Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 6( 6 bt. Llocb's tWlocbenscbcm, Nr. 51 — wann und in welcher Weise würde dasselbe nutzbar gemacht werden können? Kolonien werden nicht in einem Tage gegründet. Kolonisation ist ein langsames, schrittweises Unternehmen. Zuerst muß der jungfräuliche Boden urbar gemacht und bestellt, Wohnstätten muffen errichtet, für Vieh gesorgt werden. Für alle diese Vorbereitungsarbeiten sind junge, abgehärtete Proniere erforderlich, und Jahre würden vergehen, bevor das Land für eine große Anzahl von Auswanderern mit ihren Frauen und Familien ausnahmefertig ist. Die beabsichtigte Kolonisation kann demnach das gegenwärtige dringende Bedürfnis nach einer sofortigen Zufluchtsstätte für die Opfer der Verfolgungen keineswegs befriedigen. Der Idee der Befürworter einer solchen Kolonie, welche eigene Autonomie besitzen soll, stehen sehr ernste Bedenken entgegen. Es ist noch nicht lange her, seit die jüdischen Ghettos in allen zivilisierten Ländern geöffnet, die Tore beseitigt wurden und den Juden gestattet ward, mit ihren Mitbürgern anderen Glaubens zusammenzuwohnen. Bei diesem neuen Projekt wird nun augenscheinlich vorgeschlagen, daß die Juden selbst ein neues Ghetto oder in Wirklichkeit einen Ghetto- Staat bilden sollen mit eigenen Gesetzen und Verordnungen, als ob die Gesetze unseres freien England und seiner freien Kolonien für den unglücklichen russischen Juden nicht paffen würden, der in Wirklichkeit ein Gcächteter in seinem eigenen Vaterlande gewesen ist Der neue Plan könnte ferner den Anschein erwecken (was tatsächlich nicht der Fall ist), als ob die Juden eine Isolierung wünschen, weil sie sich auf Grund ihrer Gebräuche und Einrichtungen für unfähig erachten, mit der übrigen Welt zusammen zu leben. Kerner ist die Frage zu stellen: Haben die Wortführer der ..Jüdisch-Territorialistischen Organisation" die Kosten berechnet? Die Erfahrungen haben gelehrt, daß unter den günstigsten Umständen keine Kolonisation unter 50 Lstr. per Kopf möglich, ist. Wo wollen die Förderer des Projekts die fünzig Millionen Pfund Sierling hernehmen, welche nur für die erste der vier Millionen Juden, die allmälig aus dem unduldsamen Rußland gerettet werden sollen, nötig sind? Selbst wenn die verarmten Auswanderer ihr Alles dazu beitragen würden, wäre das blutwenig. Die Befürworter des Planes wollen für seine Verwirklichung auch die Wohltätigkeit zulassen. Bietet ein solches Kolonisationsprojekt genügende Aussichten, um die Kapitalisten zu veranlaffen, dasselbe zu fördern, sei es auch nur das für den Anfang erforderliche Kapital zu zeichnen? Wenn — was unzweifelhaft der Fall sein wird — die Förderer des Projekts finden, daß dasselbe unausführbar ist, und sich mit weniger Ergeiz bemühen, eine Kolonie für Tausende anstatt für Millionen ihrer verfolgten Brüder zu gründen, so würde ihre Tätigkeit in deu gegenwärtigen Tagen der Sorge und der Not bester auf die Auswanderung als auf dre Kolonisation zu richten sein. Mit den 50 Lstr., die mit zweifelhaftem und langsamen Erfolge für einen einzigen Ansiedler ausgegeben werden müßten, könnte man sechs Personen nach Argentinien befördern, und auf Grund der neuesten Erfahrungen würde die Auswanderung einer fast unbeschränkten Anzahl von Juden nach jenem Lande nicht nur von gutem, sondern von unmittelbarem Erfolg begleitet sein. In der richtigen Jahreszeit würde und könnte Kanada, nach Sir W. Laurier's jüngster hochherziger Rede zu urteilen, eine große Anzahl von Auswanderern aufnehmen Wenn also für Kolonisationszwecke Geld vorhanden ist, so wird es besser, wie früher, für die Auswanderung verwendet. Wenigstens sechsmal so viel Gutes könnte auf diese Weise geleistet werden, denn es würden sechsmal so viele Opfer ruffischer Unterdrückungen aus der Dunkelheit gerettet und an's Licht gebracht werden können. Trotz alledem — und das ist der wichtigste Punkt bei allen Plänen, einerlei ob es Kolonisations- oder Auswanderungs-Pläne sind — können dieselben nur einem kleinen Teil der Leidenden zugute kommen. Kür die Hauptmasse der russischen Juden kann Rettung nur in Rußland selbst gefunden werden unter einem neuen, auf Freiheit und Gerechtigkeit gegründeten Negierungssystem, das ihnen gleiche Rechte wie ihren Mitbürgern anderer Religionen zuteil werden läßt. Daß sie diese Rechte erlangen, muß unser erstes und unablässiges Bestreben sein. Inzwischen aber ist es die erste uns obliegende Pflicht, der dringendsten Not abzuhelfen. Es ist dies unsere Pflicht gegenüber den Opfern der Gewalttätigkeiten, deren Schmerzensrufe täglich aus mehr als hundert ruffischen Städten an unser Ohr dringen, gegenüber den Tausenden von Witwen und Waisen, welche durch erbarmungslose Henker ihrer Ernährer und Unterstützer beraubt wurden, gegenüber den Tausenden von Männern, Frauen und