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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-15 · 50 (15.12.1905) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 50 Dr. Liocb's MocbenscbrM. Seite 801 Feuilleton. Zur Erinnerung an den hundertste« Jahrestag der Schlacht bei Austerlitz. Von Jg. K r a m p f l i c e f. Nur selten ist es der Fall, daß die Gassen der alten Ghettos so breit und geräumig sind, als es die breite Gasse in der Austerlitzer israelitischen Gemeinde ist. Dieser Umstand ist aber nicht etwa der Großmütigkeit jener Obrigkeiten zuzuschreiben, welche zu Ende des XII. Jahrhunderts dominierten; denn als die Juden um jene Zeit sich zum zweitenmale hier niederließen, wurde ihnen der Platz an den beiden Ufern des Kanales angewiesen, durch welchen der Abfluß vom Schlosse und eines Teiles der Stadt floß. Dieser Kanal ergoß sich in einen zweiten übelriechenden Kanal, der die Grenze zwischen einem großen Teiche und dem südlichen Teile der Stadt bildete. An diesen beiden Kanälen, also am Ende der Judengasse, bestand schon damals die sogenannte Schinderei. Etwa zu Anfang der Vierziger-Jahre wurde der Gassengraben kanalisiert und die Gasse allmälig planiert; so entstand die heute so schöne und breite Judengasse. In dieser Gasse, in dem Hause, wo sich bis vor Kurzem die renommierte Schlosserwerkstätte Meister Jarolims befand, erblickte mein teuerer Vater, dem ich diese genaue und wahrheitsgetreue Schilderung dieser Erlebnisse vor, während und nach der Schlacht verdanke. David Krampfliöek sei. Angedenkens im Jahre 1795 das Licht der Welt. Der Schlacht bei Austerlitz wurde der Name „Drei-Kaiserschlacht" darum gegeben, weil drei Kaiser, und zwar weiland Ihre Majestäten Kaiser Franz von Oesterreich, Kaiser Nikolaus von Rußland und Napoleon Bonaparte, Kaiser der Franzosen, persönlich an derselben teilnahmen. Diese Schlacht endete, wie bekanntlich, mit einem vollständigen Siege der Franzosen über die verbündeten Armeen der Russen und Oesterreicher, unter Kutusoff und Bagration, darauf folgte die Zusammenkunft der drei Kaiser in der Mühle zu Zaroschitz und der Friede zu Preßburg. Um diese Zeit bestanden hier noch drei Stadttore, das östliche, das westliche und das südliche. Letzteres mußte vor zwei Jahren zum Leidwesen aller Lokalpatrioten wegen Baufälligkeit abgetragen werden. Etwa sieben Tage vor der Schlacht am 2. Dezember, welcher im Jahre 1805 qn einem Donnerstag war, also Freitag bevor, um die zehnte Vormittagsstunde galoppierte eine Alneilung österreichischer Husaren durch das westliche Stadttor, diese hatten auf dem Wege gegen Krenowitz ein kleines Gefecht und zogen sich gegen Hodejitz zurück. Einige Stunden später rückten einige Mann französischer Kavallerie ein und wurden in einigen Gasthäusern, wo Stallungen waren, einquartiert. In der Nacht von Freitag auf Samstag fiel ein Alarmschuß, die Franzosen sattelten schnell und ritten eilig gegen Brünn. Samstag war das allgemeine Tagesgespräch, der Bonapart sei in Brünn und es wird in der Nähe zur Bataille kommen. Sonntag aber sagt man sich bestimmt, die Bataille wird hier sein. Viele trafen Vorbereitungen, man verlegte die Fenster mit Ziegelsteinen, verbarg und vermauerte Habseligkeiten und haltbare Speisen. Montag Früh als die Leute von „Schul" gingen, war eine große Menschenansammlung in der Brünner Gasse; vor dem Hause des Quartiermeisters, der dort wohnte, standen Kosaken mit ihren Pferden. Einer der Kosaken hielt Münzen in der Hand und fragte, wo Laiberl Brot zu kaufen ist; man deutete ihm auf ein an der Straßenecke gelegenes Haus des