Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2 Dr. Llocb's MocbenscbrM. Seite 19 Darin liegt nicht etwa Verachtung, sondern das richtige Gefühl, daß über heilige Dinge nicht so Platt diskutiert werden dürfe und daß Leute, welche materielles Leben gerne genießen, nicht ernst genommen werden können. — Daß die Christen heute emanzipierter sind als damals, das beweist, weil der „Rationalismus" immer größere Volksschichten der Kirche entfremdet hat; mit dem Wachsen der Industrie und dem Wohlstände steigerte sich die Indolenz in religiösen Dingen, das zeigt uns der Kulturhistoriker Ecke in seinem Buche über „die evangelischen Landeskirchen im 19. Jahrhundert." Unter den Notizen des Nachlasses von Heine fand man auch diese: „DerTaufzettel ist dasEntreebillet zur europäischen Kultur". Solche geistige Backenstreiche, dem Vorurteile, der gesellschaftlichen Engherzigkeit geboten, fühlten die Leute kaum; eine andere treffende Parodie ist folgende: „Daß ich Christ wurde, ist die Schuld jener Sachsen, die bei Leipzig plötzlich umsattelten, oder Napoleons, der doch nicht nötig hatte, nach Rußland zu gehen, oder seines Geographielehrers zu Brienne, der ihm nicht gesagt hatte, daß es zu Moskau im Winter kalt ist." Im Bade zu Norderney lernte Heine einen Diplomaten, den russischen Fürsten Koslowsky kennen (Varnhagens Kollegen aus Karlsruhe 1816 bis 1818); dieser Diplomat regte Heine an, England zu besuchen, wohl auch Paris. Das Publikum schätzte die dort entstandenen „Nordsecbilder" nicht sehr; man kannte das Meer zu wenig. Heine schrieb selbst darüber an S i m r o ck : „Es sei dubios, ob das Publikum an den Nordseebildern Geschmack finden werde. Schon das ungewohnte, schauckelnde Metrum" setzte er hinzu, „kann Süßwasser-Leser seekrank machen." Ende Oktober 1825 verließ er die Eltern, ging nach Hamburg und wollte es mit der Advokatur versuchen. Er änderte aber seine Absicht. Im Memoirenfragmente erklärt er seine Abneigung: „Ich konnte mich nicht entschließen, von solchen Errungenschaften Gebrauch zu machen und vielleicht auch, weil ich fühlte, daß a ndere mich in der A d v o k a st e r e i und Rabulisterei leicht überflügeln würden, hing ich ineinen juristischen Doktorhut auf den Nagel." Die Verstimmung und die weltschmerzlerische Anlage gingen zur inneren Empörung über. Wohl versuchte er noch F a u st, den ewig fesselnden Stoff und den Kontrast zwischen höherem Streben und weltlichem Begehren, das mächtig wahre Scelendrama, diese Verdichtung von Leib und Geist, in drei Gestalten, dieses „Drama aller Dramen", diesen „Spiegel aller Spiegel" zu bearbeiten; wohl verkehrte er mit M e t h f e s s e l, mit A s s i n g s und vergaß dort zuweilen „die Philister im Sonntagsröcklein" die „behorchen der Spatzen Lied" — (O. L, B. Wolfs fühlte sich ebenso wie er unbehaglich). Dabei verkehrte Heine noch in der „Freien Schule" des „Vereines für Kultur und Wissenschaft der Juden." Das alles verstimmte ihn doppelt, wenn er nachsann über die Zukunft. Im Mai 1827 schrieb er an Lehmann in Berlin: „Nennen Sie es, wie Sie wollen, nur nicht leben!!" Um diese Zeit ging er besonders stark zur Politik über, liebte es, den „Tugendpöbel" zu verspotten, die Pharisäer mit dem Geldsacke, er blieb von da ab auch der Politik treu, wo zarte lyrische Blüten auch das unfruchtbare, kampfdurchwühlte Feld mitunter noch sprießen ließ. Eine solche Blüte war die Gesamtausgabe des „Buches der Lieder" (mit der Lyra auf dem Titelblatte), für die er kein Honorar erhielt! Heine hat Deutschland diese Lieder