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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-01-12 · 2 (12.1.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 18 finden es auch nicht für notwendig, den Russen Geschichte machen zu helfen, um Pogrome dafür einzuheimsen. Sie sind schließlich durch die letzten Schicksalsschläge so betäubt und geschwächt, daß fie zu allem eher Lust haben als zu neuen Kämpfen.' Aber es ist wahr, daß sie sich in großer Zahl an dem bewaffneten Aufftand beteiligt haben. Die jungen Leute, welche sich von Idealismus und Gefühlen eher führen lassen als von besonnener Klugheit, haben ohne Bedenken Leben und Freiheit aufs Spiel gesetzt und oft heldenhaft verloren. Nur ein irrsinniger Antisemit kann darin Vorwurf und Anklage finden. Führt doch die russische Regierung gegen ihre Juden einen Kampf bis aufs Meffer und nur Sklaven und Heloten würden die unerhörte Bedrückung, Tyrannei und Vernichtung widerstandslos über sich ergehen lasten. Jeder Polizist ist ein erbarmungsloser Zar über den Ansiedlungsrayon, der seinen bösartigen Gelüsten offensteht und der Zar ist für den Ansiedlungsrayon nur ein erbarmungsloser Polizist. In ein Hungerland zusammengepreßt, ohne Nahrung für Geist und Körper, führen die Juden ein übergeduldiges Martyrerdascin, das einzelne von ihnen mit dem Heldentode vertauschen gehen. Wir sahen eine Photographie aus Sebastopol nach dem Kampfe mit den Regierungstruppen. Die 21jährige Medizinerin Chanah Mermelstein war es. Mit einer Schußwunde mitten in der Stirn lag das schöne Mädchen mit auseinander gebreiteten Armen lang hingeschlagen auf der Straße, den ungefügen Revolver noch in der krampfhaft geballten, kleinen Faust. Man möge uns noch ein Volk zeigen, in welchem Feuergeist und Freiheitsdurst sogar die Mädchen zu Heldinnen macht! Wir sind stolz auf Chanah Mermelstein und ihre vielen Brüder und Schwestern, die unserem Volke durch ihr Leben und Sterben Ruhm und Ehre brachten und turmhoch erhaben sind über ihre Kritiker, welche ihre europäische Kultur durch systematische Verleumdung beweisen. Nun zu den Taten der russischen Revolutionäre, welche von vielen Juden stark gefördert wurden. Die lumpigen Antisemiten müffen die Ereignisse von 48 loben, weil sie den Völkern die Freiheit brachten. Auch damals haben Juden mitgeholfen und haben sich Verdienste dafür erworben, daß die Antisemiten von heute nicht submiffeste Diener einer hohen Obrigkeit sind, die mit dem Stock regiert werden. Heute kämpft auch die russische Gesellschaft gegen die Herrschaft der Knute. Da sie aber noch nicht erfolgreich ist, kämpft die antisemitische Presse dagegen an, verleumdet den Freiheitskampf und verhöhnt seine Kämpfer. Diese erbitterten Freiheitsfeinde schwingen begeistert ihre Waffe für den russischen Absolutismus. Wohl ist es keine Nagaika, sondern die Feder, wohl halten sie sich feige weit vom Schuß. Im Herzen aber sind die Antisemiten Europas einig mit ihren Brüdern am Don, begeisterte Kosaken des Geistes. _ I. Uprimny. A«» Heinrich Heines Jugendzeit 1805—1889. Vortrag, gehalten am 6. November 1905 im Verein zur „Abwehr des Antisemitismus". Von Josef Baron Doblhoff. (Fortsetzung.) Doktor Heiners Wandlungen und Leiden. (1825-1831.) Als die Studien zu Ende gingen, begann für Heine eine wahre Marterzeit, die ihm unheilbare Wunden schlug. — Im Sommer 1824 hatte er den Roman: „Rabbi von Bacharach" begonnen und die Leiden des Judentums geschildert. 