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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-29 · 52 (29.12.1905) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 828 Nr. 52 Dr. Dlocb's MwcbenscvrM. Erschließung eines jungfräulichen Territoriums ausgeschlossen sind, so darf die Antwort darauf getrost dem Instinkt der Engländer überlassen bleiben. Wir haben in letzter Zeit viel von den Rechten Finnlands sprechen hören, und doch beträgt die Volkszahl weniger als 3 Millionen, während bas russich-jüdische Volk allein beinahe 6 Millionen zählt. Norwegen hat kürzlich eine bedeutende Nolle auf der europäischen Bühne gespielt; aber Norwegen hat nur 2'/., Millionen Eirwohner. Die russisch-jüdische Bevölkerung besitzt eine so mächtige Lebenskraft, daß Rußland selbst für die Einpferchung -er Juden die Entschuldigung angibt, es würde sonst von ihnen beherrscht werden. Es mag den menschenfreundlichen Briesschreibern, deren treue Ergebenheit für ihre Raffe in diesem Augenblicke wohl der nötigen Vorstellungskraft und Initiative entbehrt, achtungsvoll zugestanden werden, daß ein langer und schwerer Leidensweg wandernder Bettler diese als ganz besonders ungeeignetes Objekt für die Erfassung der ruffisch-jüdischen Frage in ihren wahren und heroischen Verhältnissen erscheinen läßt. Das russisch-jüdische Volk bestcht nicht aus Zwischendeckpassagieren; sonst hätte das „Schwarze Hundert" seine Ausplünderung kaum für lohnend halten können. Es besteht nicht aus einer haltlosen Horde; sonst hätten die tapferen Taten der Juden niemals zur Förderung russischer Freiheit beigctragen. Ruffische Juden fordern politische, nicht finanzielle Hilfe von Britannien. In der Tat wird unser Plan, wenn er den Juden politisch nützt, nicht verfehlen, zugleich dem britischen Reiche finanziell und politisch zu nützen. Unsere Bureaus sind von Telegrammen aller Klassen und Verbände der russischen Judcnschaft — ebenso wie von Juden aus den übrigen Teilen der Welt — überschwemmt worden, welche die Sehnsucht nach einem sicheren Hafen unter der großmütigen britischen Flagge und unter britischen Gesetzen zum Ausdruck brachten. Englands großartiges Projekt hat der Jndenschaft der Welt in der Tat einen Hauch frischer Hoffnung gebracht. Um dies Land der Freiheit unter seinem Schutze aufbaucn zu können, verpflichten sich russische Jud n, — wie es in einem Telegramm heißt — „so große Opfer zu bringen, wie sie nur ein Volk bringen kann, welches bereits seit 2000 Jahren ein Märtyrervolk gewesen ist". Und während ein reicher russischer Jude uns versichert, daß 10.U00 wohlhabende Familien bereit seien, mit einem vereinigten Kapital von 10 Millionen Pfund (jede 1000 Pfund) Kolonien zu gründen, schreiben 100 Juden des typischen Mittelstandes, daß sie im Besitz eines gemeinsamen Kapitals von 50.000 Rubeln und ihrer gesunden, geraden Arme sind und auf das Signal zur Auswanderung nach dem jüdischen Lande warten. Haufen von Studenten haben ihre Bereitwilligkeit erklärt, wenn jemals eine wiffenschaftliche Kommission zur Erforschung eines wilden Territoriums ausgesandt würde, ihre Studien und ihre Lebensaussichten im Stich zu lassen und Kundschafter, bloße Lasttiere für die wiffenschaftlichen Sachverständigen zu werden. In diesem feurigen Glauben und Enthusiasmus, nicht in 50 Pfd. pro Kopf, wie von anderer Seite berechnet ist, liegt die wahre Hoffnung auf Verwirklichung unseres Planes. Nichtsdestoweniger könnten wir unsere Kritiker fragen, welcher wahrnehmbare Unterschied besteht zwischen der Auswanderung, welche sie Vorschlägen und der Kolonisation, welche unser Ziel ist. Geht nicht jede Kolonisation unmerklich in Auswanderung über, und vermindern sich die Kosten der Siedlung nicht in dem Verhältnis, wie