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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-29 · 52 (29.12.1905) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 830 Dr- Lwcd s Mlocvenscbrttr. Nr. 52 Talent zum Geschäft". Damit wurde Heinrich Heine zwar für total unfähig für das Bankwesen erklärt, aber Onkel Salomon hielt ihn immer noch für geeignet, in einem anderen Geschäfte weiterzukommen. So steckte man den 20jährigen in einen Spezereiladen. Der Mißerfolg blieb auch hier nicht aus. Der Pegasus wollte nichts vom Joche wissen. Drei Wochen war er beim Bankier gewesen, vier Wochen hielt er es beim Spezereihändler aus, erklärte aber selbst, er habe in Frankfurt a. M. nur gelernt, „wie man einen Wechsel ausstellt und wie Muskatnüsse aussehen". Obwohl nur als „Volontär", wurde er also auch vom letzten Chef (als talentloser Dütendreher) aufgegeben. In diese sieben Wochen aber fällt ein Ereignis, eine Begegnung in einem Lesekabinete mit dem gefürchtetsten Rezensenten der Stadt, einem Magnet, der den Dichter zuerst anzog, um ihn dann, durch Wechselstrom der Freundschaft, in Paris abzustoßen, — es war Ludwig Börne. Also, der Junge war „untauglich"; großes Entsetzen im Hause des Salomon Heine; jetzt blieb freilich nichts mehr übrig, als in den saueren Apfel zu beißen, nichts mehr blieb für den „Unfähigen" als . . . die Universität. Man wählte Bonn, wo eine sneue Hochschule errichtet worden war, wo Makeldey und Welker lehrten. Die Geschäfte des Vaters gingen immer schlechter; die Mutter verkaufte sogar ihren Schmuck, um Harry studieren zu lassen, wie dieser, gerührt durch solche Liebe, erzählte.*) Alle hochfliegenden Pläne vom „französischen Hofstaate" (vor 1815), später vom „künftigen Millionär" waren bei den Eltern verflogen.**) Bonn zu wählen, war jedoch ein Fehler, denn gleich nach den Napoleonskriegen war hier mehr als auf irgend einer deutschen Universität die Unterdrückung der Studenten, der Jugend, der „Burschenschaften", der Politik durch die „Landsmannschaften", Renommage und Heldentaten in der Kneipe und auf dem Fechtboden begonnen. Es war eine Spaltung eingetreten. In dem Gedichte „Auf dem Drachenfels" schilderte Heine ein Festfeuer, das zur Erinnerung an die Schlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1819 geschürt wurde, wobei er fleißig mitschürte. Gleich bei der Aufnahmsprüfung machte der Kandidat Heine einen humoristischen Aufsatz, der aber gefallen haben muß, denn Harry wurde am 11. Dezember in „Rechts- und Kameralwissenschaft" immatrikuliert, das war vielleicht noch schlimmer für ihn, als das Dütendrehen und noch ein schwereres Joch für den Pegasus, so muß man vermuten, wenn man in seinem Autobiographie-Fragment („Gartenlaube" 1884) liest, was er von der I u r i st e r e i dachte, er klagte dort: „Von sieben Jahren auf der Universität vergeudete ich drei mit römischer K a s u i st i k: Welch' ein fürchterliches Buch ist das „Oorxus juris!“ Die Bibel des Egoismus. Ich hasse den römischen Rechtskodex, der im grellsten Widerspruche steht mit der Religion, Moral, dem Menschengefühl und der Vernunft!" Er besuchte auch zu Bonn lieber die Literaturvorträge, statt die „eisernen Paragraphe selbstsüchtiger Rechtssysteme" zu hören; seine klassische Bildung lenkte ihn den Sprachen zu. Wie schön schrieb er von dem „Nibelungen - Liede": „Tie Sprqche ist von Stein, die Verse sind gereimte Quadern, hier und da aus den Spalten quellen rote Blumen hervor wie Blutstropfen, oder zieht sich der lange Epheu herunter wie grüne Tränen!" Besonders fesselte ihn das «Indische (Sanskrit), angeregt vorerst durch A. W. v. Schlegel; diese Studien spiegeln sich in vielen seiner Gedichte, wie „Auf Flügeln des Gesanges", das ihn an das „Ufer des Ganges" leitet, in „König W i s h m a m i t r a", und in der Form etwa in dem Liede von den „süßen Veilchen-Augen", vor allem aber in der „L o t o s b l u m e", eine seiner herrlichsten Schöpfungen, durch und durch edel, innig: Mit kühnen Strichen ist da ein Gemälde voll Zauber südlichen Schmelzes