Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-22 · 51 (22.12.1905) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
51 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021602-3021654--15036-3039780
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 51 Dr. Blocb's Mlocbenscvrm. Seite 811 in der Dichterbrust, erscheint in den N o rdseebildern als „Agnes", glänzt im „Buch der Lieder" (d a s F r i e d r i ch Hebbel „u n st e r b l i ch" nennt), als „Maria" im Drama „Ratcliffe", als „Donna Clara" in der Romanze, als „Ottilie"; sie hat sein Leid geschaffen, seine Lieder aus seiner Seele gezwungen und noch im „R o m a n z e r o" zu Paris schenkte er ihr zwei Gedichte. Den alten Salomon, Amaliens Vater, ärgerte des Neffen Lebendigkeit, als der Jüngling 1816 nach Hamburg kam, wo er lichterloch brannte, aber bald sehen mußte, daß M o l l y „einen Andern" liebte.') „Wem es just passieret — d e m bricht's das Herz entzwe i". Vergessen wir nicht, es war das eigene Herz des Dichters und die Töne einer schmerzerfüllten Brust klingen aus seinen Liedern, den „kleinen Liedern", die er aus den „großen Schmerzen" gemacht! Später, als die Satyre mehr in ihre Rechte trat, dachte er freilich anders, wie wir es im Memoiren-Fragmente') lesen können, wo es heißt: „Das wirksamste Gegengift gegen die „Weiber sind die Weiber", entsprechend dem Gedichte „Wandern": „Wenn Dich ein Weib verraten hat, So liebe flink eine And're". 1817 erschien in „Hamburgs Wächter" die e'rste gedruckte poetische Publikation Heinrich Heine's unter dem Pseudonym: „F r e u d h o l d Riesenhoch" (durch Buchstaben-Verwechslung der 3 Worte: „Düsseldorf", „Harry" und „Heine" hergestellt). — Die noch leise schlummernde Hoffnung a u f M o l l y's Hand hielt ihn in Hamburg und dürfte die Ursache gewesen sein, warum ein Kommissionsgeschäft zu Hamburg: „Graskeller" 139 für einige Monate die Firma „Harry Heine und Kompagnie" trug; 1819 aber liquidierte man wieder. Hamburgs Bewohnern danken wir die ersten formvollendeten S a t y r e n Heine's; wir müssen sie als das Wetterleuchten seines später so zersetzenden Sarkasmus ansehen, der am meisten den Ort geißelte, dessen Bewohner ihn verkannten und wo er „das Liebste verloren!"') Die „Loreley" ist kein „Märchen aus alten Zeiten"; sie wurde erst 1802 in Brentauo's Romane „Godwi" geboren, in Loebens Erzählungen (ll. Band) publiziert und hat den Stempel einer „alten Sage" (wie es in der „Urania" von Loeben 1821 heißt) im Jahre 1811 erhalten und zwar durch Nikolaus Vogt, welcher es liebte, tiefere Schichten in jüngeren des Volksgesauges zu suchen, (nennen wir das Kind beim Namen) „Sagen fälschung" trieb, wie dies noch heutzutage vielfach zu erleben ist. Die „Lieder der Heimkehr" (zuerst in der „Bien e" zu Hamburg erschienen) sind Schmerzlaute des Wiedersehens mit Molly. Die Form ist schon meisterhaft, es sind besonders sangbare Verse, die zahlreiche Tvnkünstler begeisterten, wie Methfessel, Klein und Ries (die drei ersten Heine-Komponisten), dann Schubert, Schumann, Kücken, Ta über t, Abt, Hoven, Löwe, Lachner, Brahms, R u b i n st e i n, D r e y s ch o ck, Liszt, u. v. Andere. — „Du bist wie eine Blume" * 2 3 4) wurde 160mal komponiert. Die „beiden Grenadiere" komponierten Reißiger, ') Der „liebte eine Andere"; der ganze Herzensromau ist in Verse gefaßt in dem vom Schumann komponierten: „Ein Jlingling liebt' ein Mädchen. das dann aus Verzweiflung: „Den ersten b e st e n Man »" wälflt, der ihr in den Weg gelaufen; — er hieß Friedländer aus Königsberg, den Molly 1821 nahm. *) „Gartenlaube 1884 pag" 286. 