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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-22 · 51 (22.12.1905) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
51 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 816 Dr. Lloch's WochLNstlzrist. Nr. 81 hatte und er dies bemerkte, schrie er ihn an, er könne ihn zu dieser Andacht nicht brauchen. „Was glaubst Du" — rief er ihm entrüstet zu — ich werde mit einem M e s ch u m e d beten!? Also in Palästina, dort findet trotz der großen Armut der Absall vom Judentum keinen Boden; wohl aber sieht man Proselyten, die sich aus wahrer Frömmigkeit dort niedergelassen haben. Einen solchen lernte ich, mit Namen Abraham Jakob Leon, kennen, der sich Frau und Kinder aus Amerika, seinem srüheren Wohnorte, nach Jerusalem kommen ließ und die da auch zum Judentum übertraten. Die Frömmigkeit dieses Mannes und seiner Familie ist phänomenal. Ich erinnerte mich da einer interessanten Tossafotstelle zum Ausspruche des Talmud: „Proselytentum ist für Israel schädlich wie ein Geschwür." Die Tossafisten bemühen sich, diesen Ausspruch zu erläutern und vielerlei Gründe hiefür anzugeben. Schließlich heißt es: „Rabbi Abraham Ger, d. h. Proselyt meint, es ist der Proselyt dem Israeliten deshalb schädlich, weil er es mit der Religion viel genauer wie der geborene Jude nimmt, und dies schadet dann Israel bei dem Urteil vor Gott." Wie originell klingt dies, aber auch wie wahr! Wir hätten, besonders bezüglich der Liebe und Anhänglichkeit zum heiligen Lande, viel zu lernen. Wir mußten sehen, mit welchem Eifer und mit welch großen Opfern alle anderen Konfessionen und Nationalitäten für Palästina eintreten; die Pilger, die da zu Tausenden in Palästina eintreffen — und die Juden sehen so selten ihre Brüder von auswärts auf heiligem Boden — selbst politisch wäre es für sie svon größtem Werte — dessen versicherten uns Sefardim und Aschkenasim, Chassidim wie Aufgeklärte, Kolonisten, Arbeiter wie Talmudgelehrte — um politisch im Ansehen gehoben zu werden vor den anderen Volksangehörigen, wie selbst vor der Regierung, ist ein öfterer Besuch durch glaubensgenössische Pilger von unschätzbarem Werte und unberechenbarer Bedeutung. Vielen unserer besser situierten Glaubensgenossen mag daher der Mahnruf nicht als exzentrisch erscheinen. Suchet das Land Palästina auf! Es bietet sich auch in diesem Jahre die günstigste Gelegenheit hiezu; sie wird vom Zentralfahrkarten-Bureau in Budapest für den kommenden Monat Februar geboten; es ist eine israelitische Gesellschaftsreise nach dem heiligen Lande; die e r st e habe ich selbst mit derselben Gesellschaft mitgemacht, und sie ist vom ausgezeichnetsten Erfolge gewesen. Die Eindrücke dieser Palästinareisc haben sie soeben von mir geschildert erhalten und es ist zu erwarten, daß die zweite Palästinareise noch von glänzenderem Erfolge begleitet sein werde. Suche es daher auf das heilige Land, suche es so oft als möglich auf, das Land der Väter; nicht nur erst wie der Jude sagt: „Iiesehauah habaah“ im kommenden Jahr, welches wie der Spruch klingt: „Morgen, morgen, nur nicht heut", sondern jetzt noch in diesem Jahre und in jedem, in welchem es dir möglich ist, und denke an die klassische Mahnung: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!" (Lebhafter Beifall.) Die deutsch-amerikanischen Juden in Handel und Industrie. Obwohl die deutschen Juden erst am Ende des ersten Viertels des 19. Jahrhunderts das numerische Uebergewicht über ihre aus andern Ländern zugewanderten Glaubensgenossen in den Vereinigten Staaten gewannen, waren sie schon ein Menschenalter später auf jedem Gebiet tonangebend geworden. Da es an einer neuern Darstellung über die amerikanischen Juden fehlt, müssen wir uns an ein Buch halten, das Isaak Markens in New-Z)ork im Jahre 1888 unter dem Titel: The Hebrews in America erscheinen ließ. Die Schilderung ist deshalb sehr interessant, weil sie erkennen läßt, wie zäh und sicher die deutschen Juden ihren Besitzstand in den letzten zwanzig