Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 52 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Seite 837 Dr. Dlocv s Moevens ^rM. Nr. 52 Boskotvitz Der Gemeiudeausschnß der politischen Gemeinde der Jsraelitenstadt Boskowitz hat beschlossen, dem Lehrer im Ruhestand der deutschen Volksschule Herrn Adolf Hätschek in Würdigung seiner durch mehr als 46 Jahre dieser Gemeinde geleisteten treuen Dienste das Ehrenbürgerrecht. zu verleihen. Holleschau. Samstag den 18 d. M. feierte Kultusvorsteher Herr Karl Beer seinen 60. Geburtstag. Aus diesem Anlasse wurden demselben seitens der Kultus- und politischen Jsraeliten-Stadtgemeinde Holleschau mannigfache Ovalionen dargebracht; die Kultusgemeinde- Vertretung unter Führung Sr. Ehrwiirden des Herrn Rabbiner Dr. I. Frei m a n n überreichte namens der Kultusgemeinde eine reich ausgestattete Vertrauensadresse. In der Ansprache rühmte Herr Rabbiner die Frömmigkeit und die Wohltätigkeit, sowie die unvergänglichen Verdienste, die sich Herr Vorsteher um die hiesige altehrwürdige Knltnsgemeinde und um ihre Institutionen erworben hat. Tief gerührt dankte der Jubilar für diese Auszeichnung und erwiderte, daß er nur stets seine Pflicht als Jude erfülle. Tie Jsraeliten-Stadtgemeinde ehrte Herrn Karl Beer, der durch viele Jahre das Ehrenamt eines Gemeinderates bekleidete, durch Ernennung zum Ehrenbürger. Bürgermeister I. Baumgarten mit den beiden Gcmeinderäten E. Knöpflmacher und V. Ehrlich üb-ireichten das kunstvoll ausgesertigle Ehrendiplom. Deputationen entsendeten der Ortsschulrat der Volksschule, deren Obmann der Jubilar ist, ferner die Talmud-Thoraanstalt mit Herrn Philipp Weinberg er an der Spitze, die „Chewra- Kadischa" rc. Es gratulierten der Beamten- und Lehrkörper n v. A. Neberdies erhielt der Vorsteher viele wertvolle Geschenke, Widmungen und unzählige Gratulationsschreiben. Pohrlitz. Am 3. Dezember 1905 fand aus Anlaß der schrecklichen Ereignisse in Rußland im israelitischen Tempel zu Pohrlitz eui Trauergottesdienst statt, welchem der gesamte Kultnsansschuß und nahezu alle Gemeindemitglieder, Männer und Frauen, beiwohnten. Herr Rabbiner I. W e i ß hielt eine ergreifende Trauerrede; die zu Gunsten unserer unglücklichen Brüder in Rußland eingeleitete Sammlung ergab den Betrag von K 900.- , welcher der Israelitischen Allianz zu Wien übermittelt wird. BosEotvltz. Am 20. d. M. fand in der deutschen Volksschule die vom israelitischen Frauenverein veranstaltete Chanukabescheerung statt. Derselben wohnten bei: die Vorstandsdamen mit der unermüdlichen, immer hilfsbereiten Präsidentin Frau Elise Weiß, der Schulleiter Herrn. S p i el m a n n mit dem Lehrkörper, der Kultusvorstand Dr. S. Weiß, Mitglieder des Ortschulrates und andere Gönner und Freunde der Schule. Nach Begrüßung der Gäste durch den Schulleiter dankte ein Schüler der V. Klasse den Wohltätern bewegten Herzens, woraus nach herzlicher Erwiderung der Präsidentin die Beteilnng von 33 Knaben und 46 Mädchen ohne Unterschied der Konfession mit Kleidern und Schuhen vorgenommen wurde. N^arienöad. Der neugewählte Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Marienbad hat sich in nachstehender Weise