Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-15 · 50 (15.12.1905) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021602-3021653--15018-3039761
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

9 entity mentions

Seite 791 Dr. Dlocb s Mocbenscbrltt. Nr. 50 Dasselbe gilt für die Beisitzer im Landesschulrate; deren Zahl erhöht sich nämlich durch die Teilung des Landesschulrates in zwei Sektionen, eine deutsche und eine tschechische, auf zwei. In einer jeden Sektion befindet sich nunmehr ein Vertreter des israelitischen Glaubensbekenntnisses. Der Minister für Kultus und Unterricht ist jedoch in der Antragstellung zur kaiserlichen Ernennung auf gewisse Personen beschränkt. Der Statthalter hat nämlich, soweit es möglich ist, für eine jede solche Stelle fünf geeignete Persönlichkeiten, die sich zur betreffenden Nationalität bekennen, in Antrag zu bringen, von denen die betreffende nationale Kurie des Landtages einen Ternavorschlag macht. Dieser Ternavorschlag ist für die Antragstellung beim Kaiser bindend. Nur für den Fall, als nicht die nötige Zahl von fünf für einen solchen Posten tauglichen Personen gefunden werden und der Statthalter bloß drei oder noch weniger Kandidaten nominieren könnte, hat sich die nationale Kurie des Landtages auf den Vorschlag einer Person zu beschränken, Die Funktionsdauer beträgt auch weiterhin sechs Jahre. Es sind sohin ziemlich bedeutende Veränderungen für die Judenschaft Mährens durch die neuen Gesetze hervorgerufen worden. Mögen sie keinerlei nachteilige Folgen nach sich ziehen! Korrespondenzen. Aus der Sitzung des Knltusvorstandes. Mit Rücksicht auf die Erregung, welche durch die bekannten Aeußerungen des Bürgermeisters der Stadt Wien in der gesamten Wiener Judenschaft hervorgerufen wurde, hat der Kultusvorstand heute eine außerordentliche Plenarversammlung abgehalten und in derselben einstimmig folgende Kundgebung beschlossen: „Der Bürgermeister der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien hat in einer öffentlichen Versammlung Worte gesprochen, deren Konsequenzen unabsehbar sind. Er hat es für gut befunden, die grauenhaften Vorkommnisse in Rußland indirekt zu billigen und eine Wiederholung derselben in Wien als möglich und unter Umständen als gerechtfertigt anzudrohen. Angesichts der Stellung, welche der Bürgermeister kraft seines Amtes einnimmt, des großen agitatorischen Einflusses, den er auf einen Teil der Bevölkerung ausübt, angesichts der außerordentlichen Erregung, welche gegenwärtig durch die Wahlrechtsbewegung hervorgerufen wurde, muß der vom Oberhaupte der Stadt Wien unternommene Versuch, den zwischen den Christlich-Sozialen und den Sozialdemokraten bestehenden Gegensatz durch die Identifizierung der letzteren mit den Juden in eine Judenhetze überzuleiten, auf das Entschiedenste verurteilt werden. Es ist eine notorische Tatsache, daß sich die Juden — gleichwie die Christen — zu den verschiedensten politischen Parteien bekennen, zu denen neben den konservativen, liberalen und nationalen eben auch die sozialdemokratische gehört. Mit Entrüstung muß aber die ebenso böswillige, als unsinnige Insinuation zurückgewiesen werden, als ob die österreichischen Juden, die stets zu den loyalsten und t r e u e st e n Staatsbürgern zählten, jemals ihr Vaterland bedrohen könnten. Während in der ganzen gebildeten Welt die in Rußland verübten Greuel Abscheu und Entsetzen erregten, deutsche und englische Kirchenfürsten diese Vorkommnisse auf's Schärfste gebrandmarkt haben, der Ober-Bürgermeister der deutschen Metropole sich an die Spitze eines Hilfskomitees für die Hinterbliebenen der Ermordeten stellte, findet der Bürgermeister der Stadt Wien kein Wort der leisesten Mißbilligung, droht er vielmehr der Wiener Judenschaft mit ähnlichen Ereignissen. Als Juden, als Wiener, als Menschen müssen wir gegen die ungerechtfertigte Verdächtigung der Judenschaft, gegen die beschämende und gewiß unverdiente Bloßstellung