Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 1 Dr. JBlocb's mocbenscbrttt. schlossen. Der langersehnte Tag ihrer Trauung mußte immer wieder hinausgeschoben werden. Vor zwei Jahren hatten sie sich miteinander verlobt; die Hochzeit hätte drei Monate später stattfinden sollen. Ihre gemeinsamen Ersparnisse betrugen damals hundertzwanzig Dollars. Nathans bescheidenen Wünschen gemäß, hätte diese Summe für eine stille Hochzeit und zur Begründung eines einfachen Haushaltes genügt. Aber Golde war anderer Ansicht. „Man heiratet nicht alle Tage," belehrte sie ihn, „und wenn ich es erlebe, mit dem mir Bestimmten unter dem Baldachin zu stehen, will ich nicht wie eine Bettlerin aussehen. Machen wir eine schöne Hochzeit oder überhaupt keine, hörst Du, Nathan." Es muß nicht erst erklärt werden, daß Golde mit dem Ausdrucke „eine schöne Hochzeit" ganz besondere Vorstellungen verband. Sie träumte von eine.n weißen Seidenkleide und weißen Schuhen; von zwei Wagen, um Braut und Bräutigam zur Zeremonie zu führen, und einem Wagen, der sie dann in die Wohnung zurückbringen sollte; ferner sollten ein Hochzeitssänger bestellt werden und eine Musikbande von mindstens fünf Mann; einen großen Ballsaal wünschte sie zu mieten, den sie sich mit tanzenden Paaren belebt dachte, endlich gehörte ihrer Meinung nach zu einer anständigen Hochzeit eine Tafel mit hundert Gedecken. Was die Möbeln anbetraf, sehnte sie sich vor allem anderen nach einem Pfeilerkasten und einem Brüsseler Teppich. Nathan erlaubte sich diesen kühnen Plänen gegenüber, den Einwurf, daß die aufgezählten Dinge wohl mehr kosten würden, als ihre gemeinsamen Ersparnisse betragen. Darauf erwiderte sie erregt, daß er nur bestrebt sei, sie zur Zielscheibe des allgemeinen Spottes zu machen und daß sie vorziehe, in ein frühes Grab zu sinken, statt ihre Hochzeit armselig und dürftig zu begehen. Und dann brach sie in lautes Weinen aus. Ob nun ihre Tränen auf das frühe Grab oder auf die schäbige Hochzeit zurückzuführen waren, sie erhöhten jedenfalls den zwingenden Einfluß ihrer Beweisführung; denn Nathan zog es vor, ihr durch einen Kuß seine Zustimmung zu bekunden, und als er damit zurückgewiesen wurde, gab er ihr das Versprechen, alles tun zu wollen, um die für die angeführten, absolut unerläßlichen Anschaffungen notwendige Summe zu verdienen. Schwere Zeiten folgten. Nathan und Golde darbten und knauserten; aber ihre ganze heroische Sparsamkeit konnte es doch nicht verhindern, daß ihr Kapital auf weniger als hundert Dollars herabsank. Die Hochzeit mußte wieder verschoben werden. Schließlich kam noch der Fluch der Arbeitslosigkeit über den gramerfüllten Nathan. Ihre Ersparrniffe schrumpften zusammen. Voll Bangigkeit sahen sie, daß der Zeitpunkt der Begründung ihres Heimes immer ferner sei. Beide waren der Gasthauskost satt. Beide sehnten sich nach den Freuden des eigenen Haushaltes. Von Tag zu Tag wurden sie ungeduldiger und ruheloser. Golde fing an, Konzessionen zu machen. Zuerst wurde das Hochzeitessen geopfert, dann wurde der Pfeilerspiegel und der Hochzeitssänger vom Programme gestrichen und schließlich nahm sie sich sogar vor, auf das Mieten eines Tanzsaales und auf den Brüsseler Teppich zu verzichten. Als Nathan einige Zeit mit seinem Porzellan hausiert hatte, wurden die Einnahmen wieder besser und die Laune der Verlobten war etwas rosiger geworden. Das Kapital, das schon auf vierzig Dollars herabgesunken war, schwoll wieder an und Golde schöpfte wieder Hoffnung, daß sie doch eine schöne Hochzeit und feine Möbel haben werde. Es war bald zehn Uhr. Nathan rief unaufhörlich sein „Kaufet Geschirr für die Feiertage!" Uebrigens war er noch unentschlossen, ob er das Hausieren zu seinem Beruf machen solle oder nicht. Plötzlich hörte er neben sich ein höhnendes, lustiges „Kaufet schönes Geschirr" ertönen. „Gib acht, daß Du nicht eite 1*> auch im Schlafe noch dasselbe ausrusst. Dabei könntest Du dann viel verdienen." Nathan wandte sich überrascht um und