Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 52 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 838 Dr. Llocv s Wocbenscbrtti, Nr. 52 Eltern des Knaben gewohnt, eine große Menschenmenge versammelt und es dauerte auch nicht lange, als vier Männer in einem Tuche, das sie an den Zipfeln hielten, eine Leiche heraustrngeu. Dieselbe wurde ohne jeden Sarg auf eine Babre gelegt und mit einem schwarzen Tuche bedeckt; dann luden sie die Bahre auf ihre Schultern und im großen Durcheinander folgte die Menge stumm der Leiche nach. Nur hin und wieder hörte man Sammelbüchsen schütteln, wobei die Worte gesprochen wurden: „Almosenspenden bewahrt vor dem Tode!" Der Zug bewegte sich bis zum Schulhofe. In der Nähe jener Synagoge, in welcher der Vater Jsal's zu beten und auch zu lernen pflegte, wurde die Bahre auf den Boden gestellt und ein Talmudgelehrter — der Rabbiner war es nicht — trat aus der Menschenmenge hervor und hielt eine Leichenrede. Das Volk weinte und jammerte. Nach der Rede wurde die Bahre von vier Männern abermals auf die Schultern geladen und die Menge, die fortwährend reichen Zuzug erhielt, bewegte sich im raschen Schritte lautlos dem Friedhose zu. Auf dem Friedhofe wurde die Bahre wiederholt niedergelassen, wobei Gebete gesprochen wurden; endlich gelangte man zu einem offenen Grobe. Das schwarze Bahrtuch wurde heruntergenommen und der kleine Jsak gewahrte eine Gestalt, in weißen Kleidern gehüllt, die vorsichtig in das Grab hinuntergelassen wurde. Ein Mann stieg ebenfalls in das Grab hinunter und machte sich dort etwas zu schaffen. Da riß sich Jsak Plötzlich von der Hand des Lehrers los, eilte näher an das Grab heran und schaute hinab; nun sah er das bleiche Antlitz seines Vaters, das der Mann eben aufgedeckt und mit Sand aus dem heiligen Lande bestreut hatte, den einst der Vater für schweres Geld erworben und sorgsam aufbewahrt hatte. „Was wollen Sie mit meinem Vater?" dachte der Knabe. „Er schläft ja nur. Warum legen sie ihn in die Erde?" Er wollte es laut rufen, doch hielt ihn die Angst vor der Menschenmenge zurück. Jsak sah noch, wie die Leute mit Schaufeln oder mit den Händen Erde in das Grab auf seinen Vater werfen und dabei die Worte sprachen: „Staub bist Du und zum Staube mußt Du wieder zurückkehren!" „Mem Vater ist doch nicht Staub," dachte der Junge. „WaS machen sie mit meinem Vater?" Es wurde ihm aber keine Zeit zum Nachdenken gelaffen, da ihn der Lehrer neuerdings bei der Hand faßte und ihn vom Grabe wegführte. Nach einer Weile sagte der Lehrer zu Jsak; „Jetzt sprich das Kaddischgebet nach!" Und jenes wunderherrliche Gebet, welches Engel vom Himmel gebracht haben sollen, stammelte der Knabe Wort für Wort mit tränenerstickter Stimme dem Lehrer nach. Nach dem Leichenbegängnisse führte der Lehrer den Knaben zur Mutter. Diese war in der Wohnung zurückgehalten worden, damit sie sich nicht am Begräbnis beteilige, denn sie war selbst gar zu leidend. Jsak fand die Mutter auf der Erde sitzen und weinen; er fetzte sich zu ihr und weinte ebenfalls. Der Tod des Vaters hatte noch im Leben des Knaben keine allzugroße Veränderung herbeigeführt. Er schlief in demselben Bettchen, bekam jeden Tag nach wie vor sein Brot von der Mutter, manchesmal auch etwas Milch. Die Mutter weinte zwar etwas heftiger und häufiger als früher, allein nach Jsaks Begriff gehörte das so mit zum Lebeu. Als jedoch die Mutter gestorben war, wurde der kleine, ärmliche Haushalt aufgelassen und der Knabe war nicht nur verwaist, sondern außerdem noch obdachlos. Allerdings obdachlos — dieses schreckliche Wort — kennt der arme, rnfsische Jude nicht. Der Jude bei seiner Armut ist in Rußland nie obdachlos. Hat er