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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-22 · 51 (22.12.1905) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
51 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 51 Dr. Blocb's MLocvenscvrLN. Seite 815 Wer kann es ausdenken, was geschehen wäre, wenn die Juden es von ihrem Gesetze aus hätten betreten dürfen! Welche Szenen hätten sich da an den heiligen Tagen auf dem heiligen Platze abgespielt! Zn Tausenden hätte man sich hinaufgedrängt! Und wenn in der Geburtskirche zu Bethlehem noch gegenwärtig veritable Schlachten zwischen verschiedenen Sekten eines Bekenntnisses aufgeführt werden und nur durch türkische militärische Assistenz alljährlich großes Unheil verhütet wild — welche Folgen hätte das Betreten des heiligen Platzes für die jährlich in großer Zahl hinausstürmenden Juden gehabt! Es ist dies nicht auszudenken! Aber doch ist es niederdrückend das jüdische Geschick! Der Platz auf dem Hadrian dem Jupiter einen Tempel errichtete, der dann von Justinian vernichtet in eine Kirche umgewandelt wurde, die wieder von Omar zerstört geworden, um an deren Stelle die heute sichtbare wundervolle Moschee aufzubauen: dieser Platz, der aber trotz aller Veränderungen das unverlierbare Erbe Israels ist und bleibt, er kann gerade von den eigentlich Erbberechtigten nicht betreten werden — es ist das Schicksal Israels, welches sich da vom Allgemeinen in das Besondere wiederholt — es ist, wie mit seinen weltbeherrschenden Ideen — sie werden von anderen ausgenommen; wir die Schöpfer, die Träger derselben sind von ihrem Genüsse ausgeschlossen! II. Dieses schicksalsschwere Los, hochgeehrte Versammlung, welches uns da entgegentritt, es wird gemildert im Anblicke der Kulturerscheinungen, die uns für die Zukunft viel für Israel in Palästina versprechen. Obzwar es jetzt auch damit noch im Argen liegt — aber eine Morgenröte ist unbedingt da. Um uns hierüber klar zu werden, gehören hiezu noch einige einleitende Worte, zum bessern Verständnisse der sefardischen und aschkenasischen Juden, und ihre charakteristischen Unterscheidungsmerkmale. Der sefardische Jude erscheint dem aschkenasischen gegenüber, autochthon, eingeboren, er sieht dem Araber ähnlich fast im Gesichtsschnitt, aber gewiß im Habit und Gebühren; er kennt die heimische Sprache und beherrscht im Allgemeinen auch die hebräische in der schönen, erhaben klingenden sefardischen Aussprache. Er hat auch seine Fehler, er ist orientalisch behäbiger und seine religiösen Anschauungen sind sehr zu abergläubischen Wahnvorstellungen geneigt. Der Reisende Jakob Safir, der vor mehr als vierzig Jahren von Jerusalem aus eine Reise nach Afrika gemacht, erzählt in seinem Buche Eben-Saphier ein Erlebnis. In der Esra-Synagoge in Kairo befand sich auf dem Dachboden die seit einigen Jahrhunderten nicht geöffnete sogenannte „Genizah“, d. h. Rumpelkammer für alte Schriften, unbrauchbar gewordene hebräische Bücher und Gebrauchsgegenstände ritueller Natur. Er ahnte dort Schätze des Altertums zu finden und wollte in diese staubbedeckte Kammer eindringen. Erstarrt und entsetzt hielt man ihn davon ab, es sei lebensgefährlich, der Tod sei sicher, eine große giftige Schlange bewache den Eingang! Er setzte es nach mehrtägiger Bemühung dennoch durch — in humorvoller Weise! Er stellte dem Wahn einen andern gegenüber. Er zeigte ein Amulet, welches ihn gegen jede Lebensgefahr schütze, auch — verstehe er die Sprache der Schlangen! Erst hierauf wurde er eingelassen — und kam selbstverständlich auch heil wieder heraus. Da sehen wir das Charakterbild des sefardischen dcm aschkenasischen Juden gegenüber — das gilt noch heute! Jedoch in der Betätigung des religiösen Zeremoniells ist der aschkenasische fanatischer geartet; er kann sich — angeblich auf die Religion stützend — der Eigenart des Landes hiedurch nicht anlehnen; seine Kleidung, seine Aussprache, sein Benehmen und Auftreten bleibt dem Landeseinwohner gegenüber immer ein fremdartiges! Und nun kommt der springende Punkt bezüglich ihres Kulturzustandes. Alle Schulen, die von den verschiedenen Vereinen und Philanthropen geschaffen und erhalten sind, werden von aschkenasischen Kindern fast gar nicht, sondern nur von sefardischen besucht. Wir wollen nun von der Schule sprechen, die