Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 51 Dr. IBlocb’s TüHocbenscbrttt. Seite 807 benutzt haben. Redner beschwerte sich darüber, daß das Boad of Deputies es nicht für nötig befand, in London eine Protestkundgebung zu veranstalten und so dem russischen Botschafter unter die Nase zu reiben, wie das Christentum die Vorgänge in seiner barbarischen Heimat verabscheut und verdammt. Mr. Strauß hofft, das Board ot Deputies werde die Initiative zu einer internationalen Organisation zugunsten der Juden ergreifen. Er weiß, daß Hunderte von christlichen Geistlichen mit Ungeduld darauf warten, ihre Sympathien mit dem notleidenden jüdischen Volke kundzugeben. Allein die Christen können doch nicht die Initiative ergreifen, so lange die Juden selber stillsitzen. Mr. Oswald Simon: Wenn wir eine Protestkundgebung arrangieren wollen, so bin ich überzeugt, daß der Erzbischof von Canterbury dieselbe leiten und der katholische Erzbischof sie unterstützen würde. Redner ist überzeugt, daß der gegenwärtige Moment für eine internationale Kundgebung gegen Rußland überaus geeignet ist, und erinnert an die Aktion zur Befreiung Griechenlands, zur Vereinigung Italiens und zur Emanzipation Bulgariens. Alle diese Aktionen sind durch den Druck der öffentlichen Meinung eingeleitet und durchgeführt worden. Die Resolution Bentwich wurde darauf einstimmig angenommen. Nach einer kurzen Vertagung wurde die Debatte über eine öffentliche Protestkundgebung fortgesetzt. Mr. Belisha: Nachdem fast alle großen Städte Englands, Schottlands und Irlands ihren Abscheu gegen die Vorgänge in Rußland in zahlreichen Meetings ausgesprochen haben, muß er es lebhaft bedauern, daß London, das Herz von England, sich noch nicht geregt hat. Denkt er an die ruhmvolle Vergangenheit, so muß er sich schämen, daß in den Tagen von Kischenew kein Protest aus London ertönte. Hätte damals England gesprochen, so wäre das gegenwärtige Blutvergießen vielleicht vermieden worden. Die Führer der Judenheit in London sind zu furchtsam und zu vorsichtig geworden. Redner schlägt folgende Resolution vor: „Die Generalversammlung des Board of Deputies bedauert es lebhaft, daß London noch in keinem Meeting die russischen Grausamkeiten verdammt hat und fordert und autorisiert die Leiter des Board, alle notwendigen Schritte zur Veranstaltung eines aus angesehenen und einflußreichen Mitgliedern der Gesellschaft bestehenden Protestmeeting zu treffen". Nachdem mehrere Redner zugunsten dieser Resolution gesprochen haben, ergreift Sir Samuel Montagu das Wort, um gegen die Annahme derselben zu sprechen. Würde das Christentum sich in einem öffentlichen Meeting spontan gegen die russischen Grausamkeiten aussprechen, Niemand wäre glücklicher darüber als er. Jetzt aber wird jeder sagen, dieses Meeting ist von den Juden inszeniert worden. Schon vor einigen Wochen hat er diese Frage zusammen mit Lord Rothschild ventiliert. Dieser hat immer wieder und wieder mit Vertretern der Regierung über eine Aktion Englands verhandelt. Als jedoch das Oberhaupt der großen demokratischen Republik in den Vereinigten Staaten eine Intervention verweigerte, wurde dieses auch für England unmöglich. Eine öffentliche Versammlung werde die Lage der russischen Juden noch verschlimmern. Auch der Vorsitzende spricht gegen die Annahme der Resolution. In einer Sitzung des Nusso-Jewish-Komitee wurde die Frage bereits besprochen. Das Komitee hat aber damals, sowie in einer später zusammen mit dem Komitee der Anglo-Jewish-Association abgehaltenen Sitzung die Frage des Meetings verworfen. Nach längerer Debatte einigte man sich auf eine zahmer gehaltene Resolution, die wie folgt lautet: „Die Jahresversammlung des Jewish Board of Deputies bedauert es lebhaft, daß die Bürgerschaft von London noch durch keine große öffentliche Demonstration die Ereignisse in Rußland verdammt hat und beschließt, die Angelegenheit so bald als möglich in die Hand zu nehmen!" Die jüdische Kolonisationsfrage, sowohl dasPalästinawie das Afrikaprojekt, behandelt eine Erklärung englischer Notablen. Ein Komitee, an dessen Spitze Lord Rothschild steht und dem auch die Herren Samuel Montagu, David L. Alexander, N. S. Joseph, Claude G. Montefiore, Leonhard L. Cohen und Stuart M. Samuel angehören, erläßt einen Aufruf in den englifchen Blättern, in dem nicht nur gegen eine solche Kolonisation, wie sie in Aussicht genommen wurde und die auf Gründung eines jüdischen Staates hinausläuft, Stellung genommen wird. Inden Aufruf heißt es: „Betrübende Ereignisse der letzten Zeit haben allgemein die Frage angeregt: Welches wird das Schicksal der fünf oder sechs Millionen Juden in Rußland sein? Diese Frage beschäftigt die Juden selbst seit beinahe