Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seile 6 Dr. Dlocd s MlocvenscvrtN. Nr. 1 Schulbücher. Nach einer Differenz mit Varnhagen schrieb er einen Brief voll Würde, nahm die ganze Schuld auf sich und seine Stimmung; neben dem alten Licbesleid zehrte ja schon die Krankheit an ihm, der Schmerz um das Vaterland'): „Wahrhaftig, er lebte, was er sang und sang, was er lebte!" Am 22. Juli 1824 reiste er in das „Bad Cuxhaven". Er sah Helgoland und sang die ersten gewaltigen Verse von den Wogen des empörten Meeres, (wie z. B. das prächtige Gleichnis: „Der Sturm spielt auf zum Tanze"). Salomon Heine hatte ihm 400 Thaler zu dieser Erholungsfahrt gegeben: da er mehr ausgab, wurde Salomon böse. Das nährte den Drang nach Unabhängigkeit bei „Harry" und es bot sich scheinbar Gelegenheit zur Befreiung. Er hatte nämlich Professor Eichhorn kennen gelernt: dieser forderte ihn auf, an dem „Göttinger-Gelehrten-Anzeiger" mitznarbeiten. Ende November war die „Harzreise" vollendet. Er lernte durch Zimmermann den Verleger Campe kennen, welcher das Manuskript in Wandsbeck (jenseits der Grenze) drucken ließ und es verstand, selbst verbotene Bücher durchzubringen. (Er war auch der Verleger der „Spaziergänge eines Wiener Poeten" von Anastasius Grün Auersperg.) Zudem dachte Heine an eine Professur. Damals war für die Juden eine Staatsanstellung unmöglich. Möge dieser Umstand uns Vieles erklären, was man nicht verstehen wollte im Leben Heines; lassen wir einen deutschen Philosophen für ihn sprechen, der gesagt hat: „Kein Abscheu kann natürlicher sein, als den ein Mensch gegen die Knechtschaft hat. Es ist in der U n t e rwürfigkeit nicht allein etwas äußerst Gefährliches, sondern auch eine gewisse Häßlichkeit und ein Widerspruch liegen darin. Der Mensch, der a b h ä n g t, ist nicht mehr ein Mensch; er hat diesen Rang verloren!" So sprach ein großer deutscher Philosoph!, „Einer der von Gott Erleuchteten", wie ihn Kaiser Wilhelm II. nannte, so sprach: Immanuel Kant! (Fortsetzung folgt.) Zur Konferenz iu Algeciras. Auf der in diesem Monat in Algeciras zusammentretenden Marokko-Konferenz wird, wie wir vernehmen, unter anderem auch die Lage der Nichtmohammedaner in Marokko eingehend zur Sprache kommen. Katholiken und Nichtmohammedaner überhaupt leben unter wenig beneidenswerten Verhältnissen in Marokko, und wenn auch unter dem Drucke der letzten Marokko-Konferenz, die im Jahre 1880 in Madrid stattgefunden, manches in diesem Kaiserreiche sich gebessert hat, so unterliegen doch die Nichtmohammedaner bis auf den heutigen Tag so harten Beschränkungen im Reiche des Sultans, daß die Konferenz voraussichtlich im Namen der Zivilisation ihre Stimme zu Gunsten der Opfer marokkanischer Intoleranz erheben wird. Der österreichisch-ungarischen Regierung dürfte, wie schon im Jahre 1880 bei der Madrider Konferenz, die Aufgabe Zufällen, sich für die Katholiken Marokkos einzusetzen. Hat schon damals Papst Leo XIII. an das Wiener Auswärtige Amt appelliert, durch die österreichisch-ungarischen Delegierten bei der Konferenz vorstellig zu werden, daß der Sultan zu milderer Behandlung der Nichtmohammedaner im allgemeinen und der Katholiken im Besonderen verhalten werde, so dürfte diesmal Papst Pius X. mit Rücksicht auf die wenig fteundlichen Beziehungen der Kurie zu Frankreich noch ungleich mehr um die Kooperation Oesterreich-Ungarns zur Herstellung eines besseren Loses der Katholiken in Marokko ansuchen. Ueberdies ist unseren Informationen zufolge von Paris aus eine Aktion bei den europäischen Kabinetten eingeleitet ') Varnhayen's Denkschrift an den bürsten Metternich über das „junge Deutschland" erscheint im Jahrgange 1906 der „Deutschen Revue". Hier findet man vielleicht Aufklärung über die Ursachen d-efer Differenz? worden, das grausame Los der Juden Marokkos zu ver^ bessern, deren Zahl auf über 150.000 zu schätzen ist. Wie wir vernehmen, sind gleichzeitig am Quai d'Orsay in Paris, beim Foreign Office in London, dem Auswärtigen Amte in