Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 810 Dr JBiocb's Mocvenscdrttl. Nr. 51 Fragmente') lesen wir, daß er „Chevalier" oder „der Morgenländer" (wegen seiner Reisen) genannt wurde, ferner, daß sein „Reisetagebuch" kabbalistische Zeichen, eine Weltkarte, Schutzmittel gegen Krankheiten enthielt. Schon die Berichte der älteren Familienmitglieder ließen ihn als höchst merkwürdig in 'der Phantasie des Kindes erstehen. Ueber das Erziehungssystem der Mutter wissen wir, daß sie fromm war, großen Einfluß auf die Entwicklung des Knaben ausübte; den Widerspruch zwischen einer Aeußerung Heine's („Meine Mutter hat schönwissenschaftliche Werke gelesen und ich bin ein Dichter geworden") und seiner späteren Klage (im „Memoircn-Fragmente"), sie habe ihm „die Romane weggerissen", „Angst vor der Poesie" gehabt, ihn „gehindert, das Schauspiel zu besuchen", erkläre ich wohl aus dem Bestreben, das erregte Kind in mäßigere Bahnen zu lenken, seine Phantasie zu zügeln und zu schonen. Für Poesie und Ideale war sie sicher kein Impediment, verehrte sie doch Rousseau und las mit Vorliebe Goethe's „Elegien". „Um meine Wiege spielte das letzte Mondlicht des 18. und das erste Morgenrot des 19. Jahrhunderts". Mit diesen Worten deutet „Harry" Heine die Epoche an, in welche seine Geburt fällt. Dieses „Morgenrot" muß man der Schamröte in tiefster Demütigung vergleichen, denn das Deutsche Reich erniedrigte sich damals zu einer jämmerlichen Rolle. So lauge der kleine Knabe noch frohe Spiele mit Schwester Lottchen unternahm, reimte, kleine Stücke aufführte, auf dem Kistenthrone die Katze empfing (Alles zu lesen in dem reizenden Gedichte: „Mein Kind, wir waren Kinder"), fühlte er noch Nicht das Bittere, als aber die Phantasie immer mehr in dem Köpfchen im Wachen und im Traume zu spielen begann, als der Knabe in der Dachstube der „Arche N o a h" (dem Geldern'schen Hause) in den alten Büchern des Großvaters zu blättern anfing (er schildert das selbst hinreißend naiv in der Autobiographie), da. hat wohl die Vertraute, seine „Lotte", manches altkluge Wort von dem Leiter ihrer Kinderspiele vernommen^). Früh auch lernte der Kleine das jüdische Kulturleben kennen; er war auch stolz „ein Abkömmling jener Märtyrer zu sein, die (wie er sagte) der Welt einen Gott und eine Moral gaben und auf allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpft und gelitten haben." Im „L y c c u m" Düsseldorfs war alles französisch; im Memoiren-Fragmente heißt es auch, „französischer Geist" habe dort geherrscht; trotzdem Geistliche'lehrten, klärte sich das selbstständige Urteil bis zu frcigeistigen Aeußerungen: Einmal wegen spöttischer Haltung bei seinem Vater verklagt, mußte der Knabe eine Strafpredigt des alten Heine vernehmen, welche so lautete: „Du kannst Philosoph sein, so viel Du willst, aber ich bitte Dich, sage nicht öffentlich was Du denkst, denn Du würdest meinem Geschäfte schaden. Du darfst mir aufs Wort glauben, wenn ich Dir sage, daß der Atheismus eine große Sünde ist." Sehen wir uns die Zeit von 1806 ab näher an: In diesem Jahre war I o a ch i m M u r a t als König von Westphalen gekommen, (im Rheinbünde als „Großherzog von Berg"). Die administrativen Maßregeln der Franzosen waren sehr klug ausgedacht: Juden und Christen wurden auch in der Armee gleichgestellt. — Ueber den „Code Napoleon" fand man im Nachlasse Heines folgende Aufzeichnung: „Die Verfasser des Code Napoleon hatten glücklicherweise in der Revolutionszeit gelebt, wo sie die Leidenschaften und höchsten Lebensfragen mitsühlen lernten". Kein Wunder, wenn manche Düsseldorfer sich nach diesem System zurücksehnten; erhielten doch die Juden in Preußen erst 1812 bürgerliche Rechte, die 1815 wieder gefährdet waren. Heine klagte noch 20 Jahre später in Paris, daß er nebst noch einigen Millionen Rheinländern im Jahre der Gnade 1815 als Untertan übergeben worden, ohne daß seine Einwilligung verlangt wurde." J) 0 Gartenlaube 1884, pag. 165. 