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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-01-12 · 2 (12.1.1906) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Aeite 20 Sr. Llocd s Mocbenscbrttl. Nr. 2 genügt, im Herzen des Judentums, diesem klassischen Volke des Idealismus — wie oft ist er uns nicht schon zum Vorwurf gemacht worden — Sympathie zu erwecken. Diese Tatsache rechtfertigt wohl auch ein Wort pietätvollen Gedenkens derselben an berufener jüdischliterarischer Stelle, solange die Weihe seines Gedenktages im Herzen der Verehrer seiner Werke noch nachwirkt. Bedarf es doch wahrlich keiner eingehenden Begründung, daß eö eigentlich nur uns wohlvertraute Elemente der idealen jüdischen Weltauffaffung sind, wenn er unter vielen anderen poetischen Goldkörnern von dem Reichtuui, der jedem Menschengemüte angeboren ist, sagt: „In dem reichsten wie ärmsten Menschen geht eine Bibliothek von Dichtungen zu Grabe, die nie erschienen sind — mir aus den drei Stanzen, die er herausgab. machen wir ein Urteil zusammen und sagen, seht, das ist ein Dichter ... es gibt aber Leute, die ans den wenigen Farben, die dem andern entspringen, nur Fratzen bilden, sie sagen freilich, sie kennen die Welt, aber es ist nicht wahr, sie bekennen nur wider Willen ihr kleines Innere und haben noch dazu eine Zerrwelt. — Vor dem Hohlspiegel unserer Sinne hängt nur das Luftbild einer Welt; „die wahre Welt" hat Gott allein '") Klingt das nicht wie eine poetische Uebertragung jener Erzählung der Agadah vom Sohne des R. Clnja. Er sitzt schmerzerfüllt am Sterbelager seines Lehrers. Auf die Frage des Jüngers, was er jetzt sehe, antwortet der Sterbende: Eine verkehrte Welt sehe ich: Was früher oben war, sehe ich jetzt unten, und was im Leben unten ist, das sehe ich jetzt oben. Ach nein, antwortet der Schüler: Jetzt siehst Du „die wahre Welt". So weit über eine der unzähligen sympathischen Beziehungen, die zwischen dem Dichter und dem Judentum schw.bcu. Aber Adalbert Stifter erwarb sich noch ein besonderes Verdien st um die Sache des Judentums. Er hat sich sozusagen in das Herz des Judentums unvergeßlich eingeschrieben. Er hat ihm literarisches Bürgerrecht verschafft in seiner Mcisternovelle „A b d i a s"?) Von ihr sagt der Dichter selbst einleitend: „Wir wollen nicht weiter grübeln, wie es sei in diesen Dingen (des menschlichen Looses), sondern schlechthin von einem Manne erzähleu. in dem sich manches davon darstellte und von dem es ungewiß ist, ob sein Schicksal ein seltsameres Ding sei, oder sein Herz."') Es ist augenscheinlich, daß dem Werke Abdias das Problem des leidenden Gerechten zum künstlerischen Vorwurf dient. Der Hiob unter den Nationen, der ewige Jude, der Ahasver, aber nicht der gottverfluchte, nein, der Menschen verfolgte, der das Leid und Wehe der Welt auf seinen Schultern trägt, das ist sein abgekürzter Ausdruck. Und um die Tragik desselben farbenreich zu gestalten, dazu taucht der Dichter feilten Pinsel in die glutvolle Phantasie seines eigenen leidgeprüften Herzens. In Hintergründe des Gemäldes die düstere afrikanische Wüste, die wilden Tiere und die noch wilderen Söhne der Wüste, die Beduinen. Im Vordergründe stehen die patriarchalischen Gestalten von Abdias Eltern Aron und Esther. Und im Mittelpunkte der Ereiguiffe der Märtyrer Abdias. dessen Heldentum sich um folgende Handlung bewegt: Abdias, der durch kaufmännische Gewandtheit das väterliche Erbe bereichert, verfällt allmählich in Habgier. Durch seine Prachtliebe fordert er den Neid Meleks, des Beduinenhäuptlings. heraus. Dieser fällt in Abdias Abweienheit über dessen Besitz herein und zerstört ih-l von Gnmd aus. Nur das Geld, das Abdias in den!)i Yen des Gemäuers verbarg, das entgeht den Räubern. Doch ein grausames