nicht sein eigenes Heim, so geht er in eines der zahlreichen Bethäuser, wo er sich nicht nur durch Gebete stärken, Vorträge hören und mit Freunden und Gleichgesinnten sich aussprechen, sondern auch fein müdes Haupt hinlegen und ausrutzen kann. Die Bethäuscr haben nämlich lo viel Nebenräume, daß gar mancher darin seine Nachtruhe finden könnte. Auch der kleine Jsak quartierte sich in einem solchen Hause ein, besuchte die Talmud-Thoraschule und erhielt auch Kosttage, so daß er gleichsam in geregelten Verhältnissen lebte, da er sogar zuweilen von mancher mitleidigen Seele einen Groschen geschenkt erhielt, wofür er sich nach Kindesart Näschereien kaufte. Hie und da nahm auch den kleinen Jsak eine wohltätige Frau nach Hause, wo sie ihn wusch und reinigte. Zuweilen nahm ihn auch jemand am Freitag in das Badehaus. So gedieh der kleine Jsak und wuchs heran und entfaltete sich zu einem schönen Jüngling. Seine geistige Entwicklung stand im Verhältnisse zu feiner körperlichen. Als Jsak, der kurzweg Joßraum (Waiie) genannt wurde, zwanzig Jahre alt geworden war, genoß er den Ruf eines guten Bochurs (Talmudjünger) und mancher jüdische Bürger, der mit Töchtern gesegnet war, zog eine Verbindung mit Jsak in Kombination. Eines Tages, während Jsak in einer Ecke des Beth-Hamidrasch an einem Pulte stehend aus einer Gemorrha eifrig und laut las, wobei er sich heftig schüttelte, wurde er am Arme sanft berührt. Erschrocken sah er sich um und erblickte Israel Schadchen (Heiratsvermittler) hinter sich. Israel Schadchen setzte dem jungen Manne weit und breit auseinander, welches Glück ihm beschieden sei, da der angesehene Rabbi Salomon Mehlhändler ihm seine Tochter zur Gattin geben wolle. Die Mitgift bestände in dreihundert Rubel, außerdem könnte das junge Ehepaar fiwf Jahre lang bei ben Schwiegereltern wohnen und die Kost haben, so daß Jsak die Gelegenheit hätte, sorgenfrei dem Thorastudium zu obliegen. Der Schadchen sprach fortwährend von den materiellen Verhältnissen einerseits, andererseits nicht weniger auch von dem großen Jius (edle Abstammung) seiner zukünftigen Frau, sagte aber kein Wort über das Mädchen selbst. Schüchtern warf der junge Mann die Frage ein: „Und wie ist die Kalle?" Vorwurfsvoll schaute der Schadchen den Frager an, der beschämt den Blick senkte. Der Schadchen glaubte aber doch eine Antwort schuldig zu sein und sprach: „Die Kalle ist eine jüdische Tochter." Der junge Mann war nach dieser Antwort so klug wie zuvor; doch wir wissen, was der Schadchen damit hatte sagen wollen. Der Sinn dieser Worte war der, sie sei ein braves, rechtschaffenes Mädchen, besitze aber keine körperlichen Vorzüge. Das genügte übrigens auch Jsak und er wurde mit seiner Malke recht glücklich. Malke, sein braves Weib, herrschte, wie ihr Name bedeutet, in seinem Herzen, lenkte seinen Sinn und er schaute zu ihr wie zu einer Heiligen empor; natürlich war er für sie erst recht der Inbegriff alles Guten, Edlen und Erhabenen. Fünf Jahre lebte auch wirklich Jsak in vollster Zufriedenheit im Hause seiner Schwiegereltern und während dieser Zeit gebar ihm Malke drei Töchter. Der Schwiegervater unseres Jsak hatte mit diesem etwas Großes vorgehabt. Er hoffte nämlich, ihn auch nach den fünf Jahren bei sich im Hause zu behalten, ihm ein sorgenfreies Leben zu gewähren, damit er einst eine Rabbinerstelle erlangen könne. Das Schicksal fügte es aber anders. Der Schwiegervater verarmte gänzlich und auch die versprochene Mitgift wurde bei dem schlechten Geschäftsgänge verschlungen. Der edle Mann verschwieg dies dem Eidam, so lange es ging; endlich aber war er gezwungen, es ibm zu eröffnen. Obwohl Jsak noch nicht gewöhnt war, auf eigenen Füßen