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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-01-12 · 2 (12.1.1906) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 24 Dr. JBlocb s MocvenscvrM. Nr. 2 schmücktII stets fein Grab und das Kästchen zur Aufnahme von Visitekarten der pietätvollen Besucher, das am Sockel des Grabmales häugt und in welches auch einst unsere verewigte Kaiserin Elisabeth ihre Karte abgegeben hatte, ist stets gefüllt. Melancholisch blicken unter den gesenkten Lidern der Heine-Büste die tiefliegenden Augen nieder auf den Sockel des schönen Denkmales, das ihm, wie bekannt, die Wiener Freisinnigen gesetzt, auf die in den Marmor eingegcabenen schwermütigen Verse: „Wo wird einst des müden Wanderers letzte Ruhestätte sein...-— Ich aber mußte, als ich das Grab verließ, an die Verse de.ken: Keine Messe wird man singen Keinen Kadosch wird man sagen. . . . Als ich beim Anfsuchen seines Grabes von der Richtung abkam, bat ich eine daherkommende Dame um Auskunft. „War er Jude?" fragte sie und obzwar die Lippen es verneinten — das Herz sagte mir: „Ja, er war, er blieb Jude, mit einem warmen Herzen für sein Judentum — trotz der Taufe." Rosa Feigenbaum. Paris, im Dezember 1905. Kiew. Baron Günzburg berichtet folgendes: „Mittwoch früh verlies Woladja das Haus, um mit dem Gehilfen des Generalgouverneurs zu sprechen. Gegen 11 Uhr meldet man uns, daß Häuser in unserer Nähe geplündert wurden. Die Frauen schickte ich auf den Boden. Ich selbst eilte, das vordere Tor zu schließen, aber ich fand den Schlüssel nicht: ich ries nach den Dienern, aber die waren verschwunden. Wie ich gerade die Haustür schließen wollte, wurden bereits Fenster eingeschlagen. Ich wollte die Angreifer in den Hof zurückdrängcn, da erhielt ich schon Stockschläge auf den Kopf. Unser Jugendfreund und Nachbar Gregor Br, kam mit einem Gewehr, um mir beizustehen; er tötete ein oder zwei Kerls, da ergriffen die anderen 15 bis 20 die Flucht. Als wir auf die Straße traten, um die Bande vollends zu verjagen, erhielt ich mir einem Stuhl einen Schlag auf den Kopf, der mich zu Boden strekte. Einige Minuten lag ich kraftlos da, und wie ich erwachte, sah ich gerade, daß Gregor Br. sein Gewehr und seine Munition dem Polizeikommisfär abliefern mußte. Kaum war er entwaffnet, als zwei Kerls mit Knütteln über ihn herfielen und ihn zu Boden schlugen. Jetzt sammelte ich meine letzten Kräfte, stand auf, überschritt die Straße und stürzte auf die Menschen los, aber ein neuer Hieb auf den Kopf warf mich zu Boden. Gregor Br. lag ohne Besinnung. Da sah ich Soldaten mit einem Offizier an der Spitze herankommen und ich wollte ruhiger werden. Aber der Offizier zielte auf mich." Inzwischen war es den Familienmitgliedern des Barons geglückt, in das Haus des englischen Konsuls zu flüchten, und als nach kurzer Zeit, obgleich die Straße jetzt militärisch besetzt war, die Plünderer dennoch wiederkehrten, begab sich auch der verwundete Baron selbst dorthin. Diesmal wurde das Haus von oben bis unten ausgeplündert und nur die Zimmer der Diener wurden verschont, als diese ausriefen, sie seien Christen, v London. Am 8. Jänner fand hier eine große Protestier sammlurrg statt, die ihre Entrüstung über die Judenocassakres in Rußland aussprach. Lord Rothschild führte n Vorsitz. Auch der Bischof von Ripon, der katholische Erzbischof von Weftminster, Lord M i l n e r, der Lord-Mayor der City und Lord G l e n e s k beteiligten sich an der Debatte. Vom Premierminister Campbell-Bannerman, von B a l f o u r. C h a m b e r l a i n, dem Herzog von Devonshire, dem Lord-Oberrichter und dem Bischof von London waren zustimmendc Schreiben eingelaufen. Lord Rothschild verlas die eingelangten Begrüßungsschreiben. Arthur B a l f o u r, sagt, die Behandlung der Juden sei seit dem Altertum der dunkelste Punkt in der Geschichte der Christen. Er hoffe dringendst, daß in der schrecklichen russischen Tragödie die Juden Freiheit, Gleichberechtigung und Sicherheit erlangen werden. Chamberlain äußerte sich in einem Schreiben an die Versammlung, die