die Bevölkerung wächst? Eine Berechnung, die auf dem Gedanken beruht, daß die Ansiedlung des millionsten Kolonisten genau soviel kosten würde, wie die des ersten, darf ruhig dem öffentlichen Urteile überlassen werden. Ueberdies, wenn wir die Auswanderung in Städte und nicht in ländliche Gebiete, die sie empfehlen, gelten lassen, worin liegt der Unterschied der Kosten zwischen der Ansiedelung von Auswanderern in verschiedenen Ländern und in unserem alleinigen Territorium? Tatsache ist, daß nach Beendigung der ersten Pionierarbeiten die Geldkosten beider Pläne genau dasselbe pro Kopf betragen. Der einzige Unterschied würde sein, daß wir dann ein Gemeinwesen gegründet haben könnten, in welchem alle fernerhin einwandernden Juden von ihren Brüdern willkommen geheißen würden, während in allen anderen Ländern die Erfahrung gelehrt hat, daß die Regierung eventuell wünschen würde, dem Zufluß eine Grenze zu setzen. Aber selbst zugegeben, daß diese 50 Pfd. pro Kopf richtig berechnet sind, haben wir schon gezeigt, wie irrig die Bemerkung ist, daß das Geld notwendigerweise von äußeren Quellen stammen muß. Tatsächlich sagen die von uns veröffentlichten besonderen Bedingungen: „Auswanderer, die in das jüdische Land gehen wollen, sollen registriert und mit dem Gedanken vertraut gemacht werden, daß sie hauptsächlich auf ihre eigene Arbeit und ihr eigenes Kapital angewiesen sind. Eine Million Juden sind seit dem Erlaß der schändlichen Maigesetze von 1881, auf welche sich ihre Korrespondenten beziehen, nach den Vereinigten Staaten gegangen. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß jüdische Menschenfreundlichkeit für sie als Kolonisten 50 Millionen Pfund, als Auswanderer genau ein Sechstel dieser Summe bezahlt hat. In der Tat darf kein Einwanderer die Staaten betreten, wenn er nicht seine eigene Reise bezahlt, etwas Geld besitzt und beweist, daß er genügende Aussicht für Erwerb seines Lebensunterhaltes hat. Wäre das Werk der Gründung eines jüdischen Zuflnchtslandes 1881 begonnen worden, so behaupten wir» daß wir in England keine Alien- Bill, in den Vereinigten Staaten kein drohendes Gespenst der Ausschließung gehabt hätten. Wir hätten in diesen vierundzwanzig vergeudeten Jahren ein blühendes jüdisches Land haben können, welch s nicht nur für die Aufnahme der armen Flüchtlinge, sondern auch für die kaum weniger hilflosen, reichen Juden bereit wäre, welche Rußland in den letzten Wochen in solcher Menge verlassen haben, daß die Plätze in den Eisenbahnzügen zehn Tage vorher gebucht werden mußten. Nehmen wir uns in acht, daß eine russische Krisis von 1930 uns nicht ebenso unvorbereitet findet und daß sie nicht wieder eine neue Anzahl von Menschenfreunden vorsindet, die die Worte wiederholen: „Kolonien werden nicht in einem Tage gegründet". Wir wissen das leider nur zu gut, obgleich im zwanzigsten Jahrhundert der Fortschritt nicht alten Vorbildern zu folgen braucht und ein organisierter Plan mit dem Drang nach Ausführung, obgleich ferner Gewalttätigkeiten und der in dem Wunsch nach Freiheit liegende Ansporn ganz verschieden von den persönlichen Anstrengungen von Entdeckern und Abenteurern sind. Auch wir wissen, daß unsere Kolonie augenblicklich nur gelinge Hilfe bringen kann; aber ist dies ein Grund, die alte, planlose Politik fortzusetzen und niemals einen Anfang zu machen? Nein, während wir unser Aenßcrstes tun, uni den augenblicklichen Opfern zu helfen, wie auch ihre Korrespondenten zugeben, während wir ebenfalls das Aeußerste tun, um die Emanzipation jener Millionen von Juden zu betreiben, die in Rußland bleiben wolleil, wollen wir auch ein neues Heim für diejenigen errichten, die dieses Land zu verlassen wünschen, einen Zufluchtsort gegenüber jenem schlimmen