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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-29 · 52 (29.12.1905) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 826 srr. JBlocD’s Mocoenscvrm. Nr. 52 die „Oesterreichische Wochenschrift" das führende Blatt des österreichischen Judentums geworden und geblieben ist, das ist der wichtigste Erfolg unserer langjährigen Bemühungen. Wir aber werden aus dem Bordertreffeu nicht weichen und unsere Feinde sollen nach wie vor die Wucht unserer Schläge zu fühlen bekommen. ' Mühevoll war unsere Arbeit, aber keine erfolglose. Der Kreis unserer Aufgaben hat sich von Jahr zu Jahr erweitert. Neben der Förderung der geistigen und ethischen Interessen unseres jüdischen Volksstammes waren wir stets bestrebt, zur Verbesserung der materiellen Lage unserer Glaubensgenossen Ansporn und Aneiferung zu bieten. Die Unterstützung der jüdischen Handwerker und Kleingewerbetreibenden bildet einen Programmpunkt der „Oesterreichischen Wochenschrift" 'seit Anbeginn ihrer Wirksamkeit und von den Vereinen und Instituten, welche aus dem Jdeeukreise der „Oesterreichischen Wochenschrift" und jenen durch sie propagierten Bestrebungen hervorgegangen, nennen wir die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union", das „Ferienheim", die Etablierung des „Rechtsschutzbureaus", des „Jüdischen Arbeitsnachweises", die Gründung des „Oesterreichisch- Jsraelitischen Bundes" und endlich den großen „Hilfsverein für unsere notleidenden Brüder in Galizien". Alle die Ideen, welche die vorgenannten Vereine und Institute in die Tat umsetzten und lebendig verkörperten, hat die „Oesterreichische Wochenschrift" zuerst und unermüdlich propagiert, mit der ganzen Kraft innigster Begeisterung und lebendigstem Pflichtbewußtseiu verfochten, populär gemacht, bis sie lebendige Gestalt angenommen. Die Menschen haben ein kurzes Gedächtnis. Seit die Schar unserer Mitstreiter sich verstärkt, seit das österreichische Judentum eine große Kampfgemeinschaft geworden ist, haben Manchean der „Oesterreichischen Wochenschrift" zu nörgeln und zu kritteln begonnen. Sie vergessen, welche Verdienste wir, wir allein uns um die Kräftigung und Hebung unseres Stammesbewußtseins, um die wuchtige Abwehr des Gegners erworben. Sie vergessen, daß wir aus dem Kampf und für den Kampf herausgewachsen sind und daß der Augenblick noch lange nicht gekommen ist, die Waffen aus der Hand zu legen. Das sind dieselben Leute, die sich nicht zu erkennen geben wollen, die sich ihrer Abstammung schämen, die erschreckt zusammenfahren, wenn sie einmal das Wort „Jude" gedruckt finden, die sich darüber freuen, daß jüdische Abgeordnete zu den ärgsten Beschimpfungen unserer Glaubensgemeinschaft stillschweigen, sie nur deshalb noch dem Namen nach Juden bleiben, weil ihnen der Glaubenswechsel heute nichts mehr nützen würde. Die Kritik dieser Herren werden wir ruhig ertragen. Noch immer sind wir der Meinung, daß die wirksamste Defensive die Offensive ist und daß man, wenn ein Feind uns anspeit, nicht gleichmütig ausrufen darf: „Es regnet." Die treibende Kraft, die unser Blatt zum Leben rief, wirtt noch immer fort. Indem wir die Kritik der Gegner geduldig über uns ergehen lassen, glauben wir ein Anrecht erworben zu haben auf die tatkräftige Unterstützung nuferer alte» Gönner und Freunde! So beginnen wir ein neues Jahr mit dem alten Gottvertrauen, mit dem Vertrauen auf die Treue unserer Freunde! Mögen sie tapfer und unerschütterlich zu uns stehen, wie wir zu ihnen! Gönnen wir dem Kleinmut, der Eifersucht, der Nörgelei keinen Raum in unseren Reihen, bleiben wir die festgeschlosscne, unerschrockene Kämpferschar, die bisher gegen eine Welt in Waffen ihr Recht behauptete, ihren Glauben schützte, ihre Ehre hochhielt! Verlassen wir uns selber nicht, dann wird auch der