Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021654--15038-3039782- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hebron 1× ep/1047559
OCR text
Nr. 51 Dr. J5locD s Mocvens irtrt, Seite 81B ^Eindrücke einer Maliistinareife." Vortrag, gehalten von Rabbiner W. Reich. Baden bei Wien am 14. Dezember 1905 im Festsaale des Ingenieur- und Architektenvereines Wien. Meine hochverehrten Damen und Herren! Ein heiliger Schauer erfaßt uns, wenn wir an die Urheimat aller monotheistischen Religionen denken, ein gewaltiger Zauber geht aus von Zion, ein mächtiger Strom der Begeisterung von Jerusalem; der weihevolle Name des Landes Palästina erfüllte von jeher jedes religiöse Gemüt mit einer schmachtenden Sehnsucht und jeden forschenden Geist mit einer ehrfurchtsvollen Scheu; dieser unstrittige Gedankengang ist das Eigentum von Jedermann, welchem Bekenntnisse oder welchem Volksstamme er auch angehören mag. Diese uralten, von der mehrtausendjährigen Geschichte geheiligten Stätten selbst betreten und mit eigenen! Auge erschaut zu haben, dies allein gibt schon ein besonderes Anrecht, sich über dieselben in öffentlicher Versammlung auezusprechen. Ich fühle mich daher dem hochsinnigen Vorstand der berühmten jüdischen Großgemeinde Wien zu außerordentlichem Dank verpflichtet, daß derselbe mir die Gelegenheit bietet, vor einem solch hervorragenden Auditorium über die „Eindrücke einer Palästinareise" zu sprechen. „Eindrücke einer Palästinareise" lassen sich aber nicht in den engen Rahmen einer Vorlesung pressen; sie schäumen über das schmale Bett dieser Stromschnelle und wir wollen daher die Schilderung dieser Eindrücke auf solche beschränken, welche sie auf das religiöse Gemüt ausüben, und auf jene Kulturerscheinungen, die speziell für die W i e n e r Judenschaft von besonderem Interesse sein dürften. Nach diesen beiden Richtungen hin wollen wir heute die „Eindrücke einer Palästinareise" aus dem inneren Gewahrsam des Gedächtnisses auslösen, mit der Bitte, sie bei wohlwollender Aufmerksamkeit dem ihrigen einzuprägen. I. Es gibt keine stärkere Kräftigung des jüdischen religiösen Gemütes, als die Stätten selbst zu erschauen, auf denen sich so viele historische Ereignisse abgewickelt haben, die in der heiligen Schrift erwähnt sind; sie auf sich, mit ihrem noch gegenwärtig fast unverändert gebliebenem Schauplatze, wirken zu lassen. Auf der ganzen großen Strecke bis zur Küste Jaffas begleitete mich, und gewiß auch Viele meiner Reisegenossen, ausschließlich der Gedanke an das heilige Land; welchem Eindruck der Anblick desselben auf uns ausüben werde. Wir zogen vorüber vor dem dalmatinischen Karst, vor den albanischen Bergzügen, vor den griechischen Inseln, über das Meer mit seinen Wundern bis nach der belebten Welthafenstadt Alexandrien, über den Nil hinweg bis in die entzückende egyptische Hauptstadt, in die geheimnisvolle träumerische Wüste mit den zu den Weltwundern zählenden Pyramiden und der Sphinx; wir sahen die Vielfältigkeit von Menschenrassen, den Glanz des Orients, den blühenden Blumenreigen und tropischen Pflanzenwuchs des afrikanischen Frühlings — und dennoch in jeder gewonnenen Mußestunde beschäftigte uns der Gedanke an Palästina; er bildete den Gesprächsstoff bei den Mahlzeiten und bei der Siesta; am Morgen erwachten wir mit ihm und am Abend begaben wir uns mit ihm zur Ruhe; er begleitete uns im Wachen, wie im Traume — und als der Morgen kam, an welchem wir die Küste zuerst erschauen sollten, da hat die Schiffsglocke uns Alle schon wach gefunden. Alle standen wir gerüstet, im Morgennebel das Ufer zuerst zu erschauen; und als die Vorboten der Morgenröte den ersten gelben Streifen kaum ahnen ließen — da erscholl es aus unserer Mitte, wie zu Kolumbus-Zeiten — Land! Land! Das Land der Väter! Da blickten wir unverwandt hin, bis sich das Bild immer verdeutlichte; das Meer verfärbte sich, die Streifen Landes verbreiterten sich zu einer Küstenlinie, und uns gegenüber besonnt, bestrahlt, erhob sich bergauf sich dehnend die alte Stadt Jaffa! Aus der Ferne sahen wir sie mit ihren tausend Häusern, grünen