Berlin, der Consulta in Rom Vorstellungen in der Richtung gemacht worden, die Konferenz in Algeciras möchte die schlechte Lage der Juden in Marokko zum Gegenstände ihrer Erwägungen machen. Auch dem Grafen Goluchowski wurde ein diesbezügliches, eingehendes Promemoria überreicht, und der Minister des Aeußern versprach, diese Denkschrift an die Vertreter unserer Monarchie bei der Marokko-Konferenz zu leiten, Daß die Stellung der Juden in Marokko trotz aller günstigen Zusagen, welche die Madrider Konferenz vom damaligen Sultan erwirkt hatte, fortdauernd eine harte geblieben, mag aus der nachfolgenden Aeußerung resultieren, die vor einiger Zeit einer der hervorragendsten spanischen Staatsmänner, der früher am Hofe des Sultans von Marokko diplomatisch tätig gewesen, zu dem Schreiber dieser Zeilen machte. „In Marokko," äußerte er sich, „spielen die ungefähr 150.000 Juden eine große kommerzielle und finanzielle Rolle. Doch sind sie im Innern des Landes harten Ausnahmsmaßregeln unterworfen, in Ghettos eingepfercht und gezwungen, wenn sie aus dem Ghetto (Mellah) heraustreten, sich in ihrem Anzuge, insbesondere durch ihre Sandalen, von den andern zu unterscheiden. Auch haben sie an vielen Orten die demütige Bedingung auf sich genommen, ihr Haupt zu verhüllen, wie sonst nur die Frauen, nie die Männer im Gebiete des Islam. . . . Den Juden, die in den Küstenstädten wohnen, geht es schon ungleich besser. Sie haben sich, wenn auch eingeboren, vielfach unter den Schutz Italiens gestellt. In Marokko gibt es nicht viele Italiener. Doch hatte Italien, um nachdrücklich zu zeigen, daß es auch daselbst einen Platz beanspruche, und um insbesondere Frankreich gegenüber seine kolonialen Bestrebungen zu betonen, zu dem Mittel gegriffen, künstliche Untertanen zu schaffen, indem es sich der Juden Marokkos annahm und ihnen und ihren Interessen seinen offiziellen Schutz angedeihen ließ. Dies gab zu allerhand Auseinandersetzungen zwischen Marokko und Italien Anlaß. . ." Sehr bezeichnend ist es, daß, als im Jahre 1880 die Madrider Marokko-Konferenz auf Antrag Oesterreich-Ungarns, das vom Papst Leo XIII. hiezu aufgefordert ward, eine dringende Vorstellung an den Vertreter des Sultans von Marokko wegen Gleichstellung von Katholiken und Nichtmohammedanern mit den Mohammedanern machte, dies in Anknüpfung an ein Dekret geschah, das der frühere Sultan an Sir Moses Montef i o r e gerichtet hatte, als dieser zu Gunsten der Juden persönlich in Fez vorstellig geworden war. In einem Beschlüsse, den die Madrider Konferenz noch kurz vor ihrer Auflösung faßte, hieß es: „Die Konferenz, die auch das Interesse der anderen Religionen im Auge behalten muß, verlangt, daß die freie Ausübung aller Kulte in Marokko anerkannt werde. Die Konferenz ist umso mehr überzeugt, daß dieser Wunsch eine günstige Aufnahme bei Sr. kaiserlichen Majestät finden werde, als der erlauchte Souverän von Marokko schon einen offenkundigen Beweis seiner Toleranz und seiner Fürsorge für das Wohl seiner nichtmuselmanischen Untertanen gegeben hat, indem er im Jahre 1874 das von Sr. Majestät dem Sultan Sidi Mohammed unter dem 26. Chaban 1280 (Februar 1864) an Sir Moses Montefiore, bewilligte Dekret bestätigte, das proklamiert, daß alle Untertanen des Kaiserreiches Marokko denselben Rang vor dem Gesetze haben, daß also die Juden in Marokko der Gerechtigkeit und Billigkeit gemäß behandelt werden sollen und daß keine Gewalttätigkeiten an ihrer Person und ihrem Vermögen verübt werden dürfen. Infolge dieses Dekretes wurden viele gegen die Nichtmuselmanen in früheren Zeiten erlassenen Erniedrigungsgesetze außer Gebrauch gesetzt und ist das Los der nichtmuselmanischen Rasse in Marokko erträglicher geworden. Gleichwohl sind die Gesetze noch nicht sämtlich formell aufgehoben und einige sogar in mehr als einer Gegend rat Innern des Reiches noch in Kraft." Die Konferenz richtete demgemäß an den Vertreter des Sultans von Marokko die Aufforderung, des Sultans kaiserliche Majestät möchte: