Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 806 Dr. Dlocd's TRUocbenscbrtft. Nr. 51 ruttg Rußlands fünf Kronen beitragen würden oder wenn der Berliner Bankier, der zu Gemeindezwecken tausend Mark beisteuert, dem Emigrationsfonds hundert Mark widmet. Ich habe kein statistisches Material zu einer Schätzung, welche Summen in dieser Weife sich ergeben würden, aber sie dürften jedenfalls sehr bedeutend werden, wenn sämtliche jüdische Gemeinden Europas und Amerikas diese Selbstbesteuerung und die entsprechende Organisation durchführen würden. Ein solcher einem solchen Zwecke gewidmeter Beitrag ist nicht drückend, da die Armen keine Kultussteuer zahlen und der Mittelstand eine kaum nennenswerte Belastung übernähme. Die Organisation wäre leicht durchführbar, böte nicht die geringste Schwierigkeit. Die Gemeinden eines Landes, einer Provinz oder eines Gouvernements und Departements würden die eingehobenen Beträge an jene der Hauptstädte periodisch abführen und von diesen an ein in London zu kreierendes internationales Zentralkomitee, dem die Administration der gesamten osteuropäischen Emigration zu unterstehen hätte. Jetzt, wo wir noch unter dem furchtbaren Eindruck des blutigen Dramas in Rußland stehen, wo die verbrannten Häuser noch rauchen, die verwüsteten Geschäfte von zahllos ruinierten Existenzen erzählen, die Witwen und Waisen ihren Schmerz an den frisch geschaufelten Gräbern ihrer ermordeten Ernährer in blutigen Tränen ausweinen und täglich neue Hiobsposten über Mord, Raub und Jammer aus Rußland zu uns gelangen, jetzt wärs an der Zeit, die angedeutete dauernde Hilfsaktion energisch in die Hand zu nehmen und zu einer Organisation zu schreiten, bevor die Zeit ihr Moos über die blutigen Ereignisse legt, die heute noch die gesamte gesittete und gebildete Welt so sehr bewegt! Leo Herzberg-Fränkel. Das Wische Doard of Deputies «der die Indeumastakres i« Der jüdische Gemeindebund von England (Board of Deputies), welcher seit 1760 besteht und die einzige offizielle Vertretung des englischen Judentums den Behörden gegenüber ist, hielt am 3. Dezenrber seine Jahresversammlung ab, an welcher zum erstenmal seit Bestehen des Bundes Vertreter der jüdischen Gemeinden aus der Provinz teilnahmen. Vorsitzender Mr. D. L. Alexander erklärte in seiner Eröffnungsrede diese sonderbare Erscheinung mit der Schwierigkeit für die Vertreter, aus den Provinzen nach London zu kommen und sich daselbst einige Tage aufzuhalten. Redner beschwert sich über das geringe Interesse der Unterhausmitglieder für im Parlament zur Verhandlung gelangende, die Juden interessierende Fragen. Die Ereignisse in Rußland, welche den eigentlichen Grund für das zahlreiche Erscheinen der Delegierten aus der Provinz bildeten, berührte Redner mit keinem Worte und es bedurfte erst einer Anregung des Mr. Loevy von Manchester, damit auch diese Angelegenheit auf die Tagesordnung gesetzt wird. Mr. Herbert B e n t w i ch: „Ich selber bin der russischen Hölle entronnen. Mein . Vater stammt nämlich aus Rußland. Obwohl ich sowohl als auch meine Mutter in England geboren war, so fühle ich seit drei Wochen in mir einen neuen Stolz auf meine russische Abstammung erwachen. Ich und alle diejenigen, deren Väter oder Vorväter einst in Rußland gelebt haben, müssen mit aller ihnen zu Gebote stehenden Kraft gegen den durch die Fremdenbill gemachten Versuch, den russischen Juden den Eintritt in England zu erschweren, protestieren. Selbst Rumänien läßt jetzt russische Flüchtlinge über die Grenze. Soll England am Vorabend des 250jährigen Jubiläums der Wiederzulaffung der Juden in England den russischen Juden, die an das Licht der Freiheit streben, den Eintritt in England verbieten? Redner 'schlägt nachstehende Resolution vor: Die Generalversammlung des Board of Deputies ist der Ansicht, daß für die durch die jüngsten Ereignisse in Rußland heimatlos gewordenen Juden in England Zufluchtsstätten bereitet werden müssen. Jedenfalls muß die Versammlung gegen die Fremdenbill