Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Dr. Bloch’s Ur. 1 Jahrgang XXIII. MM Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wim, 1. Immer 1906. - Lrscbeint jeden Freitag, Brief-Adresse: Wien, IX/1, JBerggasse 39. Teleqranim-Adresse: Wlocb's Mocbenscbrift. lüllien. rs-s K. k. Postsparkassrn-Amt Lleartng-Verkebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX/l, Werggasse INr. 39. Telefon Nr. 14.847. V—--© Ö-* Ve;ugspreis für Delterreidj: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für s Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4inal gefpallene Petilzeile 24 Heller. G-A Inhalt: Leitartikel: Feiertagsliigen. — Schule und nationaler Kataster. — Generalversaminluna bis iirnclitifcft'n Timpclvereines für Mariahilf und Neubau. — Aus Heinrich Heines Jugendzeit 1805—1880. — Zur Konferenz in Alg-ciras. — Korrespondenzen: Airs der Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Hilfsaktion der „Israelitischen Allianz zu Wien". Arische Leb: ec an indisch-konfessionellen Wohltätigkeits-Instituten. Der russische Finanzminister über einen jüdischen Beamten — Vermischtes: Wien, Projekt einer jüdischen Kolonie iu Ostafrika. Kranzablösungsspenden rc. Jüdische Tohnbeehalle. Oberhollabrnnn» Abbazia. Jüdisches Ferienheim in Brünn. Olmütz, Auspitz, Tnrnau, Straßnitz, Nachod. — Feuilleton: Eine Hochzeit im Ghetto zu New'Park. — Briefkasten. — Inserate. Feiertagslügen. Fälscher, Hochstapler uud Antisemiten leben bekanntlich davon, daß Lügen geglaubt werden. Leider wird die öffentliche Sicherheit nur vor den beiden ersten Kategorien geschützt, das Geschäft des Antvemitismus aber führt merkwürdigerweise nicht ins Landesgericht, sondern ins Rathaus. Durchaus verfehlt wäre es aber, die Sippe der Moralvächter, Obligationenbesitzer unk Stampiglienfabrikanten ungestört zu lassen; verfehlt ttr. Interesse der allgemeinen Moral, verfehlt vor den Geboten der Notwehr. Diese Leute, welche mit eiserner Stirn der „jüdischen Presse" falsche Berichterstattung zumuten, sind selbst Strauchritter an der Straße, auf welcher die Gesittmg und Kultur fortschreitet, Wegelagerer, deren Waffe dieschamlose, eines Mannes unwürdige Lüge ist. Wir nehmen Gelegenheit, ihnen wieder in einem gefährlichen Moment au' die krummen Finger zu klopfen, eine keineswegs saubere Arbeit, was das Objekt anlangt; sie muß aber geleistet werden. Eine Autorität hat behauptet, daß ohne die ständige Minierarbeit der Regen- Würmer die Arbeit der Landwirtschaft nicht möglich wäre; das gibt ein Bild für die Wirkung der Wühlarbeit in der antisemitischen Presse; ohne sie wären der Boykott und die Judenkrawalle, das ist die Ernte des Antisemitismus, nicht möglich. Dem Fleiße dieser Lügenhaftigkeit gegenüber ist die abgestumpfte Indolenz der Juden eine folgenschwere politische Sünde. .Jeder von uns ist verpflichtet, unentwegter Helfer bei allen Bestrebungen zu sein, welche naheliegende und gewichtige Interessen verteidigen. Der gefährliche Moment, in welchem der Antisemitismus seinen Ausfall macht, ist die Weihnachtszeit. In diesen Tagen ist die christliche Welt empfänglicher als sonst für Stimmungen, in welchen sich ein Teilchen religiösen Momentes verbirgt; und mit einer perfiden Schlauheit benützen die Antisemiten immer wieder die Weihnachtsstimmung zum Verlänmden, als wäre es eine Kultusübung. Brandartikel in der judenfeindlichen Presse um die Jahreswende sind eine so feststehende alljährliche Erscheinung wie die Frühjahrsparade und die Verurteilung antisemitischer Führer wegen entehrender Verbrechen. Daran erkennt man das System nnd seine hartnäckige Gefährlichkeit, sowie die Verpflichtung, ein System bedachtsamer Gegenwehr zu verfolgen. Die Schamlosigkeit von Heuer gehört natürlich auf das Konto des „Deutschen Volksblatt" und ist gepaart mit abstoßend abscheulicher, weil bewußter Lüge. Also das ist die teutsche Moral, von der Vergani und Konsorten augenverdrehend schwärmen? Pfui Teufel über diese schuftige Unwahrheit, welche am Titelblatte des „Deutschen Volksblatt" erschien, kaum einen Tag nach der Stunde, an welcher das „Ehre für Gott, Friede den Menschen" feierlich erklungen war! Nicht einmal originell ist der moralische Schmierant gewesen. Der Artikel im Blatte des gescheiten Kerls für den dummen Kerl, der jetzt unter dem Titel „Das politische Programm des Judentums" erschien, ist eine aufgewärmte Gemeinheit, als Lüge so massenhaft abgestempelt wie ein alter Reisekoffer. Sind denn die Antisemiten alle schon so fett geworden, daß sie die Denkfähigkeit verloren haben, können sie denn nichts mehr Neues erfinden? Der Artikel enthält die Inhaltsangabe einer angeblichen Rede eines angeblichen englischen Rabbiners John Readcliff aus dem Jahre 1880 und ist nichts anderes als eine Serie komprimierter antisemitischer Leitartikel, welche tückisch einem Juden in den Mund gelegt werden. Ein paar Schlagworte aus diesen anderthalb Spalten Unsinn wollen wir zitieren: „Wenn wir Juden uns zu alleinigen Besitzern alles Geldes der Erde gemacht baden, dann wird auch die wirkliche Macht übergehen in unsere Hände ..." „Da die christliche Kirche zu unseren gefährlichsten Feinden zählt, so muß es eine unserer Hauptarbeiten sein, daß wir mit eherner Ausdauer ihren Einfluß zertrümmern . . . Witz und Spott geben uns ein Recht, dabei auf Stand und Kleid der Geistlichen zu hauen." „Mit unserem jüdischen Golde müssen wir die Kapazitäten der Gojim feil machen und in Schlaf lullen." „Wir Juden werden es sein, die der Welt vorschreiben: was sie zu glauben hat, zu verehren und zu lästern." „Sind wir Juden nur einmal ganz Alleinherren der Presse, dann können wir die bisherigen Ideen über die Ehe, über die Tugend, über die Rechtschaffenheit des Charakters umwälzen und Umstürzen und den ersten Hauptschlag führen aus die christliche Familie, um ihre Auflösung zu vollenden." Niemand wird von uns verlangen, daß wir uns mit dem Herrn Vergani in meritorische Debatten eiulaffen, daß wir ihm unsere krasse Machtlosigkeit, die leider stetig