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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-29 · 52 (29.12.1905) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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asaafcBEKSE2a-.--!53sat:-j«ES5'.-j! ■ »‘'S'f'-«»:"- v. «t. r>a Dr. Block's Wochenschrift. Seite 829 Iud' Kuß. Wilhelm Hauff gebärt zu jenen klassischen Schriftstellern deutscher Nation, die nur kurze Zeit a.,f Erden wandelten, deren Werke aber auch an einer gewissen Kurzlebigkeit leiden. Man besitzt sie in schönem Einbonde im Bücherkasten, sie sind für lächerlich wenige Kronen zu erhalten, sie werden viel gepriesen, aber wenig gelesen. Seine „Märchen" brachten es allerdings auf eine stattliche Zahl von Auflagen, sentimentale Gemüter — aber wo findet man diese in unseren Tagen, die alle Sentiments fliehen? — singen noch sein „Morgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod", Kindern wird sein Roman „Lichtenstein" angelegentlich von unseren Lehrern des Deutschen empfohlen und sein „Mann im Monde" wird als Persiflage einer übergefühlsvollen, seichten Literatur kaum mehr gewürdigt. Und doch ist es eine Novelle des Württembcrgers, die eines gewissen herben Reizes gerade jetzt nicht entbehrt, da die sogenannte „Judenfrage" in so verschiedener Art behandelt, von Russen und dem Wiener Bürgermeister so radikal gelöst wird, es ist jene Erzählung, welche das alte Jndenthema behandelt, den alten Stoff von tierischem Haß und vornrteilsvollem Neide, die einem ganzen Stamme seit Jahrtausenden entgegengebracht werden. Wir meinen seine Novelle „I u d' Süß". Fern sei es, zu meinen, in Josef Süß, genannt Oppenheimer, könne das Judentum geschmäht werden. Sein Andenken ist heute selbst in Württemberg erbleicht; aber welche Kraft der Dichtkunst innewohnt, kann man gerade daran sehen, daß das Zerrbild eines Menschen, wie es in der Novelle des Schwaben dargestellt wird, bis auf unsere Zeit gelangt ist. und man sich den Inden Süß nicht anders vorstellen kann, denn als Blutsauger, Vampyr und Leuteschinder. Es ist Sache der wahren Geschichtsschreibung, den Dichter zu korrigieren, Personen und Ereignisse in ihrer wirklichen Gestalt darzustellen. Und die Geschichtsschreiber, insbesondere des 19. Jahrhunderts haben schon manches Bild der Dichtkunst aus seinen wirklichen Gehalt zurückgeführt, sie haben manchen schönen Traum zerstört, aber auch viele von den Parteien haßverzerrte Gestalten in das richtige Licht gestellt. Freilich viel zu beleuchten gibt es nicht, wenn wir den Schatten des württembergschen Financiers des 18 Jahrhunderts wieder heranfbeschwören, und doch erkennen wir, wie sehr sich der Haß und die Mißgunst seiner Gegner an ihm versündigten, wie der Jude für die Sünden der Mächtigen bestraft wurde und seinem grausamen Geschicke nicht entging, während diejenigen, die an der v)N ihm gedeckten Tafel weidlich mitgeschmaust, sehr glimpflich davo-lkamen. Süß Oppenheimer war eben Jude, seine Mithelfer aber — waren es nicht. Schon im Jahre 1874 hat Manfred Zimmermann das nnternommen, was man heute so gerne als geschichtliche Rettung von historischen Personen bezeichnet. Wenn Adolf Stahr es wagen konnte, uns ein ganz anderes Bild des „Tiberius" zu bieten, als dies Cornelius Tacitus getan, warum sollte sich nicht auch ein Dichter korrigieren lassen? Den Spuren Zimmermanns folgend, hat es nun ein Brünner Professor versucht, uns den vielverlästerten Juden menschlich näher zu bringen. In seinem soeben erschienenen Buche „Aus meiner Studienmappe" hat Professor