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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-29 · 52 (29.12.1905) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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»*• 52 Dr. Dlocv's Neben Deutschland ist England der m ä ch t i g st e S t a a t Europas, das englische Volk fürchtet den Verdacht der „Verjudung" so wenig, daß jüngsthin aus Anlaß des Ministerwechsels zahlreiche Juden mit den höchsten Auszeichnungen bedacht worden sind. Sir Herbert de S t e r n ist zum Lord ernannt worden, wodurch die Zahl der jüdischen Lords auf drei gestiegen ist. Ferner ist das konservative Unterhausmitglied Benjamin L. Cohen in den Adelsstand erhoben worden. Der neue englische Sir gehört einer Familie an, die sich in der Verwaltung der jüdischen Institutionen Londons stets in hervorragender Weise hervorgetan hat. Er selber war jahrelang Präsident des Board of Guardians gewesen, dessen Leitung jetzt in den Händen seines Bruders, Leonhard L. Cohen, liegt. Wichtiger ist die Ernennung des Herrn Herbert Louis Samuel zum Unterstaatssekretär des Innern. Bis jetzt sind außer Disraeli nur zwei Juden Mitglieder eines Ministeriums gewesen. Es sind das die Herren Sir George Jessel, der Generalstaatsanwalt unter Gladstone war, und Baron Henry de Worms, Unterstaatssekretär für die Kolonien unter Salisbury. Die Ernennung Mr. Herbert Samuels zum Unterstaatssekretär des Innern ist um so bedeutungsvoller, als er, der zusammen mit seinem Bruder Mr. Stuart M. Samuel in den vordersten Reihen der Kämpfer gegen die Fremdenbill stand, nunmehr die Ausführung der inzwischen zum Gesetz gewordenen Bill zu leiten haben wird. Mr. Samuel zählt erst 45 Jahre und gilt als begabter politischer Schriftsteller. Im Unterhaus ist er erst seit etwa vier Jahren. -i- -i- * Während also in England ein Jude Minister des Innern wird, fordern die Herren vom Wiener Regime die Betrauung Luegers mit der Regierung Oesterreichs. Sie spekulieren auf das Scheitern der W a h l r e f o r m, den Sturz des Ministeriums Gautsch und erhebliche Arbeiterunruhen, für welche Eventualität Herr Lueger als berufener Retter des „Vaterlandes" sich empfehlen läßt. Bereits vor Wochen waren im „Deutschen Volksblatt" und in der „Deutschen Ztg." dahin zielende Leitartikel zu lesen. Nun hat Stadtrat Oppen berger in einer Versammlung des „Christlichen Frauenbundes" das große Wort laut ausgesprochen: „Es wird aber früher nicht besser werden, bevor nicht jener Mann an die Spitze der Regierung gestellt wird, der voll Geist, voll Patriotismus und Anhänglichkeit an unser Vaterland ist, und dieser Mann ist unser Bürgermeister Dr. Lueger. . Diese Stellung gebührt ihm schon lange und wir sind alle gern bereit, als gute Christen und Antisemiten für ihn zu kämpfen und auch zu siegen, damit endlich unser Vaterland befreit werde von seinen Feinden!" Daß seine Wiener Parteigänger Herrn Lueger gern als Ministerpräsidenten sehen möchten, ist begreiflich; sie hätten davon nicht geringe Vorteile! Welch' eine Fülle des Segens würde über ihr Haupt sich ergießen! Neue staatliche Betriebe mit einer Armee frischgebackener Beamten und Bediensteten wären aus dem Boden gewachsen, wie Schwämme im Walde nach einem warmen Regen, und alle Luegerianer wären mit Posten und Sinecuren versorgt, bis in das dritte und vierte Geschlecht. Des Demokraten Geßmanns Brust würden Orden sonderzahl schmücken, Steiner könnte Irrenhäuser bauen nach Herzenslust und Dr. Klotzbergs Sehnen, einmal die Schleppe eines Ministers zu tragen oder andere Dienste zu verrichten, fände keine Schranken. Die Segnungen einer Lueger-Aera in Allösterreich sind nicht auszudenken. Die Millionen. E teuergulden würden nur so in der Luft herumwirbeln und Überschreitungen und Ausschreitungen gäbe es, wovon sich unsere Schulweisheit nichts träumen läßt. Außer diesen beutegierigen Parteimännern aber würde die gesammte Bevölkerung Oesterreichs wie ein Mann gegen ein Regime Luegers sich erheben. In seiner „berühmten" Rede über die russischen Vorgänge hat Herr Lueger sein Regierungs- Programm klar und bündig formuliert, es ist das Programm von Herrn P l e h w e's seligen Erben. Auf der einen Seite Mlocbenscdrirr. tl 827 das Beispiel Englands, auf der andern Seite das Beispiel Rußlands! Herr Lueger erbietet sich „russisch" zu regieren! Welche Zumutung an Se. Majestät dem Kaiser von Oesterreich! * Einigermaßen unangenehm mag unseren ehrenwerten Antisemiten die feierliche Kundgebung der „Freien Schule" gegen den Katholikentag in die Ohren geklungen haben. Und das Empfindlichste bei der Sache ist,' daß da eigentlich