Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 61 Dr. JSlocb s Mocbenscbrin. Seite 809 unwiderstehlich allbezwingender Logik, daß das Christentum nur auf den Schultern dieses jüdischen Monotheismus möglich war! Nimmermehr vermochte die polytheistische Gedankenwelt ein Evangelium, d. h. eine „frohe Botschaft" von Gott als Vater im Himmel über alles, was Kind heißt, auf Erden hervorzubringen, krönend diese Idee von Gott mit der Offenbarung, daß er ein Geist sei und die ihn anbeten, ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten müßten, d. h. innerlich und aufrichtig, ohne Heuchelei, ohne bloß äußeres Zeremoniell. Wiederum zwingt da die Logik, mit unbarmherziger Folgerichtigkeit, daß unsere heutige Kultur, Zivilisation, unsere Wissenschafts- und Bildungshöhe, bei voller Anerkennung und Huldigung für die Vermittlung durch das Christentum als Blüte des religiösen Geistes, in allerletzter Instanz auf den siegreichen, ersten Bringer des Monotheismus zurückzuführen sei, sonach diesem goldenen Morgenrot, vor dem vollen Aufgang der Sonne, von uns denn doch mindestens derselbe dankbare Aus- und Rückblick gebühre, den ihm der Stifter unserer Religion so neidlos und freudig zollte, behauptend: „er sei nicht gekommen, das Gesetz Moses aufzulösen, sondern zu erfüllen". Und er hat es nicht aufgelöst; die 10 Gebote Moses sind bis zur Stunde die Grundlage christlicher Moral! Nicht ich, der Ehrenpräsident unseres Vereines, Nothnagel, sprach dies zu Ihnen, meine Damen und Herren! Ich zog nur die Folgerungen aus seinen historisch philosophischen Prämissen. Welch erleuchteter, selbstloser, großherziger Sinn gehörte dazu, um bei aller Treue und Hingebung an christliche Ideen und Ideale so objektiv, so gerecht und historisch tief gedacht zu urteilen über eine Vorstufe der etappcnweisen Entwicklung der Geisteswelt?! Und von wem lernte er so denken, so unparteiisch urteilen? Absehend vom Geheimnis der Geburt mit ihren Diamant- oder Schlackenkeimen, je nachdem es einem beschieden war, mehr von jenen oder diesen zu empfangen, lernte er es von dem, der das einzige, ech'e, alleinseligmachende Glaubensbekenntnis ausstellte: „Daran wird jedermann erkennen, ob ihr meine wahren Jünger seid, so ihr Liebe zu einander habt", der noch am Kreuze für den schuldigen Teil seiner Zeitgenossen betete: „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun". Sein seelengrößter Apostel aber stimmte jenen Hymnus an, der donnerähnlich an die Ohren der entarteten Generation unserer trübseligen Tage erdröhnen mag, den Hymnus der Liebe: „Wenn ich mit Menschen- und mit ^Engel-Zungen redete und hätte der Liebe nicht, so wär ich ein tönendes Erz und eine klingende Schelle: Nun > bleiben diese drei: Glaube, Hoffnung, Liebe, aber die Liebe ist die größte unter ihnen!" Jawohl, das L e b e n i st L i e b e n. lieben aber heißt: in den Dien st sich stellen de r^. Familie, des Vaterlandes, der M e n sch h e i t, ohne an sich auch nur zu denken, selb st losbiszurSel st tyrannei! Dann wird das Leben, wie jede wahre Liebe Liebesglück gewährt, zum Lebensglück, weil es zur beglückenden Freude erweckt am Wohl der Menschen, an ihrem Aufstieg zu immer höherer Vollendung, an den Wunderlaren Entdeckungen, Erfindungen, Erfolgen des in unermüdlichem Fleiß arbeitenden Geistes, und der dadurch bewirkten Ueberwindung oder doch mindestens Linderung, Besänftigung des unzählbaren Erdenleivs, der Fülle von Schmerz und Pein! Aber die lieben Christen mußten und müssen immer jemanden haben, den sie verfolgen! Zuerst waren es die sogenannten Häretiker, Ketzer, d. h. Menschen, die, von der Kirchenlehre unbefriedigt, in ihrer individuellen Faeon durch des Glaubens Trost selig werden wollten im Kampfe ums Dasein. Mit Beginn des zweiten Jahrtausends kamen die Juden an die Reihe, im Verein mit den Hexen und Teufelsgenossen. Nach der Reformation, neben den Juden, Hexen, die protestantischen Christen! Heute, da die letzteren doch nicht mehr verfolgt werden können, schon wegen der imposanten protestantischen Staatengebilde, die hinter uns stehen, Nordamerika, England, Deutsches