Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-12-08 · 49 (8.12.1905) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021602-3021652--15005-3039747
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 782 Dr. JBlocb’s MocvenscvrM. SJlr. 49 N!ähr -Ositrau. Vor Eintritt in die Tagesordnung der am 24. November stattgehabten Sitzung des hiesigen städtischen Gemeindeausschusses ergriff Herr Bürgermeister Doktor Fiedler das Wort zu folgender Ausführung: „Die Zeitungsnachrichten über die im benachbarten russischen Reiche in der letzten Zeit neuerdings vorgekommenen, barbarischen, jeder Zivilisation hohnsprechenden Mißhandlungen und Hinschlachtungen von Bewohnern jüdischen Glaubensbekenntnisses haben in allen Kreisen der zivilisierten Welt Abscheu und tiefste Entrüstung hervorgerufen. Ich glaube, daß auch die Gemeindevertretung von Mähr.-Oitrau angesichts diefer tiefbetrübenden Ereignisse die Gelegenheit nicht verabsäumen soll, den Ausdruck ihrer tiefsten Entrüstung sowie der aufrichtigsten Teilnahme gegenüber den betroffenen, unschuldigen Opfern und deren Angehörigen zum Ausdruck zu bringen und stelle den Antrag: der Gemeindeausschuß wolle diesem Gefühle durch Erheben von den Sitzen Ausdruck verleihen und mich ermächtigen, diese Kundgebung dem Sitzungsprotokolle einzuverleiben". Der Aufforderung des Vorsitzenden entsprechend, erhoben sich die versammelten Mitglieder der Gemeindevertretung sämtlich von ihren Sitzen. Wie verlautet,' hatte der Gemeinderat Herr Baumeister Hans Ulrich, einer Anregung des Herrn Karpel folgend, den Antrag hiezu gestellt. Bei dem einmütigen Zusammenwirken der christlichen und jüdischen Bürgerschaft unserer Stadt und bei der ersprießlichen Mittätigkeit letzterer auf allen Gebieten der öffentlichen Angelegenheiten brauchte es kaum hervorgehoben zu werden, daß es der Stadtrat für angebracht hielt, die Mißbilligung über an Juden begangene bestialische Greueltaten auszusprechen und sein Beileid dem Judentume zu bekunden. Berlin. Die Protestversammlung gegen die russischen Judenmetzeleien, die 27. v. M., abends, nach der Brauerei zu Friedrichshain einberufen worden war, wies einen so starken Andrang auf, daß schon lange vor Beginn der Versammlung der Riesensaal mit seinen Gallerten dicht besetzt war und die Polizei den Eingang sperren mußte. Rechtsanwalt Dr. Horwitz wies in seiner Eröffnungsansprache darauf hin, daß furchtbarer blutiger Ernst die Veranlassung zu dieser Versammlung bilde. Grausamkeiten, wie sie selbst in den als barbarisch bezeichneten früheren Jahrhunderten nicht aufzufinden seien, habe man an den russischen Juden begangen. Es gelte, die Taschen zu öffnen und den russischen Glaubensgenossen beizuspringen, da noch nicht abzuschen sei, ob die zivilisierten Staaten Europas sich, wie es vielleicht ihre Pflicht sei, Herbeilaffen würden, zu Gunsten der verfolgten Juden bei der russischen Regierung vorstellig zu werden. — Hierauf schilderte Rabbiner Dr. Eschelbach er die Greuel, denen die russischen Juden in den letzten Wochen ausgesetzt waren, und wandte sich dabei gegen jene Preßstimmen, die die Juden für die revolutionäre Bewegung in Rußland verantwortlich machen wollen. Justizrat Dr. Fuchs hob hervor, daß die russischen Juden als Opfer der Revolution gefallen sind: Sie sind hingeschlachtet worden als falsches Zeichen dafür, daß das rohe Volk die von der Intelligenz geforderte Freiheit nicht wolle. Die Semstwo-Versammlung hat ehrlich Protest gegen die Vergewaltigung der Juden eingelegt. Der Redner bespricht ungeheuerliche Artikel einiger antisemitischer Berliner Blätter und erregt damit die Entrüstung der Versammlung. Wenn der zarische Thron so wenig fest gefügt sei, daß ihn einige Juden hätten Umstürzen können, so hat er keine Existenzberechtigung. Er muß untergeheu und wenn dort alle Juden totgeschlagen werden. Auch diesem Redner wurde reicher Beifall zuteil. Dr. Klee weist ebenfalls auf die Schrecken der Massakres hin, auf den Ausspruch Chamberlains, daß sie eine Schande der Zivilisation seien. Mit Genugtuung aber zeigt er auf die Einigkeit, die sich bei dieser Gelegenheit unter allen Juden der ganzen Welt offenbart. Wenn diese Einigkeit bleibt, so sind die Märtyrer in Rußland nicht umsonst gestorben, so bitter wir auch ihren Tod beklagen. (Nicht endenwollender Beifall.) Herr Pfarrer Wangemann (ein Pfarrer aus der evangelischen Diaspora) bemerkt, daß die ruffischen Greuel ein Schandfleck auf dem Schild der christlichen Kirche sind. Es ist eine Ehre für den deutschen Protestantismus, daß seine Geistlichkeit sich von der schmachvollen antisemitischen Bewegung fernhält. „Ich bekenne offen, daß, wenn ich als Jude geboren wäre, mich die heutige