Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021654--15037-3039781- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 812 Dr. Blocb’s Mocvenscbrm. Nr. 51 bund" hatte ihm wohl auch die Schamröte in die Wangen getrieben, als dieser dem Corsen half, Moskau erobern, als so viele Deutsche im Eis begraben wurden, auch die 30.000 Baiern, für welche Ludwig I. 1833 einen Obelisk in München setzte mit der Inschrift: „Auch sie fielen für das Vaterland"!! Für Napoleons maßlose Eroberungspläne aber wurden alle hingeschlachtet! Eine heilige, eine hohe Aufgabe mußte es dem Jüngling erscheinen, eine Ehrensache jedes Freidenkers, nicht nachzubeten, nicht ins „große Horn" der Mittelmäßigen und Lauen, der Leisetreter und Streber zu stoßen. Dieser Mut der Rede, heute noch seltener als einst, dieser F r e i h e i t sdurst des Geistes, macht Heine auch als Patrioten groß, denn wahren Patriotismus muß man nicht bei Knechtseelen und Augendienern suchen. — Von der literarischen Welt ist er damals weniger als politischer Prophet und als Patriot, mehr als lyrischer Dichter anerkannt worden und doch war er ein weitblickender Seher, das beweist schon die Tatsache, daß er 70 Jahre vor der Allianz Frankreichs mit Rußland, (der Republik mit der Autokratie; der phrygischen Mütze mit des Zaren Krone) ein solches Bündnis als „nicht unwahrscheinlich" erklärte aus dem revolutionären Charakter beider Nationen, wie dies im Nachlaffe Heine's zu lesen ist. ') — Umsoweniger hatte jenes Deutschland, welches noch 1794 Anklänge an Leibeigenschaft gehabt, in dem Fürsten ihre Untertanen verkauften^) und Kriegsdienste für den Erbfeind um eine Königskrone leisteten, das Recht, als Verräter an der eigenen Sache einen großen Gei st zu verfolgen, um ihn mundtot zu machen, bis er die Feder in Galle tauchen mußte, auf rotem Papier schrieb, statt auf weißem, oder, wie man wünschte, auf s chwarzweißem. Törichte, welche glaubten, er werde noch singen, „wie Arndt und Körner"! — „Politische und soziale Freiheit" schrieb Heine schon in der Studienzeit aus seine Fahne. Jedes Vorurteil war ihm zur Last, darum hatte „seit den Räubern" nichts so gewirkt, wie seine „Harzreise", denn, nicht wie der Verfasser der berühmten „Junius-Briefe" mit „geschlossenem Visier", sondern als Ritter des offenen Kampfes schützte er das geistige Gut, ob ihm auch der Zensor und leider auch der Verleger um die Wette die Adlerflügel stutzten. — Geschmäht als Iud e, als C h r i st, als D i ch t e r und Denker-brach er zuletzt zusammen; die Wahrheit, die Selbstbestimmung des deutschen Geistes, das waren die Damen, für die er im Kampfe fiel; aber aus dem Blute seiner Wunden sproßte die Blume der „neuen Romantik" empor! Eines seiner schönsten Gedichte ist nur in Prosa geschrieben; es wurde gefunden im Nachlasses und trägt den Titel: „Das M e n s ch e n h e r z". „Das Menschenherz." „Der Diamant könnte sich etwas darauf einbilden. wenn ihn ein Dichter mit einem Menschenherzeu vergliche! Höher als alle Pyramiden, als der Himalaya, als alle Wälder und Meere ist das menschliche Herz — es ist herrlicher als die Sonne und der Mond und alle Sterne, strahlend und blühend; — es ist unendlich in seiner Liebe, unendlich wie die Gottheit, es ist die Gottheit selbst." — — — Hier ist Heine so groß, wie Goethe es war in seiner majestätischen Betrachtung über die Natur, welche Haeckel als Motto gewählt hat für sein erstes großes Werk. — Wie sollte der nicht die Liebe kennen, der so vom Herzen des Menschen spricht? (Fortsetzung folgt.) ') Strodtmann (Nachtrag) 1809. 2) Schiller's „Kabale und Liebe". 3) Im Nachlasse p. 262 (bei Strodtmann „Letzte Gedichte", 3. Gedicht, H. H., 18t»9). Eine Proteftversammluug in Kanada. Montreal. 