einem Vierteljahrhundert, nämlich seit dem Erlaß der Jgnatiew'schen Mai-Gesetze von i882. In allen Teilen der Welt ist man und nicht ohne Erfolg bemüht gewesen, das durch dieses v:rdammenswerte Gesetz heroorgerufene Elend zu lindern. Opfer jüdischer Ver olgmig, deren Zahl sich ans etwa eine Million beläuft, haben in fast allen zivilisierten Ländern Zuflucht gesunden, einige mit ihren eigenen Mitteln, andere mit Unterstützung jüdischer Wohltätigkeits- Vereine und haben sich in jenen Ländern eine neue, glücklichere Heimat begründet; die größere Zahl derselben lebt jetzt in guten Lerhäitnissen; alle atmen doch wenigstens jetzt die gesunde Lust der Freiheit. Zu dieser wohltuenden Zerstreuung und Besiedelung haben die lüdischen Orgauisationeu in England das Ihrige beigetragen, indem sie für viele Tausende von Flüchtlingen hier ein Unterkommen geschaffen und weiteren Taufenden dazu verholten haben, sich in anderen Ländern, namentlich in den Vereinigten Staaten, in Kanada und Argentinien anzusiedeln. Aber die zu ihrer Unterstützung getroffenen Maßregeln erschienen Einigen zu langsam und zu nnzutäugltch, da noch ungefähr fünf oder sechs Millionen Juden in Rußland zurückbliebe». Dieses Gefühl hat im Verein mit anderen Gründen, deren Erörterung sich hier erübrigt, vor ungefähr acht Jahren den Anstoß zu der zionistischen Bewegung gegeben, und auf dem ersten Baseler Kongreß wurde die „Erwerbung Palästinas als gesetzlich gesicherte und öffentlich anerkannte Heimstätte für das jüdische Volk" von Dr. Herzt und seinen Anhängern mit Begeisterung als ihr Programm ausgerufen. In ihrem Elser übersahen die Zionisten die unabänderlichen tatsächlichen Verhältnisse, welche sich ihren Erfolgen hindernd in den Weg stellen. Sie vergaßen, daß Palästina, selbst wenn es ganz unbesetzt sein würde, nicht groß genug wäre, um alle verfolgten Inden auszunehmen, daß nur ein kleiner Teil seines kleinen Flächeninhalts mit Erfolg angebaut werden könnte, daß der größte Teil des Ackerlandes schon im Besitz von Eigentümer'! ist, welche dasselbe nur gegen schweres Geld abtrete» würden, und daß ferner der Sultan einer starken Einwanderung von Juden, deren eingeftandene Absicht dre Errichtung eures jüdischen Staates in Palästina bildet, abgeneigt ist Als daher nach sieben Jahren der hochherzige Herzl starb, wurde erkannt, daß die zionistischen Bestrebungen, aus Palästina eine Zufluchtsstätte für die unterdrückten Juden zu machen, nicht weiter als eme praktische Lösung zur Beseitigung der gegenwärtigen Notlage gelten könne; die Hoffnung, jenes Land als gesetzlich-gesicherte Heunstute erhalten zu können, hat sich zu einer in ferner Zukunft liegenden Vision verflüchtigt. Diese entfernte Vision genügte aber Vielen nicht. Tie Logik der Tatsachen hatte das Land der Verheißung ihren sehnsüchtigen Blicken entrissen. Ein ihnen gerade damals von einer wohlwollenden britischen Regierung als Aushilfs - Zufluchtsland angebotenes Territorium in Ostafnka wurde bei der Prüfung durch Sachverständige als ungeeignet befunden. Das Problem blieb also ungelöst. Die fünf bis sechs Millionen Juden waren noch in Rußland, unter Verfolgungen seufzend, im Ansiedlungsrayon verkommend, nach Freiheit lechzend. So ist jetzt eine Bewegung entstanden welche „Territorial-ZionismuS" genannt werden könnte, und ein kleiner Teil der verzweifelten Judenheit hat das neue Projekt gierig aufgegriffen. Das ist die Entstehungsgeschichte der „Jüdisch-Territorialisttschen Organisation." deren Programm „em Zufluchtsland auf der Grundlage der Selbstverwaltung für alle diejenigen Juden, welche in den Ländern, in denen sie gegenwärtig leben, nicht bleiben können oder wollen", Vorsicht. Die Förderer dieses Planes hoffen, von der britischen Regierung ein unbesetztes Territorium, einen Teil einer ihrer Kolonien, zu erhalten, welches ausreicht, um eine große Anzahl, vielleicht die ganze Masse der in Rußland und sogar der in anderen Staaten unterdrückten Juden aufzunehmen und zu ernähren. In diesem Territorium sollen dieselben eine Art jüdischen Staates bilden mit ausgedehnten Vollmachten in Bezug auf Autonomie, obgleich sie unter britischer Oberhoheit verbleiben. Die „Jüdisch-Territorialistische Organisation" ist bis jetzt noch ohne ein Territorium. Falls eine geeignete Lokalität gefunden wird, müßte sie, um die Absichten der Urheber des Planes zu erfüllen, groß genug fein für eine Bevölkerung von wenigstens vier Millionen Seelen, das heißt, sie müßte augenscheinlich mindestens so groß wie Irland sein, das nur eine Bevölkerung von 4'/, Millionen besitzt und tu manchen Distrikten zu stark bevölkert ist. Angenommen, eine wohlwollende Regierung wäre bereit, ein solches Territorium zu gewähr en