jüdischen Bäckers Reb Chajim Kunstat, doch das Haus war verschlossen und die Fenster mit Ziegeln verlegt. Ein Kosak brachte eine Leiter, stieß damit einigemale gegen den Verlag, welcher nicht lange widerstand, stieg durchs Fenster und bald flogen einige Laibe Brot auf die Gasse, welches die Kosaken untereinander teilten und gegen Krenowitz weiterritten. Um dieselbe Zeit erhielt der Judenrichter den Auftrag, sofort und jeden folgenden Tag während der Durchmärsche 4 verläßliche und vertrauenswürdige Juden, welche gut deutsch sprechen, als Wegweiser und Stafettenführer auf das Rathaus zu schicken, was auch geschah. Etwa eine Stunde später lockte ein aus tausend Kehlen kommender nicht unschöner Gesang sämtliche Bewohner der Gemeinde auf die Straße. Ein ganzes Regiment bärtiger Kosaken, auf kleinen Pferden reitend, passierte singend die Straße ihnen folgten Infanterie, Artillerie,Trainsoldaten, solche Durchmärsche währten Montag, Dienstag, Mittwoch ununterbrochen, auch österreichisches Militär marschierte mitunter. Ein Regiment Militärgrenzer mit roten Mänteln, machte am Wege zwischen der Stadtmauer und dem christlichen Friedhofe Rast, während dieser Zeit wurden nicht wenigen von ihnen Stockstreiche appliziert. Mittwoch, am Vorabende der Schlacht, passierten die kaiserlich russischen Garden die Stadt, es waren zumeist junge Leute vom hohem Adel, in blausammtnen, stark golddurchwirkten Uniformen mit hohen Mützen von grauem Felle. Viele dieser Uniformen wurden von Pratzer Bauern nach der Schlacht aufgelesen, solche Mützen allein wurden später mit 40—50 fl. bezahlt. Donnerstag, am Tage der Schlacht» um 5 Uhr früh, wurden zum Stafettendienst Reb Moscheh Tintner, Reb Josef Kraup, Reb Herschl Eckstein und Reb Jochene Koritschan aufs Rathaus geschickt. Von der Ferne hörte man schon Kanonenschüsse, doch nach 7 Uhr morgens solche in der Nähe, erst einen, dann drei Kanonenschüsse, gleich darauf donnerte es ununterbrochen, daß die Fenster klirrte» und der Boden unter den Füßen zu zilteni ichien. Ter Morgen wa trübe; meinen Vater und zwei seiner älteren Brüder trieb die Neu gierde auf den Dachboden, dort machten sie im Dache Lucken, welche ihnen genügend Aussicht auf die Straße und Gasse gewährte. Hin und wieder ritten einige Reiter von und zum Schlachtfelde. Mittlerweile heiterte es und bie später historisch gewordene Sonne von Austerlitz trat aus den Wolken. Gegen 11 Uhr vormittags kamen drei russische Gardeoffiziere langsamen Schrittes nebeneinander reitend vom Schlachtfelde. Die Uniform des mittleren ist an der rechten Seite in der Rippengegend stark blutbefleckt, die beiden anderen hielten ihn jeder bei einem Arm, es passierte der erste Verwundete, ein russischer Prinz die Straße. Beim Rathause angelangt, verlangen fie einen Führer nach Zaroschitz; Reb Josef Kraup erhält den Auftrag, dieselben hinzusühren, doch bei dem Orte Nizkowitz werden die Ohnmachtsanfälle des Verwundeten mehr und heftiger, man ist gezwungen, ihn bei einem an der Straße wohnenden Tischler unterzubringen. Diesem gab man Geld, damit er den Prinzen gut pflege; in der Nacht jedoch starb der Prinz, der Tischler machte einen Sarg und begrub ihn vor seiner Wohnung. Drei Jahre später kam die Mutter des Prinzen und ließ dessen Leichnam nach Rußland überführen. Bald nach 11 Uhr taumelte ein russischer Infanterist, aus einer Kopfwunde stark blutend, in den Gassengraben, in die Nähe eines Wassertümpels — wahrscheinlich hatte er die Absicht, seine Wunde zu waschen, wankte jedoch und fiel, um fick nie wieder zu erheben. Ihm nach wie rasend, galoppierte ein Pferd mit