Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Dr. Bloch's sie sich selbst. Und sie wartete noch eine Stunde und noch eine: aber kein Geschenk war angelangt. „Nun, es ist ja noch immer Zeit. Hochzeitsgeschenke kommen immer erst ein bis zwei Tage vor der Zeremonie an," sagte sie jetzt. Und sie wartete wieder und ihre Ohren horchten ängstlich, das Herz schlug ihr bis zum Hals hinauf. . . . Die Leere der Zimmer, die frisch geweißt und gescheuert waren und nach Kalk rochen, machte ihr Augst. Ihr gemartertes Gehirn spiegelte ihr allerhand Geräusche vor, die ihre Ohren nicht hörten. Sie saß noch immer am Fensterbrett und horchte und horchte auf die Stimme des Dienstmannes. „Husch, husch, husch, sch, sch," flüsterten die Wände und die Ecken und Winkel schienen Drohungen zu wispeln; ihr Herz war angsterfüllt; sie glaubte, wahnsinnig werden zu müssen, aber sie wartete, wartete und wartete. Beim geringsten Geräusch im Flur sprang sie auf, ihr Herz schlug wild, doch es war ein Nachbar oder ein Hausierer: das entsetzliche Herzklopfen nahm zu und sie dachte, sie sei krank. Und so kam auch der fünfte Tag heran und sie stand noch immer auf ihrem Posten und erwartete ihre Hochzeitsgeschenke. Und was das Aergste war : wenn Nathan am Abend kam, um sie abzuholen, und wenn sie bemerkte, daß er beim Anblick der noch immer ganz leeren Zimmer den Mut verlor, mußte sie ihm mit unbefangenem Gesicht entgegentreten, mit ihm scherzen und bemüht sein, ihm ihre gemeinsame Zukunft so rosig als möglich zu schildern. Am sechsten Tage kam endlich ein Dienstmann, aber er brachte nur einen billigen, ungeheueren Schaukelstuhl für Golde und Nathan. Und als es sich herausstellte, daß er das Geschenk einer Familie war, die man auf mindestens einen Teppich oder ein Sofa für das Besuchszimmer eingeschätzt hatte, da verwandelte sich alle Hoffnung und Freude, die dieses Ereignis anfangs hervorgerufen hatte, in Verzweiflung und Enttäuschung. Fast eine Stunde lang saß Golde im Schaukelstuhl und hing ihren Träumen nach, wie schön es gewesen wäre, wenn sich alle ihre Wünsche erfüllt Hütten. Endlich kam ein dünnes, mit Peluche überzogenes Tischchen. Es hat wohl höchstens einen Dollar gekostet. Und es war das Geschenk eines Freundes, von dem inan einen Pfeilerspiegel oder eine Schlafzimmereinrichtung erwartet hatte. Etwas später kam eine billige Tischglocke und ein Eiskasten. Das war alles. Golde stellte alles in das Besuchszimmer, um die Wirkung des Ganzen zu überprüfeu, aber je mehr sie sich zu überzeugen suchte, daß das Besuchszimmer schon halb und halb möbliert sei, desto grausamer erhöhten die wenigen Gegenstände die Leere des Raumes. Golde sank wieder in den Schaukelstuhl zurück und schaukelte hin und her, als ob sie so ihr Weh und Unglück ungeschehen machen könnte. Doch wenn Nathan kam, hatte sie wieder das triumphierende Blinzeln in den Augen und sie sagte zu ihm, auf die Geschenke weisend: „Nun, mein Herr, wer von uns hat Recht behalten? Es ist doch für den Anfang nicht schlecht. Du weißt es ja, daß viele Leute ihre Geschenke erst nach der Trauung schicken. Und so wird es bei uns sein. Wir haben so viele Leute eingeladen und hast Du je von. einer Dame oder einem Herrn gehört, die nach einem großen Hochzeitsessen das Brautpaar um das Geschenk gebracht hätten?"