1825 machte er neue Studien und diese sollten im folgenden Jahre im zweiten Teile der „Reisebilder" erscheinen; sie bildeten den „kulturgeschichtlichen Hintergrund des Romanes", enthielten prächtige Schilderungen der Frankfurter Messe, scharfgezeichnete Gestalten; kurz, das Werk lieferte den Beweis, daß Heine auch ein großes episches Talent sei. Diese Nr. 2 Studien nun waren es, welcheHeine in einen gewissen Gegensatz zumJudentume brachten, nachdem schon das Judentum Gegner Heine's geworden war, und zwar wegen seiner Aeußerungen über die „halben Reformbestrebungen". Gereizt und gekränkt verließ er Hamburg, denn schon als Lehrer der Vereinsschule hatte er (wie Braunhardt, Heine's Schülers erzählte) gleiche Ansichten über die Reform gehabt: „Die israelitische Religion hätte Weltreligion werden können, wenn sie keine Theokratie mit Priestern, Opfern, Zeremonial- und Ritual-Gesetzen gewesen wäre; das Alles war eine Ueberbürdung für den denkenden Menschen und somit für das damals bestehende Heidentum unannehmbar. Eine Reform wurde verfolgt: Tausende wurden so gezwungen, auf den „neuen Glauben" zu schwören." Dies die Ansicht Heine's, der sah, daß man Toleranz gegen alle Rassen (ob Heiden, ob Zigeuner) übte, nur gegen die Juden nicht! Braunhardt erzählte auch, Heine habe schon damals vom „A u s w a n d e r n" gesprochen und gesagt: „In England und Amerika fragt Niemand: „Was glaubst Du?" Am 3. Mai 1825 erhielt Kandidat Heinrich Heine das Doktor-Diplom und am 20. Juli desselben Jahres vertrat er bei seiner Disputation fünf Sätze: Mitgift, Gläubigerquittung, Oeffentlichkeit desRechtes, Eidespflicht und römische Ehe. Dr. G ans, mit welchem Heine sich besonders auf dem Gebiete der Reformbewegung des Judentums verstand, trat damals zum Christentume über, um ein Universitäts-Lehramt zu erhalten, da Juden, wie erwähnt, nicht zugelassen wurden. Dieses Mannes großer Einfluß und sein Beispiel dürften die Ursache gewesen sein, warum H. Heine zwischen Doktor- Diplom und Dissertation (vielleicht bei den Vorbereitungen letzterer die Rednergabe übend) a m 28. I u n i 1825 die Taufe nahm und zwar vom Magister Gottlob Christian Grimm, Superintendent zu Heiligenstadt. Beiden jungen Männern schwebte die Universitäts-Karriöre als die unabhängigste Stellung im Staate, vor, die nur ein Konvertit erreichen konnte. Es war ein Muß in dieser Lage; zudem umgaben Verleumder den Dichter, die juristische Laufbahn machte ihn nicht glücklich; was blieb? Literatur, Lehrkanzel odereineZeitungs-Redaktion. Bald aber kam die Reue. Nach 2 Jahren erhielt Gans eine Professur in Berlin; Heine fühlte, er sei zu früh übergetreten; hatte er doch gesagt: „Ich werde ein Christ im wässerigsten Sinne des Wortes". — Nicht lange hernach schon klagte er: „Ist es nicht närrisch? Kaum bin ich getauft, werde ich als Jude verschrieen, ich bin jetzt bei Christen und Juden verhaßt, ich bereue sehr, daß ich mich getauft habe, ich sehe noch gar nicht ein, daß es mir seitdem besser ergangen sei; im Gegenteil, ich habe seitdem nichts als Widerwärtigkeiten und Unglück!" Er sprach auch wieder enthusiastisch von der Emanzipation der Juden und Bruno Bauer hat einen seiner Aussprüche als Grundlage angenommen; dieser Satz lautete: „Die Juden dürften endlich zur Einsicht gelangen, daß sie erst dann wahrhaftig emanzipiert werden können, wenn auch die Emanzipation der Christen vollständig erkämpft und sichergestellt worden ist. Ihre Sache ist identisch mit der des deutschen Volkes und sie dürfen nicht als Juden begehren, was ihnen als Deutschen längst gebührte!!" Nirgends aber gab es Sympathien; die Tempeljuden verhöhnten den Reformator, die Mucker haßten ihn wegen „Almansor", den sie ein „antichristliches Drama" nannten. Er machte sich Luft. Wie er über die Sekten dachte, hören wir aus der zwar zynischen, aber charakteristischen Satyre auf die Kleinlichkeit der Kämpfer: „Mögen die christlichen Theologen über das Abendmahl streiten; — über die Bedeutung des Mittagmahles sind sie alle einig." *) Karpeles Seite 65, £>r JBiocb s MocdenscvrlN.

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