Kindern, welche durch grausame Hände für ihr ganzes Leben verstümmelt wurden, gegenüber den Zehntausenden, welche durch Raub und Plünderung ohne Heim und ohne Mittel sind. Diese Leiden zu lindern, den Darbenden und Heimatlosen schnelle Hilfe zu bringen, Menschenleben zu retten — wo es eben möglich ist — das muß augenblicklich unsere dringendste Aufgabe sein Und wir möchten alle die guten Leute, welche, zweifellos in bester Absicht, sich mit wohlgemeinten, aber doch aussichtslosen Plänen, die, wenn sie ausführbar wären, nur einer geringen Zahl Hilfe bringen könnten, beschäftigen, bitten, ihre Tätigkeit dem uns vorliegenden großen Rettungswerke zu widmen. Es sind nicht allein augenblickliche dringende Notstände zu befriedigen, sondern wir wüsten bestrebt sein, für viele Tausende lebendiger Opfer russischer Barberei sicher und dauernd Gutes zu leisten." Ans Heinrich Heines Jugendzeit 1803—1839. Vortrag, gehalten am 6. November 1905 im Verein zur „Abwehr des Antisemitismus". Nach kurzer Begrüßung durch den Vereinspräsidenten Herrn Dr. Josef Baron von S e i l l e r ergriff das Vorstandsmitglied Herr Prof. Dr. S e b e r i n y das Wort, um dem im Juli a. e. Heimgegangenen Ehrenpräsidenten Hofrat Professor Nothnagel eine kleine Erinnerung zu widmen. Er sprach: „Geehrte Versammlung! Suttner, Leitenberger, diese Freiherren nicht nur im bürgerlichen sondern auch im Hochsinne des Wortes „Freiherr", frei nämlich von niedriger, gemeiner Weltanschauung, und Herren über die gefährlichsten Eigenschaften des Herzens: Neid und Mißgunst; diese zwei Freiherren und ein hochgelehrter, in seinem Berufsfache bahnbrechender Mann, auch ein Freiherr im Reiche der Wissenschaft, Hermann Nothnagel: diese Trias stand an der Wiege unseres humanitären Vereines. Heute stehen wir trauernd, ja tiefbewegt an ihren Gräbern, zunächst an dem jüngst aufgeworfenen Grabhügel Nothnagels, vielleicht des einzigen Universitätsprofeffors außer mir, der bis ans Ende wacker und tapfer Stand gehalten an unserem Verein, als sein Ehrenpräsident und energischer Faktor des leitenden Ausschusses! — Aufgefordert vom hochgeehrten Präsidium, einige Worte dankbarer Pietät in dieser ersten Versammlung unseres Vereines seit seinem Hingang in die Ewigkeit zu widmen, unterziehe ich mich dieser Aufgabe zugleich als sein persönlicher Freund und Verehrer. „Man könnte glauben, daß nach der, allen Glanzseiten dieser hochbedeutenden Persönlichkeit gerecht gewordenen Gedenkrede des Hosrates N e u s s e r bei der Trauerfeier unserer midizinischen Fakultät kaum noch etwas zum Ruhme des allverehrten, d. h. von allen wirklichen Menschen veerehrten Mannes gesagt werden könne. Dennoch läßt auch diese von mehr als bloßer Kollegialität durchhauchte Gedenkrede noch Raum zur Ergänzung und Vollendung des so herrlich entrollten Charakterbildes Nothnagels. Ich finde diesen ergänzenden Pinfelstrich in der Anknüpfung an seinen in der zweiten Generalversammlung unseres Vereines 1892 gehaltenen klassischen Vortrag. Aus ihm leuchtet hervor nämlich nicht der . Meister univorsas msäiELs, sondern vielmehr ein im Labyrint .der Geschichte des Menschengeschlechtes gründlich bewanderter Historiker, als echter Jünger seines und meines unvergeßlichen, berühmten Geschichts-Professors Leopold von Ranke. Aber es überrascht uns ferners in demselben Vortrag auch der Mann, der sich die Philosophie, im modernen Sinne des Wortes als Weltanschauungslehre, in großen Zügen angceignet hat, indem er historisches Verständnis, gepaart mit psychologischem, an den Tag legt gegenüber den geheimnisvollen Vorgängen des Seelenlebens, welchen so ungeheuerliche Erscheinungen entspringen können, wie es der Anti'.emitismus ist. Im oberwähnten Vortrage sind die Fundamente zum Bau der Menschheitsgeschichte bloßgelegt, die zu dem Resultate führen, welches schon in einer altjüdischen Parabel als Vorboten der späteren wissenschaftlichen Forschung seinen Ausdruck fand. Da wird erzählt: Abraham, in einer unterirdischen Höhle erzogen, als er nachts zum erstenmale auf die Erdoberfläche gebracht wurde, habe zuerst zu den Sternen gebetet, dann zum ausgehenden Monde, dann zur Sonne; und als sie alle nacheinander untergingen — betete er zum unsichtbaren Gott! Sehen Sie, meine Damen und Herren, das war der im Judentume liegende Uebergang von der Naturreligion zur Geistesreligion, vom Polytheismus zum Monotheismus, vom Götzendienst zur reinen, absoluten Idee Gottes! Mose fiel dann die titanenhafte Ausgabe zu, diese Idee des Monotheismus in die von Abgötterei beherrschte ganze Welt gleich einem Feuerbrand zu werfen, ihr den Sieg zu erringen. Ranke feiert dieses Unternehmen Mose als ein Manifest der Majestät des Geistes und als eine erhabene Inauguration des sittlichen Lebensprinzips in der menschlichen Gesellschaft. Hierauf folgt nun mit