Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 50 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 50 Dr. 3BlocD s Mocdens irirr Seite 791 Konto zu stellen, welche wir, so lange wir uns selbst treu bleiben, als den hervorstechenden und rettenden Zug unserer Nationalität betrachten. „Ich weiß, daß menschliches Vorurteil, insbesondere solches, welches aus Rassen- oder Religionsbedenken entsteht, grausam, hartnäckig und dauernd ist. Aber in welchem Teile der Welt das Vorurteil gegen die Juden auch bestehen möge, unter der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten hat es keinen Platz, ausgenommen, daß wir gegen Treu' und Glauben handeln, die Prinzipien der freien Regierungsform verwerfen und jedes Versprechen unserer gerühmten bürgerlichen Gleichheit vergessen. „Roger Williams, der amerikanische Pionier für Religionsfreiheit, sprach schon lauge vor dem Bestand der Vereinigten Staaten die Befürchtung aus, daß England und die anderen Nationen den Juden zu Dank verpflichtet seien, und er fügte hinzu: „Ich fordere nicht für mich allein die Freiheit, welche ich nicht freiwillig und unparteiisch jedem Gewissen in der Welt zugestehen würde." Unsere Nation wird den Juden keine alte Schuld adzutragen haben. Wir werden niemals die Erniedrigung über uns ergehen lassen müssen, mit der Schamröte der noch nicht vergessenen und auch nicht vergebenen Unduldsamkeit im Gesicht um ihre Gnade zn flehen. Die Juden der Vereittlgten Staaten sind unsere Mitbürger, ihnen liegt gerade so sehr wie uns die Prosperität und die Sicherheit des Landes am Herzen. „Mit echt amerikanischem Geiste freuen wir uns des Guten, welches durch die erste Ansiedlung der Juden in den Vereinigten Staaten dieser Nation zuteil geworden ist, in welcher uns Allen Sicherheit und Schutz beschieden ist. Ungestört durch Rcligionsverschiedenheiten, wollen wir uns an dieser Stätte unter dem Genius der Duldsamkeit und der Gleichberechtigung mehr denn je zuvor zur gemeinsamen und ergebenen Arbeit auf dem Felde der Wohlfahrt und Erhebung der gemeinsamen Nation weihen." Nachdem Herr Cleveland seinen Sitz wieder eingenommen hatte, ließ der Vorsitzende durch Herrn Marcus M. Marks den folgenden Brief des Präsidenten Noosevelt verlesen, dessen Hauptidee in den folgenden Titelworten ausgesprochen ist. „Die Israeliten sind mit der großen Masse amerikanischer Bürger unlösbar vereint." „Ich habe es mir zur Regel gemacht, keine Briefe für festliche Gelegenheiten, und mögen dieselben noch io wichtig sein, zu schreiben, aus dem einfachen Grunde, daß ich, falls ich einen Brief schreiben würde, hundert andere schreiben oder riskieren müßte, geachtete Leute zu verletzen. Bei der heutigen Gelegenheit kann ich jedoch von dieser Regel abweichen, weil die bedauerlichen und schrecklichen Leiden der jüdischen Rasse in anderen Ländern mir als Haupt des amerikanischen Volkes nicht nur die Pflicht auferlegen, meine tiefgefühlte Sympathie auszudrücken, wie ich dies hiermit tue, sondern gleichfalls bte glänzenden Bürgertugenden hervorzuheben, w.lche von jüdischen Männern, die hierher kamen und die Wohltaten der freien Einrichtungen und der Gleichberechtigung vor dem Gesetz genossen, offenbart wurden. Ich bin fest davon überzeugt» daß die Bedrückung eines Volkes sich schließlich stets an den Bedrückern rächt; es ist ein ungeschriebenes Gesetz in der geistigen Welt, daß Niemand ein Unrecht begehen kann, ohne schließlich selbst zn leiden. Die Feier des 250. Jahrestages