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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-15 · 50 (15.12.1905) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 50 Dr. Mocb's HAocbenscbrM, Seite 795 Eine jüdische Volksversammlung. Im Saale des „Hotel Continental" fand Sonntag den 10. d. M. eine jüdische Volksversammlung statt. Der Saal und die Gallerien waren dermaßen überfüllt, daß einige hundert Besucher umkehren mußten. Der erste Redner war Schriftsteller Felix Salten, der unter anderem sagte : Nach Kischenew, Kiew und Odessa und nach einer Rede wie jener des Dr. Lueger bleibt den Juden nur zweierlei: Die Taufe oder der festere Zusammenschluß. Kein Volk hat gelitten wie wir, aber keines blieb so entwicklungsfähig und frisch wie wir. Und wir verlangen nichts als unser Recht. Wir appellieren nicht mehr an die Zivilisation, an das menschliche Gewissen oder an die Humanität, denn sie haben geschlafen, als es sich um die Juden handelte. Wir haben niemanden als uns selbst. Wenn man uns angreift, so wird man auch in unserer Hand die Waffefinden. (Lebhafter Beifall.) Der Bürgermeister dieser Stadt hat uns Dinge angedroht wie in Rußland. Er, der über die russischen Greuel vielleicht besser unterrichtet ist, als wir, hat von „sogenannten Judenmassakres" gesprochen. Und er hat uns zugerufen, daß er keine Gnade kennen wird. (Rufe: Wir brauchen keine Gnade!) Er soll wissen, daß er nicht nur in den Mob, den er gegen uns hetzen will, die Brandfackel geschleudert hat, sondern daß seine Worte auch bei uns gezündet haben. Wir verschmähen seine Gnade. Wir stützen uns in diesem Lande auf beschworene Gesetze, auf unser Recht, das nicht ein Haar weniger gilt, als das des Dr. Lueger und seiner Garde. Wir werden nicht Kritik üben, wir werden antworten, daß die Stunde, in der es ihm beliebt, uns zu treffen, uns bereit finden wird. Wir machen ihn verantwortlich für den Erfolg seiner Worte und wir werden ihn gleichfalls zu finden wissen. Wie bisher, geht es nicht, weiter. Dr. Margulies führte nun aus, daß eine endgiltige Lösung der Judenfrage zweierlei ins Auge fassen müsse; die Gegenwartsarbeit, die in der Sammlung und Organisation bestehe, und ein weitausblickendes Zukunftsprogramm, das die Schaffung einer völkerrechtlich gesicherten Heimstätte umfasse für jene wandernden Judenmassen, die, wie dies heute in Rußland oder in Rumänien geschehe, wirtschaftlich vernichtet oder aus dem Lande getrieben werden. Dr. S ch a l i t wies darauf hin, daß es Dr. v. Onciul, also ein Nichtjude war, der zuerst im Parlament die Schaffung einer jüdischnationalen Autonomie propagierte. Dr. Fe iw e l (Berlin) erwiderte einem sozialdemokratischen Redner, daß auch der voraussetzungslose Anschluß an die Sozialdemokratie den Juden nicht empfohlen werden könne, da auch sie den speziellen Judenleiden gegenüber ihre Grundsätze nicht betätigt habe. Der Vorsitzende Dr. S ch n i r e r verlas dann eine im Sinne der Redner gehaltene Resolution, die unter neuerlichen, stürmischen Kundgebungen gegen Dr. Lueger angenommen wurde. Wien. Dienstag den 12. d. M. fand im Ballsaale des Etablissement Ronacher eine Volksversammlung, welche von zirka 2000 Personen besucht war, statt, in welcher Doktor Nathan Birnbaum einen zweistündigen Vortrag über das Prinzip der nationalen Autonomie im Zusammenhänge mit der gegenwärtigen Wahlrechtsbewegung hielt. Die Ausführungen des Redners zielten dahin, daß die Juden nicht mehr das parasitäre Anhängsel der einen oder der anderen Nationalität sein dürfen, sondern daß sie in Oesterreich sich als eigene Nationalität mit autonomer Verwaltung ihrer kulturellen Angelegenheiten unter voller Wahrung ihrer Eigenart konstituieren müssen. An diesen Vortrag knüpfte sich eine sehr lebhafte und ziemlich erregte Debatte, an welcher sich die Herren: Lucian Brunner, Reichsratsabgeordneter Dr. S t r a u ch e r, Dr. S ch a l i t, der Sozialdemokrat Dr. Horn, der Reichsratsabgeordnete Romanczuk, R. Rappaport und Sekretär Fleischer beteiligten. Die Abgeordneten Dr. Straucher und Romanczuk, welche nicht nur für die nationale Autonomie, sondern auch für einen eigenen selbstständigen nationalen