von 1905 in jeder Weise protestieren." Sir Samuel M o n t a g u unterstützt diese Resolution. Redner verteidigt die Politik des Russo-Jewish-Komitee gegen die von Mr. Bentwich in der Presse gerichteten Angriffe. Das Komitee ist seit seinem Bestehen bestrebt gewesen, russische Juden, die nach seiner Ansicht in England sich nicht recht Hallen konnten, nach anderen Gegenden zu schicken. Er erinnert an die Tatsache, daß er bereits im Jahre 1883 nach Lemberg ging, wohin sich Zehntausende von russischen Juden vor den Folgen der Judenkrawalle im Jahre 1882 gerettet hatten. Damals sind Zehntausende von Flüchtlingen nach den Vereinigten Staaten und Kanada geschickt worden. Das Russo- Jewish-Komitee genießt das Vertrauen nicht nur der jüdischen Hilfskomitees in den Vereinigten Staaten, sondern auch der in Frankreich, Deutschland, Oesterreich und Belgien. Seine Politik ist jetzt genau dieselbe wie in den früheren Jahren. Wir besitzen jetzt die großmütige Zusicherung Sir Wilfried Laurier, des Premierministers von Kanada, daß die Juden in Kanada willkommen sind und in einer beliebigen Anzahl dahin auswandern dürfen. Ferner . haben wir ein Schreiben vom Präsidenten der Emigrationsabteilung von Buenos-Ayres erhalten, in welchem die Juden willkommen geheißen und als nüchterne und tüchtige Bürger gepriesen werden. Die Reise nach Argentinien kostet nur 5 Pfund pro Kopf. Das nebelige Klima von England sagt den russischen Juden, wie die beim jüdischen Volke bis dahin unerhört gebliebene Zahl von Schwindsüchtigen in London beweist, überhaupt wenig zu. Dazu kommt noch der große gegenwärtig in England herrschende Arbeitsmangel. Es wäre barbarisch, wollte man die russischen Flüchtlinge, die in ihrer Heimat an ein kaltes trockenes Klima gewöhnt sind, nach England bringen, während uns weit schönere Gegenden für sie zur Verfügung stehen. Wir haben nach Rußland bis jetzt 93.000 Pfund geschickt. Außerdem bereisen drei Vertreter mit vollgespickten Börsen alle von Krawallen heimgesuchte Ortschaften, um zu sehen, wie den Leuten zu Hause zu helfen wäre und inwiefern man Auswanderungslustige unterstützen könnte. Sollten aber dennoch trotz aller Waknung Juden nach England kommen, so sind wir nicht abgeneigt, sie auch hier zu unterstützen. Das Russo-Jewish-Komitee hat beschlossen, jüdische Waisenkinder, die bei der Katastrophe ihre Eltern verloren haben, aufzunehmen und in England, Kanada und den Vereinigten Staaten von Nordamerika zu erziehen. Amerika erklärte sich bereit, 500 Waisen anzunehmen. In Frankfurt sind bereits 7 untergebracht. Wir sind überzeugt, daß zahlreiche jüdische Gemeinden in England ebenfalls solche hilflose Waisen aufnehmen werden. Unter den Kindern gibt es süße Gesichter und ich hoffe, daß sich reiche Leute genug finden werden, welche diese Waisen adoptieren werden. Auch arme Leute können solche Kinder aufnehmen und dürfen dabei auf die Unterstützung des Komitees rechnen. Leider muß zugegeben werden, daß man Millionen von Menschen nicht unterstützen kann; was wir auch für Rußland getan haben und noch tun werden, niemals werden wir in der Lage sein, mehr Juden aus Rußland herauszubringen, als durch die natürliche Vermehrung alljährlich hinzukommen. Allein ich bin Optimist genug, zu hoffen, daß durch den freiheitlichen Aufschwung in Rußland sich die Lage der Juden derart verbessern wird, daß selbst Hunderte in London lebende russische Flüchtlinge in ihre Heimat werden zurückkehren können. Mr. N. L a s k y kritisiert die indifferente Haltung der jüdischen Unterhausmitglieder in allen das Judentum tangierenden Fragen. So haben die Juden in Manchester eine Protestversammlung gegen die Vorgänge in Rußland einberufen, zu der zahlreiche Unterhausmitglieder eingeladen worden sind. 8 Mitglieder haben die Einladungen angenommen und 30 haben Sympathieschreiben geschickt. Von den 12 eingeladenen jüdischen Unterhausmitgliedern hat sich nur ein einziger zu einer Antwort bequemt, während die übrigen die bezahlten Depeschen nicht