der ersten Ansiedlung der Juden in den Vereinigten Staaten rückt eine Reihe historischer Begebenheiten von größerer als nationaler Bedeutung in den Vordergrund. Schon in unserer Kolonialzeit nahmen die Inden Anteil an dem Aufbau des Landes, erwarben Bürgerrechte und beteiligten sich an der Entwicklung des überseeischen und einheimischen Handels. Während der Revolutionszeit unterstützten sie die Freiheitskämpfer durch Heerdienst und durch substantielle Beiträge zum leeren Schatzamt der Republik. Während des Bürgerkrieges kämpften Tausende in der Armee und ihr Blut mischte sich mit der Erde, für welche sie fochten. Ich freue mich, im Stande zu sein, sagen zu können, daß die Juden in den Vereinigten Staaten, deren Zahl über eine Million beträgt, trotzdem sie ihrem Glauben und ihren Ueberlieferungen Neu geblieben sind, der großen Maffe amerikanischer Bürger unlösbar einverleibt worden sind, stets bereit, jedes Opfer für das Land zu bringen, im Kriege sowohl wie im Frieden, und daß sie für die Fortdauer guter Regierung und der in der Verfassung niedergelegten Prinzipien streben. Sie haben sich ehrenhaft ausgezeichnet durch ihren Fleiß, durch ihre Gesetzesliebe und ihre Hingabe für des Landes Wohlergehen. Mit den Mitbürgern anderer Religionsgenoffenschaften wetteifern sie, die Interessen des gemeinsamen Vaterlandes zu fördern. Dies gilt nicht nur von den Abkömmlingen der ersten Einwanderer und den auf amerikanischem Boden geborenen Juden, sondern von einer großen und beständig größer werdenden Zahl jener Einwanderer, die in den verflossenen fünfundzwanzig Jahren als Flüchtlinge, aufs Tiefste verarmt und verelendet, unser Land betraten. Dieses außergewöhnliche Beispiel der Weisheit und der Stärke unserer Regierungssorm sollte jeden Amerikaner mit Stolz erfüllen. In wenigen Jahr n haben Männer und Frauen, bisher ungewohnt der bürgerlichen Privilegien, sich zn loyalen, sich selbstachtenden amerikanischen Bürgern entwickelt, sie sind Bürger geworden, die nicht nur ihre Rechte beanspruchen, sondern auch ängstlich darauf bedacht sind, ihren vollen Pflichtanteil zur matcriellcu, sozialen und moralischen Entwicklung der Nation beizulragen." Nachdem der Beifall, welchen dieses Schreiben erweckte, sich gelegt hatte, ließ Herr Marks die Verlesung eines vom Vizepräsidenten Fairbanks telegraphisch ein gelaufenen Glückwunsches folgen, in dem dieser besonders aus die politische Gleichheit hinwies, welches dieses Land Allen gewähre. Der Verlesung des Briefes folgte das Bruch'sche „Kol Nidre“, in dem Leo Schulz als Cello-Solist mitwirkte, und darauf wurde Gouverneur Higgins der Versammlung als nächster Redner vorgestellt. Auch er erkannte die Verdienste an, welche sich die hiesigen Israeliten um das Wohl des Landes erworben hätten, indem sie die ihnen für die Gewährung der Wohltaten des amerikanischen Bürgerrechtes auferlegten moralischen Verpflichtungen mit Freude erfüllt hätten. Mit Treue und Eifer hätten sie ihrem Adoptivlande nicht nur im Finanzwesen, sondern auch im militärischen und bürgerlichen Leben, in Wissenschaft Kunst, Literatur und den Professionen gedient. Abgesehen von Grover Clevelands Ansprache errang nun Bürgermeister McClellan mit seiner Ansprache den größten Beifall des Tages, und das lag darin begründet, daß die Ansprache den Eindruck erweckte, als sei sie mehr unter der Wirkung des überwältigenden Augenblicks gehalten, als irgend eine andere. Bürgermeister McCleüan erklärt, daß wir alle