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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-01-19 · 3 (19.1.1906) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ur. 3 Dl*« Bloch’s Aahrga«s XXIII Zentralorgan für die gesamten Unter essen des Judentums. Wim, 19. Jiinner 1906. Lrscbetnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Miten, IX/1, Werggasse 39. Telegramm-Adresse: 3BIocb's 'MoedenscLritt, UAien. Inhalt: Leitartikel: Zur Frankfurter Konferenz. -- Die amerikanische Nationalkonferenz zur Beratung des Emigrationswesens. — Aus Heinrich Heines Jugendzeit 1805—1839. — Korrespon denzen: Zur Wahlrechtsfrage Professor Dr. Gustav Bickell. Baronin Suttner gegen die russischen Judenmassakres. Generalversammlung des Tempelvereines des XIII. Bezirkes. Linz. Leichenbegängnis des Kultusvorstehers Hermann Löw. Budapest, Prag, Saaz, Pisek, Tabor, Konstantinopel. Arisches Christentum. — Vermischtes: Wien-Mariahilf, Wien, Wohltätigkeitsakademie des Vereines zionistischer Frauen und Mädchen „Fünfhaus". Jüdische Toynbeehalle, Fünfhaus. Jüdische Toynbeehalle, XX., Othmargaffe 46. Der Brigittenauer israelitnche Untersttttzungsverem. Verein Kinderheim. Floridsdorf, Neuhaus, Lemberg, Brünn, Jglau. Israelitischer Frauenverein Olmütz. Jakob Klauber. Vukovar, Budapest. Ein jüdischer General-Major in Schweden. Berlin. — Feuilleton: Eine Hochzeit im Ghetto zu New-Iork. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. Ä-:-S N. ft. Postsparftassen-Amt Gleartng-lDerftebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien lX/1. Werggasse Mr. 39. 1'Slel-o» Nr. 14.847. ©-« S-• Bejugspcrta für Vestrrrrich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. ©-« Zur Frankfurter Konferenz. Die Herren von der Frankfurter Konferenz über die russische Judenfrage haben nur den letzten Schluß ihrer Weisheit einem p. t. Publikum unterbreitet. Der lakonische Auszug aus ihren Beratungen lautet: Die Judensrage kann nur in Rußland gelöst werden, eine Auswanderung wird nicht unterstützt. Wir Juden sind aber nun einmal leider oder Gott sei dank so geartet, daß wir erst dann mittun und gehorchen, wenn unser Verstand und unser durch Leiden gut erzogenes Gemüt einverstanden sind. Diese beiden finden nun den lakonischen Auszug im Wesen drakonisch und die Herren haben es dem Mangel jeder Begründung zuzuschreiben, wenn wir gegen ihre Beschlüsse Front machen. Als gerechte Gegner wollen wir es versuchen, in unserer Phantasie den verschwiegenen Gedankengang der Frankfurter Beratungen herzustellen, um dann unsere Antwort geben zu können. Es ist richtig, daß viele Länder harte Einwanderungsgesetze haben, daß sie diese Gesetze noch verhärten und andere Reiche dem schlechten Muster folgen werden, wenn ein starker Zustrom armer Juden sich bemerkbar macht. Niemand wird leugnen, daß die gesellschaftliche Stellung und der Erwerb der westlichen Juden durch Zuzug aus dem Osten schwere Einbuße erleiden. Auch die Kosten einer Auswanderung fallen stark ins Gewicht. Trotzdem ist ein anderer Ausweg als der in Frankfurt beschlossene wünschenswert. Offenbar war man derselben Ansicht, wie sie ein deutscher Reichskanzler nun einmal öffentlich aussprechen muß, wenn er im Reichstag gefragt wird: „Die freundnachbarliche russische Regierung hatte allerdings mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen; diese sind aber nun überwunden, und es ist wohl zu hoffen, daß der ruhigen Entwicklung nichts mehr im Wege stehen wird." Auf solchen Diplomatenjargon und Mitteilungen der offiziösen Telegraphenagentur mögen die Börsen etwas geben. Abgeklärte Politiker werden sich der Einsicht nicht verschließen, daß es wahrscheinlich nicht die letzte Panik war, die uns im November betraf. Weder die russische Revolution noch die Gegenrevolution, die es auf die Juden so scharf hat, haben ihr letztes Wort gesprochen. Des Weiteren stehen die Wahlen in die Duma bevor, bei denen eine Menge Agitatoren der herrschenden Partei in Tätigkeit stehen werden. Auch ist die mandschurische Armee auf dem Heimweg, einige hunderttausend verwilderte Gesellen, arbeitsentwöhnt und gewalttätig. Ueber allen diesen Tatsachen aber steht noch die außerordentliche Hungersnot, die infolge der schlechten Ernte Rußland bevorsteht. Die unvermeidlichen Bauernunruhen werden von Elend in den Städten begleitet sein. Wie sollen nun in letzteren in nächster Zeit die hunderttausende jüdischer Existenzen wieder Wurzel fassen, die Lustmenschen nach den letzten Pogromen? Man reißt die noch schwachen und schwankenden Existenzen mit ins Verderben, wenn man ihnen die aus Hunger wütenden Konkurrenten nicht wegnimmt. Hilfe für die russischen Juden! hieß es anläßlich der Sammlungen. Die russischen Auswanderer bei den gegenwärtigen Aussichten zurückschicken heißt sie nach Rußland verbannen, heißt sie zur Hölle schicken Aus unscheinbaren Telegrammen können wir Juden ja Wichtiges erfahren. Die neueste Mode der Petersburger Telegraphenagentur ist es, an jeden Bericht von einem revolutionären Ereignisse die Worte anzuknüpfen: Die Täter waren Juden. Es ist klar, daß sich Vetter Tschinownik für eventuelle neue Heldentaten an den Juden im Voraus entschuldigen will. Wollen wir seine gütigen Entschlüsse noch einmal mit 16 Millionen bezahlen oder wollen wir nicht doch so viel als möglich in Sicherheit bringen? Dabei haben die nach Rußland entsendeten Vertreter des Hilfskomitees die hohe Wahrscheinlichkeit neuer Hetzen betont. Die Maßnahmen von Frankfurt sind uns daher umso unverständlicher. Sechzehn Millionen, in Rußland verteilt, sind ein Pappenstiel. Man wird in einem armen Land vielen Leuten je ein paar Rubel geben können, die rasch aufgegeffen sind. Aber ist nicht viel mehr als Geld die Möglichkeit wert, Geld zu verdienen? Um die angeführte Summe hätte man mehr als hunderttausend Leute nach Kanada schicken können. Die konkurrierenden Schiffsahrtsgesellschaften hätten billigere Preise gemacht, wenn das die Frankfurter Konferenz orga. nisiert hätte. Oder sie hätte können mit Australien in Verbindung treten, wo man weiße Arbeiter dringend braucht und sehr weit entgegengekommen wäre. StaÜ dessen hat man sehr viel Geld vertan mit der Rückbeförderung der Auswanderer, gewiß so viel, als ihre Reise zu einem Hafen gt kostet hätte, und hat das Endergebnis nicht besser gemacht, sondern schlimmer.

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