Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8X4 L)r. Biocb ö MlocvenscvrtN. Nr. 51 Wir ziehen weiter und die Effekte steigern sich; wir sind uns nun bewußt, wir stehen auf heiligem Boden und wir durchziehen ihn, um den Mittelpunkt zu erschauen, Jerusalem! Eine Strecke Weges begleitet uns das Blau des Meeres zur Linken, vor uns die Berge Jehudas, zur Rechten die blühenden Fluren der neuangelegten Kolonien. Wir sehen Neu-Juda, wir suchen es in Pethach Tikwah, mit all seinen schönen Einrichtungen jüdischer Verwaltung; der Schulen mit hebräischer Unterrichtssprache; Werkstätten, Polizei, Feuerwehr, Spital, Apotheke, Gemeindeamt, Postverwaltung, kurz alles jüdisch — und auf erhöhtem Platze — die schöne, geräumige, wcißgetünchte Synagoge; breite Straßen, mit Bäumen umsäumt, Häuschen mit Vorgärten, rings um den Ort Felder, bereits in Aehren stehend, Wiesen mit Heerden von Klein- und Großvieh, Orangerien mit weitleuchtenden, goldenen Aepfeln. Viele von uns, die auch nach Rischon-le-Zion zogen, sahen dort die großen Kellereien und die Ackerbauschule; weiterhin im Vorbeifahren, Sichron Jakob — alles Bilder einer neuen Welt auf altem Grund und Boden hervorgezaubert, ein Zukunftsbild, das der Entwicklung entgegenlechzt; ganz Israel einen Mahnruf entgegendonnernd : Arbeitet in Klein- oder Groß-Kolonisation, nur nicht die Hände in den Schoß legen — hier harret Euer die Sicherheit, die Ruhe — hier sehet ihr Russen, Rumänen, die vor 10, 15, 20 Jahren als Flüchtlinge kamen, die jeden Halt, jeden Stolz verloren hatten, hier haben sie sich wieder gefunden, mit festem Blick sehen sie Euch an, mit kräftigen, Händen führen sie den Spaten, schwingen sie den Hammer, mit beduinenhafter Gelenkigkeit tummeln die Jungen ihre Rosse, wir erschauen das Bild der Nachkommen der strammen Makkabäer — wir freuen uns dessen, und sie, die Angesiedelten, freuen sich unserer Freude, die aus den Augen leuchtet, und wir hören ein jauchzendes Hejdad! das uns überallhin begleitet — so ziehen wir weiter zu Wagen oder zu Dampfroß. Aber auch je näher wir zu Jerusalem kommen, umso düsterer wird das Bild — wir treten aus der Ebene in das Gebirge — eine Steinwüste! Schluchten, Klippen, Felsenhänge, Höhlen, Steinterrassen, baumlos, verkarstet, wasserarm, und als wir endlich die Mauern und Türme erschauten der alten Veste, und wir uns einen N i ß gaben in unser Gewand, gab es uns zugleich einen N i ß in unser Herz! Und doch gibt es auch da Schönheiten, die Schönheit der Ruinen, die ringsum von den zweitausend Häusern der Vorstadt eingerahmt sind und aus denen beim Jafsatore der Migdal-David, der noch immer schlanke, wehrhafte Phasaelturm gen Himmel zeigt, und aus dem Stadtinnern die Kuppeln verschiedener Tempel und über alle die Omar-Moschee, die schönste der Welt! Wandern wir durch die Stadt, welchen Eindruck sie auf uns macht. Wehe ergreift uns, wenn wir durch irgend ein Tor innerhalb des alten Jerusalem treten; wohl keine Ruhe wie unter Ruinen, ja sogar Gewimmel und Getümmel, aber alles erscheint uns wie Steinhaufen auf Steinhaufen geschichtet, die Gassen sind schmale Pfade, krumm, eckig, holperig, eng, ohne Licht und Lust, vermauerte, verborgene Türen und Eingänge, Fenster oberhalb des Gesichtskreises vergittert, man wandert wie vor Kerkerwänden vorüber und die Wandernden durch die schmalen Gänge wie eingekeilt, aneinanderstoßend, Menschen, Tiere aneinanderdrängend, schmal eingelegte Vertiefungen, wie in die Mauern hineingedrückt, das sind die Geschästsläden; nichts als verwittertes, schmutziges, graues Gestein, an den Seiten, unter- und oberhalb; und diese lebenden Ruinen, sie sind nichts anderes als auf Ruinen gehäufte Ruinen; wenn man nachgräbt, findet man sie 15 bis 20 Meter tief, und es finden sich immer andere, Trümmer auf Trümmer gehäuft, jedes tieferliegende Trümmerfeld ein Zeugnis älterer Zeiten und Jahrhunderte! Da baut eine deutsche Gesellschaft — man sieht es, wenn man von der Straße aus, in der die Grabeskirche steht, links bergauf einbiegt — einen neuen Straßenzug; dort soll Luft und Licht geschaffen werden und man staunt, wie da ein Trümmerfeld sich ausdehnt, das gehoben, gesenkt, beseitigt oder ausgefüllt werden muß, da gewinnt man den