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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-15 · 50 (15.12.1905) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 790 Dr Btocb’s TDQXocbenscbrtft Nr. 50 Vortrefflichkeit ihrer Anwendung vorführen: Zur Zeit Ihrer ersten Ministerpräsidentschaft wurden einige Arbeiter, weil sie zur Boykottierung christlich-sozialer Geschäftsleute aufgefordert hatten, zu recht empfindlichen Freiheitsstrafen verurteilt. Der Wiener Bürgermeister aber darf alljährlich die Aufforderung zur Boykottierung der Juden ungestraft wiederholen, und nicht nur er, sondern auch die ganze antisemitische Presse; und wenn man darob an den Staatsanwalt appelliert, so erklärt der brave Mann ganz ehrlich, daß ja „objektiv" gewiß der Tatbestand nach § 302 vorliege, daß aber „subjektiv" nichts zu machen sei. Wissen Sie, Herr Ministerpräsident, was das, aus den juristischen RoLwälsch in gutes Deutsch übersetzt, besagen will? Es besagt, daß das Gesetz zwar für Jedermann das gleiche ist, daß es aber nicht gegen Jedermann gleich angewendet wird. 8i duo faeiunt idem, non est idem! Und sehen Sie: Das ist das Charakteristische an unserem Oesterreich — wir sind nämlich so frei, es neben Herrn Lueger auch als unser Vaterland zu reklamieren — das ist das Charakteristische, daß nirgends so sehr als bei uns die Böcke zu Gärtnern, die Verleugner und Uebertreter des Gesetzes zu seinen Hütern bestellt werden! Wie könnte anderswo ein Mann, der zu Mord und Totschlag aureizt, auch nur eine Stunde länger eine Magistratur bekleiden, und wie könnte sich eine Regierung auch nur 24 Stunden am Ruder erhalten, die in einer so ernsten Sache eine so jämmerliche Antwort erteilen würde, wie Sie es getan haben! Und Sie, Herr v. Gautsch, wollen dieses Reich auf neue Grundlagen stellen, Sie wollen das allgemeine Wahlrecht durchführen? Herr Lueger war diesmal stärker als Sie, er wird auch in Zukunft der Stärkere sein! Gin Ehrentag des amerikanische« Indentnms. New-Iork, 1. Dezember 1905. Cs war eine herrliche Feier, welche das amerikanische Judentum beging. Das Publikum, welches gestern nachmittag Carnegie Hall bis auf den letzten Platz füllte, um das Andenken an jenen Tag vor 250 Jahren zu begehen, als die ersten von den Portugiesen vertriebenen israelitischen Pilger an den gastlichen Küsten Amerikas landeten, hatte ein Programm vor sich, wie es so reichhaltig nur bei sehr seltenen Veranstaltungen geboten wird. Außer einem brillanten musikalischen Programm wurden ihm Ansprachen von den leitenden Repräsentanten des Landes geboten, darunter eine Rede des Expräsidenten Clevelattb, und ferner wurde noch ein Brief des Präsidenten Roofe velt verlesen. Die Halle war zum Erdrücken voll, jede Loge war besetzt und die Gallerte war bis zur Decke vollgepfropft. Die Versammlung begann um 2 Uhr 45 Minuten, nachdem der Vorsitzende Jacob H. S ch if f mit Expräsident Cleveland und Gouverneur Hig gins, die bei ihm gespeist hatten, die Plattform betreten hatte. Auf dieser befanden sich neben anderen Ehrengästen Mayor McClellan, Isidor Straus, Rev. Dr. I. Silvermann, Rev. Dr. Rudolph Großmann, Herman Ridder, Hon. Samuel Greenbaum, Daniel Guggenheim, Prof. Jacob H. Holländer, Max I. Köhler, Hon. Edward Lauterbach, Adolph Lewisohn, Louis Marshall, Rev. Dr. H. Pereira Mendes, Hon. N. Taylors Philipps, Hon. Simon W. Rosendale, William Saloman, Jsaac N. Seligman, Right Rev. Dr. Greer, Coadjutor Bishop von New-Iork. Rabbi Dr. I. Silvermann vom Tempel Emanuel eröffnete die Feier mit einem zu Herzen gehenden Gebet und dann sang der Chor das herrliche „Der da wacht über Israel, er schläft und schlummert nicht", aus dem „Elias". Hierauf ergriff der Vorsitzende, Jacob H. Schiff, das Wort zu einer Ansprache über die Bedeutung des Festes, wobei er besonders betonte, daß die Israeliten der ganzen Welt Bewunderer der Vereinigten Staaten seien, weil sie der Menschheit den Segen der vollständigen Gleichheit gebracht hätten. Zum Schluß stellte er mit einigen schmeichelhaften Worten Expräsidenten Cleveland als ersten Redner vor. Rede des Cx-Präsidente» Grover Cleveland: „Die erste Änsiedlung der Juden in den Vereinigten Staaten war eine so wichtige Epoche in der Entwicklung unseres Landes und so deutlich ist sie verknüpft mit dem Weiterbestehen unserer Nation, daß jeder nachdenkende Amerikaner, im Lichte der heutigen Zustände, die Schicklichkeit und Nützlichkeit der Gedächtnisfeier zugestehen wird. Den jüdischen Mitbürger mahnt sie daran, daß fester Fuß gefaßt wurde für ein Heim und friedliches Obdach nach Jahrhunderte langer Heimatlosigkeit und entsetzlicher Verfolgung. Uns aber, die wir anderen Glaubens sind, erinnert