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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-01-05 · 1 (5.1.1906) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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' Seite 2 L>r. JBiocD ö Mwcvenscvnn. Nr. 1 zuuimmt, Nachweisen. Denn wer wollte sich sachlich mit einem Fälscher abgeben? Das Ganze ist blöde Erfindung von A bis Z, noch dazu fünfzehn Jahre alt und „geistiges" Eigentum der „Antisemitischen Korrespondenz, Zentralorgan der deutschen Antisemiten" in Berlin, enthalten in der Nummer 730 vom 8. Februar 1891. Die Nummer wurde massenhaft verbreitet, aber schon am 15. Februar mußte die Redaktion erklären, daß die angebliche Rabbinerrede einem Roman des antisemitischen Schriftstellers Rechuuugsrat Hermann croedsche entnommen ist. Goedsche war ein antisemitischer Streithahn, wir brauchen daher kaum erst zu sagen, daß er vor den Schranken des Gerichtes den bürgerlichen Tod erlitt. Er wurde im berühmten Prozesse gegen den Demokraten Waldeck als falscher Zeuge entlarvt, die Anklage gegen Waldeck von der Staatsanwaltschaft selber als „Bubenstück, ersonnen, einen Ehrenmann zu zu verderben", gebrandmarkt. Dieser Goedsche wurde Schriftsteller unter dem Namen John Readcliff und im ersten Kapitel seines Romanes, „Gaeta, Warschau, Düppel" (Berlin 1868) ist diese angebliche Rabbinerrede enthalten, natürlich als gehässige Erfindung des Autors. Dieses Geschmiere eines Menschen, der sich im Gedächtnisse der Nachwelt viel mehr als falscher Zeuge, denn als Schriftsteller erhielt, ist für Vergani ein Leitartikel — ein nobles Paar von Geistesbrüdern. Wir Juden müssen uns aber denn doch fragen, ob wir wirklich solchen gefährlichen, heimtückischen Angriffen immer schutzlos ausgeliefert bleiben. Nicht als cb wir Herrn Vergani gern hinter dem Gitter sehen würden. Denn die karge Diät würde der „zaubergewaltigen Erscheinung" nur gesund sein; aber wir müssen durch Konfiskationen davor geschützt werden, daß in gewissen Kreisen das antisemitische Feuer durch Lügenblätter genährt wird. Kein Staatsanwalt fand sich, um Verganis Sylvesterlaune zu stören. Ist denn das Justizministerium gegen ihn zu klein? Auch Herr Dr. Lueger, von Speichelleckern der „Allverehrte" genannt, war Sylvester brillanter Laune. Wie denn auch nicht? Hat ihm doch ein großer Herr ein wunderbares Dienstzeuguis ausgestellt, kein Geringerer als der Bürgermeister von Wien. Lueger liebt es wie die kleinen Kinder, sich selbst im. Spiegel ein Busserl zu geben. Und ein saftiges noch dazu. Wenn das „ich" aus dem Sprachschatz gestrichen würde, so würden wir vom Bürgermeister keine Rede mehr hören; denn er spricht von nichts anderem. Natürlich war's auch beim Neujahrsempfange nicht anders. Der Magistratsdirektor Dr. Weisktrchner schwang im Namen der Beamtenschaft die große Räucher- Pfanue vor dem Dalai Lama und dieser dankte vor allem — sich. Erst dankte er sich für sein Deutschtum, dann für seine Energie und dann für seine — Unparteilichkeit. Er sagte, ohne auch nur im mindesten zu stocken: „Ich weise hier auch den Vorwurf zurück, daß die Verwaltung der Gemeinde Wien eine parteiische ist. Ich kann mit Ruhe sagen, daß es kaum eine unparteiischere Verwaltung geben wird als die, die jetzt hier im Rathause herrscht. Ohne Unterschied auf Nation und Religion wird das Recht, und nur das Recht, augewendet." Wir hätten an diesen schönen Worten vielleicht einen Augenblick gezweifelt, aber es fanden sich in unserer Redaktion eine Menge Zeugen ein, um die Unparteilichkeit Luegers zu bestätigen. Da waren die Lehrer, denen er einen Eid aus die vorgeschriebene, christlichsoziale Gesinnung abgenommen hat; da waren die jüdischen Beamten und Unterlehrer, die brutal präteriert wurden; da waren die Leute, die Gemeindeumlagen zahlen, die aber prinzipiell keine Anstellung finden; da war das Heer der jüdischen Geschäftsleute, denen in den magistratischen Aemteru alle möglichen Schindereien und Plackereien bereitet werden; die jüdischen Handwerker, denen alle Lieferungen entzogen worden; da