2) Später, als Frau Embden, verheiratete sie ihre Tochter an den Dürften Della Nocca; in ihren alten Tagen (1887) erhielt sie den Besuch der Kaiserin von Oesterreich. Die Fürstin Della Nocca zeichnete manches über ihren Oheim Heinrich auf, 3) Im Manuskript (gefunden im Polizei-Archive zu Hamburg) . I D'chtnng" vom 1. Juni 1908. Man muß deshalb noch nicht glauben, daß Heines „Napoleon-Verehrung" über den „18. Brümaire" hinausging, ebensowenig, wie bei Beethoven, welcher die Widmung seiner „Sinfonia Eroica“, als Bonaparte Kaiser gelvorden war, mit den Worten: „Er ist wie die Anderen" zerriß. Die Fabel von Heines „Liebe für den Kaiser Napoleon" stammt aus dem Gedichte „Die beiden Grenadiere", zu deren Vertonung sowohl Schumann, wie Richard W a g n e r das „M arseillaise"- Motiv wählten. Von 1815 ab herrschte die preußische Polizei in den Rheinlanden; der „Ober-Spion" hieß Schmalz, der mit seinen sprichwörtlich gewordenen „Schmalz-Gesellen" allen Ideen nachjagte, selbst musikalischen Werken '), der sogar eine „Freimaurer-Loge „zum Eisernen Kreuz" in der deutschen Armee entdeckte, die im Beisein Blüchers 1815 zu Paris (wo der „deutsche Gasthof" seit vielen Jahren diese Bezeichnung trug), geschlossen wurde. Förderung fand diese Bevormundung des Geistes in dem Königshause, denn das „Gespenst des Jakobinismus" verließ den Thron zu Berlin nicht mehr und die Angst vor seiner Umarmung blieb die Triebfeder der inneren Politik von 1815—1848: Schon 1813 hatte sich K ö n i g F r i ed r i ch Wilhelm HI. wegen der Gefahr des „Parteigeistes", des „Ungehorsams in der Armee" und der Denunziationen des Geheimrates Schmalz geängstigt. Obwohl A n c i l l o n laut predigte, die „Gefahr des Jakobinismus" bestehe nicht in Frankreich, nicht in Deutschland, ließ man 1815 auch die Preßfreiheit fallen. Hardenberg selbst fühlte „Umsturz"-Sorgen von Seite eines „bewaffneten Jakobinismus". Die Entrüstung General Müfflings kam in einem Briefe an Gneisenau (vom Juli 1815) zum Ausdrucke; ebenso schrieb Gneisenau am 27. August 1815 an Blücher, wie unrecht der Armee geschieht. Die Verleumder sind durch solche Beweise gebrandmarkt, aber wir lesen, daß N o st i z erklärt habe, die Ursache sei anderswo zu suchen. Damals, wurde Berlin von Petersburg (nicht wie es heute geschieht) beeinflußt; der Zar Alexander war gekränkt, weil die geschickteren preußischen Generäle den ersten Einzug in Paris erzwungen hatten; er habe seine Armee „stark erhalten", um den König von Preußen gegen dessen Armee „zu schützen", also direkte Verleumdung von Thron zu Throns. In solcher Zeit erwachte in Heinrich Heine der Dichter, man muß sagen, trotz solcher Verhältnisse kam in ihm die Lyrik zum Durchbruche! Obwohl er in der Vorrede zur französischen Ausgabe seiner Gedichte seine erste lyrischen Versuche aus dem Jahre 1816 (von den „Nachtstücken") datiert, wissen wir doch, daß er früher schon einige Versuche gemacht, und zwar im zarten Alter, vorerst ein Novelle zu schreiben: „Vom Sefchen und der Hexe v. Goch", die stark an Clemens Brentano's falsche Sentimentalität und gewagte Witzeleien erinnert, und ein Gelegenheitsgedicht im Jahre 1812 schrieb zur Hochzeit des David Rintels o h n in Elberfeld, in welchem er auf den zahlenden Schwiegervater anspielt. „Die beiden Grenadiere" wurden schon 1816 geschaffen und zeigen die „Löwenklaue" des siebzehnjährigen Dichters! Zwei Jahre zuvor hatte sich Gott Cupido der poetischen Ader bemächtigt, als 1814 „Onkel S a l o m o n" aus Hamburg zu Besuch kam, begleitet von „Tante Betty" und deren Tochter Amalie. Damals begeisterte sich Salomons Gattin für das Talent des Knaben, der fünfzehnjährige Schüler aber für seine schöne Kousine Molly, der wir die schönsten Blüten deutscher Lyrik danken müssen, denn sie lebte jahrelang in seinem Herzen, lebte immer wieder auf ') Dies geschah auch noch 1837 in Oesterreich („Oesterr. Rundschau" 2. Nov. 1905) mit dem Walzer „Paris" von Joh. Strauß, dem Großvater des jetzigen Johann Strauß, weil darin die Marseillaise vorkam (Tobias Haslinger mußte den Walzer neu auflegen). 2) Diese Tatsachen sind entnommen dem ausgezeichneten Aufsätze von H. Utmanri: „Die An k l a g e d e s Jakobinismus in Prcnßci! 1815" ans der Histor. Zeitschrift (begründet von Sybel) 95 (59) Band 1905, 3. Heft (p. 435).