Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 2 Dr. Blocb’s MlocdenscvrM. Seite 23 Für eine Anzahl Zeitschriften und Werke hat der Ausschuß namhafte Subventionen bewilligt. Druckfertig liegen vor „Die Apologetik des Judentums" von Güdemann und „Die Wirtfchaftsgeschichte der Juden" von Caro; zur Vorbereitung der von ihm für den Grundriß übernommenen talmudifchen Archäologie hat Herr Professor Dr. Krauß-Budapest mit Beihilfe seitens der Gesellschaft eine Reise nach Palästina, zu Studien für die gleichfalls dem Grundriß ungehörige „Liturgik" Herr Dr. Elbogen eine solche nach England gemacht. Nach weiteren Mitteilungen berichtete der Vorsitzende über die Finanzen des Vereins, welche wohlgeordnete und zufriedenstellende sind. Die Einnahmen stellen sich im Berichtsjahre auf 23.457 Mark und die Ausgaben auf 19.254 Mark; nach Zuschlag noch ausstehender Zinsen respektive Abzug der Unkosten für die letzten beiden Hefte der Monatsschrift sind per 1. Jänner 1906 3500 Mark verfügbar. Das Vermögen der Gesellschaft beträgt 37.500 M. Nach stattgehabter Dechargierung des Schatzmeisters wurden die Vorstandsmitglieder sämtlich wiedergewählt. Hierauf hielt Herr Rabbiner Dr. L u k a s-G l o g a u einen Vortrag über die Wissenschaft des Judentums und ihre Förderung durch die Gesellschaft. Der Vortragende, der von dem Grundsätze ausging, daß die Wissenschaft die erhaltende Kraft der jüdischen Gemeinde sei, hob hervor, wie sich die Altvordern gegen die allgemeine Bildung und die Einführung der deutschen Sprache widersetzt haben, und wie dies heute alles anders geworden ist. Zwischen dem alten talmudischen Bildungsideal und der modernen Wissenschaft mußte eine Zeit der Aufklärung kommen. Der Vortragende erörterte sodann Begriff. Entwicklung und Umfang der Wissenschaft des Judentums und ging dann zur Beantwortung der Frage über, was die jüdische Gemeinschaft bisher für die Wissenschaft des Judentums getan habe. Er betonte, wie die freie wissenschaftliche Forschung auch ganz freie, unabhängige Männer verlange; die Rabbiner erweisen sich für die wissenschaftliche Betätigung nicht günstig. In den wissenschaftlichen Werken sollte ein Gegensatz zwischen Lehre und Leben nicht bestehen. An den Vortrag schloß sich eine anregende Diskussion, die sich, teilweise vom eigentlichen Thema des Vortrages abkehrend, in theologische Erörterungen verlor. Pariser Skizzen. Im diesjährigen Frühjahrs-„Salon" war ein reizendes Bild von Carrier-Belleuse ausgestellt, das sehr bewundert wurde. Im Katalog war es mit „L'heure äivine (les communiantes)“ bezeichnet. Zwei liebliche Mädchenerscheinungen — fast noch Kinder — im kleidsamen Kostüme der französischen Kommuniandinnen, knieten, in ihre weißen Schleier gehüllt, in frommer Betrachtung versenkt, am Betschenimel. Diese lebendig gewordenen Mädchenerscheinungen konnte man in den Mai- und Juniwochen d. I. in Paris bewundern, wie sie von morgens bis abends scharenweite aus der Kirche strömend, wo sie soeben die Kommunion empfangen hatten, das ohnehin lebhafte und abwechslungsreich flutende Leben in den Pariser Straßen um eine liebliche Nuance vermehrten. Wie weiße Wolken schwebten sie daher, und diese kleinen Gernegroße von 11 Jahren sahen in ihren bis zum Boden reichenden weißen Tüllkleidern, dem ebenso langen weißen Tüllschleier, der sie gänzlich einhüllte und der mit einem weißen Blütenkranze gleichsam bräutlich am Kopfe aufgesteckt war, ganz allerliebst aus. Am 15. Juni waren wir von einem derartigen Straßenbilde in der me äs 1a Vietoirs, wo sich der größte und schönste Tempel der jüdischen Gemeinde in Paris besindet, frappiert. Zu Hunderten strömten sie in den Tempel hinein, in das weiße Gewand der französischen Kommuniandinnen gehüllt. Es waren die kleinen Jüdinnen der Pariser Gemeinde, die zur „Kommunion" gingen, wie mir einzelne von ihnen sagten; offiziell wird die Zeremonie „Initiative religieuse“ genannt. Feierlich, unter den Klängen des Hochzeitsmarsches aus „Lohengrin", hielten die weißen Scharen ihren Einzug. Biele von den Kleinen hatten