Reich, Holland, Dänemark, Norwegen, Schweden und die protestantischen Kantone der Schweiz, muß der Schwächste als Prügelknabe herhalten, der Jude! Zwar steht auch hinter diesem eine souveräne Großmacht von sittlich geistiger Gewalt, die Großmacht der Staatsgrundgesetze, die das Fundament aller Rechtsstaaten bilden. Im Geiste derselben sollten doch mindestens jene rohen, niederträchtigen, nur auf uns Christen zurückfallenden Schimpsworte: Sau-Bagage, Gesindel u. s. w., mit denen unsere jüdischen Mitbürger öffentlich traktiert werden, verpönt und bestraft werden. Ich halte es für einePflichtwissenschaftl i ch e r D a n k b a r k e i t, daß das Volk, welches uns durch seine großen Geister in die Welt des Monotheismus einsührte und eine metaphysisch ethische Literatur vererbte, die zum Gemeingut aller christlichen Konfessionen wurde, in seinen heutigen Nachkommen mindestens in dem Maße geachtet werde, wie es mit den untergegangenen zwei Kulturvölkern der antiken Welt der Fall ist, die uns ihren Solon, Sokrates, Plato, Perikles und ihren Cicero, Seneca, Tacitus hinterließen. Immerhin können sich neben diesen Griechen und Römern in eine relativ ebenbürtige Linie stellen: ein Moses, Jesajas, Daniel, Ezechiel, der Verfasser des Buches Hiob, und besonders der jüngste dieser jüdischen Klassiker, K o h e l e t, dieser Schopenhauer der Bibel, der zum Lieblingsbuch des Philosophen am Throne von Sanssouci gehörte, der ihn als „Fürstenspiegel" hochhielt, und eben der Dichter, über den wir heute ein illustres, verehrtes Mitglied unseres Vereines sprechen hören werden, nennt ihn den „genialen Kohelet", seine Schrift erklärt er für das „Hohelied der Skepsis". Nicht so sehr entmutigt als vielmehr erfüllt von Scham und heiligen Zorn ziehen sich namentlich die wissenschaftlichen Kreise von unserem Kampfe gegen den Antisemitismus zurück, offenbar sich tröstend mit dem unabwendbar erfolgenden fürchterlichen Krach, der auf den gegenwärtigen Niedergang der Humanität in seinem Bündnis mit den Mächten der Finsternis, früher oder später hereinbrechen muß. Aber unser teurer Nothnagel hat in seinem oberwähnten Vortrage noch ein schwerwiegendes Wort gelassen ausgesprochen, welches in meiner von Glauben an die Menschheit erfüllten Brust erschütternd nachklingt, das Wort: „Der allergrößte Vorwurf gegen das menschliche Herz sei die Erscheinung des Antisemitismus!" Dank und unvergänglicher Ruhm dem Manne, der dieses ernste, fast tragische Wort geprägt und uns als warnendes Memento hinterlassen hat, zumal angesichts der blutigen Ereigniffe, die über unsere armen, nicht genug zu beklagenden jüdischen Mitbrüder im benachbarten Kaiserreiche eben in diesen Tagen hereinbrachen und dieser Verfassungsmanife st Woche einen so grausamen, erschütternden Mordepilog zuteil werden ließen. Ich bin zu Ende und ersuche Sie nun, meine Damen und Herren, zum Zeichen unserer Trauer um unseren großen Toten sich von Ihren Plätzen zu erheben". (Die Versammelten erheben sich und bezeugen dem Redner ehrenden Beifall.) Hierauf gelangte Baron Doblhoff zum Vortrag, welcher den Werdegang Heinrich H e i n e's ausführlich schilderte. Er begann mit der Kindheit^ und Studienzeit (1805—25) indem er sagte: Genau vor hundert Jahren begann des sechsjährigen Heinrich Heine bald nachher so mächtig beschwingter Geist die Flüglein zu bewegen. Die Phantasie war noch ein Funke, der die Glut des Dichters im Keime barg; sie stammt nicht vom Vater, der wohl ein heiterer Mann war, seinen Kunden lustige Geschichten erzählte und bessere Ratschläge gab, als sich selbst, aber das Aussehen fürchtete und nur ängstlich des Sohnes Richtung verfolgte. Heine's Mutter, geborene Geldern, die Tochter eines gesuchten Arztes, stammte, wie Heinrich selbst nachwies, nicht aus einer Familie mit „jülich-cleve'schen Adelsdiplome"; der Urgroßvater war „Isaak aus Geldern"; auch Ed. Engel erklärt dieses „Adelsdiplom" als eine „Erfindung des Max Heine". In dieser Familie gab es phantastische Köpfe, so den 1774 dahingegangenen „Onkel Simon", der eine rätselhafte Erscheinung, ein Sonderling gewesen sein soll. Im Memoiren-