konstituiert: Zum Vorsteher wurde Herr Emil Baruch, Hotelbesitzer, zum Vorsteher-Stellvertreter Herr JUDr. Josef Steiner, Advokat, gewählt. Ferner wurden gewählt: Herr Moritz Duschenes zum Tempelvorsteher, welcher dieses Amt schon seit länger als ein Vierteljahrhundert bekleidet, Herr Otto Wolfner zum Kassier, Herr MUDr. Horowitz zum Rechnungssührer, Herr Pinus Schneider übernahm das Schriftführeramt, Herr Siegfried Fischl das Referat für Friedhofs- und Herr Franz Beck das für Armenangelegenheiten. Mattan. (Ern e n uun g.) Herr Michael Dubowy, Rechnungsunteroffizier 1. Klasse des 10. Dragonerregimentes, der hier durch sieben Jahre in Garnison lag und sich allgemeiner Beliebtheit erfreute, wurde zum Kanzlisten der Landesregierung in der Bukowina ernannt und der nengegründeten Polizeidirektion in Ezernowitz zugeteilt. Pakrae. Freitag den 22. d. M. fand in Verbindung mit dem Chanukagottesdienst eine Gedenkfeier für die Märtyrer in Rußland statt, bei welcher Herr Rabbiner Josef Sagher die Rede hielt, wo auch eine Sammlung zu diesem Zwecke, an deren Spitze die löbliche Kultusgemeinde sich gestellt hat, mit Erfolg ins Werk gesetzt wurde. Paris, 21. Dezember. Die Alliance Israölite Universelle überwies dem Russo-Jewish-Komitee in London fünfhunderttausend Mark für die Hilfskomitees in Rußland. Feuilleton. Ei« namenloses Kind eines »aleriandslofrn Kolkes. Von Dr. I. Rabbinowi-rz (Mährisch-Weißkirchen). (Eine Erzählung über die Judcumetzeleien in jüngster Zeit.) Acht Tage nach seiner Geburt wurde er Jsak genannt. Seine Eitern empfanden große Freude, daß er zur Welt gekommen war, und so nannten sie ihn Jsak, was gleichbedeutend mit Freude ist. Die Eltern freuten sich also über seine Geburt; ob aber auch er im Leben viel Freude haben werde oder überhaupt welche, daran dachten sie nicht Warum sollten sie es auch? Wird denn der Jude zur Freude geboren? Ter Jude wird ja geboren, um Jude zu sein und sie waren überzeugt, daß ihr Sprößling ein braver, rechtschaffener und sogar gelehrter Jude sein werde. Schien doch am Tage seiner Geburt die Sonne; es war ein bewölbter Himmel, ein düsterer, finsterer Tag. — Mit einemmal zerriß die Sonne die Wolken, guckte hervor und lächelte gar so freundlich; in diesem Augenblicke kam unser Jsak zur Welt. Freilich war es ein Sabbath und au einem Sabbatptage muß ja ohnedies die Sonne, wenn auch nur eine kurze Zeit, scheinen. Allein der Umstand, daß die Sonne gerade in der Stunde der Geburt des Knaben geschienen, bewies, daß er zu Großem bestimmt sei, d. h. zu emem Manne, erleuchtet vom Lichte der Thora, berufen, den Geist anderer zu klären, manche dunkle, verborgene Stelle im Talmud zu enthüllen, mst einem Worte nach Anschauung der Eltern war Jsak auseriehen, eine Leuchte in Israel zu werden. So dachten die Eltern über ihren Neugeborenen; aber zu sehen, was ans ihrem Sohne geworden, war ihnen nicht mehr gegönnt. Der Vater Jstaks starb, als dieser im vierten Lebensjahre stand nnd die Mutter folgte ein Jahr darauf dem Vater in das Gl ab. Der Tod des Vaters war aus folgende Art eingetreten. Eines Tages es war ein schöner Sommertag — ging Jsak wie gewöhnlich in das Cheder (eine Art