Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-22 · 51 (22.12.1905) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
51 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3020846-3021602-3021654--15030-3039774
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Ur. 51 Dr. Bloch’s Jahrgang 1111. Zentralorcjan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wien, 22 Dezember 1905. — jErscbetnt jeden Freitag. — Brief-Adresse: Wiien. IXj, Verggasse 39. Telegramm-Adrefie: Klocb's Wocbenscbntt. Mien. Ä--& K. k. pu|l}’parJtaflren-Btttt Lleartng-Verkebr Mr. 610.976. Dedaktion und Administration: Wien IX/1, Kerggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847. H^ ©-* Verugsprris für Vesterreirh: Halbjährig 8 Kronen. Einzeleremplare 50 Heller. Fiir's Ausland: Halbjährig 1» Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. *-» Inhalt: Leitartikel: Ein Vorschlag. — Das jüdische Board of Depulies über die Indenmassakres in Rußland. — Tie jüdische .uolonisationsfrage. — 8lus Heinrich Heine? Jugend eit 1805—1830. — Ein interessanter Brief der Königin Linse. — Maxim Gorki. — „Eindrücke einer Palästinareise". — Die deutsch-amerikanischen Inden in Handel und Industrie. — K o r r e s p o n d e n : Hllfsaktion der „Israelitischen Allianz zu Wien" zngunsteii der Opfer der russischen Jndeinx;esse. Die Hilfsaktion für die russischen Juden Zur Hilfsaktion! Max Fleischer. Abgeordneter Ernst Schneider über die österreichischen Richter. Die Eröffnungsfeier der neuen „jüdischen Toynbeehalle". London. — Bermischtes: Gegen eine jüdische Wahlkurie. Kranzabiösungsspenden zuaw stcu der Chewra-Kadischa in Wien. Verein zur Ausspeisung armer israelitischer Schulkinder XII— XV. „Jahrmarkl für Groß und Klein. Iglau, Prag. Eger, Falkenau. Nachod, Teschen, Kladno, Triest, Andrychan, Rom. — Feuilleton: Zum Gedächtnis von Zadoc Kahn. — Briefkasten. — Inserate. Gin Vorschlag. Das entsetzliche Bild wilder Menschenjagden in Rußland, wilder und blutiger noch als sie Pizzaro vor vierhundert Jahren unter den Indianern Perus veranstaltete und die alle Greueln der Inquisition weit hinter sich lassen, hat die ganze gebildete Welt — einige unrühmliche Ausnahmen abgerechnet — mit der tiefsten Ergriffenheit gepackt, zu Mitleid und Mithilfe geweckt, die Bevölkerungen aller Erdteile zu lautem Unwillen aufgerüttelt, aber noch lange nicht jene Erwägungen, welche die fürchterliche Lage unserer unglücklichen Brüder in Rußland fordert, zur Diskussion gebracht. Wer weiß, ob nicht die blutigen Ereignisse, zum Teile wenigstens, abgewendet worden wären, wenn man sich nicht jahrelang um das Land gestritten hätte, wohin die Emigration aus Rußland und Rumänien zu leiten sei! Es ist ein jüdisches Sprichwort: „Im Streite zwischen Amme und Wärterin ist das Kind erstickt." Während Führer und Parteien sich zankten, gingen tausende Menschenleben unter den Angriffen der russischen Mordbrenner zu Grunde. Noch jetzt ruht der Streit nicht, ebensowenig als die Verfolgung, und man steht rat- und trostlos gegenüber den unsagbar jammervollen Vorgängen im benachbarten Raubstaate. Freilich, wir sammeln, wir geben, wir lindern das Elend — aber ist dies Hilfe? Es ist ein ^equit äs eonslones, eine Abfindung mit unserem Gewissen, der schuldige Tribut an die Humanität — ein Stück Brot, ein Stück Geld, ein Kleidungsstück und man läßt das Unglück hinter sich liegen wie die Schreckensszene einer Tragödie die an uns vorüberrauschte und uns einen Moment ergriff. Selbst wenn wir so viel gäben, daß der enorme Schaden so ziemlich gut gemacht, die demolierten Häuser hergestellt, die zertrümmerten Möbeln ersetzt, die zerstörten Werkstätten wieder eingerichtet und die geplünderten Läden mit neuen Waren versorgt würden, so ist dies vielleicht weniger eine radikale Hilfe als eine durch die Lüsternheit der raublustigen Kazapen und Tschinowniks abermals heraufbeschworene Gefahr der Plünderung! Ein Wink des Polizeimeisters oder Gouverneurs und all das, was hochherzige Stammesgenossen heute zusammentrugen, ist morgen eine Beute losgelaffener Räuberbanden. Ein so fürchterliches, mit obrigkeitlicher Bewilligung angerichtetes Blutbad, das an Wildheit, Grausamkeit und Zahl der Opfer beispiellos in der Geschichte dasteht, verpflichtet gebieterisch zu ernstem Nachdenken, wie solche entsetzliche Katastrophen für die Zukunft zu verhüten seien. Tief traurig und sinnend steht man am Maffengrab der Hingefchlachteten — die Leute hatten nichts verbrochen, sie wollten bloß leben und während sie zusammengepfercht um ihre elende Existenz kämpften, siel man über sie her und massakrierte sie. Sie fraffen sich auf und wurden aufgefrefsen. Diese Verhältnisse werden nicht besser werden, so lauge nicht ein großer, und zwar der ärmste Teil von Rußland abgeleitet und dem anderen Teile mehr Raum und Luft geschafft wird, ein menschenwürdigeres Dasein zu führen, während sie jetzt alle in engen Ghettos verkümmern und von dem Mob als minderwertige, vom Gesetze ausgestoßene Menschen angesehen werden. Das Wohin ist fast gleichgiltig angesichts der letzten Schreckenszeiten — fort! Fort in ein gesunderes, vom Judenhaß noch nicht verseuchtes Klima! Niemand kann jetzt mehr so verbohrt sein, mit der schillernden Idee eines palästinischen Staates zu liebäugeln (?). Wenn hinter uns die Kugeln pfeifen und die Brände prasseln, gilt es bloß, sich zu retten und eine bergende Stelle zu finden, gleichviel ob diese unter Palmen oder Tannen liegt. Der kürzeste Weg die schnellste Flucht! Palästina war eine Fata morgana, die einige Zeit strahlend am Horizonte stand, jetzt hängen am Himmel schwere schwarze Wolken und wir müssen ein Obdach suchen für die Unglücklichen, die man in Rußland mit Knute. Feuer und Schwert verfolgt. Es gilt, ihnen einen Weg zu bahnen aus dem Tale des Jammers und Schreckens und ein Volk zu retten, das sonst in der Verwilderung eines aus den gesetzlichen und menschlichen Banden geratenen Reiches aufgerieben würde. Um dies zu können, genügen nicht einmalige Almosen oder Spenden, die bald verstechen. Der fortwährende Schub großer Mafien auf weite Entfernungen bedarf permanenter Mittel, die nicht ausgehen, sozusagen eines perennierenden Fonds, der auf einer bestimmten Basis ruht, und das wäre: ein Zuschlag zur Kultus st euer. Nehmen wir an, derselbe würde in der Höhe von zehn Perzent bemessen, so wäre er kein zu großes Opfer für die Kontribuenten, die bei einer etwaigen Jahressteuer von fünfzig Kronen der großen Sache der Evakuie-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.