--— — — —-— (Fortsetzung folgt.) Kiterakrr. Ausgrabungen in Kleinafien. Den Hauptinhalt des Heftes 29 der „Mitteilungen der Deutsch-Orient-Gesellschaft" bilden die Darlegungen der Herren Kohl, Watzinger und Hiller über die Ergebnisse ihrer im Aufträge der Gesellschaft in diesem Frühjahr unternommenen Expedition zur Erforschung der Synagogenruinen Galiläas. Da diese kultur- und baugeschichtlich wichtigen Denkmäler Palästinas eider einem schnellen Verlauf unaufhaltsam entgegengehen, weil Wochenschrift. Seite die zerstörende Kraft der Natur durch die uoch schneller arbeitende des Menschen unterstützt wird, so hat sich die Gesellschaft mit dieser Unternehmung, die Ernest Renan bereits vor mehr als 40 Jahren als eine dringende Aufgabe der Forschung bezeichnet hatte, ein neues großes Verdienst um die Wissenschaft erworben. Wie hohe Zeit es war, dies Werk in Angriff zu nehmen, zeigt der Umstand, daß manche von anderen Reisenden noch vor wenigen Jahren an Ort und Stelle g sehenen Bauteile heute verschwunden find. Es gelang den Forschern, auf ihrer viermonatlichen Reise die Ruinen von 11 Synagogen genau zu untersuchen, ihre Grundrisse aufzunehmen und eine große Zahl von hochinteressanten Resten der diesen Monumenten eigentümlichen Ornamentik im Bilde festzuhalten, von der mehrere den Berichten beigefügte Abbildungen Proben geben. Eines der wichtigsten Ergebnisse der Forschungsreise war die Feststellung der typischen Grundrißform dieser unter römischer Herrschaft und römischen Einfluß entstandenen jüdischen Bauwerke; entgegen den früheren englischen Forschungen, die bei einigen Ruinen drei bis vier Säulenreihen im Innern feststellen zu können meinten, ist bei sämtlichen untersuchten Synagogen ein breites Mittelschiff mit einem Süulenumgang auf drei Seiten, der eine Empore trug, jetzt mit Sicherheit nachgewiesen worden. In den Berichten über die Grabungen in Babylon meldet Dr. Koldewey einen neuen für die Topographie der Stadt und Burg Nebukadnezars überaus wichtigen Fund, nämlich die Auffindung des öfter in Inschriften genannten Kanals Arachtu. Auch von den Grabungen in Assur wissen die Briefe des Expeditionsleiters Andrae wieder erfreuliche Fortschritte zu melden. Die Arbeit konzentrierte sich auf die völlige Freilegung des Anu- und Adad-Tempels, die nun zu Ende geführt ist und reiche Ergebnisse an inschristlichen und archäologischen Funden gebracht hat. So wurde u. a. der Kopf eines jener überlebensgroßen Stiere mit Menschenhairpt gefunden, wie sie an den Eingängen assyrischer Paläste zu stehen pflegen, ferner eine archaische lebensgroße Statue aus bafaltartigem Stein, leider ohne Kopf, die vielleicht aus der Zeit um 2000 v. d. übl. Zeitrechn, stammt. Einige Privatbriefe des Herrn Andrae. die in gewohnt liebenswürdigem Plauderton das Leben der Expcditionsmitglieder schildern und meteorologische Angaben bringen, zeigen, daß die Herren dort draußen die weltabgeschiedene Einförmigkeit ihres Grabungslebens und die argen Unbilden des überaus trockenen Klimas jahraus jahrein mit gutem Humor zu tragen wissen. „Der Kalender der Juden. Vollständige Anleitung zu seiner Berechnung für alle Zeiten". (Broschiert Mk. 2.50, elegant gebunden Mk. 3.—. Verlag der Hofbuchhandlung Friedrich Gutsch, Karlsruhe.) Der Verfasser, Professor Adolf Kistner, gibt damit allen denen, die sich mit dem jüdischen Kalender und seiner Umrechnung auf den allgemein bürgerlichen zu beschäftigen haben, ein wesentliches, sehr brauchbares Hilfsmittel an die Hand. Es ist erstmals der wohlgelungene Versuch gemacht worden, das ganze, mathematisch und astronomisch hochinteressante Kalenderwerk streng systematisch, aber doch leicht verständlich darzulegen. Zahlreiche gut ausgewählte Beispiele sowie 2 Figuren und 33 Tabellen erleichtern die Lektüre in jeder Hinsicht außerordentlich. Das Merkchen wird Rabbinern und Lehrern, die zu rituellen Zwecken Umrechnungen vornehmen müssen oder zu klarer Anschauung über den Festkalender gelangen wollen, treffliche Dienste leisten, auch eignet es sich gut für jüdische Schulen und Seminarien, wo es im Unterricht oder zu Geschenkzwecken benutzt werden kann. Auch Mathematikern, Astronomen, Historikern usw. kann das Büchlein warm empfohlen werden. Neue Bücher. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden, Berlin-Halensee, Westfälische Straße 46. Redaktion: Dr. Arthur Ruppin. 1. Jahrgang, Heft 12, Dezember 1905. Inhalt: I. Abhandlungen. 1. Dr. Arthur Ruppin,