vor ihm stand eine kleine, rundliche Gestalt von geradezu komischer Winzigkeit, aber in der erheiternden Grazie ihrer Dimunitivsormen lag etwas Reizendes — eine winzig kleine Vertreterin echter Weiblichkeit. Ihr weißes Gesicht war ebenso klein und herzig wie ihre übrige Gestalt, das kleine Näschen ragte kaum zwischen den apfelgleichen Wangen heraus: ein Paar großer, runder, schwarzer klugen und ein kleiner Mund mit vollen Lippen gaben dem ganzen Gesichtchen den Ausdruck von Mutwilligkeit. „Golde, was führt Dich zu mir?" fragte Nathan mit zärtlichem Ausdruck, aus dem aber auch ein gewisses Unbehagen zu erkennen war. „Du weißt doch, wie schrecklich es mir ist, wenn man mich hausieren sieht." „Bist Du wirklich böse? Und warum denn? Du bist doch nicht der einzige Hausierer Amerikas! Ich hätte übrigens nichts dagegen einzuwendeu, wenn Du es wärest : dann würdest Du das Geld haufenweise verdienen! Aber Du solltest lieber hören, was mich herbringt. Nathan, geliebtes Herz, liebe, kleine Krone, die Du mir bist, rate einmal, was für einen Plan ich ausgeheckt habe. Wenn Du mich angehört haben wirst und wenn Du dann nicht zugeben wirst, daß Deine Golde den Verstand eines Ministers hat, dann bist Du nichts als ein Esel!" Und ohne ihm Zeit zur Erwiderung zu geben, plapperte sie weiter, ohne sich selbst das Atmen zu gönnen, und vor Entzücken schnalzte sie mit den Lippen. War es nicht dumm von ihnen, sich selbst zu foltern wegen der Hochzeit, wo es sich doch eben herausstellte, daß ein gerader, schöner Weg vor ihnen lag, um beides zu erreichen, eine schöne Hochzeit und feine Möbel, einen Brüsseler Teppich, einen Pfeilerspiegel, und was das beste ist, man konnte all diese Herrlichkeiten schon für dieses Geld haben, das sie jetzt besassen. „Nun rücke doch mit Deinem Plan heraus", sagte Nathan mißmutig. Aber diese schlecht verhüllte Neugierde reizte sie nur noch mehr, ihn zu quälen, und sie erklärte ihm, hier auf der Straße nichts darüber sprechen zu können; dagegen werde sie ihm in ihrer Wohnung alles erzählen. „Du hast Dich heute schon genug geplagt", sagte sie mit plötzlich erwachender Fürsorge. „Glaubst Du denn, daß es mir gleichgiltig ist, Dich den ganzen Tag in der schneidenden Kälte zu wissen?" (Fortsetzung folgt.) Krieflrasterr. Lesefrüchte. Vergani hält sich darülicr auf, daß bei einer Weihnachtsfeier in einem Alpenschutzhaus auch Juden anwesend waren. Er steigt darüber, daß Juden g-stiegen sind. Wenn diese mit Bewiißtsein bei der Weihnachtsfeier erschienen sind, so hätten sie wohl eine Taktlosigkeit begangen. Ter letzte aber, der Sittenrichter zu spielen oder den Juden etwas vorznschreiben hat. ist der Ehrenbürger in Folioausgabe. Wir sind blutwenig darüber erschrocken, als der Häuptling die Apachen von Wien den Tomahawk ansgraben ließ, den er dann vorsichtig wieder versteckte, als er sich von seiner Einflnßlosigkeit überzeugte. Lächerlich aber ist es, wenn der Antisemiten-Hofhund bellt. Natürlich war auch die Geschichte von einem bewaffneten Kriegszug der Juden gegen die Christen eine gewaltsame lügenhafte Entstellung des betreffenden Leitartikels der „Welt". Erst stellt dieser Mensch die Juden als die raffiniertesten Leute hin, dann mutet er seinen Lesern zu, die größten Dummheilen von ihnen zu glauben. Wahrscheinlich kennt er sein Publikum. R. B. Wir wissen nicht, ob die Aufstellung eines jüdischen Parlamentes mit dem Sitze in Frankfurt ein Beschluß oder ein Vorschlag ist. Wir glauben das letztere. Denn es wird wohl nicht viel mehr resultieren, als ein ständiger jüdischer Lolksrat für die Wahrung jüdischer Interessen, der aus den Vorsitzenden aller großen Korporationen zusammengesetzt wäre. Diese Idee halten wir für sehr gut. Wir teilen Ihre Entrüstung über Ihren Bekannten, der sagte, das Parlament könne leicht gebildet werden, denn Parteien seien schon im Ueberfluß vorhanden und Vorsitzende gäbe es so viel, als Juden sind. Die Selbstverhöhnuna der Juden ist ihre schlechteste Eigenschaft.