zu stehen, hörte er dennoch die Mitteilung mit Gleichmut an und sprach zum Schwiegervater, beseeligt von innigem Gottvertranen, folgendermaßen: „Gott wird wohl auch weiter helfen! Freilich um eine Rabbinerstelle darf ich mich noch nicht bewerben, da ich das Rabbinatsdiplom bis jetzt nicht erlangt habe. Allein, was tut's? Wie sagt doch das Sprichwort: Sterben und „Knöllen" (unterrichten) versäunit man nie. So werde ich also Melamed (Lehrer) werden. Da in der Vaterstadt Jsaks, in Wolkowisk, mehr Schächter als Hühner waren, d. h. fast mehr Lehrer als Kinder, so hatte Jsak wenig Aussicht, Schüler in dieser Stadt zu bekommen, weshalb er auf Anraten des Schwiegervaters, der in Kiew Verwandte hatte, sich entschloß, dorthin zu ziehen. In Kiew ging es tatsächlich dem Melamed Jsak materiell recht gut; nur noch einen Wunsch hatte er, ein Gedanke beseelte und erfüllte ihn ganz. Seine Frau Malke hatte ihn neuerdings mit einem Kinde beschenkt, es war aber wieder ein Mädchen. Vier Töchter und noch immer keinen Sohn! Deshalb war es sein sehnlichster Wunsch, Gott möge ihn mit einem Sohne beglücken, damit er denselben in der Lehre Gottes unterweisen und zu einem Göttesdiener machen könne. Gewiß sollen auch Mädchen in Tugend und Gottesfurcht erzogen werden, um rechtschaffene Frauen und gute Mütter zu werden. Natürlich, dachte Jsak Melamed, auch Frauen haben hehre Pflichten als Gattinnen, als Mütter, jedoch sie sind infolge ihrer Naturbeschaffenheit von der heiligsten Aufgabe, vom Studium der Thora befreit, und was ist ein Mensch ohne Gotteslehre? Gott, der König des Alls, hat seine Himmelscharen, die ihm Diener, die ihm Boten sind; aber auch die Menschen sollen ja zu den Dienern Gottes gehören, auch sie bilden den Hofstaat und die Menschen, welche mit der Gotteslehre vertraut sind, gehören zum engeren Hofdienst. Einen solchen Gottesdiener zu erziehen, war nach des Melameds Anschauung die größte Aufgabe, das edelste Werk, das höchste Glück und so sehnte er sich nach diesem gar sehr. Dieses Glück, beziehungsweise die Hoffnung darauf, sollte ihm zuteil werden. Elnes Tages eröffnete ihm Malke, sie fühle sich Mutter, und Jsak Melamed beeilte sich, seiner Frau zu versichern, daß dieses Kind, welches sie unter dem Herzen trage, gewiß ein männliches sein werde; denn merkwürdiger Weise wäre ihm in der vergangenen Nacht sein frommer verstorbener Vater im Traume erschienen, habe auf die Frau gedeutet, dann auf sich selbst, schließlich habe er ihm zugerufen, er möge keinesfalls vergessen, daß feinen Namen, den Namen des Verstorbenen, noch niemand führe. In der Erwartung dieses Glückes hatte Jsak Melamed für die Vorgänge in seinem Vaterlande, im weiten russischen Reiche, kein richtiges Interesse und schenkte all den erschütternden Ereignissen nur geteilte Aufmerksamkeit. Freilich wußte Jsak recht wohl, daß im fernen Osten Schlachten geschlagen werden, daß Tausende von Menschen verbluten und es tat ihm darob das Herz sehr wehe. Doch der Gedanke an die baldige Entbindung seiner Frau beschäftigte ihn noch mehr als die Ereignisse, die das gewaltige russische Reich in seinen Festen erschütterten. Es kam nun der große Tag für Jsak, die Entbindung seiner Frau und siehe da, die Eltern waren in ihrer Hoffnung nicht getäuscht, es war wirklich ein Knäblein. Jsak Melamed bewohnte eine kleine Dachwohnung in einer entlegenen Gasse Kiews. Die Wirtschaft versah seine Frau allein; nur amSabbath kam in ihre Wohnung Tatjana, ein altes, boshaftes Weib aus dem Volke, um Feuer anzumachen, da dies dem Juden nicht gestattet ist. Sie erhielt für diese Dienstesleistung ein großes Stück von den Sabbathbroden, welches sie mit Dankworten empfing,