christliche Kirche nicht zum Proselyten machen könnte." Stets sind es die reichen Juden, die bei barmherzigen Werken dem bittenden Pfarrer die Hand füllen. Redner fordert auf, die Waisen aufzunehmen, und findet Worte, wie man sie aus dem Munde eines christlichen Geistlichen nicht allzu oft zu hören bekommt. Außerordentlicher Beifall lohnt den Redner. Dr. Hirsch Hildesh e i m e r zieht einen Vergleich zwischen den Morden zur Zeit der Kreuzzüge und den jetzt in Rußland erlebten. Er kommt auf die antisemitischen Tagesblätter zurück und bezeichnet es als die Stimme des bösen Gewissens, das jetzt in den unkultivierten Ländern die Frucht aufgehen sieht, die sie bei uns gesät hat. Aber, wenn selbst die vielen Juden sich an der Revolution beteiligt hätten, was erstreben sie denn? Keine Sonderprivilegien, nur das, was wir in Deutschland ja längst haben: Gleiches Recht wie jeder andere Staatsbürger. Aber ihr größtes Verbrechen war, daß sie sich herausgenommen haben, sich und ihre Angehörigen gegen Angriffe zu verteidigen. Diese Tatsache jedoch ist ein Ehrenzeugnis für unsere russischen Brüder; nicht nur ihre Ehre haben sie verteidigt, sondern damit auch unsere eigene. Mit markvollen, warmen Worten fordert Dr. Hildesheimer zu Spenden auf. Auch diesem Redner lohnte reicher Beifall. Die Versammlung nahm darauf einstimmig folgende Resolution an: Die am 28. November stattgebabte, von 400 Vertretern aller Schichten der Juden Berlins besuchte Versammlung gibt ihrem Mitgefühl und ihrer Trauer über die grauenhaften Heimsuchungen, von denen die hartgeprüften Glaubensgenossen in Rußland abermals betroffen worden sind, tiefempfundenen Ausdruck. Voll Abscheu über die Vernichtung von Leben und Eigentum vieler Tausender erhebt die Versammlung gegen die aller Menschlichkeit und Gesittung Hohn sprechenden Greuel und ihre ungehinderte Duldung lauten Widerspruch und ruft das öffentliche Gewissen auf, durch einmütige Verurteilung jener Grausamkeiten ihre drohende Wiederkehr zu hindern. Indem die Versammlung den überall sich betätigenden Wetteifer, das unermeßliche Elend zu lindern, verzeichnet, spricht sie die zuversichtliche Erwartung aus, daß jeder ohne Unterschied des Glaubens aus Eigenem opferwillig spenden und in den ihm zugänglichen Kreisen gleich werktätiges Erbarmen wachrufen wird. Um 11*4 Uhr schloß der Vorsitzende Dr. Horwitz die stattliche Versammlung. Ars. Zur selben Zeit hat auch in Breslau eine imposante interkonfeffionelle Protestversammlung stattgesunden, die, einberufen von der Zionistischen Vereinigung, in dem total überfüllten großen Börsensaal einen erhebenden Verlauf nahm. Die flammenden Protestreden des Universitätsprofessors Cornill (evangelischer Theologe), des Rabbiners Rosenthal, des Arztes Dr. Sandter-Breslau, und vor ollem des Redakteurs Dr. Julius Moses aus Berlin fanden einhelligen stürmischen Beifall. Jassy. Auch die rumänischen Juden bezeugen ihre Solidarität mit ihren unglücklichen Brüdern in Rußland. Auf dem Gemeindekongreß in Fokschani sprach unser Rabbiner Herr Dr. Niemirower über die russisch-jüdischen Makkabäer und Märtyrer, und regte die rumänischen Juden zu Geldsammlungen für dieselben an. Die Vertreter der Alliance in Bukarest und die Führer der Zionisten in Galatz erließen Aufrufe zugunsten der russischen Opfer. Die Notabeln Schnürer und Selber leiteten hier eine Sammlung ein. Sonntag findet eine Massenversammlung in der großen Synagoge statt, in der die Herren Ehrw. Niemirower, Lippe und Burstin Gedenkreden halten werden. London. In der am 23. v. M. stattgefundenen Sitzung des Board of Deputies of the British Jews wurde folgende von dem Vorsitzenden, Herrn D. L. Alexander, beantragte Resolution einstimmig votiert: „Die Unterzeichnete, erwählte Vertretungs-Körperschaft der britischen Juden erläßt einen starken und feierlichen Protest gegen die herzzerreißenden Metzeleien und Frevel, welche an den Juden in Rußland verübt worden sind, und in den Herzen aller Engländer ohne Unterschied der Geburt oder der Partei ein Gefühl des Abscheus und der Entrüstung wachgerufen haben. Der Vorstand wendet sich mit Vertrauen an alle Schichten der englischen Bevölkerung, sich im Interesse der Zivilisation, der Menschlichkeit und Gerechtigkeit auf das Entschiedenste dagegen auszusprechen. Der Vorstand drückt auch den unglücklichen Opfern und Leidenden sein tiefes, von Herzen empfundenes Mitgefühl aus. Der Vorstand erkennt mit herzlichem Danke die raschen und wohltuenden Bemühungen der Regierung Sr. Majestät, die Einstellung dieser Scheußlichkeiten herbeizuführen, an, und hofft, daß die Minister Sr Majestät nicht Nachlassen werden,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.