29. November. In Ottawa hat eine sehr stark besuchte Versammlung stattgefunden, in welcher gegen die grausamen Verfolgungen der russischen Juden auf das Energischeste protestiert und zu werktätiger Unterstützung der Opfer dieser Hetze aufgefordert wurde. Durch die Anwesenheit des Premierministers Sir Wilfrid Laurier, sowie einer Anzahl von Parlamentsmitgliedern, Richtern, Geistlichen aller Konfessionen ic. erhielt die Versammlung gewissermaßen einen offiziellen Charakter. Nachdem Rabbiner de Sola-Montreal einen ausführlichen Bericht über die überaus traurigen Zustände, in denen sich die Juden in Rußland befinden, erstattet halte, ergriff der Premierminister das Wort: „Ich habe die Einladung, zu dieser Versammlung zu kommen, gern angenommen; ich bin auf das Tiefste entrüstet, nun schon seit Wochen über diese furchtbaren Metzeleien, die einem das Blut in den Adern erstarren machen, zu lesen, und mit aller Macht muß gegen eine Fortsetzung der Greuel protestiert werden. Freilich glaube ich persönlich nicht, daß von den Ottawaer-Reden je ein Wort an die geeigneten Stellen in St. Petersburg gelangen wird; aber trotzdem muß sich ganz Kanada mit der gesamten zivilisierten Welt zu einem gewaltigen Protest vereinen. Ich bezweifle indessen, ob die russische Regierung noch kräftig genug und in der Lage ist, diese Judenverfolgungen mit Erfolg zu bindern; ich bedauere den jetzt in Rußland herrschenden Geist, der nur eine natürliche Folge der seit Jahren getriebenen Politik ist. Die Revolution ist nun da und mit ihr alle die Schrecken und Grausamkeiten, welche solche Volksausslände mit sich zu bringen pflegen. Wir können natürlich nicht alle russischen Juden in Kanada aufnehmen, der Answandelungsstrom wird sich viel verteilen; aber diejenigen welche nach Kanada kommen solltqn, dürfen einer herzlichen, sympathischen Aufnahme in unserem Lande sicher sei» l" Maxim Gorki. Petersburg. Die russischen Blätter veröffentlichen einen flammenden Protest Maxim Gorki's gegen die Judenexzesse. In diesem heißt es: „Es ist ja bekannt, daß in Kischinew das Volk von Leuten aus den aufgeklärten Sphären angeführt wurde. Doch was ist unsere aufgeklärte Gesellschaft? Das ist auch Pöbel, noch schlimmer als das Gesindel aus dem Volke. Denn unser Volk ist erbittert durch die Last des Lebens, ist unwiffend und umgeben von künstlich geschaffener Finsternis. Die aufgeklärte Menge aber ist eine Schar feiger Sklaven, bar des Gefühls der eigenen Würde und des Bewußtseins ihrer Rechte, stets bereit, vor der Gewalt in den Staub zu fallen, fähig, jede Lüge anzunehmen, sofern sie ihr nur Ruhe und Frieden bewahrt, eine kraft- und rechtlose Maffe, ohne Gewissen und voll Schamlosigkeit, ohne Rücksicht auf ihr anständiges Aeußere. An diesen schmachvollen und grausamen Metzeleien ist die aufgeklärte Allgemeinheit nicht weniger schuld als die Mörder und Plünderer. Nicht allein darum, weil sie die Dahingemordeten nicht beschützte, sondern weil sie sich über die Morde erhaben dünkte, vor allem aber deshalb, weil sie sich viele Jahre hindurch von solchen Feinden der Menschheit, solchen Knechten des Bureaukratismus und Apologeten der Lüge vergiften ließ, wie Suworin, Burenin, Wielitschko, Scharapow, Piatkowsky Komarow, Kruschewan und vielen anderen. Das sind die wirklichen Urheber der Entsetzen erregenden Morde, das sind die geistigen Väter der „Schwarzen Sotnieu" und „Hooligans". Zu allem Abscheu und Verachtung erregenden Beinamen, die sich seit langem an diese Ungeheuer in Menschengestalt knüpfen, müssen wir jetzt noch die verdiente Bezeichnung von Aufhetzern zu Morden und Plünderungen hinzufügen. Diese Hypokriten, die den Namen Gottes auf den Lippen führen und unter das Volk den Samen des Hasses wider die Juden, Polen, Armenier, Finnen streuen — sie feiern noch immer die Triumphe ihrer niederträchtigen Handlungen und beschleunigen den Zersetzungsprozeß der Gefühle, Gedanken und des Willens des Volkes. Schande den Kainen! Möge das Feuer des Gewissens ihre vermoderten Herzen verbrennen, voll knechtischen Hochmuts und sklavischer Demut vor der Gewalt. Unserer sozialen Gesellschaft aber, die sich so schmachvoll vor diesen Elenden beugt, liegt jetzt die Pflicht ob, zu zeigen, daß sie doch noch nicht von der Zügellosigkeit des Gedankens durchseucht ist, daß sie sich nicht solidarisch fühlt mit den Aufhetzern zu Mord und Raub, daß sie noch einen Rest wahrer menschlicher Gefühle besitzt."