waren die Zuhörer jener Rede, in welcher Lueger vor wenigen Tagen unparteiisch aufforderte: „Kauft nicht bei Juden!". Sie alle beeideten uns, daß in der Gemeinde Wien „das Recht und nur das Recht" unparteiisch angewendet werde. Dr. Lueger macht Reklame für seine Tätigkeit, feierlich in die Amtstoga gehüllt. Und., ar-rternsten Gesichtern hören die Beamten, wie von den Wänden die ernsten Worte von der „Unparteilichkeit" widerhallen. Die Unparteilichkeit Luegers am Sylvester — diese Behauptung haben wir erst für Faschingdienstag erwartet. I. Up r i mit y. Schule rmd nationaler Kataster. Von Dr. Theodor Haas (Brünn). Die ueueingeführte Institution der nationalen Kataster in Mähren veranlaßt zur Ablegung nationaler Bekenntnisse. Keineswegs ist damit auch erzielt, daß diese nationalen Bekenntnisse den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen. Denn einerseits ist es nicht gut möglich, immer die Nationalität eines Wählers sestzustellen, andererseits dürfte bei den durch die Gemeindevorstände vorzunehmeuden Einreihungen der Wähler in die nationalen Kataster nicht immer mit der erforderlichen Objektivität vorgegaugen werden; vielmehr werden wohl bei der bekanntlich hochgehenden nationalen Bewegung national-politische Elemente Mitwirken, darauf hinzielend, die Anzahl der einer Nationalität angehörenden Wähler möglichst zu vermehren, obwohl die Anzahl der der tschechischen und deutschen Partei zufallenden Mandate gesetzlich reguliert ist und es daher für den Sieg der einen oder der anderen Partei keine Bedeutung hat, ob die Zahl ihrer Wähler eine größere oder kleinere ist. Es steht wohl auch jedem Wähler das Recht zu, seine Ausscheidung aus dem esnen nationalen Kataster und Einreihung in den anderen Kataster zu fordern. .Aber immer wird er wegen Befürchtung wirtschaftlichen Nachteiles hiezu nicht den Mut linden, und eine nicht unbeträchtliche Anzahl Wühler vird eine solche Reklamieruug aus dem Grunde unterlassen, weil fit, auf neutralem Boden stehend, keine Veranlassung finden wird, über eigene Initiative sich dem Volksstrmm, unter dem sie wohnen, als Anderssprachige entgegenzustellen. Ein größerer Teil jener Wähler, welche durch passives Verhalten bei Anlegung der Wahlkataster eine neutrale Stellung einnehmen werden oder doch einnehmen sollten, sind jüdische Wähler und mit diesen wollen wir uns hier des Weiteren befassen. Wie wir bereits in unserem Aufsätze: „Die neuen Landesgesetze und die jüdische Bevölkerung Mährens" („Oesterreichi;che Wochenschrift" Nr. 49 und 50 ex 1905) ausgesührt haben, kommen in diese Lage fast nur jüdische Wähler, welche in tschechischen Gegenden wohnen; denn bei den Zuden in deutschen Gegenden unterliegt es keinem Zweifel daß sie in deutschen Katastern eiugereiht werden und eiMreiht bleiben, zumal sie mit den tschechischen gar nicht m Fühlung kommen. Z8 Z»Für die Juden in tschechischen Gegenden, welche in der Regel veide Landessprachen kennen und sprechen und bisnun in der Regel, zumeist in letzter Zeit, auf eine solche Weise ihre Neutralität bewahrten, daß, sie sich von politischen Kämpfen zwischen mtionalen Gegnern fern gehalten haben, besteht wohl auch noch den neuen Landesgesetzen kein Zwang zur Ausübung ihres Wahlrechtes, aber immerhin werden sie selbst bei vollständiger politischer Passivität ins Wahlgetriebe mitgerisseu, dadurch, daß sie in den einen oder anderen nationalen Kataster aufgenommen werden. Wir sind gemß nicht der Ansicht, daß die Juden vollständig passiv dem politischen Getriebe gegenüber sich verhalten sollen, denn bei ihren staatsbürgerlichen Pflichten haben sie auch Anspruch auf Betätigung staatsbürgerlicher Rechte, und speziell bei Durchführung der mährischen Landtags- , wählen dürfte ihnen in gewissen Wahlbezirken hinreichende Gelegenheit geboten werden, ihren politischen Einflnß geltend zu machen. Hierüber werden wohl nach eingehender Prüfung der Verhältnisse die nötigen Weisungen und Direktiven erfolgen, aber in anderen Bezirken dürften sie dadurch ihre

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