Gärten und spitzen Minareten, die auch von der Spitze eines Kirchturmes überragt wurden. Ein glänzendes Panorama! Und doch je näher wir kommen, zeigen sich auch die dunkeln Punkte, die in ganz Palästina mit den schönen der Natur abwechselten. Die Menschenhände haben so vieles verdorben und vernachlässigt, was die Natur an Reizen geboten. Es sprudeln die Wasser vor den gefährlichen Felsenklippen, die vorne knapp vor der Landungsstelle sich drohend ausbreiten: es gibt auch keine Landungsstelle, wie man sich sie von einem Hafen gewöhnlich vorstellt — in Barken, aus offener See muß man sich den in Scharen heraneilenden Bootsmännern anvertrauen, die schreiend einander anrufen mit ihren gurgelnden Tönen; es gibt keinen Molo, wo man anlegt, eine dürftige, schmutzige, scheunenartige Halle empfängt uns — empfangen von den heimischen und den aus Jerusalem und den Kolonien herbeigeeilten Glaubensbrüdern, ziehen wir mit Fahnen und Wimpeln tragenden Läufern durch enge, unregelmäßige, bergauf sich ziehende Straßen; lange, lange scheint uns der Weg, bis wir aus einen freien Platz gelangen, der, einen offenen Markt bildend, sich seitwärts zieht, hin in das jüdische Viertel, ein reinlich und europäisch sich gebender Stadtteil, der uns förmlich anheimelt, und der unser vorläufiges Ziel bildet. Von diesem Augenblicke angefangen, meine Verehrten, bis wir Palästina wieder verlassen, kämpfen glückseliges Lächeln und vor Freude glänzende Augen, mit Seufzern und den sich hervordrängenden Tränen. Wir sehen Herrliches, das uns Zeugnis gibt, wie es einst war, zur Zeit der Blüte, und Trauriges, Armseliges, das uns zeigt, wie es geworden zur Zeit des Niederganges. Aber auch wie anders wirkt alles aus der Bibel auf uns, wenn unser Auge verwundert das als Wirklichkeit erschaut, was es sonst nur aus den toten Lettern des Buches erlesen hat; wie gewinnt da jeder Ort, jede Stadt, jeder Fluß, jeder See, jeder Berg und jedes Tal, ja, jeder Baum und jede Höhle an Lebendigkeit für unser, wie nach neuer Offenbarung haschendem religiösen Gemüt. Und alles erscheint uns noch gegenwärtig und so wohl bekannt; nichts fast ist seit den tausenden Jahren geändert, so vieles sich auch sonst verändert hat. Wie ein Wunder muß es uns anmuten, daß fast nach 2000 Jahren, während welchen das jüdische Volk seines alten Landes beraubt ist, doch keine nennenswerte Veränderung dasselbe ihm als entfremdet erscheinen lassen kann; wenn der Jude es heute betritt, treten ihm noch so viele Zeugnisse seiner Vergangenheit entgegen, wie wenn das Land nie unter anderer Herrschaft gestanden wäre. Und doch hat kein anderes Land der Welt so oft die Herrscher gewechselt, als dieses. Es gehörte als Eigentum den Persern, Griechen, Römern, Arabern und Türken, aber das Land behielt seine Eigenart, wie wenn der Hebräer noch Herr im Hause wäre; es blieb jüdisches Land in allen seinen Bezeichnungen. Der Libanon, der Jordan, der Karmel, der See Kinnereth, Moriah, Zion, Jeruscholaim, Betlehem, Hebron, Jaffa; die Ebene Saron, das Gebirge Gilead, das Tal Josasat Hinnom, Jesreel; die Höhen Mizpa, Rama; alle alle Namen, wie wir sie aus der Bibel vernommen, in den Schulen gelernt, in den Gebeten angerufen, sie find noch da, sie sind unverändert. Wo gibt es in der Welt ein erobertes Land, welches sich seine nationalen Bezeichnungen unter anderer Herrschaft, unter andern Volksstämmen erhalten konnte, nachdem das heimische lüngst verjagt, vertrieben und nach allen Enden der Welt zerstreut wurde!? Selbst ein römischer Imperator auf dem Gipfel seiner Weltmacht, der den Befehl erließ, den Namen Jerusalem in „aelia capitolina“ umzuwandeln, ist mit seinem Imperium verschwunden, aber der Name Jerusalem ist geblieben, lebt, und so lebt noch alles, was in Palästina zu sehen und zu hören ist, unter jüdischer Flagge — und an unser Ohr schlagen überall bekannte Laute, unser Auge fällt überall auf bekannte Stätten: das ganze Hohelied mit allen Schönheiten der Sulamith wacht auf vor uns — aber auch das ganze Klagelied mit seinem Weh und Jammer blickt uns an mit seinen Tränen!