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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-15 · 50 (15.12.1905) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 50 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Sette 797 Stein verlangt, man möge dies protokollarisch feststellen, wie sich die christliche Bevölkerung, mit der die Juden durch Dick und Dünn gehen, anläßlich der Exzesse benehme. — Straßer teilt mit, daß der Aufforderung an den „Tagesboten" und „Korrespondenten", zu veröffentlichen, daß sie Spenden für die russischen Juden in Empfang nehmen, seitens der liberalen Redaktionen nicht entsprochen wurde. — Rosenthal regt an, man möge sich diesbezüglich mit der Stadtgemeinde in Verbindung setzen. — Schwarz spricht sich in entschiedener Weise dagegen aus. — Straßer hebt hervor, daß die jüdische Bevölkerung (Brünn hat 8400 Juden) in der Stadtgemeinde nicht vertreten sei. — Rosenthal hat von den Herren in der Stadtgemeinde erwartet, daß sie, als liberale Gemeindevertretung, in irgend einer Form zu den russischen Judenmaffakres, beziehungsweise Hilfsaktion Stellung nehmen würden. — Dr. Spitzer hält es unter der Würde des Vorstandes, mit einem diesbezüglichen Ansuchen an die Stadtgemeinde heranzutreten. Der Zusammenbruch der Antisemitenherrschaft in Dresden. Das war immer so und wird immer so sein: der Krug geht so lange zu Wasser, bis der Henkel bricht. Jeglich Ding hat sein Ende, sogar die Schreckensherrschaft und Mißwirtschaft der Dresdner Reformpartei, die auf granitenen Quadern errichtet schien für unabsehbare Zeiten und nun nach zwanzigjährigem Wirken in Unsegen zusammengestürzt ist gleich einem Kartenhause. Jedem kommt sein Tag, auch Herrn Oswald Zimmermann; es gibt unersaßbare Mächte, denen das Schmähwort „Verjudung" aus dem Waffenschatz der Gasse und der Gosse so wenig tut wie dem Monde die Mißfallenskundgebung einer gekränkten Hundeseele. Die Dresdner Reformer haben zwei Jahrzehnte lang die schöne Hauptstadt an der Elbe beherrscht. Daß die rückschrittlichsten und rückständigsten Antisemiten sich mit Vorliebe in die Toga des fortschrittlich gerichteten Resormmenschen hüllen, das kann nicht auffallen: die Maskerade hilft eben auch mit wirtschaften, und in Sachsen sagt man im Volke: „Alle Vorteile gelten." Die Dresdner Antisemiten oder „Reformer" haben sich die Herrschaft im Rathause, den großen Einfluß in der Bevölkerung zum Teil durch die Vorspiegelung zu erringen gewußt, daß sie die rechten Besitzer und Verfechter deutscher Treue und Redlichkeit seien. Ihr volltönendes Darausloswettern wider alles, was sie zu durchsichtigem Zwecke als „undeutschen" oder „jüdischen" Schwindel bezeichneten, hat große Schichten der Bevölkerung von Dresden verwirrt; wie die Kindlein dem Rattenfänger in den Koppelberg gefolgt, so folgte die Dresdner Bürgerschaft den Judenhetzern, die einen finsteren Geist heimisch werden ließen im herrlichen Elbflorenz. Und nun nach zwanzig Jahren ist der Zusammenbruch gekommen, der Zusammenbruch in der Sünden voller Blüte. Es hat sich wieder einmal erwiesen, daß Tugendbolde, die öffentlich Wasser predigen, heimlich Sekt trinken. Wenn man die Dresdner Antisemiten so hörte, so mußte man zu dem Glauben kommen, daß sie, „urteutsche" Idealisten vom reinsten Wasser, die verteufelte Korruption auf allen Wegen und Stegen bekämpfen, und das, was sie tun, um des Vaterlandes, der Vaterstadt und des Volkes willen tun mit reinem Herzen und mit reiner Hand. Nach Tische liest man's anders. Jetzt, da bei den Stadtverordnetenwahlen mittels des von den Antisemiten selber geschaffenen neuen Wahlrechts sämtliche Antisemiten, die zur Wahl standen, an die frische Luft befördert worden sind und die Beseitigung des Restes der Partei im Rathause bei den nächsten Wahlen außer allem Zweifel steht, — jetzt stellt sich dieses Volksgericht, das einem Gottesgericht gleicht, als eine Quittung dar für die maßlose Cliquenwirtschaft, die von diesen abgetakelten Gentlemen getrieben worden. Ein durchaus christliches Blatt in Dresden, das keine Parteibeziehungen unterhält, bestätigt, daß dieser Cliquenwirtschaft, die auch vor persönlicher Bereicherung der