hingehaucht, warmes Leben, wonnige Weh¬ *) Im Memoirenfragment („Gartenlaube" 1881). *•) Ebenda. mut, glühende Farben in wenigen Versen; Ebenbürtigkeit hat Schumanns Harfe zu Heines Lyra geführt, ein Tongemälde, eine Klangfarbe schaffend, wie kaum ein zweitesmal die deutsche Sprache vertont worden ist. Im Jahre 1820 kam Heine nach Göttingen. Dort merkte man noch weniger von dem „jungen Deutschland", denn Theologen und Junker waren die Beherrscher des Platzes. Die Exklusivität besprach Heine, besonders die der Adeligen, wiederholt; im Nachlasse finden wir eine Stelle: „Die Hannöverschen Junker sind Esel, die nur von Pferden sprechen", und: „Der preußische Adel ist etwas Abstraktes, er bezieht sich rein auf die Geburt, nicht auf das Eigentum: Der preußische Junker hat kein Geld!" In der „H a r z r e i s e" legte Heine derartige Eindrücke noch mehr nieder; aus derselben Zeit aber stammt sein herrliches Wort: „O möcht' in meinem Vaterlande Die alte Freiheit friedlich blüh'n! Allmälig nur fand er Genossen, (so 1821 Funke, Wall deck). Eine Duellaffaire, bei welcher sein Gegner gestraft, er aber von der Unversität abgeschafft wurde (nach dem Rezepte der Fabel vom Wolf und Lamm), wendete seine Schritte gegen Berlin, wo er froh einzog, vorerst selig, dann allmälig kritisch, zuletzt verdrossen, denn die Demagogenhetze und die literarische Richtung (unter Clauren, Fouquä, Sirk, Arnim und anderen Göttern Spree-Athens) konnte einem Heinrich Heine auf die Dauer nicht gefallen. Umso besser behagten ihm die Konzerte; eines derselben (1822) führte Mendelssohn (der „zweite Mozart"), dem Publikum sich vorstellend. Die Musik war Berlins geselliger Kern; Boucher nannte diese Stadt (trotz Wien) : „Ta eaxltals äs 1a musiqns". Auch der junge Meyerbeer begann eben dort zu glänzen. Am 4. April 1821 immatrikuliert, stürzte sich Heine „in siebender Hast" in die neue Welt. Ihn lockte besonders der feinere Ton in dem Salon Varnhagen, dessen Gattin R a h e l einen mächtig größen Goethe-Kultus im Hause trieb. Hebbel nannte sie eine „außerordentliche Erscheinung" und pries das Glück, daß sie „als Jüdin geboren war". Sie stimmte dieser Ansicht erst in ihrer Todesstunde bei. Heine sagte von ihr *) : „Die liebe, gute, kleine Frau mit der „großen Seele; die geistreichste Frau des Universums". Er widmete ihr die Lieder der „Heimkehr": (obwol sie M o l l y galten), wohl der beste Beweis, daß zwischen Heine und Rahel nur ein geistiger Bund bestand. Er wurde von ihr zu zweijährigem, gründlichem Goethe-Studium angeregt. Goethes scharfes Urteil über seine Poesie *) beantwortete der junge Dichter mit den edelmütigen Worten: „Ich gegen Goethe schreiben? Eine Dummheit, gegen Männer schreiben, die wirklich groß sind." Er blieb dabei. In demselben Jahre (1823) schrieb er auch in die Festschrift zum 73. Geburtstage Goethes. Die Rahel war eine aufrichtige Freundin der Heineschen „Einfachheit der Lieder", des „naiven Volkstones", der „Anschaulichkeit der Darstellung", der „Gangbarkeit der Form" und sie sagte: „Börne und Jean Paul" konnten „nicht schreiben", d. h. den Stoff ordnen, Heine k ö n n e es. Neben dem Hause Varnhagens waren Heine auch andere Salons geöffnet, so bei der Mutter Meyerbees (über welche . Karl Emil Franzos in der „N. Freien Presse" geschrieben hat); ferner Frau v. H o h e n h a u s e n, der Uebersetzerin Byrons, die Harry als „deutschen Byron" begrüßte. Dort lernte der 22jährige Heine den Dichter Chamisso kennen; Clauren sah er nie, aber Fouquä und Willibald Alexis (den „deutschen Walter Scott"), Bendavid (den Schüler Mendelssohns) und Helmine v. Chez^ rc.; bei Hohenhausen las er auch seine zwei Tragödien „R a t c l i f f" und „A l m a n s o r" vor; dort war man streng und fand z. B. den Vers „zu *) Briefe von Stägemann: Aus dem Nachlasse des Varnhagen v. Ense. *) A. Eckermann I. P. Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens 1823 bis 1832. 3 Theile — 2 Bände, 1836. (Bibliothek d. jnr.-pol. Lesevereins Wien, L. 193.)

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