Wahlkataster eintraten und eine selbstständige Vertretung der Juden Oesterreichs in allen politischen Körperschaften forderten, fanden mit ihren Ausführungen lebhaften Beifall. Dr. Horn trat der Forderung nach einer eigenen jüdischen Wahlkurie vom Standpunkt der Sozialdemokratie energisch entgegen, stieß jedoch mit seinen Ausführungen auf lebhaften Widerspruch bei der Mehrheit der Versammlung. Dr. S ch a l i t erklärte die Schaffung einer nationalen Kurie der Juden als eine willkommene Etappe auf dem Wege zur schließlichen Realisierung der zionistischen Ziele. Sekretär Fleischer bezeichnete die Veranstaltung der gegenwärtigen Versammlung vom praktisch politischen Standpunkte als einen Fehler. Die Frage der nationalen Autonomie und deren Konsequenzen für das praktische politische Leben der Juden dürfte nicht eher in die Oeffentlichkeit hinausgetragen werden, als bis man versucht habe, alle Politischen Gruppen innerhalb der österreichischen Judenschast dieser Frage gegenüber auf eine gemeinsame Formel zu einigen. Für die Behandlung in Volksversammlungen sei die Angelegenheit angesichts ihrer ungeheuren Tragweite noch nicht spruchreif. Die Versammlung, an welche zahlreiche briefliche und telegraphische Kundgebungen aus der Provinz eingelangt waren, schloß mit der Annahme einer das Prinzip der nationalen Autonomie anerkennenden Resolution. Der Bluthund von Odessa in Abbazia. In Kreisen der Abbaziaer Kurgäste verbreitete sich wie ein Lauffeuer die Nachricht, daß der r u s s i s ch e G e n e r a l Neidhardt, der bei den Plünderungen und Ermordungen der Odeffaer Juden die Hand im Spiele hatte, in Abbazia wohne. Die hier weilenden Russen und Polen, zumeist Juden, die in Folge der Massakres geflohen, bemächtigte sich eine tiefe Erbitterung, die wohl erklärlich ist, wenn man bedenkt, welch' unheilvollen Einfluß der jetzt vom Minister Witte abgesetzte General geübt hat. Diese Erbitterung machte sich in Worten Luft, die dem General wohl den Aufenthalt in unserem schönen Abbazia verleiden dürfte. „Seht den Bluthund v o n O d e s s a", heißt es, wo immer er sich blicken läßt. Der General hörte diese Worte, runzelt die Stirn, tut aber, als hätte er nichts vernommen. Im „Hotel Quisisana", wo er Wohnung genommen, ist er von Jud wie Christ boykottiert, geächtet. Begegnet er hier weilenden Landsleuten, so geht er ihnen weit aus dem Wege, aber nie weit genug, als daß er die Worte: „Bluthund von Odessa", die man als Parole ausgegeben, nicht hören sollte. Robert Hamerling über die antisemitische Preßmente. In seiner Monatsschrift „Heimgarten" veröffentlicht Peter Rosegger in seiner lieben und schlichten Art eine Erinnerung an seinen Freund Robert Hamerling unter dem Titel: „Als ich noch so kindisch war." Die Kinderei Roseggers bestand darin, daß er vor etwa 20 Jahren noch nicht eingesehen hatte, daß die bornierte nationalistische Preßmeute eines anständigen Mannes Zorn nicht verdient. Es hatte sich damals gegen Rosegger eine Koalition gebildet, welche mit einem großen Aufwand an Druckerschwärze nachwies, daß der Dichter ein Judenknecht und Volksverräter sei. Durch unzählige dumme und boshafte Angriffe aufs höchste gereizt, schrieb Rosegger einen geharnischten Abwehrartikel nieder und eilte damit an das Krankenbett Hamerlings. Der fand das richtige Wort: „Ist es soweit mit Ihrem Gemütszustand? Damit tun Sie Ihren Gegnern zu viel Ehre an. Das haben diese Herren wohl selbst nicht erwartet, daß ihr politischer Firlefanz Sie so niederschmettern würde. Ueber einen solchen Erfolg würden sie nur triumphieren. Sehen Sie denn nicht, daß das Ganze nur aus eine Reklame für den tölpisch verfahrenen Antisemitismus hinausläuft? Sie sollen Ihre Landsleute verraten haben, sollen von Juden bestochen sein, sollen Ihre Ueberzeugung um 30 Silberlinge verkauft haben? Und das habe ich Ihnen mitgeteilt und sage es allen, die in dieser Zeit zu mir kommen. Ich war selbst auf das tiefste empört über diese Niedertracht, mit der diese tollen Streithähne gerade an Ihnen, dem Leidenden, Sensitiven, ihr Mütchen kühlen. Wenn das deutsche Kampsesweise sein soll,

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