seinem barhäuptigen, ebenfalls stark vom Kopfe blutenden Reiter zum Marktplatze; 4 oder 5 Reiter, Hohe Offiziere hielten bald nachmittag vor dem Rathause an, und verlangten einen verläßlichen deutschlprechenden Führer nach Zaroschitz. Herschl Eckstein wird ihnen als solcher zugewiesen. Allmählich füllte sich die Straße und die Gaffen mit Verwundeten; um 3 Uhr nachmittags war diese 80.000 Mann starke Armee im vollen Rückzuge, welcher eher eine Flucht war; nach 5 Uhr begann es ruhiger zu werden, man hörte mehr das Stöhnen der Verwundeten. Gegen 7 Uhr abends pochte es heftig an die Haustüre, welche von meinem Großvater geöffnet wurde; 7—8 Franzosen drangen ins Zimmer, legten ihre Rüstung ab, öffneten die Fenster, machten ein Feuer, bei welchem sie am Spieße mehreres mitgebrachte Geflügel brieten. Ein chargierter Franzose legte sich in das Bett des Großvaters, die anderen auf eine Streue, welche ihnen im Zimmer bereitet wurde, mein Vater und seine Brüder schliefen am Backofen, dle Großeltern am Dachboden. Des anderen Tages in den ersten Vormittagsstunden nahm der Franzose vom Bette, auf welchem er geschlafen hat, einen Polster, drückte rhu meinen Vater in die Hand, deutete ihn an, sich nicht zu fürchten und mit ihm zu gehen. Mein Vater folgte ihm in den Schloßhof, in jenes Dienerzimmer, in welches man durch die zweite Türe zur ebenen Erde gelangt. Dort nahm der Franzose den Polster, legte ihn auf ein Bett und trat in den Hofraum, wo französische Offiziere in verschiedenen Uniformen ins Schloß kamen und wieder hinauseilten. Mit einem Ruck strammte sich der Franzose und salutierte einen der Vorübergehenden. Dann neigte er sich zu den Knaben und sagte ihm leise: „Bonaparte Napoleon". Sofort wußte der Bube, daß der Vorübergehende, der Kaiser der Franzosen sei, welcher mit gekreuzten Händen auf dem Rücken die Aussicht zur Stadt zuschritt. Nach einigen Minuten machte er „Kehrt" und mein Vater konnte ihm ins Gesicht sehen. Napoleon trug damals, einen grauen Mantel, ein rotes Gilet, weiße Hosen und hohe Stiefeln. Aber viel mehr Interesse bekam der Knabe an einem baumlangen Mohr, welcher mit der Trompete in der Hand zum Schloßtore hinausging; hatte er doch einen solchen Menschen noch nie gesehen! Er lief ihm nach, und so oft der Mohr an den verschiedenen Gassenecken blies, blieb der Knabe stehen und schaute dem Mohren fest ins Gesicht; beim westlichen Tore angelangt, schien die Geduld des Schwarzen ein Ende genommen zu haben, er stieß sehr gewandt mit einem Fuße in den Steiß des Knaben, daß selber glücklicher Weise in eine Nische des Stadttores zu sitzen kam, sich jedoch kaum zu erheben vermochte. Doch das Stöhnen und die Hilferufe der Verwundeten machten ihm seinen Schmerz vergessen Wagen folgte auf Wagen mit verwundeten Franzosen und Russen durch dieses Stadttor, und die markerschütternden Rufe „Llon dien, mon dien“ — „aqua aqua — pomoz bratku doraz“ konnte mein Vater Zeit seines Lebens nie vergessen. Um Mittag machte sich der Knabe wieder auf die Beine und ging seiner nicht entfernt gelegenen Wohnung zu. Mittlerweile hatte man drei verwundete Russen, angeblich Juden in die Gemeinde gebracht, es wäre ihr Wunsch gewesen, unter Juden zu sein, fie wurden in die sogenannte Schloifstut (Obdach für arme durchreisende Juden) untergebracht Im Laufe des Nachmittags brachte man noch weitere zwei, alle fünf aber starben im Laufe des Samstages an ihren Wunden — Montag früh hüllte man sie in ihre Mäntel, trug sie auf Bahren, von denen ihnen Kopf und Füße hinunterhangen, und begrub

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