Gott unserer Väter uns nicht verlassen. Vom Aabrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgefchichte. Das „verjudete" Berliner Regime. — Doktor Luegers Gesinnungstüchtigkeit. — Wien und Berlin. — Oesterreich und England. — Ein jüdischer Minister des Innern in England. — Dr. Lueger als österreichischer Ministerpräsident. Unter dem Schlagwort „hie deutsch, hie jüdisch" hat das biedere „Deutsche Volksblatt" vom 23. Dezember einen Preisgesang angestimmt auf die „deutsche" Gesinnungstüchtigkeit Herrn Luegers auf Kosten des Berliner Oberbürgermeisters Kirchner. Das „Deutschtum" Luegers ist zweifellos so reinlich wie die Unbestechlichkeit des Antikorruptionisten Ernst Vergani. Die Deutschen Oesterreichs wenigstens haben Herrn Lueger in Bezug auf nationale Gesinnung nie für zuverlässig erachtet. In welcher Eigenschaft war er überhaupt je zuverlässig? War er es als liberaler Freiheitsschwärmer, war er es als steifnackiger Demokrat? Die Antwort auf diese Fragen gibt seine bisherige Laufbahn. Heute ist er klerikal, feudal, antisemitisch. Er zählt zu den Zierden des Katholikentages, er ist das Schoßkind der Bischöfe, des hohen und höchsten Adels, baut Kirchen und verfolgt die Juden und verleiht sich eben deshalb eigenhändig und taxfrei den Hoftitel als wahrer Freund des Volkes. Es gibt wenige Parteien, welchen er nicht schon angehört, kaum noch eine Gesinnung, die er nicht schon vertreten und verleugnet hätte. Ob er sich nun zur Beständigkeit durchgerungen hat? Zieht man lediglich sein Temperament in Betracht, dann müßte man es allerdings nicht für ausgeschlossen erachten, daß er dereinst in naher oder ferner Zeit noch als Sozialdemokrat landet oder als Alldeutscher, sogar vielleicht als Beschützer der Juden. Man darf aber Eines nicht übersehen. Dieses Temperament ist matt geworden, hat einen senilen Charakter angenommen. Der Spiritus ist verflogen, die Jmpetuosität der Jugend ist dahin, und wenn er nun beständig geworden sein sollte, so ist das die Tugendhaftigkeit des Alters, deren moralischer Wert kein erheblicher ist. Der Berliner Oberbürgermeister ist ein Mann von lauterer Gesinnung, ein Charakter von reinstem Adel. Herrn Lueger mit ihm in einem Atem zu nennen, ist eine Vermessenheit. Im ganzen Berliner Gemeinderat gibt es keinen einzigen Geistesgenossen Luegers — das ist bezeichnend für das Urteil der Berliner Bevölkerung. Bedenkt man den ungeheuren materiellen und geistigen Aufschwung Berlins in den letzten Jahrzehnten und den ökonomischen Niedergang Wiens, die notorische Verarmung der Bevölkerung unter der Herrschaft der Luegerei, so kann die Bezeichnung des Berliner Regimes als „Judenwirtschaft" für uns Juden nur ein Ehrenzeugnis sein. * * * Und wie Berlin, so ist auch London „verjudet". Herr Lueger ist als offizieller Verteidiger der russischen Judenmetzelei aufgetreten. Aus London dagegen wird gemeldet: Hier in England hat die christliche Bevölkerung zu den russischen Verhältnissen stark Stellung genommen. Der Bischof von Gloucester sandte der jüdischen Gemeinde im Namen aller ihm untergebenen Geistlichen ein entsprechendes Schriftstück. An den Chief-Rabbi kamen Kundgebungen der vereinigten freien schottischen Kirche, vom Kirchenrat von St. Johann, East Dulwich, von der Bürgerschaft in Liverpool, durch den Lord- Mayor zugesandt; u. a. hat auch der Bischof von Oxford sich mit einer entsprechenden Gabe an ihn gewandt. In Dublin hat die evangelische Gemeinde der dortigen Gemeinde ihr Mitleid mit den russischen Opfern und ihren Abscheu gegen die Mörder kundgetan. In Gegenwart der höchsten Geistlichkeit wurde in St. Paul ein Gottesdienst für alle. Bedrückten auf Erden und besonders für die russischen Juden abgehalten. Der Bischof von London hielt die Ansprache.

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