Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-01-05 · 1 (5.1.1906) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021658--15081-3039827
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 1 Dr. Bloch's Wochenschrifk. Seite 9 Eine wesentliche Mehrausgabe verursacht das Kapitel „Alte Friedhöfe" durch die neu hergestellte gärtnerische Anlage am Währinger Friedhofe. Außer den Herstellungskosten für diese Anlage, welche noch mit einem Betrage von K 4543.— aushaften, erfordert die Pflege alljährlich einen größeren Betrag und sind hiefür K 4000.— eingestellt. Des weiteren sind für die Restaurierung des alten Friedhofes in der Seegasse und für andere Auslagen Reserven im Gesamtbeträge von X 5400'— vorgesehen. Das Spital erfordert für das Jahr 1906 einen Zuschuß von rund K 195.000'— aus Gemeindemitteln. Die israelitische Versorgungsanstalt einen solchen von rund K 95.000'—. Die Ausgaben für „Armen- und Wohltätigkeits-Angelegenheiten" sind, wie dies alljährlich der Fall ist, wieder und zwar um rund K 17.000'— gestiegen. Doch ist die Annahme, daß auch mit dieser Summe das Auslangen nicht gefunden werden wird, angesichts der stets zunehmenden Armut leider berechtigt. Das Institut für jüdische Krankenpflegerinnen ist in den Ausgaben mit K 10.000'— enthalten, durch Zuwendungen im Gesamtbeträge von K 125.000'— steht ein Zinsenerträgnis von rund K 4800.— jährlich zur Verfügung. Der Vorstand ist ernstlich damit beschäftigt, die Angelegenheit einer gedeihlichen Erledigung zuzuführen. Die Kultussteuern wurden mit K 1,220.000'— budgetiert, das ist um K 70.000'— mehr als int Vorjahre. Das Kapitel „Häuser-Verwaltuug uud Erhaltung" erfährt durch den nunmehr zur Gänze erfolgten Ankauf des Hauses, I., Seitenstettengasse 2, eine Aenderung, indem die Einnahmen und Ausgaben aus diesem Hause, an welchem bisher die Kultusgemeinde nur zu einem Drittel partizipierte, vollständig auf die Gemeinde fallen. Endlich ist zu dem Abschnitte „Fonde und Anstalten" noch zu erwähnen, daß die Aushilfskasse für das Spital der Kultusgemeinde durch die Spende des Herrn Baron Albert von Rothschild aus dem Nachlasse des Herrn Baron Nathaniel von Rothschild per K 250.000.— eine sehr bedeutende Förderung erfahren hat. - Sollten von den geehrten Herren weitere Aufklärungen zu einzelnen Positionen gewünscht werden, bin ich gerne bereit, dieselben zu erteilen. Im Namen des Vertreterkollegiums ersuche ich um Genehmigung des vorliegenden Voranschlages. Oberfinanzrat Rappaport hebt anerkennend hervor, daß das vorgelegte Budget, wenn man es mit den Ergebnissen der Rechnungsabschlüsse vergleicht, den tatsächlichen Verhältnissen entspricht und rein ohne Nebenrücksichten aufgestellt ist. Trotz des Defizits ist der Voranschlag ein ausgeglichener, wenn man die Beträge für außerordentliche Ausgaben und die hohen Reservekosten in Betracht zieht, die eingestellt sind und erfahrungsgemäß nicht verbraucht werden. Redner bespricht die einzelnen Verwaltungszweige und gibt der Ansicht Ausdruck, daß die stärkere Einflußnahme der Kommissionen in der Steigerung der Ausgabsposten und in einer Verschlechterung des Budgets naturgemäß sich äußert. Von besonderer Wichtigkeit sind fähige und gewissenhafte Amtsorgane, die nicht ihren persönlichen Vorteil, sondern das Interesse der Gemeinde stets im Auge behalten. Welch bedeutenden ziffermäßigen Ausdruck dies im Budget findet, sieht man in den dermaligen Erträgnissen der Friedhofsverwaltung. Unverhältnismäßig hoch findet Redner die Kosten der Supplenturen für zahlreiche Lehrer, die sich unwohl melden, und man sollte die jedesmalige Prüfung nicht scheuen, ob eine ernstliche Behinderung vorliegt. Daß im israelitischen Spital arme Kranke unentgeltlich ambulatorisch behandelt werden, ist nur zu billigen, allein es werden dort den Patienten auch Medikamente, Verbandstoffe usw. verabreicht, was an keinem andern Spital geschieht. In seinen weiteren Ausführungen sagt der Redner, daß die Administration unverhältnismäßige Summen verschlingt, weil ein großer Teil des Beamtenkörpers den Aufgaben nicht gewachsen ist. Gegenüber der Unterbrechung durch den Vorsitzenden Vizepräsidenten Dr. Gustav K o h n, der erklärt, daß