die Schleier über das Gesicht gezogen und züchtig, wie Bräute, mit niedergeschlagenen Augen wallten sie einher. Die religiöse Zeremonie bestand in einer Ansprache der Rabbiner Zadoc- K a h n und D r e y f u ß. Die Mädchen rezitierten dann im Chor Glaubensartikel in französischer, die Knaben in hebräischer Sprache. (Auch die Knaben hatten ihre „Kommunion".) Die Feier war zu Ende, die weißen Scharen strömten aus dem Tempel der me de la Victoire und mischten sich mit den weißen Scharen der kleinen Pariserinnen, die aus der Kirche kamen. Die Assimilierung war den französischen Juden gelungen, sie war vollkommen. Wie bei Hochzeiten und sonstigen Feierlichkeiten in der Kirche, wird auch hier in den Tempeln mit Vorliebe Wagner gespielt. Das ist die Rache unserer Rasse an Wagner, der die famose Broschüre des „Judentum in der Musik" geschrieben, der seine jüdischen Wohltäter schnöde verleugnet und herabgewürdigt hat. Wenn man zwischen 12 und 3 Uhr mittags die me Richelieu passiert und sich der me de la Lomes nähert, hört man bald ein eigentümliches Surren und Sausen. Bei der me de la Lonrse angelangt, bleibt man, von einem eigentümlichen Schauspiel gefesselt, verblüfft stehen. Am Ende der Straße, die auf einen großen freien Platz, den Place de la Bourse, mündet, erhebt sich ein prachtvoller, niedriger, von korinthischen Säulen getragener, freistehender Bau, der von einem hohen, eisernen Gitter eingeschlossen ist. Ueber eine Freitreppe gelangt man zu einer langgestreckten, offenen, säulengetragenen Halle, die von einer kompakten Menschenmasse erfüllt ist, aus welcher das Brausen, das wir schon in der me Richelieu hörten, zu kommen scheint. Je näher man kommt, desto deutlicher wird der Lärm, und ist man am Ende der me de la Lonree angelangt, wird man von einem Aschanti-Geheul, das von dieser sich drückenden und erdrückenden Menschenmasse ausgeht, empfangen. Wir stehen vor der Pariser Börse. Auf Tischen und Stühlen stehend, mit wilden Gebärden um sich schlagend, heulend und brüllend — so macht der Pariser Börseaner seine Geschäfte. Dieses ungewöhnliche Schauspiel macht wohl auf den Fremden Eindruck, der stehen bleibt und staunt, der Pariser aber, daran gewöhnt, geht ruhig seines Weges und wirft kaum einen Blick auf diesen brüllenden Menschenknüuel. Ich bin schon oft hier vvrübergegangen, und so sehr ich mich auch bemühte, das französische „ich geb', ich nehm'" zu hören, aus diesem Geheul klingt kein verständliches Wort heraus. An der Pariser Börse solPs auch einige — jüdische Besucher geben.- Ist man aber bei der Börse angelangt, so lasse man sich den Weg nicht verdrießen und biege in die benachbarte me Vivienne ein. Hier sieht man eine Pariser Spezialität, die „librairie antisemite“, wie es die Firmatafel anzeigt. Ich glaube, daß unser Wien, die Stadt des Antisemitismus par excellence, es noch nicht so weit gebracht hat. Meines Wissens existkert in Wien keine Buchhandlung, die ihr autisemiti'ches Schild hinaushängt. Aber der Antisemitismus dieser Pariser Buchhandlung scheint nicht weit her zu sein. Ich gehe öfters hier vorüber und studiere die Titel ihrer Buchauslage. Zwischen den Büchern, wie sie hier die meisten Buchhandlungen ausstellen, deren Titel und Titelbild allein schon obizön sind, finden wir auch die Namen von: Zola, Sch>urer - Kistner, Waldeck-Rosseau und zwischen der Kunst des „Flirt" und der Kunst „de dien manger“ liegt verschämt eine kleine Broschüre über die jüdische Freimaurerei oder den jüdischen S ozialismus. Ich glaube, daß es der Franzose mit seinem Antisemitismus vielleicht doch nicht so ernst meint, denn Paris hat seine me Meyerbeer, seine me Halevy und der Zugang zum berühmten Friedhof Montmartre führt durch die Avenue Rachel. Das Andenken an diese große jüdische Tragödin ist in Paris noch immer sehr lebhaft und wird zu Vergleichen mit den lebenden großen Tragödinnen oft angerufen. Am Friedhof Montmartre ist das Grab Heines, das von den Fremden namentlich den Deutschen, die Paris besuchen. zahlreich aufgesucht wird. Lorbeer und frische Blumen