unserer Vaterstadt, gegen die der Humanität und Zivilisation hohnsprechende Haltung des Bürgermeisters der Stadt Wien laut und feierlich protestieren. Dem Kultusvorstande fehlt jede Macht, derartigem Beginnen wirksam zu begegnen. Er hält es aber für seine unabweisliche Pflicht, die Träger der Macht auf die furchtbaren Gefahren aufmerksam zu machen, die ein solches Vorgehen bei dem ungeheuren Zündstoffe, der in der Bevölkerung angesammelt ist, nicht nur für die Juden, sondern in weiterer Folge für das gesamte Vaterland, dem seine anmaßungsvollen Verteidiger die schlechtesten Dienste leisten, Hervorrufen muß. Er hält es für seine Pflicht, auf die schwere Verantwortung hinzuweisen, die daraus erwachsen würde, wenn diesen Bestrebungen nicht im Keime mit aller Entschiedenheit entgegengetreten wird und die Irreführung und Verhetzung der Bevölkerung, der Appell an die brutalsten Instinkte nicht hintangehalten werden." Wien, am 9. Dezember 1905. Israelitische Allianz zu Wien. Das Ergebnis der Spendensammlung der „Israelitischen Allianz zu Wien" für die Opfer der russischen Judenmassakres beträgt bis heute zirka 650.000 X. In diesem Betrage sind folgende Sammlungsergebnisse enthalten: Wien zirka X 500.000.—; Verband der Humanitätsvereine „Bnai B'rith" in Oesterreich durch Herrn Dr. Hammerschlag in Prag (vorläufiges Ergebnis) X 20.475'—; Prag, durch Dr. A. Rosenbacher X 46.663 98, Brünn X 19.300'—, Karlsbad K 7015 60, Bielitz K 4935'18, Smichow K 2684 50, Aussig K 2467'40, Budweis K 2400 —, Proßnitz K 2300 — Nachod K 2000—, Gablonz K 2000'—, Brüx K 1957—, Olmütz K 1873 —, BoskowitzX 1837'—,Jägerndorf X 1603 —, Jglau K 1530-40, Znaim K 1300—, Mißlitz X 1210—, Teschen K 1096.—, Pardubitz K 1064 —, Baden K 1057 67, Holleschau K 1028'—, Neubydzow X 1007'—, Mistelbach X 1001.—, Warasdin K 1000'—, Trautenau K 1000'—, Raudnitz X 1000'—, Nikolsburg K 1000'—, Komotau K 1000'—, Eger X 1000'—, Ung.-Brod X 1000'—. ,,Görz K 938'—, Kgl. Weinberge K 984.—, Hvhenelbe K 822.—, Mähr.-Schönberg K 805 70, Hohenems X 750.—, Pribram X 725 —, Krakau K 680 —, Brod a. S. X 676 50, Melnik K 611'—, Trebitsch K 600'—, Linz X 600'—, Leipnik K 600'—, Ung.-Hradisch K 600'—, Göding K 600'—, Marienbad K 534 60, Chrudim 51660, Schüttenhofen X 500'—, Patschendorf K 500 —, Leitmeritz-Theres. K 500'—-, Czernowitz X 500'—, Tachau X 486'—, Beneschau X 450'—, Neuhaus X 405'—, Steyr X 400' —, St. Pölten X 400'—, Innsbruck X 400'—, Horic X 400'—, Bisenz X 400'—, Kanitz X 373'—, Schlan X 365'—, Deutschbrvd X 365'—, Slatina X 358 93, Karolinenthal X 357 —, Zwittau X 328—, Oswiecim X 319 —, Kremsier X 312*60, Sarajewo X 311'—, Banjaluka X 310 —, Djakovar X 30130. Die Unterstützungen zur Linderung der ersten Not der Hinterbliebenen der Ermordeten in den zahlreichen heimgesuchten Gemeinden erreichten zu Lasten der vereinigten europäischen und amerikanischen Hilfsorganisationen bereits zirka 2,000.000 Kronen, wobei die Hauptausgabe für dauernde Hilfe und für die Wiederherstellung von ungezählten tausenden ruinierter Existenzen, welche viele Millionen von Rubeln erfordern wird, noch bevorsteht und bezügliche Beschlüsse voraussichtlich erst in einer internationalen Konferenz der Hilfsorganisationen nach der Rückkehr der gegenwärtig in Rußland weilenden Delegierten gefaßt werden soll. Dem Bureau der „Israelitischen Allianz" sind mehrere Zuschriften zugegangen, in welcher Familien sich in hochherziger Weise bereit erklärten, Waisenkinder nach ermordeten russischen Juden in Erziehung zu nehmen. Es kann in Bezug darauf mitgeteilt werden, daß seitens der vereinigten Organisationen der Plan erwogen wird, diejenigen Kinder, die beide Eltern verloren haben, eventuell außerhalb Rußlands verschiedenen Familien oder Waisenanstalten zur Erziehung zu übergeben. Näheres wird darüber erst nach dem Vorliegen von ausführlichen Berichten aus den betroffenen Orten bestimmt werden können.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.