der Beamtenkörper jederzeit als pflichttreu sich bewährt, daß er diese Anschuldigung in einer öffentlichen Sitzung zurückweisen muß, beharrt der Redner Kultusvorsteher Oberfinanzrat Dr. Rappaport darauf, daß ein großer Teil der Beamtenschaft minder qualifiziert sei, weil für die Bestellung nicht bestimmte Bildungserfordernisse maßgebend sind, sondern andere Rücksichten. Man ernennt nicht Beamte für erledigte Posten, sondern umgekehrt, daher eine zu große Anzahl von Beamten; man finde Beamte an Stellen, wo solche überhaupt nicht notwendig find, die Agenden von Diurnisten versehen werden können. Die Buchhaltung allein verfügt über ein Heer von Beamten, es find deren 10, und wenn man eine Auskunft verlangt, kann man sie nie bekommen. Diener kommen zu einer Gehaltsstufe, wie bei keinem der reichsten Bankinstitute; oft ist der Diener besser gestellt als ein Beamter. Hier sollte man Bedacht nehmen, um bei etwaigen Erledigungen Ersparnisse zu erzielen. Kultusvorsteher Eltbogen findet, daß das vorgelegte Budget trotz aller seiner Bemühungen den wahren Verhältnissen nicht entspricht; es ist dunkel gefärbt, das Defizit besteht aus fiktiven Zahlen; die Steigerung der Einnahmen erweisen sich immer höher als die Voranschläge. Redner fordert eine Steuerregulierung nach unten, die Einführung der obligatorischen fünf Gulden-Steuer, der man in einer Zeit, da in allen Straßen der Ruf: „Hoch das allgemeine Wahlrecht" ertönt, nicht wird ausweichen können. In Bezug auf das Kapitel „Kultus" anerkennt Redner die Verdienste, welche sich die Bethausvereine erwerben und die der Vorstand mehr würdigen sollte und fordert die Erbauung eines neuen Tempels Am Volkert und eines Tempels in Wieden-Margarethen. Redner erörtert sodann das Kapitel „Unterricht", spricht dem Landesschulrat Dr. Gustav K o h n für seine segensreiche, hingebende Tätigkeit den Dank aus und betont die Notwendigkeit von Privat-Bibelschulen in allen Bezirken. Gegenüber dem Oberfinanzrat Rappeport sagt Redner, daß in den Kommissionen Männer fitzen, welche mit dem Judentum in lebendiger Fühlung sind, die Bedürfnisse der einzelnen Schichten des Volkes kennen, ihre Beschlüsse sollten daher vom Vertreterkollegium mehr berücksichtigt werden. Nachdem Redner noch die Beamtenschaft gegen die harten Worte des Vorredners in Schutz genommen, schließt er unter dem Beifall der Versammlung. Kultusvorsteher Dr. M. Spitzer unteHieht verschiedene Teile des Voranschlages einer eingehenden Würdigung; er fordert die Oeffentlichkeit der Budgetberatung im Vertreterkollegium, um den Vorstandsmitgliedern die Möglichkeit zu bieten, über die einzelnen Budgetposten und deren Begründung sich rechtzeitig und besser zu informieren als durch Erhalt des gedruckten Voranschlages drei Tage vor der Plenarsitzung. Daß die neue Geschäftsordnung den Fachkommissionen einen solch geringen Wirkungskreis zumißt, zeigt sich immer mehr als ein Fehler, der repariert werden muß. In warmen Worten zeichnet Redner die hohen Verdienste der einzelnen Bethausvereine um die Pflege des religiösen Sinnes und um die Entlastung der Gemeinde von wichtigen Pflichten. Erfreulich find nicht minder die Leistungen in der Unterrichtsverwaltung. Durch die Veranstaltung der öffentlichen Vorträge hat der Vorstand sich ein unbestrittenes Verdienst erworben; (Rufe: Bravo. Sehr richtig.) Zeugnis deffen ist der starke Zudrang zu diesen Vorträgen, so daß oft die Säle überfüllt sind und viele Belehrung Suchende nicht mehr Einlaß finden können. Mit Genugtuung begrüßt Redner die Einstellung einer Post von 5000 Kronen zur Errichtung eines Lehrerseminars, um für ein gut qualifiziertes Lehrermaterial Vorsorge zu treffen. Wer verschiedene Zeichen der Zeit zu deuten weiß, der wird die Weisheit dieser Maßregel anerkennen; wir sollen uns von den Ereigniffen nicht überraschen lasten. Hoffentlich wird es möglich sein, das jüdische Pädagogium im September dieses Jahres noch zu eröffnen. Der Vorstand hat aber auch gezeigt, ^daß^er seiner Pflicht als einzige legale Vertretung der Juden inlschwierigen Fällen sich bewußt war, und indem Redner dem Präsidium für deffen diesbezüglichen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.