geschenkt. Die erste Auflage (5000 Exemplare) wurde dennoch — erst nach 10 Jahren — abgesetzt, während die „Reisebilder" (I. Teil) in einem Jahre (mit der gleichen Zahl) vergriffen waren. Das „Buch der Lieder" wurde seither oft aufgelegt und stereotypiert. (Ein seltenes Unikum druckte Holzhausen in Wien.) Die Zensur aber wütete besonders gegen die Prosa Heines. Für Warnerstimmen hatte er nur ein Lächeln, so persiflierte er') den ängstlichen Brief eines Freundes dnrch höhnische Verse') deren dritte Strophe lautete: „Teu'rer Freund, Du bist verloren, Fürsten haben lange Arme, Pfaffen haben lange Zungen, Und das Volk hat lange Ohren!" Er war streng gegen sich, ja bescheiden, oft kleinmütig; so schrieb er an Simrock: „Keiner fühlt mehr, als ich, wie mühsam es ist, etwas Literarisches zu geben." So schrieb der gefeierte Dichter! Als er 1826 Hamburg verließ, gelobte er sich, nie wiederzukehren:''') „Dinge von äußerster Bitternis passierten mir dort. Sie waren nicht zu ertragen, ohne den Umstand, daß nur ich sie weiß." In Berlin las man die „Reisebilder" viel, abev „aus serviler Angst" wurde „alles getadelt" (wie Barnhagen schrieb). Ein gewisser „Woldemar" verspottete sogar Berlin und Heines treffendes Wort: „Ich bin die deutsche Nachtigall, welche ihr Nest in die Perücke Voltaires gebaut" durch die elenden Verse: „Die Stadt, der jüngst Voltaire ein Affe schien. „Hält jetzt den Affen für Voltaire." Heine nennt man noch, „Wer aber war Woldemar?", frägt man zugleich. Auch Götterbilder werden a n g e k l ä f f t. Wir sehen Heine hierauf als Redakteur der Cotta'schen „Neuen politischen Annalen" in München! Es schwebte ihm immer noch eine Professur vor, umsomehr, als D. Gans eine solche erlangte. Trotz der Warnung Börne's vor der „schwarzen Kapitale", ließ er sich dort nieder; er liebte den Kampf mit der Feder, das zeigt-sein Ausspruch: „In der Zeit des Jdeenkampfes sind die Journale die Festungen." Er fand das Leben köstlich (wie er schrieb) dort, „wo nur 5V2 Menschen lesen und schreiben" konnten. Gerade als Gegner d er-„Ge d a n ke n s ch e r g e n", als Bekämpfer der „Unterdrücker der Heiligsten Rechte" fühlte er sich wohl. In München wurde er Soziologe; vielleicht entstand das Gedicht „Die Wanderratten" dort* 2 * 4), welches damals in Deutschland verboten wurde 1) „Es gibt zwei Sorten Ratten. Die Hungrigen und die Satten. Die Satten bleiben vergnügt zu Haus, Die Hungrigen aber wandern ans." 12) Man f’-higt nicht Ratten mit Syllogismen, Sie springen über die feinsten Sophismen. 13) Im hungrigen Magen Eingang finden Nur Suppenlogik mit Knödelgründen Nur Argumente von Rinderbraten Begleitet mit Göttinger Wurst-Zitaten. 14) Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten. Behaget den radikalen Rotten Weit besser, als ein Mirabeau Und alle Redner seit Cicero. (Fortsetzung folgt.) AdaU»ert Stifter. Zum hundertjährigen Geburtstag des Dichters. Die poetischen Vorzüge des genannten Dichters, dessen Andenken am 23. Oktober 1905 gefeiert wurde, sie kennzeichnen sich besonders' durch ihren tiefen sittlichen Gehalt, durch ihren idealistischen Grundzug, durch die fesselnde Schönheit ihrer feinsinnigen Herzensmalereien und ihre prächtig gezeichneten Naturbilder. Schon diese Tatsache des unbewußten Kontrastes der rein idealen Bestrebungen Stifters gegen alle Tendenzliteratur, schon sie allein ') „Nachtrag" zu den „Reisebilder", H. Werke, II (XII). 2) Nachlaß 288. *) Brief an Varnhagen aus München. 4) „Die letzten Gedichte und Gedanken von Heinrich Heine" (L-trodtmann 1869).