S o f f e mich eine Abhandlung dem „Inden SÜß" gewidmet, und wenn auch noch viel Dunkel dessen Gestalt beschattet, wir erkennen in ihm doch ein Opfer jener Staatskunst, welche sich des jüdischen Geistes zu ihrem Nlttzen bedient und dann, wenn die Wogen des Volkshasses über ihr Haupt zusammenschlagen, den Juden als Opfer der empörten Menge hinschlendeit. Derjenige, der den Juden mißbrauchte, um seinen ewig leeren Staatssäckel zu füllen, um desto besser seinen Lüsten fröhnen, seine nicht ganz ehrlichen Plane ausführen zu können, war der spätere Herzog von Württemberg, Karl Alexander. Im Jahre > 732, da Süß durch seinen Geschäftsfreund Isaak Simon dessen Bekanntschaft machte, war Karl Alexander kaiserlicher Feldmarschall und Statthalter von Serbien. Im Wildbade lernte er den Prinzen und dessen Gemahlin kennen, die an dem gewandten Geschäftsmanne großen Gefallen fanden. Zunächst begab sich Süß nach Mannheim, als aber Herzog Eberhard Ludwig 1733 plötzlich starb und ihm Karl Alexander folgte, erinnerte sich dieser des Juden, der ihm das richtige finanzielle Instrument zu sein schien, um ihm seine Kassen zu füllen. Sie hatten eben ganz besondere Gelüste diese kleinen Gernegroße Deutschlands im 18. Jahrhundert, diese selbstherrlichen Duodezpaschas. Sie wollten insbesondere so gerne die Soldaten spielen. Auch Karl Alexander hatte, als er sich von Belgrad nach Stuttgart begab, sich in Wien ausgehalten, mit Kaiser Karl VI. einen Vertrag auf Stellung von 1200 Mann Hilsstruppen geschlossen, falls man mit Frankreich in feindliche Berührung kommen sollte. Die Zöpfe der Landesstände begannen darob gar bedenklich zu wackeln. Der neue Herzog und ehemalige kaiserliche Feldmarschall war aber nicht gewillt, sich von der Verfassung des Landes beschränken zu lassen. Auch die Jesuiten waren bei den Plänen des neuen Herzogs im Spiele, hatte er ihnen doch versprochen, das Land katholisch zu machen, und zu alldem brauchte man Geld, Geld und wieder Geld, und Süß Oppenheimer war allerdings der Mann dazu, mit seiner Wünschelrute geheime Schätze herbeiznschaffen. Wir wollen ihn hier nicht verteidigen und noch weniger „retten"; aber wir fragen, ob man in unseren Taaen solche finanzielle Tausendkünstler verbrennt oder in eisernen Käfigen auihängt? Dabei war Süß nie württembergischer Beamter, er hieß nicht Schatzmeister oder Minister, er war nur der „kaufmännische Ratgeber" des Herzogs, und des Herzogs Räte, vor allen der berüchtigte Hallwachs, ließen sich des Juden Ratschläge gerne gefallen, hatten sie doch dabei ihren mehr als bürgerlichen Nutzen. Als aber der Jude siel, rettete sich der saubere Hallwachs mit seinen erpreßten Geldern ins Ausland. Tie auf Prozeßakten gestützte geschichtliche llnkersuchiiug hat dies alles klar aereigr. Mau hat daraus hingewiesen, daß Süß neue Steuern in Württemberg eiiisührte, aber diese bestandcn schon damals und bestehen noch heute in vielen Ländern, wie z. B.. die Salz- und Tabakmonopole. Natürlich suchte sich Süß, je mehr er von den Landesständen gehaßt und verfolgt wurde, in der Gunst des Herrschers zu befestigen. Dessen Streben aber ging nur dahin, sich durch seine immer neu erschlossenen Geldquellen zu einem stehenden Heere zu verhelfen. Süß wurde allerdings durch seine Erfolge übermütig, aber so filzig, wie seine Gegner die ihn auklagten, benabm er sich niemals. Ter Jude lebte wie ein wahrer Kavalier, und doch war er und blieb er bei seinem Herzoge stets nur — der Jude, den man ansnützcn konnte und den man später wie eine ausgepreßte Zitrone hinwegwarf, wenn