige Veranstaltung ausging, ist von Artur Gundacker v. Suttner, dem mir entrissenen Lebensgefährten, gegründet worden, und in seinem Namen stehe ich hier. In seinem Geiste will ich Sie begrüßen, wie er es getan hätte, hätte der Tod nicht seine Lippen auf ewig versiegelt. Ein „trauriger" Anlaß, sagte ich vorhin — mehr noch, es ist ein Anlaß, der einem die Schamröte ins Gesicht treiben könnte, daß man ein Zeitgenosse ist. Doch gerade bei solchen Anlässen empfindet man es als Trost, daß sich immer noch verwandte Geister und erbarmungsfähige Herzen zusammenfinden, um gemeinsam zu helfen und vereint ihrer Empörung Ausdruck zu geben. In dieser Empörung aber liegt die Gewähr, daß die Kräfte am Werke find, die eine lichtere Zukunft herbeiführen werden, wo für Opfer der Massakres — feien es Juden oder Armenier, Russen oder Japaner, Deutsche oder Engländer — keine Wohltätigkeitsakademien mehr stattfinden, weil Massakres überhaupt aufgehört haben werden, ein menschenmögliches Beginnen zu sein." Baronin Suttner bringt an dieser Stelle zwei stimmungsvolle Gedichte zum Vortrag, poetische Bilder aus Judenmassakres, deren Autoren Freiherr v. Doblhoff und Paula E i s n e r sind, und fährt dann fort: „Ich möchte noch etwas sagen, das mir auf dem Herzen liegt — ein paar Worte ins Gewissen reden — nicht Ihnen — zum Fenster hinaus: Man soll nicht denken, es sei bei solchen Tragödien mit ein bißchen Mitleid und ein bißchen Almosengeben genug getan. Verfolgte und Beraubte stehen vor ihren Zeitgenossen nicht als Bettler da, sondern als Schuldmahner. Schuld im doppelten Sinne des Wortes. Schuld der Gesellschaft liegt da vor, Schuld des Tiefstandes der allgemeinen Kultur — und das nicht etwa in einem Lande allein, sondern überall, wo noch ein Stück Mittelalter in unsere Zeit hereinragt. Und was das sogenannte Wohltun betrifft — allem Elend gegenüber ist Verhüten unberechenbar höher anzuschlagen, als die nachträglichen Milderungsversuche. Während für die Opfer der Massakres ein paar Hunderte oder Tausende gesammelt werden, wurden ohne Zögern Millionen für Kriegsanlehen gezeichnet, die ja auch Massakreanlehen find. Glaubt man denn wirklich, daß man einen Menschen, dem man seine ganze Habe vernichtet hat und der vielleicht sehen mußte, wie man sein Kind an der Mauer zerschellte, wie man den kranken Vater aus dem Bette riß, wie man vor seinen Augen sein Weib — - doch, ich halte ein, ich will die Greuelchronik nicht wieder aufleben lassen, ich will nur fragen: kann man einen solchen Menschen trösten mit der Quote einer Sammlung? Und soll es ihn dankbar rühren, wenn man ihm sagt: „Ich bedauere dich?" Nein, zu heftigerem, leidenschaftlicherem Fühlen und zu größeren Taten müssen die Zeitgenossen sich aufschwingen. Bedauern genügt nicht; sie müssen selber es als ihr eigenes, herzbeklemmendes Unglück empfinden, daß solches geschehen ist und — noch weiter geschehen kann. Aber nicht als ein Unglück, unter dem man demütig zusammenbricht, sondern gegen das man in aufrechter Haltung ankämpft. Und das ist der Wert von Veranstaltungen wie die heutige: über den humanitären Zweck hinaus haben sie einen zivilisatorischen Wert, denn sie haben den Charakter eines Protestes. Ich schließe mit der letzten Strophe des Doblhoffschen Gedichtes — die eine Trutzstrophe ist: „Was hier getan, was hier gegeben. Es ist ein hohes Werk, in Ehr' getan; Ihr habt gerettet Eures Nächsten Leben, Ihr habt getrotzt dem blinden Rassenwahn." Baronin Suttner sprach mit starkem, leidenschaftlichen Ton und wurde vom Publikum mit stürmischem, andauernden Beifall ausgezeichnet. Hierauf folgte der künstlerische Teil des Programms. Herr Demuth und Fräulein Bland von der Hofoper entzückten durch einige Liedervorträge. Hofschauspieler Treßler erheiterte durch humoristische Kleinigkeiten und Frau Niese sang, natürlich unter lautem Jubel, einige lustige Chansons. Unter den Anwesenden bemerkte man unter anderen: Baron Dr. v. S e i l l e r, Baron Josef Doblhoff, Gemeinderat Eltbogen, Reverend Hechler von der englischen Botschaft. Sektionsrat Hertz, Wilhelm Ritter v. Hochländer, Direktor Emanuel Raumann, Professor Dr. S. Klein, Jofef Eisler Edlen v. Terramare, Direktor Wilhelm Kux, Kommerzialrat Reisenleitner, Professor Dr. Michael Großmann. Zur Wahlrechtsfrage. In Sachen der jüdischen Autonomie haben in ganz Oesterreich einige hundert Versammlungen stattgefunden. Mit der Tagesordnung „Die politische Zukunft der Juden in Oesterreich" fanden zuletzt Sonntag in Wien drei jüdische Volksversammlungen statt. In zwei Versammlungen kam es zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen Jüdischnationalen und Sozialdemokraten. In der Versammlung im Ronachersaal hatte der Obmann des zionistischen Landeskomitees Dr. Schalit das Referat. Dr. Schalit sagte unter anderem: Das Jahr 1906, in dem sich der Ausblick auf die nationale Autonomie ergab, beschließt einen Entwicklungsprozeß, der 100 Jahre vorher, 1806, begonnen hat, den Verlust der Hegemonie der Deutschen in Oesterreich. Dieselben Jahre beschließen aber auch eine Periode der jüdischen Geschichte. 1806 berief Napoleon das Synhedrion ein. der Assimilation wurde der Weg frei gemacht. 1906 stehen die Juden an offenen Gräbern und beweinen nicht nur ihre Märtyrer, sondern auch eine zerstörte Hoffnung. In Oesterreich speziell hatten die Juden ihre Hoffnung in den Freisinn und in die Macht des deutschen Bürgertums gesetzt, dem sie sich vollkommen ergaben. Aber das deutsche Bürgertum von heute ist nicht mehr das Bürgertum von anno 48. Es hat nicht nur seine Vorherrschaft, sondern auch seinen Freisinn verloren. Und so find die Juden bankerott geworden. Der Selbsterhaltungstrieb muß die Juden zwingen, jeder Politik entgegenzutreten, die den Staatsintereffen zuwiderläuft. Oesterreich sind nicht die Deutschen, auch nicht die Tschechen oder Polen, sondern alle guten und modernen Menschen, welcher Sprache und welcher Nation sie auch seien, die ihren Patriotismus nicht nur in der Erhaltung des gemeinsamen Territoriums erblicken, sondern auch in der gemeinschaftlichen Aufgabe,

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