3) Ans: „D i e Stadt (mit ihren Türmen in Abrndäinmerung gehüllt)", Noch einmal ... bis wo ich das Liebste verlor. (Vertont von Schubert.) ') Galt nicht der Molly, sondern einem armen Enesener Mädchen, das Holtey zur Rachel in Berlin brachte. Schumann und Wagner.') — Das Marseillaise-Motiv ist jedoch einer deutschen (rheinischen) Messe entnommen. Uebersetzt wurden Heine's Werke in alle Kultursprachen, in's Französische schon in den Vierziger-Jahren (des 19. Jahrhunderts), in's Italienische von Bernardino Zendrini: die Gedichte wurden über ganz Rußland durch Weinberg in 200.000 Exemplaren verbreitet. „Onkel Salomon" und „Onkel H e n r y" zuckten die Achseln über des „Neffen Harry" „poetischen Unfug", wie sie das Dichten nannten und der ehrsame Familienrat beschloß, noch einen Versuch mit ihm zu machen, damit er zur Erkenntnis komme. Die Verleumdung nühte diese Stimmung im Hause aus; daher die Frage Salomon Heine's, die er einmal an Professor Zimmermann richtete: „Ist wirklich etwas an meinem Neffen?" Die Antwort dürfte wohl gelautet haben: „Er ist ein Ovid und A r i st o p h a n e s in einer Person: ihm ist die Poesie Muttersprache. Er verkündete die Morgenröte in e i n e r n e u e n P o e s i e! ') Er ist ein Schiller und ein Goethe und ein Kind der Welt zugleich, der weiten Welt!" Heine selbst hat ja erklärt: „Die Zerrissenheit meiner Lieder i st d i e Z e r r i s s e n h e i t d e r W e l t, denn das Herz des Dichters ist der Mitte l p u n k t der W e l t?) Die Wahrheit des Gefühles ist groß in seinen Liedern wenn ihm auch Goethe die wahre Liebe absprechen wollte. Goethe und Heine sind überhaupt die wahrsten K ü n st l e r der deutschen Lyrik gewesen. Sie verbargen ihr Empfinden n i e, nur die Sprache war eine verschiedene, bei Goethe oft „kühl bis ans Herz hinan". Mir ist immer gewesen, als gliche der edle Styl Goethes einem Marmor¬ oder Granitblocke, die Form Heines aber sei wie ein sprudelnder, erquickender Quell, der ans den Adern des Felsgebirges quillt. Angriffe hatte Heine mehr zu erdulden, als Goethe. Die „Puristen", denen Goethe auch nicht hold war. haben die Fremdwortsucht Heines getadelt, während Goethe gastlich aufgenommene Bezeichnungen ans fremden Sprachen, wegen des „Wechsels des A u s d r n ck e s" geradezu als notwendig bezeichnet«:.4) 'Man warf Heine auch die zu „leicht geschürzte Muse" vor, die „saloppe" Art, zu schreiben: die Alten spöttelten, jedoch die Jungen jubelten. Hätte aber Heine n i e etwas anderes geschrieben, als: „Aus meinen großen Schmerzen mach' ich die kleinen Lieder", so wäre er den größten Lyrikern Deutschlands anzureihen; so aber ist er der größte geworden. Man hat ihn bewundert, auch in Oesterreich, im Vormärz und Metternich las ihn, G e n tz verjüngte sich an ihm (beide wurden später bittere Feinde seiner politischen Schriften) und der Dichter Bauernfeld ruft iu seinem „poetischen Tagebuche" aus: „Drei jüdische Genies! Ich meine Spinoza, Mendelssohn und Heine!" Ein prächtiges Trifolium! — — — Und w i e entfaltete sich seine B e o b a ch t u n g s- und D a r st e l l u n g s g a b e, als er sah, daß ihn Manches umgab, was von indolenten Bedientcnseelen hingenommen würbe wie Gesetze, als das Rcchtsgefühl in ihm erwachte, sein innerer Stolz verletzt wurde durch die Behandlung der Klassen und Rassen, dieses „zweierlei und dreierlei Maß" des „Kastengeistes", als er Mitleid empfand mit den Unterdrückten! — Die Politik drängte sich in seine Feder von selbst, nachdem er die Niebuhrsche Denkschrift über die Eroberung Hollands (Her 24. Oktober 1813) gelesen und 1815 das Zerrbild des „Deutschen Bundes" erblickt hatte. Die Erhebung Deutschlands hatte er gesehen und der „R h e i n- ') Richard Wagner trag diese Komposition 20.000 Francs Jahrespennon v. L. Philippe und den Orden der Ehrenlegion ein. (K arpeles.) 2) Julian Schmidt. 3) Verstehen wir da nicht seine Trauer mu den 1824 dahingegangenen Byron, dem er nachrief: „Ter ein'.'g» Mensch, mit dem ich mich verwandt fühle?" 4) Siehe Sander, „Tie Hanpt'chwierigk.. ten der deut'äm Sprache, unter „Purismus" Goethes Ansicht."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.