Metzeleien in Rußland seien eine Schande für die christliche Zivilisation. Ec sei davon überzeugt, daß die Engländer jede Intervention unterstützen werden, die die britische Regierung der russischen gegenüber unternehmen könne, um eine Wiederholung der Massakres zu verhindern. Lord Rothschild führte in seiner Rede aus, es sei schwer zu sagen, ob die traurige Lage der Juden in Rußland durch den unglücklichen Krieg, durch die schlechten Handelsverhältnisfe die Hungersnot, oder den langjährigen Despotismus herbeigeführt worden sei. Der Zar sei sich des Aufruhrs seines Reiches bewußt und habe daher Reformen bewilligt. Zweifellos wären aber der Mehrzahl der Berater des Zaren die Reformen verhaßt, und diese wollen dem Zaren die Ueberzeugung bcibringen, daß das russische Volk keine Reformen wünsche. Es wäre töricht, anzunehmen, daß die Juden die Hauptanstifter der Reformbewegung seien. Rothschild sagte weiter, er glaube nicht, daß die russische Regierung die Judenhetzen wünsche. Sie wünsche die Ruhe und die Wiederkehr des Wohlstandes nach dem verlustreichen Kriege. Er sei überzeugt davon, daß man den Zar persönlich für die Metzeleien nicht verantwortlich machen könne, aber die Greuel geschehen und ihre Berüber bleiben unbestraft. Die russischen Juden ersehnen die Freiheit und die Gleichheit ebenso wie die übrigen Untertanen. Die Versammlung verstand diese Anklage gegen die russische Regierung und begleitete die Rede mit stürmischem Beifall. London Die von der Generalversammlung des Board ok vsputies gefaßte Resolution, „die Veranstaltung einer öffentlichen Demonstration gegen die Greuel in Rußland möglichst bald in die Hand zu nehmen," ist in überraschender Weise verwirklicht worden. In der letzten Sitzung teilte der Präsident des Board Herr D. L. Alexander mit, daß Lord Rothschild nach längerem Widerstreben seine Zustimmung zur Abhaltung eines Protest-Meetings gegeben hat. Diese Sinnesänderung ist durch Herrn Karl Stettauer herbeigeführt worden, der erklärt hatte, daß eine Kundgebung den russischen Juden keineswegs schaden könnte. Die russische Regierung fürchte sich vor der öffentlichen Meinung in Europa weit mehr, als sie öffentlich zugcben will. Zu der Protestversammlung, welche am 8. Jänner in der Huoou's Hüll unter dem Vorsitze des Lord Rothschild stattfinden wird, hat eine große Anzahl in Politik, Handel, Wissenschaft und Literatur hervorragender Männer ihr Erscheinen bereits zugesagt. Der Erzbischof von Cantcrbury, das Haupt der anglikanischen Kirche, wird die erste Resolution beantragen. der Bischof von Ripon und der katholische Erzbischof von Westmünster dieselbe befürworten. — Bei den im Monat Jänner in England stattfindenden Neuwahlen zum Parlament werden nicht weniger als zwanzig Juden als Bewerber auftreten. London. Unter dem Vorsitze des Bürgermeisters hat in Stepney eine imposante Protcstversammlung stattgefunden. Neben dem Bisch ff von Stepney und den Rektoren von Whitechapel und Spitalfield sah man auf der Tribüne die Parlamentsmitglieder Sir Evans Gordon, Sir Harry Samuel und Harry L a w s o n. Der Bischof von Stepney beantragte folgende Resolution: „Die Versammlung der Bürger von Stepney ist entsetzt über die gegen die Inden in Rußland vlrübten bestialischen Grausamkeiten und spricht den Opfern der Katastropye sowie den Juden im allgemeinen ihr innigstes Beileid ans. Gleichzeitig fordert sie die Regierung Sr. Majestät dring-nd auf, ihren ganzen Einfluß aufzubieten, um die Wiederkehr solcher Ereignisse in Rußland unmöglich zu machen." Diese Resolution soll dem Premierminister, dem Minister des Aeußern, dem Chief-Rabbi und den Parlaments-Vertretern von Stepney zugestellt werden. Zur Begründung seiner Resolution führte der Bischof Folgendes aus: „Der Zorn und die Empörung über die Vorgänge in Rußland sind so allgemein, daß sie nicht weiter geschürt zu werden brauchen. Zweck dieser Versammlung ist nur. diesen Empfindungen Ausdruck zu verleihen. Es ist beklagenswert, daß in unserem Jahrhundert solche

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