Kindergarten). Den Vater ließ Jsak noch im Bette stöhnend zurück: dem Knaben fiel dabei nichts auf. Freilich war das Gesicht des Vaters ganz blutleer. Was hatte dies aber auch zu bedeuten? Halte denn der Knabe den Vater je anders gesehen, als bleich und blaß? Gewiß hatte an jenen Morgen der Vater stark geächzt. Aber das Aechzen ist eben bei einem Inden doch nichts Außergewöhnliches und das Kind war an diese Laute gar zu sehr gewöhnt, als daß sie ihm besonders ausgefallen wären. Dtim hatte aber die Mutter an jenem Morgen heftig geweink und manche Träne fiel auf das Brot, das sie dem Knaben reichte, als er sich anschickte, ins Eheder zu gehen Doch auch Tränen waren dem Knaben kein seltener Anblick. Die Tränen der Mutter taten ihm zwar weh, jedoch Ungewöhnliches konnte er darin nicht erblicken und so ging er ms Cheder etivas betrübt, doch zeigte sein Wesen keine Veränderung und als er die anderen Kinder, seine Kameraden, erblickte, vergaß er alles, was er zu Hause am heutigen Morgen gesehen, und er gab sich vor Beginn des Unterrichtes mit gewohntem Frohmut dem Spiele hin. O glückliche Kindeszeit! Gegen elf Uhr vormittags kam ein Weib aus der Nachbarschaft des kleinen Jsak und sprach leise mit dem Lehrer. Dieser erhob die Hände, blick e znm Himmel und sprach bewegt: „Gelobt der gerechte Richter!" Dann schaute er den Knaben mitleidsvoll an. Das Weib, welches dem Lehrer, wie es schien, die Kunde von» Tode eines Menschen gebracht hate, ließ sich darauf mit der Frau des Lehrers in ern Gespräch ein. Ein größerer Junge stieß Jsak, was ihn zum Weinen veran'aßte; da trat die Frau des Lehrers an den Jungen, der Jsak geschlagen, heran und sprach zu ihm iu verweisendem und belehrendem Tone: „Man darf keinen Schwächeren schlagen oder ihm nahe treten, am allerwenigsten aber einem Waiseukinde! Jsak ist ein Joßaum geworden." Bei diesen Worten richteten sich die Blicke aller Knaben auf Jsak. Dieser wußte zwar nicht, was vorgefallen, fing aber dennoch bitterlich zu weinen an, wobei ihm aber sehr wohl war, da ihm von allen Seiten, vom Lebrer und seiner Frau, vom Belfer und auch von allen Kindern Teilnahme bekundet wurde. Als die Mittagsstunde kam, brach die Kinderschar, vom Belfer begleitet, auf, um nach Hause zu gehen. Wie eine kleine Heerde Schafe geleitete der Belfer die Knaben durch die Straßen und Gassen und sobald ein Kind seine n Elternhause nahe war, trennte es sich von der Schar und lief dem Hause zu. Jsak jedoch wurde an diesem Tage im Cheder zurückbehalten „Du wirst heute bei uns essen", sprach die Frau des Lehrers. Nach einer Stunde kamen die Kinder wieder ins Cheder zurück, bald allein, bald in Begleitung ihrer Eltern oder Geschwistern und der Unterricht begann von neuem. Gegen drei Uhr nahm der Lehrer von dem Nagel der Wand seinen Sabbathkaftan, setzte aus sein Haupt, das bis nun nur mit einem Käppchen bedeckt war, den Hut und legte um seine Lenden einen breiten, schwarzen Gürtel. Hierauf befahl er dem Belfer, auf die Kinder wohl acht zu geben, während er selbst Jsak bei der Hand nahm und sagte: „Komm, Junge, zur Lewaie (Leichenbegängnis) Deines Vaters! Der Lehrer fand vor dem Hänschen, in welchem die