Geschick raubt ihm sein Weib Deborah, nachdem sie einem Kinde das Leben geschenkt. Er wandert mit diesem und mit seinem arabischen Diener Uram von der Stätte hinweg, wo ihn so viel Leid getroffen. Aber auch nach Europa, wohin seine Schritte sich lenken, folgt ihm das Schicksal. Sein einziger Lichtpunkt, sein Kind Dittah, verfällt allmählich in die Nacht der Blindheit; erst durch ein Naturereignis, einen gewaltigen Blitzschlag, der auf ihre Nerven niächtig einwirkt, gewinnt sie wieder das Augenlicht. Aber nach einiger Zeit wird ihm das teure Kind durch das selbe Naturphanomen getötet. Der Dichter gewährt uns diskreten Einbl-ck in die leitenden Motive, welche seinen Helden in die Arme der Habsucht führten. Daheim ein Gegenstand des Abscheus, den jeder Türke nur eines Fußtrittes würdigt, gewann er in der Ferne umso mehr, was man ihm zuhause entzog: Hochachtung, Ansehen. In den „gelben Füchsen" erblickt er seine Freunde, seine Förderer. Um des Geldes willen verläßt er Haus und Hof, verleugnet er sein geliebtes Weib. Aber das konnte nicht so andauern, weil es gegen seine Natur war. Er konnte den rechten Weg verfehlen, nur um ihm sodann umso treuer zu bleiben. Im Glücke hat er das Herz seines Weibes verloren, im Ungemach fand er es wieder. Aber nicht nur dieses, auch seine eigene bessere Natur, „es war ihm mitten in der Zerstörung seines teuren Besitzes nicht anders, als sei ihm das größte Glück auf Erden widerfahren — und wie er neben der Mutter auf dem nackten Boden saß und wie er den kleinen wimmernden Wurm mit den Händen berührte, so wurde ihm in seinem Heiden, als fühle er drinnen bereits den Anfang des Heils, das nie gekommen war, und von dem er nie gewußt hatte, wo er es denn suchen sollte — es war nun da und um Unendliches süßer und linder, als er sich eS je gedacht."^) ') Adalbert Stifter, Feldblumen, 4. *) Abdias, Leipzig, Reclam. 8) Abdias. S. 5. *) Abdias, S. 24. Und wie empfindet das Herz dieses so gequälten Juden nach all dem unsäglichen Leid? Das Webe nagt so tief, so tief an demselben, aber deshalb verbittert es lein Schmerz. Das Böse der Menschen kann ilm nicht böser, nur edler machen. Grillparzer sagt in seiner Medea: „Es ist des Unglücks eigentlichstes Unglück, daß selten drin der Mensch sich rein bewährt." Der Jude Abdias bildet einen lebendigen Protest dagegen. Er ist der klassische Nathan der Weise, der dem stereotypen N»f des Tempelherrn: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt", die sühnende Menschenliebe entgegenhält. Wohl empfindet auch sein Gemüt den Schmerz des ihm angetanen Unrechtes, aber er kennt nichts Heiligeres, als den beleidigten Genius der Menschheit durch Edles und Gutes Sühne seinerseits zu bereiten. Seine eigenen Stammesbrüder verfluchen AbdiaS, dieweil er durch seinen Ehrgeiz die Feinde zum Angriffe gereizt und sich samt seiner Nachbarschaft ins Unglück gestürzt. Er sagte zu ihnen: „Wenn ich durch die schöneren Kleider, die ich trug, und durch den größeren Handel, den ich trieb, unseren Aufenthalt verraten, die Plünderer hergelockt und Euch Schaden verursacht habe, so will ich Euch denselben ersetzen, so gut ich kann ... Ich habe manche Schuldforderunzen draußen aussteben, die mir meine Freunde bezahlen müssen, sobald die Z:it um ist. Ich werde sie Euch hier anfschreiben und werde die Erlaubnis dazu schreiben, daß Ihr das Geld als Euer Eigentum einnehmen dürfet. Wenn es nicht wahr ist, so habt Ihr mich immer hier und könnt mich steinigen, oder sonst mit mir tun, was Euch gefällt."') Die Philosophie zeigt uns den Menschen, wie er sein soll, die Poesie stellt ihn in ihren Gebilden dar, wie er ist. Nun, die Phantasie Stifters sie schildert uns einen Rassenjuden, den kein arischer Blutstropfen fälscht, wie er leibt