Tage, der fast sicher wiederkehren wird. Oder gibt es irgend einen ernsthaften Beobachter der Geschichte, der sich einbildet, daß etwa die russischen Juden selbst mit der Erringung der vollen Bürgerrechte ihre letzte Gefahr durchlebt haben würden. Aber der Strom der Auswanderung wird nicht einmal auf diese Rechte warten, sich auch nicht durch sie zurückhalten lassen, wenn sie da sind. Die Masse wird zweifellos in Rußland leben und für die Freiheit kämpfen. Die Zehntausende indessen, die die Schreckenstage und -nächte durchlebt haben, die sehen mußten, wie ihre Töchter vergewaltigt, ihre Kinder aus den hohen Fenstern heruntergestürzt, ihre Brüder lebendig verbrannt wurden, die sehen mußten, wie Augen mit glühenden Eisen ausgebrannt, Zungen mit Zangen herausgerissen wurden, werden nicht sobald Vertrauen und Zufriedenheit wiedergewinnen. Der schon in rapider Bewegung befindliche Strom wird nicht aufhören zu fließen. Weshalb sollte sein Lauf nicht, anstatt die großen Städte und gefüllten Schauplätze der Welt zu suchen, in ein unbevölkertes Land gelenkt werden, welches er bevölkern und fruchtbar machen kann? Wenn der Traum einer britisch-jüdischen Kolonie von britischen Staatsmännern geträumt worden ist, weshalb sollte er Ihren Korrespondenten als ein so schrecklicher Plan erscheinen? Wir sind fest überzeugt, daß die Existenz einer nach britischem Vorbilde gegründeten Kolonie mit einer jüdischen Majorität in der Bevölkerung überall die beste Antwort auf Antisemitismus und die wirksamste Hilfe für die Millionen sein wird, welche noch in Rußland bleiben, um dort für ihr und ihres Vaterlandes Heil zu arbeiten. Und nicht wir allein glauben dies. Denn so fern den Unsrigen die Erlösung „eines beschränkten Teiles der verzweifelnden Judenschafl" liegt, so besitzt sie, um mit Jewish Chronicle zu sprechen, „das ausschlaggebende Verdienst, sich der Allgemeinheit unseres Volkes zu empfehlen". Wäre es anders, so hätten wir wirklich nicht so vertrauensvoll die Einwilligung der britifchen Regierung vorgenommen. Wir wissen, daß diese Einwilligung nicht gegeben werden wird, wenn wir nicht zeigen können, daß eine große Anzahl der Juden aller Weltteile unseren Plan billigt und bereit ist, ihn zu unterstützen. Durch die uns gegebenen Zusicherungen und die von allen Seiten empfangenen Dokumente zweifeln wir nicht an unserer Fähigkeit, diese Tat zu verwirklichen. Was für Petitionen oder Massenversammlungen auch nötig sind, um unsere Behauptungen dem Verständnis näher zu bringen, wir können sie in vollem Maße liefern, in solchem Maße in der Tat, daß wir sicher sind, unsere Kritiker werden uns nicht länger ihre Unterstützung verweigern. Gerade weil die Kolonisation im günstigsten Falle so langsam vor sich geht, sollte sie nicht durch dieselben Männer gehindert werden, die, wenn sie ihre Kräfte in unsere Wagschale werfen würden, so wunderbar, wenigstens die Anfangsstadien, beschleunigen könnten. Sie würden die Ehre und das Glück ihres Volkes mehr fördern, wenn sie unseren Plan en bloc annehmen und uns helfen, unsere Fundamente festzulegen, als indem sie suchen, die Aufrichtung dieses jüdischen Freiheitslandes aufzuhalten, das ja doch eine der Gewißheiten des Jahrhunderts ist. Gehorsamst Ihr Israel Zangwill Präsident der Organisation. Arthur Cohen, M. D. Eder, Carmel Goldsmid, Philipp Hartog, Paul Hirsch, Benjamin Kisch, Hermann M. Kisch, Max Langermann, A. M. Lazarus Langdon, Will Rothenstein, Element Salaman, Solomon I. Solomon, Isidore Spielmann, Marion H. Spielmann, Alfred Sutro, Alfred Turner, Lucien Wolf, Edith Zangwill (members of the council of the Jewish Territorial Organisation). Central London Brancli, London, Dec. 12.

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