die Feier an die Landung auf unserem Boden eines Bevölkerungselementes, dessen wunderbares Anwachsen und hervorragende Charaktereigenschaften zu unseren nationalen Fortschritten und Errungenschaften ungeheuer beigetragen haben. Alle Nationalitäten haben ihren Beitrag zum Volkscharakter der Vereinigten Staaten geliefert, viele davon in größeren Scharen als die Juden. Und dennoch glaube ich, daß man behaupten kann, daß wenige, wenn überhaupt irgend welche dieser Nationalitäten direkt oder indirekt einflußreicher in der Gestaltung und im Vorzeichnen der Richtschnur des heutigen Amerikanertums waren. Was unsere jüdischen Mitbürger zur materiellen Förderung der Vereinigten Staaten beigetragen haben, liegt offen auf der Hand und muß als unwiderlegbar betrachtet werden. Aber das beste und höchste Amerikanertum bedingt etwas anderes als Materialismus. Sein Geist, durch welchen es unvergänglich und sterblich werden sollte, existiert in den patriotischen Bestrebungen und in den erhabenen Ueberlieferungen. Auf diesem höheren Niveau unserer Nationalität und in der Atmosphäre veredelnder Gedanken fühlen wir die Berührung mit unserer jüdischen Verwandtschaft. Wenn die Entdeckung Amerikas das Entstehen unserer Nation und unsere Geburtsstätte prophezeite, so sollte man nicht vergessen, daß Columbus auf seiner Suche nach einer neuen Welt in hervorragender Weise durch jüdischen Beistand und Kameradschaft unterstützt wurde. Das Volk der Vereinigten Staaten, das sich mit seinen freien Institutionen — die Krone jedes Mannes Streben nach Selbstregierung — brüstet, sollte eingedenk sein der Tatsache, daß die unter uns lebenden Juden die Geschichte und Ueberlieferungen der alten jüdischen Gemeinschaft, die unserer Republik in ihrer Demokratie und grundlegenden Zielen wunderbar ähnelt, hegen und pflegen." Der Redner erwähnte sodann die Beteiligung der Juden an den Kämpfen zur Befreiung der Vereinigten Staaten von dem englischen Joch und den sich bei jeder Gelegenheit kundgebenden Patriotismus der jüdischen Mitbürger. Bei der Wahl des Präsidenten Washington habe die jüdische Gemeinde in Newport, Rhode Island, folgendes Schreiben an den General gerichtet: „Wir, die wir bisher der Bürgerrechte beraubt waren, blicken mit einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit gegen den Allmächtigen auf eine Regierung, welche von der Majestät des Volkes errichtet worden ist, auf eine Regierung, welche Unduldsamkeit nicht sanktioniert, welche Verfolgung nicht unterstützt, sondern Jedermann Gewissensfreiheit und Bürgerrechte gewährt, welche Jedermann, welcher Nationalität, Zunge und Sprache er auch angehören möge, als einen gleichberechtigten Teil unserer Negierung betrachtet. Diese unbegrenzte Föderation, die auf Menschlichkeit, gegenseitiges Vertrauen und Bürgertugendeu basiert ist, können wir nur als ein Wer! des großen Gottes betrachten, der unter den Heerscharen des Himmels und unter den Bewohnern der Erde regiert und der Alles tut, was ihm weise bedünket." Unter dem segnenden Einfluß der Duldsamkeit und der Gleichberechtigung, fuhr der Redner fort, hätten die Juden ihren Teil zum Aufbau der Nation beigetragen. In jedem Stadium der amerikanischen Unternehmungslust seien die Juden vertreten. „Sie erwerben Reichtümer, ohne sich zur Extravaganz oder Mißachtung verleiten zu lassen," sagte der Redner. „Sie nehmen sich ihrer Armen an, aber in solcher Weise, daß sie die Verarmung nicht erleichtern. Ueberall kann man die Monumente ihrer Wohltätigkeiten sehen und überall kann man die Beweise ihrer Entschlossenheit, ihre Kinder zu nützlichen und sich selbst erhaltenden Menschen zu erziehen, erblicken. Nicht von ihnen wird die gefährliche Unzufriedenheit und die heftigen Ausschreitungen gegen Frieden und Ordnung gefördert. Im sozialen Leben mögen sie sich etwas Zurückhaltung auferlegen, aber man kann nichts anderes erwarten von einem Volke, das durch endlose Verfolgungen und den Verlust der- Nationalität sich noch nicht vollständig von dem Gefühl befreit hat, in gemeinsamer religiöser Andacht das stärkste Band der sozialen Kameradschaft zu erblicken. Und dennoch stehen sie nicht hintenan in der Erfüllung ihrer Bürgerpflichten und bei der Arbeit zum gemeinsamen Wohl des Staates. „Es ist an der Zeit, daß wir ohne Einschränkung das reichliche Entgelt anerkennen, das wir für die den Inden in den Vereinigten Staaten gewährte Duldsamkeit und Gleichberechtigung erhalten haben. Und gleichzeitig, bei der Rechnungsablage, sollten wir nicht vergessen, ihnen für die von uns gewährte Duldsamkeit die Weitherzigkeit, die Gerechtigkeit und die Umsichtigkeit auf's

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