Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 34 Dr Ltocd s Mlocbenscdrm. Nr. 3 Denn hätte man die Hunderttausend im Auslande untergebracht, so wäre der russischen Judennot durch diese Entlastung die schärfste Spitze abgebrochen. So aber werden es die eingeschüchterten Emigranten wohl versuchen, zuhause zu leben, große Mengen werden aber bestimmt vom Selbsterhaltungstrieb, vom Hunger getrieben sich bald wieder über die Grenze durchschlagen und durchbetteln, wie sie es in Wirklichkeit ja schon getroffen haben. Der Hunger stumpft ja das Gehör auch gegen Frankfurter Beschlüsse ab. Dann wird das Geld zu ihrer Weiterbeförderung nicht mehr aufzutreiben sein und statt in freien Ländern frei leben zu können, werden sie erst recht tun, was man in Frankfurt hindern wollte: Mit der ganzen Schwere ihrer Lebensbedürfnisse auf die ohnehin stark bedrängten Juden des Kontinents fallen. Damit geben wir den Antisemiten erst recht die Waffen in die schmutzigen Hände. Jetzt schon erheben sie ein wütendes Geschrei, ihr Fanatismus wird aber noch ins Grenzenlose steigen, wenn ihnen ein Tatbestand geliefert wird. Wirkliche Hilfe für die russischen Brüder, wirklichen Schutz für die Juden der Nachbarländer gibt also nur eine zielbewußte und energisch unterstützte Auswandererbewegung. Dieser stehen allerdings mancherlei Bedenken gegenüber. Widerstand der gesetzgebenden Körperschaften und der Bevölkerung ist fast überall zum Empfang unserer Emigranten gerüstet oder in Kürze zu befürchten. Glücklicherweise aber ist die Welt noch nicht überall verschlossen und die Juden tüchtig und lebensfähig genug, um sich selbst unter schweren Anfängen durchzuarbeiten. Es ist wohl kürzlich von maßgebender, politischer Seite eine Berechnung über allzu große Kosten einer jüdischen Siedelung angestellt worden. Sie ist unrichtig; vor allem wird eine Ansiedelung fortschreitend umso billiger, je stärker der Grundstcck anwächst; dann darf wohl auf die Salzburger Protestanten, auf die Ouäcker, Buren und Mormonen hingewiesen werden, um zu zeigen, daß Rechnungen in einen kleinen Bruchteil verkleinert werden, wenn starke, innere Bedürfnisse und Fähigkeiten in Frage kommen. Die russischen Juden würden gewiß alles tun, um nie mehr russisch zu werden und immer Juden zu bleiben. Es läßt sich bei einem Kolonisationsplan viel Geld durch den Anruf ihrer Leidenschaften und ihrer Tüchtigkeit . ersparen. Viele jüdische Körperschaften und Politiker werden sich in vierzehn Tagen in Brüssel versammeln. Man wird sehen, ob dort eine kühle, klärende Antwort auf eine brennende und noch verwirrte Frage gefunden wird. I. U p r i m n y Die amerikanische Ualionalkonferen;;nr Keratung des Gmigralionsmesens. Nebst den Greueltaten gegen die russischen Juden beschäftigt sich die öffentliche Meinung Amerikas seit mehreren Wochen sehr lebhaft mit der Einwanderungsfrage. Die Zahl der Auswanderer nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist seit zwei Jahren wieder in lebhafter Zunahme begriffen und ist von 812.870 im Vorjahre auf 1,026.499 im Berichtsjahre gestiegen. Davon waren Oesterreicher 276.395, Russen 221.479, Süditaliener 186.390, Deutsche 184.897, Skandinavier 60.625, Engländer 64.709 und Irländer 62.945. Die Zahl der eingewanderten Juden belief sich auf nicht weniger als 129.910 12 6 Perzent der gesamten Immigration gegen 106.236 im Vorjahre und 76.203 im Jahre 1901/02. Davon kamen 92.388 aus Rußland, 17.552 aus Oesterreich und 3854 aus Rumänien. Die Zahl der Juden aus Oesterreich und Rumänien hat sich gegen das Vorjahr zusammen um 5451 vermindert. Dagegen tritt England in diesem Jahre zum erstenmale als jüdisches Emigrationsland in den Vordergrund. Es kamen aus diesem Lande 14.299 Juden gegen 817 im Vorjahre. »Angesichts dieser Zahl und der Tatsache, daß selbst England seine jüdische Bevölkerung nach Amerika abzugeben beginnt, hat die im Monat Dezember vorigen Jahres auf Veranlassung der National Civic Federation in der Konzerthall zu New-Iork stattgefundene Nationalkonferenz