er erfüllt, was man von ihm erwartet hatte. Als die herzoglichen Kassen gefüllt waren, als man daran gehen konnte, die Verfassung zu stürzen, als der Herzenswunsch der Jesuiten auf Einführung des Katholizismus seiner Erfüllung entgegenreifte, erkannte Süß, wie überflüssig er geworden. Seine Gegner, der General von Remchingen, der Burggraf von Röder und der Hofkanzler Lcheffer, hatten nun leichtes Spiel, den Juden, der von seinem Herrn früher so geschätzt worden war. zu stürzen. Es liegt eine gewisse Tragik in dem Geschicke des Flnanzmanues, der sich von allen Seiten umgarnt sieht, sich so gerne retten möchte und der doch rettungslos verloren ist. Da stirbt in der Nacht vom 12. zum 13. März 1737 der Herzog plötzlich am Stickflllsse. Nicht wie es Hauff darstellt, der Oberst von Röder war es, der noch in derselben Nacht den Inden gefangen nahm, der Herzog vielmehr, der seinem ehemaligen finanziellen Ratgeber doch zum mindesten zu Dank verpflichtet war, hatte vor seiner beabsichtigten Abreise ins Ausland Rödern den Auftrag hinterlassen, sich des Süß zu bemächtigen und ihn auf die Festung' bringen zu lassen. Auf den Hohenasperg Schubartschen traurigen Angedenkens — wurde er sehr strenge bewacht; neun Monate zog sich sein Prozeß hin und am 4. Februar 1738 wurde das Urteil an ihm vollzogen, das der Vormund des neuen Herzogs gefällt hatte. In einem eisernen Käsige, der an einem alten, eisernen Galgen angebracht war, wurde er aufgehängt. Und seine Mitarbeiter? Die zogen ins Exil, wo sie das „erworbene" Vermögen, zwar nicht in Ehren, aber in Frieden verzehrten. Wir sind Professor Söffe dafür dankbar, daß er es, in unserer Zeit des Vorurteils, verstanden hat, in so objektiver Weise das Bild des verhaßten, aber wie man aus dieser einfachen Skizze ersieht, nicht ganz allein schuldigen Juden darzustellen. Das Volk allerdings sang: Hinaus mit dir aus Stuttgarts Mauern, Verdammter Jud, verfluchter Süß! Der Teufel nur wird dich bedauern. Der dich in's Land zum Schaden schmiß.*) Aber ist nicht die Schuld auch denjenigen zuznschreiben, die sich des Juden zu ihren niedrigen Zwecken bedienten? Ui d wenn man die Erzählung vom „Juden Süß" betrachtet, der seine Geistesgaben dazu verwendet, um aus der Finsternis emporzukommen zu helleren Höhen, der seine Talente mißbraucht, um zu jenen Gipfeln emporzuklimmen, wo Menschen umschmeichelt werden, wer wird den ersten Stein auf ihn werfen wollen? Ist Karl Alexander besser als sein Finanzmann? Fürwahr auch hier gilt das alte Wort: „laut oomprsmire e'est tont pardoaner“. Dr. M. Grünfeld. Aus Heinrich Heines Jugendzeit 1805—1839. Vortrag, gehalten am 6. November 1905 im Verein zur „Abwehr des Antisemitismus". Von Joses Baron Doblhosf. (Fortsetzung.) Auf der Universität. Wir haben etwas vorgegriffen und folgten dem Fluge des Dichters und Kritikers Heine: wir müssen aber noch zum Studenten Heine, zur Erde zurück, zu den Schicksalen des Musensohnes, zu den kurzsichtigen Verwandten, die immer eine „Geschäftsposition" für dringend hielten, trockene, schwunglose Menschen, die nicht verstanden, welches Glied der Familie dem Namen die größte Ehre machte. Harry wurde 1819 richtig nochmals in ein K o m p t o i r gesteckt: da er im Kommissionsgeschäft zu Hamburg liquidiert hatte, so wurde er nach Frankfurt a. M. gesandt, wo aber Bankier Rindskopf alsbald erklärte: „Der Junge hat kein *) Soffö „Ans meiner Studienmappe" S. 105. Ditfurths: 110 Volks- und Gesellschaftslieder des 16.. 17. und 18. Jahrhunderts.

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