die Juden gar nicht mitgeredet haben. Das ist allerdings unbequem. Hofrat Baron Hock, Prof. Mach, Hofrat Prof. v. Guttenberg, Dr. Vogler, Prof. Meyer-Lübke und alle, die da mitgeredet und Zustimmungen gesandt haben, gleich in Bausch und Bogen zu Juden umzulügen, das ist doch ein bischen umständlich und mühevoll. Weiter reicht aber die Wissenschaft nicht. Was nun? Ein Redner weist nach, daß es den Klerikalen sich nicht um die Religion, sondern nur um die Herrschaft über die Lehrer und über die Jugend handle. Ein anderer stellt fest: Wer heute im Lande und in der Stadt ein öffentliches Amt hat oder anstrebt, ist klerikal. — Ist es anders? — Recht ungeniert drückte sich ein sozialdemokratischer Redner, der Abg. Schuhmeier, aus: „Was der Klerikalismus geleistet bat, ist Schwindel, Schwindel auf der ganzen Linie! Man wird im Klerikalismus immer das nackte, aber nicht immer das reinste Geschäft finden. (Heiterkeit) Jene, die am letzten Katholikentag vor dem Rathause angeblich für das Christentum, für die Religion der Nächstenliebe d monstriert baden, haben dies betätigt in dem Rufe: „Nieder mit den Juden!" Wer da ruft: nieder mit den Juden!" der ruft: ,/Nieder mit Jesu(Zustimmung.) Als Sozialdemokrat erachte er es als seine Pflicht, den Klerikalismus rücksichtslos zu bekämpfen und den Verein „Freie Schule" zu unterstützen, weil die Arbeiterschaft das Hauptinteresse an einer guten Volksschule habe. „Wo der Klerikalismus am frechsten, dort sei die „Freie Schute" am nächsten! (Stürmischer, anhaltender Beifall.) Auch des Bürgermeisters Dr. Lueger wurde gedacht, der ja mitgeholfen hat, den Glanz des Katholikentages zu erhöhen. Er hat auch dort den „feschen Karl" markiert. Der Reichsratsabgeordnete Dr. Sommer leuchtete ihm wie folgt heim: „Der Krankheitskeim des Klerikalismus, der schon manchen Staat an den Rand des Abgrundes gebracht hat, der schwarze Tod, muß auf das Entschiedenste bekämpft werden. Lueger meinte auf dem Katholikentage: „Die r ö m i s ch-k atholische Religion i ft für uns Wiener d i e b e st e, d e n n wir sind ein l u st i g e s Volk." Dieses Mischmasch von Hetz und Frömmigkeit war das Rezept aus der römischen Küche, welches die Oesterreicher in ewiger Unmündigkeit gehalten hat. Die Zukunft unseres Volkes kann nicht gedeihen unter dem Schutze der Kutten, sondern nur unter dem Sonnenglanze der Bestrebungen, die der Verein „Freie Schule" vertritt." Ajidisch-lerrilorialMsche Organisation.*) An den Herausgeber des „Daily Telegraph". Geehrter Herr! In Ihrer Ausgabe vom 8. d. M. ist eiu Brief erschienen, der zwar die Unterschriften, aber seinem sachlichen Inhalt nach nicht das persönliche Gepräge von Lord Rothschild und der sieben anderen, in der Judenschaft hervorragenden Männer trug. Insoweit, als der Brief eine Bitte um weitere Beiträge zu dem Fonds für die Erlösung der russisch-jüdischen Dulder erhielt, hat er unsere vollste und aufrichtigste Zustimmung. Tatsächlich plädierte bei einer Massenversammlung von 8000 unserer Anhänger der Präsident der Versammlung, Sir Robert Tide, ebenfalls ganz besonders für den genannten Fonds. Aber die Kritik der I. T. O., welche dieser Brief einschloß, eine Kritik, die ohne irgend einen Versuch, von unseren Führern Aufklärung zu erhalten, verfaßt war, mißversteht vollständig unser Problem und unser Ziel. Schon beim ersten Entwurf unseres Planes haben wir alle späteren Einwendungen Ihrer Korrespondenzen in Betracht gezogen. Die Anklage z. B., daß wir einen Ghettostaat errichten wollen, ignoriert vollständig den in der ganzen Welt veröffentlichten Briefwechsel zwischen Herrn Lucien Wolf und dem Präsidenten der Organisation, in welchem ausdrücklich erklärt war, daß in der geplanten Kolonie Kirche und Staat getrennt sein sollten, und daß das Ziel war, erne Kolonie nach britischem Vorbilde zu gründen. Diese Kolonie würde nicht mehr ein Ghettostaat für Juden sein, als etwa Ncu-Seeland ein Ghettostaat für Christen ist. Die Gesetze einer solchen Kolonie winden sich zweifellos auf denen des Mutterstaates aufbaueu, allerdings in modifizierter Form,^. wie sie ja jede britische Kolonie ihren besonderen Verhältnissen anpaßt. Was den Einwand betrifft, daß, weil nur eine verhältnismäßig kleine Minderheit aller Juden der Welt in wenigen Ländern volles Bürgerrecht besitzt, die russischen und anderen Juden daher von gemeinsamem Suchen nach Freiheit und Sicherheit durch *) Der beifolgende Aussatz ist die Erwiderung Mr. Zangwills auf den in unserer vorigen Nummer publizierten Brief Lord Rothschilds, der zuerst im „Daily Telegraph" erschienen war.

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