Mitglieder der Gilde durch städtische Lieferungen, über die sie selbst zu befinden haben, nicht zurückschreckt, daß dieser Cliquenwirtschaft „ein vernichtendes Urteil gesprochen" worden ist. Die parteilosen „Dresdner Neueste Nachrichten" schreiben: „Fast zwanzig Jahre hat der reformerische Klüngel Dresden beherrscht. Wie ein riesiger Polyp hat er mit seinen Fangarmen unser öffentliches Leben umklammert, hat jede freie Regung, jeden Aufschwung im Handel und Gewerbe erstickt und mit seiner verhetzenden Agitation das Volk vergiftet." Das Blatt fügt hinzu: „Die Reformerclique hat abgewirtschaftet in unserer Stadt für alle Zeit." Selbst die alten „Dresdner Nachrichten", die der Aufrichtung der Herrschaft der Antisemiten in Dresden durch ihre Art der Behandlung der Juden so „wacker" vorgearbeitet, scheinen jetzt mit dem Gewitter einverstanden, das die Luft in Dresden gereinigt hat. Von ganz besonderem Interesse ist die Tatsache, daß die Handwerker, die Kleingewerbetreibenden, große Beamtengruppen, die man bisher als die festesten Stützen der Antisemitenpartei kannte, sich in hellen Haufen von den „Reformern" abgewandt haben. Ein solcher krasser Umschwung ist noch selten dagewesen; ein solches Jena hat noch selten eine Partei erlebt, die in ihrem Machtdünkel, ihrem Siegerhochmut, ihrer brutalen Unduldsamkeit keine Grenzen kannte. Alles, was in diesen Dresdner Stadtverordnetenwahlen als Mitglied der bisherigen Vormachtpartei in den Wahlbewerb eingetreten ist, wurde von den Wählern rücksichtslos sortgesäbelt; das schärfste und nachdrücklichste Gericht hat die schärfsten und nachdrücklichsten Vorkämpfer des Antisemitenklüngels ereilt. Es ist, um mit dem verbreitetsten Blatte in Dresden zu sprechen, eine völlige Umwälzung in dem politischen Leben der Hauptstadt eingetreten. Großrabbiner Zadoc Kahn. Aus Paris wird berichtet: Hier ist der Großrabbiner von Frankreich, Zadoc Kahn, 64 Jahre alt, gestorben. Er erlag einem typhösen Fieber. Zadoc Kahn war einer der größten Kanzelredner des Judentums und von modernen Ideen erfüllt. Sein Tod fällt zufällig zusammen mit der Neuordnung aller Verhältnisse der Kulte in Frankreich, denn von der Separation der Kirche vom Staat werden auch der jüdische und protestantische Kultus getroffen und nicht allein die katholische Kirche. Zadoc Kahn war also der letzte aus dem Staatsbudget bezahlte Großrabbiner von Frankreich. Es wird nunmehr von der französischen Judenschaft abhängen, in welcher Weise sie ihren religiösen Dienst, den sie nunmehr selbst bezahlen muß, organisieren will und ob sie an der Institution eines Großrabbiners festhalten wird, welcher das geistliche Oberhaupt des jüdischen Kultus gewesen ist. Zadoc Kahn hat auch als Vertreter der jüdischen Wifsenschaft eine hervorragende Stellung eingenommen. Bekannt find seine Schriften: „Die Sklaverei in Bibel und Talmud" (1867) — auch in verschiedenen Sprachen übersetzt, — „Die französische Revolution und das Judentum". Seine Reden, von denen sehr viele publiziert find, zeigen eine hohe Kunst der Beredtsamkeit und einen feinsinnigen Stilisten. In der französischen Gesellschaft nahm er eine sehr angesehene Stellung ein und genoß allgemeine Verehrung und Autorität. An der Trauerfeier, die im Tempel der Rue de la Bictoire stattfand, nahm der Marineminister Thomson teil; Ministerpräsident Rouvier ließ sich vertreten. Ferner waren anwesend der Direktor der Kultusangelegenheiten Dumay und Polizeipräfekt Lepine. Am Grabe sprachen unter anderen Baron Gustav Rothschild als Präsident des Konsistoriums, Salomon Reinach und Theodor Reinach. Die Beisetzung erfolgte auf dem Friedhofe Montparnaffe. New Jork. 100.000 hiesige Israeliten, darunter 30.000 Frauen, veranstalteten eine äußerst eindrucksvolle Protestkundgebung gegen die Indolenz der Westmächte gegenüber den russischen Judenmetzeleien. Eine Prozession mit fündig Musikbanden, amerikanischen Flaggen, Zionsbannern und Traueremblemen zog in fünfstündigem Marsche nach dem Union- Square, wo Ansprachen gehalten wurden. Es ist beabsichtigt, eine zweite Million Dollars für die russischen Märtyrer auszubringen.

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