zur Beratung des Einwanderungs- Wesens für uns Juden.ein ganz besonderes Interesse. An derselben nahmen 500 Delegierte, darunter 41 Gouverneure sowie zahlreiche Vertreter von Handelskammern und Gewerkschaften teil. Gleich am ersten Tage besuchte die Konferenz in eorpore Ellis-Jsland, um einem Verhör der an diesem Tage mit dem Kaiser Wilhelm II. aus Bremen angekommenen 746 Einwanderer beizuwohnen. Die Beratungen der Konferenz, welche unter Leitung des Herrn August Belmonte stattfanden, dauerten volle drei Tage. Zunächst wurde ein Schreiben des Kardinal Gibbons, das in warmen Worten die ungestörte Zulassung der Emigranten empfahl, verlesen. Von den hervorragenden Rednern, welche in dieser dreitägigen Debatte für oder gegen die Immigranten das Wort ergriffen, heben wir hervor: Oskar Strauß, Franc. P. Sargent, Simon Wolff, Mr. Carnegie, Samuel Gompers und Professor Elliot. Oskar Strauß, der als dritter Redner zu Worte kam, wies in der Einleitung darauf hin, daß seine beiden Vorredner selber eingewanderte Fremde sind. Es handelt sich aber nicht darum, ob die Immigration weiter zugelassen werden soll, sondern um die Frage, wie die Immigranten über das ganze Land zu verteilen wären. Menschen, die den Mut finden, ihr Vaterland zu verlassen und über den Ozean zu gehen, sind mir schon von vornherein sympathisch. Auf Geld soll weniger geachtet werden, als auf persönliche Tüchtigkeit. Mir ist ein tüchtiger Kerl mit strammen Muskeln lieber, als einer mit einer vollen Börse. Sehr interessant war die Rede des General Oornrnissioner ok Immigration, Franc. P. S a r g e n t, der gleichfalls in erster Reihe Beschlüsse über die Verteilung der Einwanderer über das ganze Land empfahl. Von den ganzen 1,026.000 Personen, die im Jahre 1904/05 in Amerika eingewandert sind, haben sich nicht weniger als 777.748 in den sechs Staaten New-Hork, Pennsylvanien, Massachusetts, Illinois, New-Jersey und Ohio niedergelassen, während der ganze Süden und der menschenhungrige Westen sich mit dem geringen Rest begnügen mußten. Des Ferneren empfahl Redner, die Prüfung der Immigranten schon in den Einschiffungshäfen vorzunehmen. Von den 11.878 Unglücklichen, welchen in diesem Jahre die Landung verweigert werden mußte, ist der größte Teil ein Opfer der Agenten gewesen, die wegen schnöden Gewinns von wenigen Dollars sie zur Auswanderung aufstachelten. Simon Wolff: Einige Herren hier haben zu sehr auf ihre rein amerikanische Abstammung gepocht. Ich habe es nicht nötig, mich hier zu entschuldigen, daß ich Jude bin und an den Ufern des Rheins das Licht der Welt erblickt habe. Die Einwanderer sind ebensolche große Patrioten wie die wenigen, die auf ihre rein amerikanische Abstammung so stolz sind. Ich erinnere nur an den polnischen Juden Chaim Salomon, der, als die Truppen Washingtons im Valny Forge Hungers starben, der Revolutionsregierung 300.000 Dollars geliehen hat, ohne von dem Gelde je einen Pfennig wiedergesehen zu haben. Ich erinnere ferner daran, daß während des Bürgerkrieges die Uramerikaner in New-Iork ihre Negersklaven an Laternenpfählen aufknüpften, die Immigranten und die Söhne von Immigranten aber auf den Schlachtfeldern für die Einigkeit der Republik kämpften. Auch im Jahre 1898 haben die russischen Juden in sehr großen Scharen unter dem Sternenbanner gegen die Spanier gefochten. Es wurde hier empfohlen, von den Immigranten einen Eingangszoll von 40 Dollars pro Kopf zu erheben. Das wäre ein Verbrechen gegen die Menschheit. Ein großer Teil der jüdischen Einwanderer aus Rußland kommt nicht freiwillig hieher, sondern weil sie von Christen dazu gezwungen wurden. Es wäre eine Schmach für Amerika, solche Unglückliche, die schon zuhause ausgeplündert worden sind, hier in Amerika nochmals ausplündern zu wollen. Den Glanzpunkt der Konferenz bildete eine Rede Mr. Carnegies, der ungefähr folgendes ausführte: Es gibt in Amerika sehr viele ernste Probleme zu lösen, die Jmmigrationsfrage zähle ich nicht dazu. Die Jmmigrationsfrage ist überhaupt nicht wichtig.