Einwanderer willkommen heißen müssen. Er begann: „Wenn dee Pilgerväter, deren Ankunft ans amerikanischem Boden wir feiern, heute zurückkehren könnten, so würden sie nicht erstaunt sein über die wunderbaren Fortschritte nnd die von ihren Nachkommen errungene Stellung, sondern über das erstaunliche Anwachsen der Zahl ihrer Glaubensgenossen in den Bereinigten Staaten und insbesondere in der Stadt New-Aork. Als Bürgermeister der größten Munizipalität auf Erden, insbesondere aber als Oberhaupt der größten jüdischen Gemeinschaft, welche jemals existiert hat, ziemt es mir, daß ich heute im Namen meiner 700.000 jüdischen Mitbürger sowohl wie auch der vier Millionen Mitbürger aus allen Rassen und Glaubensgenossenschafteu herzliche Gratulationen und gute Wünsche darbringe, und die Befriedigung darüber, was Sie in der Vergangenheit vollbracht haben und zur Jetztzeit vollbringen, und die Hoffnung ausspreche, was Sie Seite an Seite mit anderen Nassen und Glaubensgenossenschaften in der Zukunft für die Vereinigten Staaten leisten werden. Es gibt Leute, welche ganz ernsthaft die Befürchtung hegen, daß die Fortdauer der enormen Einwanderung nicht englisch-sprechender Völkerschaften die Institutionell unseres Landes bedrohen würde. Ich teile nicht die Angst. Die bereinigten Staaten bedürfen zu ihrer Entwicklung noch größerer Bevöikerungsmasstn und köliiien mit Leichtigkeit noch eine halbe Billion Menschen, die richtig verteilt werden, anfnehmen und ernähren. Wir, die Mitglieder der kaukasischen Raffe, zu welchem Zweige wir auch gehören mögen, ähneln einallder sehr stark. Man verweigere einem gewöhnlichen Menschen das Recht zum Leben, das Recht zur Freiheit und zur Glückseligkeit, man verbiete ihm, seinen Gott nach seiner eigenen Fac.on anzubeten, man entziehe ihm die Möglichkeit, sich auszubilden, man bedrücke, man verfolge ihn, und man wird sich nicht wundern dürfen, wenn die Bestie in ihm zunl Vorschein kommt. Kann man ihn tadeln, wenn er bei dem ersten Genuß der Freiheit die ihm gewährte Konzession mit Vorrechten verwechselt, kann man ihn tadeln, wenn er bei dem ersten Anzeichen der ihm gewährten Freiheit sich den Lehren des ersten besten Demagogen, welcher Anarchie predigt und Utopien auf Kosten von Gesetz und Ordnung verspricht, yinreißen läßt? Hunger und Unwissenheit hüllen ihren Mantel über viele Sünden. Aber man gebe dem Manne das Recht, sein Heil nach eigenem Ermessen zu suchen, Gott nach seiner Fa>.on anzubeten, man beschütze ihn in seinen Menschenrechten, man lasse ihm eine auch nur notdürftige Erziehung zuteil werden, man gebe ihm die Möglichkeit, einen vollen Tagelohn für eine Tagesarbeit zn verdienen, und ob er aus den galrzischen Gebirgen, aus den russischen Steppen oder ans öeii Höhlen von Whitechapel stamme, man wird sich üverzeugen, daß das gute, rote Blut auch in ihm, in dem Ebenbilde Gottes, pulsiert. Jedermann, der in unser Land kommt, wie blindlings er auch nach dem Licht der Freiheit streben möge, wie unfähig er auch im Kampf zur Verbesserung seiner Lage sein möge, hat das Zeug in sich, ein guter Bürger dieses Landes zu werden, wenn wir unsere Pflicht ihm gegenüber erfüllen. Den Einwanderern gegenüber haben wir zwei Pflichten zn erfüllen. Die eine Pflicht kann nicht von der Regierung erfüllt werden, ohne daß sie sich dem Sozialismus hingibt, und für diesen ist in amerikanischen Institutionen kein Platz vorhanden. Es ist die Pflicht, die Ueberiüllung des Arbeitsmarktes zu verhindern, indem man die