und lebt. Und das Facit dieser dichterischen Phantasie es wird von den Tatsachen nicht Lügen gestraft. i ie Nassenjuben wie Abdias, die nicht die Ausnahme, sondern die Regel ihres Stammes bilden, sie sind den Herren Rassentheoretikern für die „reinliche Scheidung", die sie anfrichten, nicht gram, sondern dankbar. Denn solange positive Beweise des faktischen Sittengrades der Rassenjilden durch keine anderen als durch grausame, gewalttätige überboteu werden, solange behaupten sie mit Recht: „Wir Schwarzen sind doch bcffere Menschen". Aber wie? Ist diese Sanftheit nicht widernatürlich? Kennt der Jude denn nicht sittliche Entrüstung? Auch der Wurm krümmt sich gegen seinen Peiniger. Und wird der Mensch, welcher Schmach und Schande auf seiner Person haften läßt, nicht endlich auch in der Tat schmählich, schändlich? Gewiß. Abdias nährt im Herzen die Sehnsucht, seinem Feinde Melek, „das Messer in den Leib zu stoßen". Es ist ja wahr, in dieser Hoffnung liegt etwas von der Wildheit des Tigers der Wüste. Nicht das Tierische, das Räuberische, nein das Trotzige, Stolze desselben. Stolz liebt Stifter seinen Juden, dessen Herz sich aufdänmt beim Unrechte gegen Andere ebenso wie gegen sich selbst. So ist die Rache des Juden Abdias anfznfassen, von der die Erzählung widerhallt. Nicht jene heuchlerische, hinterhältige Rache eines fabulösen Judas, nein, jene des historischen Inden, in dessen Adern das stolze Makkabäerblut rollt. Und dennoch, das Schlimnie ist nicht eingetroffen. Zur Ausführung dieser Rache ist es nicht gekommen. Das letzte traurige Verhängnis, der Verlust des geliebten Kindes, hält Abdtas vom Schrecklichen zurück. Wie feinsinnig, wie zart breitet der Dichter den versöhnenden Schleier der Vergessenheit über das furchtbare Leid. Denn gewiß ein solcher Held der Menschenliebe er hätte sich auch als Held der Selbstüberwindung erwiesen. Und hätte er seinen Erzfeind Melek endlich in seine Gewalt bekommen, er hätte den Todesstoß nicht geführt. Seinem erhobenen Arm hätte jene versöhnende Zaubermacht Einhalt geboten, welcher auch der Dichter in dem Worte Ausdruck gibt: „Auch ihn hat eine Mutter unter Schmerzen geboren wie mich." Haben wir denn nicht alle einen Vater, hat nicht e i n Gott uns erschaffen! Ist nun das Herz des Juden mächtiger, oder das Schicksal? Darüber kann nur e i n Urteil herrschen : Gewiß das erstere. Die Hüllen sind gefallen. Das Naturwidrige: Geldgier, Ehrsucht, ein Produkt der Umgebung, sie sind geschwunden. Das Naturgemäße ging aus der Prüfung geläutert hervor: Sein Opfermut, sein selbstüberwindender Edelsinn. Nichts konnte ihn darniederdrücken, kein Verlust, keine Kränkung, keine Schmach; erst als sein Kind, das «Sinnbild der Familie, die ihm Ersatz für alles, alles bietet, ihm entrissen wird, erst da bricht der Jude zusammen. Abdias bildet ein literarisches Ehreudenkmal des Judentums. Manche vor Stifter und nach ihm haben das Judentum in die deutsche Literatur eingeführt; aber oft auf Kosten der Wahrheit. Doch das vergibt der Jude, denn das Gedächtnis desselben es ist empfänglicher für das Gute, als für das Böse, das ihm erwiesen wird. Darum sei dem edlen Dichter Adalbert Stifter dieses Gedenkblatt im Geiste und im Namen des Judentums gewidmet. Denn auch seinerseits bestätigt es vollinhaltlich dasjenige, womit Rudolf K l e i n e k e das poetische Verdienst unseres Unsterbltcken charakterisiert: „Emsig hat er gestrebt, sein Körnchen beizutragen zu dem großen Werke, daß der Mensch menschlicher werde, daß seine Stirn sich kläre, daß von ihr die Abkunft strahle, die er hat und die er noch so oft durch niederes Streben trübt". Neutitschein, im November 1905. _ Dr. Simon Mandl, Rabbiner. ') Abdias, S. 29.

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