Einblick wie das s.anze Jerusalem aus Ruinen steht. Denn mehr als zweitausend Jahre hindurch wurde keine Stadt so oft belagert, erobert, erstürmt, verwüstet und auf den alten Trümmern wieder aufgebaut. Woher soll es schön sein, schön in unserem Sinn!? Wir haben nun Jerusalem auf uns wirken lassen, aber wir sind doch noch nicht am Ziele unserer Wünsche, unserer Sehnsucht; wir stehen vor der Stätte der göttlichen Residenz, aber noch nicht a u f derselben; wir suchen die heilige Westmauer des alten Heiligtums, aber wir sehen mit ihr nur die Kehrseite, nicht das Innere des Platzes, auf welchem es gestanden, — und selbst, wenn wir den Eingang fänden, wir dürften ihn nicht betreten, als fromme Juden nicht — denn nach der Dezision des traditionellen Gesetzes ist der Platz in seiner alten Heiligkeit auch nach der Zerstörung. Und gibt es gar keinen Ausweg, gar keine Möglichkeit, den Platz zu sehen, wo der alte, israelitische Gott gehuldigt wurde von allen Wellenden? Wie, dort n i e hineingchen zu können, wo allen Anderen der Eintritt möglich!? Nur dem Juden ist er verschlossen, dem einzig Erbberechtigten!? Enterbt durch das eigene Gesetz, bis auf undenkbare Zeiten! Und doch, es gibt einen Ausweg, und wenn Du nicht hinkommen kannst, erschauen, überblicken kannst Du ihn, den geweihten Boden, mit Deinem Auge ihn in Dein Seelenleben aufnehmen; wie Moses das Land vom Nebo überblicken konnte, so kannst Du den Raum überblicken; Du steigst auf die Gallerte einer hohen Kuppel der großen Synagoge der Chassidim und Dein höchster Wunsch ist erfüllt. Du siehst den großartigen Platz, der ein längliches, großes Viereck bildet, zu dem sieben Tore führen; in aller Pracht erscheint er — Du vergißt es nie! Die Westseite ist einen halben Kilometer lang, sie ist die Innenseite der berühmten Klagemauer, zu der wir Juden zum Gebete pilgern; diese selbst bildet nur die Außenseite, wo wir nur mächtige Steine sehen, die sich hoch aufbauen, jeden Ausblick verhindernd; der südliche Teil ist 300 Meter lang. Es ist ein majestätischer Anblick: der große, geräumige, freie Platz ist mit leuchtenden weißen Steinen ausgelegt. Zu Füßen des Berges sehen wir den Aufgang, neben welchen fünf türkische Häuser stehen, die die Mauer der Moschee bedecken. Neben den Häusern, etwas höher gelegen, ist der Haupteingang, welcher drei Oeffnungen zeigt; von diesem Eingang links schauen wir auf die Ruinen der Burg Antonia. In der Mitte der achteckige Tempel, auf welchem sich die von Arkaden getragene Kuppel erhebt; diese ist die Kubbet-es-Saclira, oder der Felsendom; auf diesem Platze stand einst Israels Allerheiligstes — von der Sachra rechts ist die großartige M-^xa-Moschee, wo einst der salomonische Palast gestanden. Wie aber sieht es innen aus? Diese Frage können wir nur nach Hörensagen beantworten und nach einem uns zur Verfügung stehenden Bilde, welches nur teilweise eine Vorstellung wiedergibt. Wir sehen da 'den aus der Tiefe sich erhebenden Felsen, der dem Auge schwebend erscheint, den die Mohammedaner Sachra nennen. Wir nennen ihn Eben-Schetiah; die hier sichtbaren vier Fenster befinden sich an der südwestlichen Seite. Dieser Steinfelsen ist 18 Meter lang, 131/2 Meter breit und steigt 3 Meter hoch über den Boden, unter demselben klafft ein tiefer Abgrund. Um diesen Stein herum baut sich die hohe Kuppel auf, die, von farbigem Glase hoch oben umgeben, in rot, blau und grün schillert. In der Tiefe, unterhalb der Axa-Moschee, die sich in den Steinfelsen hineinzieht, befindet sich der mächtige unterirdische Saal, der die salomonischen Stallungen bildete; 88 Felsensäulen stützen die aus 12 Teilen bestehende Halle, derengleichen kaum in der Welt zu sehen sein soll. Aus dem großen Amphitheater führen noch gegenwärtig Tunnele, die mit eisernen Toren verschlossen sind, in den Felsen. Von da aus konnte man unterirdisch in die Stadt gelangen. Was wäre da noch an Schätzen zu sehen! Aber die Religion verbietet es, diese Stätten zu betreten. Maimonides hat es in seinem Kodex bestimmt ausgesprochen und es wird gleich einem biblischen Verbot streng aufrecht erhalten — wir winden uns in verzehrender Sehnsucht unter diesem Verbote — und doch, wie klug und weise ist es berechnet und bedacht!