besonders Wien interessiert; es ist die Lämelschule, gegründet von Elise Herz von Lämel zum Andenken an ihren Mann, deren nähere Geschichte ja wohl aus dem Buche „Nach Jerusalem" von dem seligen Dr. L. A. Frankel, dem berühmten Dichter und Sekretär der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, wohl bekannt ist. Wir wollen ihren gegenwärtigen Zustand kennen lernen. Die Lämelschule, die ursprünglich nur für eine vierklaisige Elementarschule eingerichtet war, hat sich in einem neuen zweistöckigen Hause sehr erweitert; sie enthält zwei Kindergärten, eine Elementarschule, eine Mittelschule und ein Pädagogium zur Heranbildung von Lehrern, alle insgesamt zählen 370 Zöglinge. Die Leitung der Lämelschule liegt in bewährten Händen; die Vortragssprache ist die hebräische und deutsche, aber es wird auch arabisch und französisch in derselben gelehrt. Welche Kinder aber besuchen die Anstalt? Fast ausschließlich sefardische, ja sogar auch mohammedanische sind zu sehen, wie z. B. der Knabe des österreichisch-ungarischen Kawassen — der spricht schon geläufig hebräisch! Zum Purimabend waren wir in die Schule geladen, wo lebende Bilder, Musikstücke, ein deutscher Purimschwank, Turnspiele und — als piece de resistance — ein Schauspiel in 4 Aufzügen in rein hebräischer Sprache aufgeführt wurde, Sernbabel mit Namen, welches den Kampf schilderte, der unter den Juden ausgebrochen war, als es sich um die Rückkehr nach Palästina handelte — die beiden einander bekämpfenden Richtungen — derjenigen, die in Babel bleiben wollen, und der anderen, die Jerusalem wieder ausrichten wollten — wie schön klang das Hebräisch von den Lippen der jugendlichen Schauspieler, wie von den Jüngern einer Prophetenschule, mit Verve, mit Begeisterung, fließend, ausdrucksvoll, es war hinreißend anzuhören. Woher aber die Resultate des schönen Hebräisch, fragt man sich: und das interessiert wohl auch die österreichische Judenheit, in der so viel nachgedacht wird, wie ist die Kenntnis des Hebräischen zu heben? In Palästina erfährt man die Antwort, sie hat sich selbst dort erst seit sehr kurzer Zeit ergeben — sei es in Jaffa, sei es in den Kolonien, sei es in Jerusalem selbst, überall dort wird zum Unterricht des Hebräischen die Berlitz-Methode befolgt und in Errichtung von Kindergärten mit hebräischer Vortragssprache vorbereitet und bis hinauf fortgeführt, und bei dieser Methode, zu deren Durchführung mehrere Musterschulen eingeführt werden könnten, lassen sich erst die großen Erfolge erzielen, daß die hebräische Sprache zur zweiten Muttersprache wird. Die Kenntnis der hebräischen Literatur ist die unvergleichlich nützliche Folge und die begeisterte Liebe zu jüdisch-nationalem Leben ist die paradiesische Frucht, die dem Kinde als wahrhafte religiöse Vorbereitung von diesem Baume der Erkenntnis zu eigen wird. Und da kommen wir zu einer Kulturerscheinung, die uns heute in der Zeit des Massenübertrittes interessiert. In Palästina wird seit Jahren mit riesenhaften Mitteln von der reichdotierlen englischen Mission gearbeitet, um den Abfall vom Judentum herbeizuführen. Sie kostet 15.000 Pfund Sterling jährlich, abgesehen von den vielen Anstalten, die zu diesem Zweck erhalten werden. Schulen, Spitäler, Kindergärten, Druckereien, Handwerkstütten; auch geben sie Arbeit den dürftigen Juden, und damit sie vor ihnen nicht zurückfchrecken, haben sie — man höre und staune! — Synagogen für die dort. arbeitenden Juden mit streng orthodoxer Observanz eingerichtet; Speisen werden für sie streng rituell zubereitet — und doch ist der Abfall ein seltener und kommt ein einzelner Apostat auf 3000 Pfund Sterling. Da gibt es auch einen einzigen reichen Apostaten, der die Adoptivtochter einer millionenreichen englischen Familie geheiratet hat — aber sein jüdisches Gehaben hat er nicht aufgegeben; er sitzt täglich über den Talmudfolianten mit vom Käppchen bedeckten Haupte. Zweimal im Jahre erinnert er sich seiner früheren Glaubensgenossen und läßt es sich derselbe viel Geld kosten. Zu den zwei Jahrzeitstagen seiner Eltern läßt er sich für gutes Geld 9 fromme Juden zum notwendigen Minjan kommen, um das K a d d i s ch zu sagen — als aber einmal sich unter diesen neun Juden ein Abgefallener eingeschlichen

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