Jahren verteidigt und erweitert haben. Am besten bekannt in Deutschland sind natürlich die jüdischen Bankhäuser in New-Dork, von denen eine Reihe Weltruf besitzen. Von den acht Gebrüdern S e l i g m a n n kam der älteste, der in Erlangen studiert hatte, 1838 nach Amerika, gründete später mit seinen Brüdern ein großes Jmporthaus für Webwaren, und beim Ausbruch des Bürgerkrieges eine Bank, die bald Zweiggeschäfte in London, Paris, Frankfurt, San Franzisco und New-Orleans eröffnete und der es unter anderm gelang, einen Teil der amerikanischen Regierungsschuld in Deutschland anzubringen. Auch Philipp Heidelbach von dem Bankhause Heidelbach & Jckelheimer stammte aus Bayern, hausierte erst wie so viele seiner armen deutschen Glaubensbrüder . in Amerika, gründete dann ein Kleidergeschäst in Cincinnati, einer Hochburg des Judentums, wurde der größte Modewarenfabrikant im Mississippital und öffnete dann die große Bank in New-Z)ork, die mit seinem Namen verknüpft bleibt. Lazarus H a l l g a r t e n, der 1849 herüberkam, ist ein anderer wohlbekannter jüdischer Bankier New-Iorks. L a z a r d Fröres aus dem Elsaß begannen in Kalifornien und ließen sich in Paris erst nieder, nachdem sie in Amerika ihr Glück gemacht hatten. August B e l m o n t, der verstorbene Vertreter Rothschilds in New-Iork, wird von Markens nicht erwähnt, und James Speyer hat seine New-Aorker-Bank erst in den Neunziger- Jahren emporgebracht. S. L o e b von der Firma Kuhn, Loeb & Co. kam arm nach Amerika. Sein Schwiegersohn Jakob H. Schiff, der vielleicht an der Spitze des N e w -I o r k e r -I u d e nt u m s steht und sich durch seine großen Schenkungen einen Namen gemacht hat (das semitische Museum der Harvard Universität und die neue New Horker-Rabbinerschule sind Schiffs Stiftungen), ist neben dem christlichen Pierpont Morgan, James Speyer und einigen andern einer der bestbekannten und einflußreichsten Bankiers in Amerika; er kam 1865 aus Frankfurt nach den Vereinigten Staaten. Außerordentliche Fortschritte haben die Juden im amerikanischen Kleider-, Modewaren- und Wäschegeschäft und in der Ausbreitung der großen Warenhäuser gemacht, und die meisten Namen, die Markens anführt, sind die eingewanderter Deutscher, die freilich vielfach ihre Namen bis zur Unkenntlichkeit entstellt haben. L. Seasongood in Cincinnati kam 1851 aus Bayern, woher so viele Juden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen. Nathan Bloom von der Firma Bamberger, Bloom & Co. in Louisville aus Hessen-Darmstadt, die Brüder Weil in St. Louis 1836 aus Pirmasens, zuerst als Hausierer; die Brüder Lehmann aus Würzburg begannen in Montgomery in Alabama, wie überhaupt dieser Staat den Juden viel verdankt. M. R a n g e r, der 1855 aus Deutschland einwanderte, wurde ein großer Baumwollspekulant in Galveston und Liverpool, und L. Frieder war eine Zeitlang der Weizenkönig von Kalifornien. Heute würde eine Liste der großen jüdischen Geschäfte ein stattliches Adreßbuch geben. Selbst in Washington, wo Markens 1888 kaum eine nennenswerte Firma aufzählen konnte, ist heute nur noch ein einziges nichtjüdisches Warenhaus zu treffen. In New-Iork hatten die Juden von 1870 bis 1888 den Charakter der Broadway zwischen Canal Street und Union Square völlig verändert. Von den 1200 Großkaufhäusern und Importgeschäften, die den Kleinhandel stadtauswärts gedrängt hatten, waren 1888 bereits 1000 in jüdischen Händen. Von 241 Kleiderfabrikanten New-Iorks waren 234 Juden, und diese hatten sich fast alle innerhalb 15 Jahren aufgetan. Die Verfertigung von Hemden und Unterkleidern in New-Iork war schon damals ausschließlich in der Hand der Juden, die 35.000 Arbeiter in den berüchtigten Sweat Shops beschäftigten, Glaubensgenossen, die die russische Auswandererwelle seit 1882 herübergeschwemmt hatte. Mäntel wurden noch um 1875 in Amerika so gut wie gar nicht gemacht, um 1888 bereits für 15 Millionen Dollars in New-Dork, ebenfalls durch Juden. „Kölnische Zeitung".

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